PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungBodo RamelowEine Instrumentalisierung des HolocaustVeröffentlicht am 04.08.2025Lesedauer: 3 MinutenBodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen BundestagsQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELTWarum greift Bodo Ramelow in der „Zeit“ den Zentralrat der Juden an – und scheut nicht davor zurück, den Holocaust für seine Zwecke einzusetzen? Bemerkenswert ist hier eine alte Freundschaft des Politikers.Bodo Ramelow gehört wie Petra Pau zu den vernünftigeren Leuten in der Linkspartei. Beide sind bekannt für ihren Einsatz gegen den Antisemitismus, auch gegen den israelbezogenen Antisemitismus in der eigenen Partei. Umso mehr verwundert das Interview, das der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen und derzeitige Vizepräsident des Deutschen Bundestags kürzlich der „Zeit“ gegeben hat, in dem er den Zentralrat der Juden angreift: „Er hatte schon immer Schwierigkeiten, die Traditionslinie des deutschen Reformjudentums als eigenständig anzuerkennen. Trotzdem darf er Strömungen nicht vereinnahmen oder verdrängen.“Lesen Sie auchAnscheinend ist dem nichtjüdischen Politiker Ramelow der „Jüdische Liberal-Egalitäre Verband“ (JLEV) unbekannt, der sich unter dem Dachverband des Zentralrats gegründet hat und inzwischen elf Gemeinden vertritt. Dem ebenfalls unter Federführung des Zentralrats gegründete Regina-Jonas-Seminar in Potsdam, an dem liberale Rabbiner ausgebildet werden, unterstellte Ramelow auf X, den Begriff liberales Judentum „nur okkupiert“ zu haben. Dass die gewählte Vorsitzende der liberalen Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Elisa Klapheck, am Regina-Jonas-Seminar unterrichtet, scheint Ramelow entgangen zu sein.Was steht dahinter? Ramelow ärgert sich, dass das Bundesinnenministerium das „Abraham-Geiger-Kolleg“ in Potsdam nicht mehr subventionieren will, an dem ebenfalls liberale Rabbiner ausgebildet werden. Das Kolleg ist als gGmbH organisiert, bis vor einigen Jahren gehörte die Mehrheit der Anteile einem Freund Ramelows: Walter Homolka, der auch Direktor des Kollegs war. Nachdem in den Medien und in einem Untersuchungsbericht der Universität Potsdam von „Machtmissbrauch“ durch Homolka die Rede war – Vorwürfe, die Homolka zurückweist und Ramelow „infam“ nennt –, trat Homolka zurück. Seine Anteile verkaufte er an die Jüdische Gemeinde zu Berlin: keine liberale, sondern eine Einheitsgemeinde. Und zwar, wie der Sprecher der Gemeinde erklärte, weil Homolka sein Lebenswerk nicht dem Zentralrat überlassen wolle.Das mag man emotional nachvollziehen. Aber das hat auch die staatlichen Geldgeber aufgeschreckt. Es kann nicht sein, dass eine religiöse Ausbildungsstätte wie eine Privatfirma organisiert wird, die aus welchen Gründen auch immer von Besitzer zu Besitzer hin- und hergeschoben wird. Darum steht das neue Regina-Jonas-Seminar unter dem Dach einer Stiftung, die deren Unabhängigkeit garantieren soll.Lesen Sie auchRamelow hat jedes Recht, seinen Freund – von dem er als Ministerpräsident die „Geiger-Plakette“ erhielt – zu verteidigen; zu fordern, dass das Geiger-Kolleg – an dem seine Frau, obwohl Nichtjüdin, als Supervisorin arbeitete – weiterhin staatliche Gelder erhält. Aber er geht im „Zeit“-Interview weiter: „Und gerade bei der jüdischen Religion dürfen wir als Deutsche nicht vergessen, dass es unsere Altvorderen waren, die das vielfältige jüdische Leben in Deutschland ausgelöscht haben. Deshalb ist die Förderung des deutschen Reformjudentums eine besondere Pflicht.“Der Holocaust verpflichtet uns Deutsche zu einigem; daraus aber die Pflicht abzuleiten, sich öffentlich in einen innerjüdischen Konflikt einzumischen und dem Zentralrat der Juden üble Absichten zu unterstellen, das heißt, den Imperativ des Erinnerns zu missbrauchen. Die Freundschaft ist ein hohes Gut. Dazu mögen Freundschaftsdienste gehören. Aber mit seinem Angriff auf den Zentralrat und das Regine-Jonas-Seminar und seiner Instrumentalisierung des Holocaust hat Ramelow weder seinem Freund noch dem liberalen Judentum noch der Erinnerungskultur einen Dienst erwiesen.