PfadnavigationHomeGeschichteRichard III. von England„Tyrannisch blut'ge Tat“ – Wer die kleinen Prinzen im Tower ermordeteVeröffentlicht am 18.08.2025Lesedauer: 5 Minuten„Die Ermordung der Söhne Eduards IV.“ 1483 im Londoner Tower – von Theodor Hildebrandt 1835Quelle: picture-alliance/dpa/KatalogKurz nachdem Richard III. 1483 zum König von England proklamiert worden war, verschwanden die beiden jungen Prinzen, die in der Thronfolge vor ihm standen. Seitdem gilt er als ihr Mörder. Neue Forschungen weisen in eine andere Richtung.KKönig Richard III. von England (1452–1485) zählt zu den großen Schurken der Geschichte. Obwohl er nur zwei Jahre, von 1483 bis 1485, regierte, brachte er einige hochrangige Aristokraten um und drängte weitere ins Exil. Als sein größtes Verbrechen aber gilt die Ermordung seiner beiden Neffen, deren legitime Ansprüche auf den Thron er zuvor mit seiner Machtergreifung mit Füßen getreten hatte. Berühmt wurde die Anklage, die kein Geringerer als William Shakespeare gegen den „Buckligen“ in seinem Königsdrama „Richard III.“ (ca. 1593) ausgesprochen hat: „Tyrannisch blut‘ge Tat, / Der ärgste Gräuel jämmerlichen Mords, / Den jemals noch dies Land verschuldet hat.“Umso bemerkenswerter ist daher der Einspruch, den die britische Autorin Philippa Langley jetzt erhoben hat. Die TV-Produzentin und Hobby-Historikerin wurde 2012 international bekannt, als die Recherchen des von ihr gegründeten Projekts „Looking for Richard“ zur Entdeckung einer Leiche unter einem Parkplatz im mittelenglischen Leicester führten, die durch DNA-Analysen als sterbliche Überreste Richards III. identifiziert wurden. Der Überlieferung nach hatte der König in der Schlacht von Bosworth am 22. August 1485 gegen den Tudor-Herausforderer Heinrich (VII.) den Tod gefunden, nachdem einige Gefolgsleute die Seiten gewechselt hatten. Anschließend soll Richard in Leicester bestattet worden sein.Wie sehr die Debatte über Richards Untaten die britische Öffentlichkeit bewegt, zeigt einmal mehr ein Beitrag in der Londoner „Times“, in dem es um eine neue Studie von Philippa Langley geht. Der Vorwurf, der letzte Herrscher aus dem Hause York hätte sich auch der Kindstötung schuldig gemacht, wurde darin als eines „der größten Justizirrtümer der Geschichte“ beschrieben. Grundlage waren Recherchen des 2016 gestarteten Projekts „The Missing Princes Project“, in dem Philippa Langley Wissenschaftler und Laien dazu aufgerufen hatte, Spuren der beiden Neffen Richards zu finden. Das Ergebnis formulierte die Autorin 2023: „Niemand kann mehr mit Sicherheit behaupten, die Prinzen seien von Richard III. ermordet worden.“Der zwölf Jahre alte Eduard (V.; geb. 1470) und der drei Jahre jüngere Richard (geb. 1473) waren die Söhne von Richards (III.) ältestem Bruder Eduard IV. (reg. 1461–1470 u. 1471–1483). Nach dessen Tod war Eduard (V.) als Nachfolger designiert worden; seine Krönung hatte man bereits auf den 24. Juni festgesetzt. Als „Protector of his children“ hatte Eduard (IV.) testamentarisch seinen Bruder Richard (III.) eingesetzt. Zugleich begann im Kronrat ein heftiger Machtkampf, in dem der Verdacht aufkam, dass die beiden Söhne, die Eduard mit der Mutter der Prinzen gezeugt hatte, gar nicht legitim seien, weil der sexuell freizügige Herrscher zuvor einer anderen Dame die Ehe versprochen hatte. Die beiden Prinzen wurden im Londoner Tower festgesetzt, der damals nicht nur als Festung und Gefängnis, sondern auch als – durchaus komfortable – Residenz diente. Am 25. Juni 1483 ließ sich Richard zum König proklamieren. Anschließend zog er nach York, um die Erhebung seines eigenen Sohnes – ebenfalls mit Namen Eduard – zum Thronfolger zu vollziehen. Dafür gab er seinem Gefolgsmann James Tyrell den Auftrag, die königlichen Insignien herbeizuschaffen. „Die Prinzen standen schon vor dessen Ritt nach London nicht mehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses; erst Monate später vermerkten zeitgenössische Chronisten, dass sie seit dem Sommer nicht mehr gesehen worden waren“, fasste die deutsche Historikerin Bärbel Brodt den Stand der Wissenschaft 2009 zusammen.Lesen Sie auchAuch sie machte Zweifel an Richards Mordbefehl geltend und sah stattdessen in dem Herzog von Buckingham, dem mächtigsten Verbündeten Richards, der allerdings eigene Ziele verfolgte, den möglichen Anstifter. Die Quelle für die schlechte Presse des „abgrundtief bösen“ Königs war demnach die „Tudor-Historiographie“. Die Spur führt zu dem Humanisten Thomas Morus, der Heinrich VIII. (reg. 1509–1547) später als Lordkanzler diente. In seinem Buch „Richard III.“ (ca. 1413/18) berichtet Morus von dem Hochverratsprozess Tyrells im Jahr 1502, in dem dieser sich selbst als Anstifter der Mörder und Heinrich als seinen Auftraggeber bezichtigt habe. Allerdings entstand das Werk zu einer Zeit, in der der Autor unter dem Tudor-König Heinrich VIII. wichtige Sprossen auf der Karriereleiter nahm. „Mir war immer klar, dass sich diese Geschichte während der Herrschaft der Tudors entwickelt hat“, erklärt Philippa Langley. Dann sei sie so lange wiederholt worden, bis sie als „Wahrheit und Tatsache“ galt. Mit Shakespeare gelangte diese Version in die Weltliteratur, indem er Tyrell bekennen lässt, „zu diesem Streich ruchloser Schlachterei ... eingefleischte Schurken, blut'ge Hunde“ angestellt zu haben. Lesen Sie auchLangley argumentiert dagegen mit neu entdeckten Dokumenten, wonach der ältere Prinz Eduard 1487, also zwei Jahre nach Richards III. Schlachtentod, an einer Rebellion gegen Heinrich VII. (reg. 1485–1509) beteiligt gewesen sein soll. Die beiden Kinderskelette, die 1674 von Arbeitern in einer Kiste im Tower entdeckt wurden, hätten nichts mit den verschwundenen York-Kindern zu tun. Deren Ermordung durch Richard III. sei vom siegreichen Tudor in die Welt gesetzt worden, sagt Langley: „Heinrich VII. war ein sehr, sehr intelligenter, aber zutiefst misstrauischer und paranoider Mensch. Er hatte ein riesiges Netz von Spionen, das für ihn arbeitete. Und er war in der Lage, die Erzählung vollständig zu kontrollieren.“Michael Dobson, Professor für Shakespeare-Studien am Shakespeare Institut der Universität Birmingham, hat jedoch Zweifel: „Angesichts der Gepflogenheiten einer Herrscherdynastie wäre Richard meiner Meinung nach ein sehr großes Risiko eingegangen, wenn er diese Prinzen am Leben gelassen hätte. Die Vorstellung, dass sie einfach zufällig verschwunden sind, während sie auf seinen Befehl hin im Tower festgehalten wurden, erscheint mir sehr unwahrscheinlich.“Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.mit AFP