PfadnavigationHomeRegionalesHamburgProzess um KindesentführungEine vier Stunden lange Generalabrechnung – Christina Block holt zum Gegenschlag ausVon Denis FenglerRedakteur WELT/WELT AM SONNTAG HamburgVeröffentlicht am 28.07.2025Lesedauer: 7 MinutenChristina Block (M) und ihre Strafverteidiger Ingo Bott (l) und Otmar Kury (r) vor dem Hamburger StrafjustizgebäudeQuelle: Christian Charisius/dpaSteakhouse-Erbin Christina Block verliest am dritten Prozesstag vor dem Landgericht Hamburg eine vierstündige Erklärung. Angeklagt ist sie wegen Kindesentführung. Eine Beteiligung streitet sie weiter ab.Am Ende brandet im Zuschauerraum Applaus auf, ein paar ältere Prozessbeobachter stehen sogar auf. Vier lange Stunden, die drei Pausen schon abgezogen, hat Christina Block bis zu diesem Zeitpunkt gesprochen, ihre mehrere Dutzend Seiten starke Erklärung verlesen. Es wurde eine Generalabrechnung – mit ihrem Ex-Mann Stephan Hensel, mit der Hamburger Justiz, mit den Medien, mit ihrem Schicksal.Doch die Vorsitzende Richterin Isabell Hildebrandt unterdrückt derlei Gefühlsaufwallungen sofort. Und sie lässt auch sonst keinen Zweifel daran, dass diese in Teilen höchst emotionale, anklagende Einlassung Blocks zwar deren uneingeschränktes Recht ist, mehr aber auch nicht. Am Ende wird Hildebrandt das Urteil sprechen. Und dazwischen liegen noch mehr als 30 Prozesstage. Und ob Block mit ihrer Mammutrede der von ihr betonten Unschuld Gewicht verleihen konnte, bleibt abzuwarten.Lesen Sie auchDass Block überhaupt eine Erklärung abgab, das war gar nicht so klar gewesen. Einige Prozessbeobachter spekulierten zuvor, der Prozess könnte erneut oder endgültig ausgesetzt werden, zwei Prozesstage waren schon gestrichen worden. Doch wieder war es Hildebrandt, die einen entsprechenden Antrag der Verteidigung von Block und den anderen Angeklagten, darunter auch Ex-Sportmoderator Gerhard Delling, über den Haufen wischte, also ablehnte. Vor Gericht sitzt Block, Tochter des Gründers der Steakhaus-Kette Block House, Eugen Block, weil sie laut Staatsanwaltschaft die Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder in Auftrag gegeben haben soll. Am Silvestermorgen 2024 waren der damals zehnjährige Theodor und die 13-jährige Clara von mehreren Männern gewaltsam ihrem in Dänemark lebenden Vater Stephan Hensel entrissen und nach Deutschland gebracht worden. Die Anklage lautet auf Kindesentführung. Insgesamt gibt es in diesem Verfahren sieben Beschuldigte.Block kommt an diesem dritten Prozesstag mit einem Foto ihrer Kinder in jenen besonders gesicherten Gerichtssaal im Strafjustizgebäude des Landgerichts Hamburg, in dem sonst über Helfer der Organisierten Kriminalität oder Islamisten gerichtet wird. Der Saal eignet sich besonders, die Masse an Journalisten und Interessierten zu kanalisieren. Es sei ein Bild aus glücklichen Tagen, aufgenommen wenige Monate, bevor ihr die Kinder entzogen worden seien, erklärt die 52-Jährige. Es ist nicht der einzige Moment in diesem langen Prozesstag, an dem Block die Stimme versagt. Mehrfach kämpft sie mit Tränen.Lesen Sie auchWer auf eine spektakuläre Wende im Prozessgeschehen gehofft hatte, wurde schnell enttäuscht. „Ich habe die Entführung an Silvester nicht in Auftrag gegeben“, sagt Christina Block und bekräftigt damit jene Verteidigungslinie, die ihre Strafverteidiger schon vor Prozessbeginn ausgegeben hatten. Sie habe auch von der Entführung nichts gewusst, sagt sie. Und sie halte sie auch für eine Katastrophe, die, sinngemäß, nur noch mehr zerstört habe. Bis sie an diesem Freitag allerdings auf die entscheidenden Szenen in der Silvesternacht kommen wird, werden mehrere Stunden vergehen. Denn Block nutzt ihre Erklärung für den ganz großen Bogen. Der sei notwendig, begründet sie, damit sich das Gericht, das ein Urteil über sie fallen soll, sich sein ganz eigenes Bild von ihr als Mutter und als Mensch machen könne, frei von den Vorverurteilungen, die in den Medien bereits passiert seien. Der Prozess sei insgesamt eine große Belastung für sie, betont sie, die Situation surreal, den Gang über die Gerichtsflure habe sie als Spießrutenlauf empfunden. Schlimme Zurufe habe sie erhalten. In den Medien habe sie bittere Prügel einstecken müssen.Blocks großer Bogen beginnt damit, wie sie ihren späteren Ehemann Stephan Hensel kennenlernte und sich von ihm scheiden ließ. Mit Hensel, der als Nebenkläger auftritt, hat Block eben jene beiden und noch zwei weitere Kinder. Hensel hatte die beiden jüngsten Kinder, um deren Entführung es aktuell geht, 2021 nach einem Besuchswochenende bei sich in Dänemark behalten – bis heute. Für Block ist das der entscheidende Punkt in der tragischen Familiengeschichte. Hensel wird sich dafür wohl in einem eigenen Prozess verantworten müssen. Anklage ist längst erhoben.Lesen Sie auchAm Donnerstag wirkt es, als stehe nicht Block, sondern schon Hensel vor Gericht. Block holt zum Gegenangriff aus und lässt kein gutes Haar an Hensel. Es wäre nicht übertrieben, zu behaupten, dass sie ihn zu demütigen versucht. Auch wenn sie gleichzeitig betont, dass sie sich in der Zukunft einen vernünftigen Umgang mit Hensel wünscht. Wohl nur eine Phrase in der insgesamt überaus wortreichen Erklärung, die das eine oder andere Mal etwas zu choreografiert wirkt: Am Ende des Prozesstages dürften beide Parteien nur noch weiter auseinander liegen.In der Beschreibung des innerfamiliären Verhältnisses des erst glücklichen, dann getrennten, dann geschiedenen Paares geht Block in kleinste Einzelheiten und an Grenzen, etwa wenn sie von den Regelschmerzen ihrer großen Tochter berichtet. Sie beschreibt sich als liebevolle Mutter, die trotz Ehemann alleinerziehend wirkt. Nach der Trennung sowieso. „Ich bin ihre Mutter, ich liebe sie“, sagt sie. Sie sei die Hauptbezugsperson gewesen. „Wir waren eine glückliche Familie“, sagt sie. „Was soll das denn?“Hensel wird als unfähig und geldgierig dargestellt, als jemand, der als Rache für die in der Beziehung erlittenen Demütigungen durch die Block-Familie, wie er sie wahrgenommen haben soll, die beiden jüngsten Kinder bei sich behielt. Es geht so weit, dass Hensels Anwalt irgendwann ein empörtes „Was soll das denn?“ in den Gerichtssaal ruft. Richterin Hildebrandt kann nur mit Mühe einen Schlagabtausch zwischen den Strafverteidigern beider Seiten unterbinden. Lesen Sie auchBlocks Einlassung an diesem Prozesstag dürfte mehreren Motiven folgen: Zum einen, die Deutungshoheit über die aktuelle Familiensituation wiederzuerlangen. Zum anderen, die Entführung, auch wenn sie selbst damit nichts zu tun gehabt haben will, strafrechtlich zu entwerten, schließlich seien die Kinder aus einer beim Vater gefährlichen Situation geholt worden. Ein Vater, der die Kinder von ihrer Mutter zu entfremden versucht habe. Und schließlich sieht sie sich selbst als eine in dieser Situation völlig überforderten Mutter, die überspitzt gesagt, nicht zurechnungsfähig war und dennoch alles nur Mögliche getan hätte, damit es ihren Kindern gut gehe.Blocks Erklärung berührt die langjährige juristische Auseinandersetzung, mit Hensel, mit der dänischen Justiz. Block beschreibt, wie sie immer verzweifelter geworden sei, weil Hensel jeden Kontakt zu ihren Kindern abgeblockte. Wie sie Detekteien beauftragte, die sie mit Informationen zu ihren Kindern versorgen sollten. Sie habe wissen wollen, ob es den Kindern gut gehe. Wie sie die Begegnung mit ihren Kindern suchte. Wie sie auch versucht habe, die Kinder aus Dänemark freiwillig mit nach Hamburg zu nehmen. „Natürlich habe ich mich damit beschäftigt, irgendwie an meine Kinder heranzukommen“, sagt sie. Alle möglichen Leute seien mit irgendwelchen Angeboten auf sie zugekommen. Sie habe sich wie ein Selbstbedienungsladen gefühlt. Alle hätten nur an ihrer Verzweiflung verdienen wollen. Manchmal ist nicht klar, zu wem Block spricht, zur Richterbank oder zum Publikum und den Medienvertretern, von denen sie sich falsch dargestellt fühlt.Steckt Freundin hinter Entführung?Block beschreibt, wie eine israelische Sicherheitsfirma engagiert worden sei, um die IT-Sicherheit des familieneigenen Hotels Grand Elysée Hamburg zu testen. Wie sie sich mit einer Mitarbeiterin angefreundet habe. Die Frau, die sich in einem gesonderten Verfahren verantworten muss, ist für Block der entscheidende Schlüssel zur Entführung: Sie und andere Mitarbeiter der Firma sollen auf eigene Faust gehandelt habe, vielleicht aus Sympathie zu Block. Aber ohne, dass sie davon gewusst habe. Die Frau sei es auch gewesen, die sie dann am Silvestermorgen nach Baden-Württemberg zu ihren entführten Kindern geführt habe.Den Vorwurf, dass Blocks 2023 verstorbene Mutter Christa hinter der Entführung stehen könnte, schwächte Christina Block am Freitag ab. Sie habe ihre Mutter nie beschuldigt. Sie wisse es auch nicht. Sie habe nur festgestellt, dass ihre Mutter vor ihrem Tod 120.000 Euro in bar abgehoben hatte. Ihre Mutter sei am „Kummer“ gestorben, den ihr Ex-Mann zu verantworten habe, als er der Familie die Kinder entrissen habe, von denen sie nicht wisse, wann sie sie wiedersehen werde. Stephan Hensel spricht sie an diesem Tag mehrfach direkt an. „Du Stephan hast gewonnen“, sagt sie, „wir sind gedemütigt und blamiert worden.“Das Gericht geht jetzt erstmal in die Sommerpause. Der nächste Verhandlungstermin ist am 15. August.