PfadnavigationHomePanoramaNeonazi-Aussteiger„Es wurde mir beigebracht zu sagen: Juden gehören nicht zu uns, das sind für uns keine Menschen“Von Johannes Schmitz, Till HennigesVeröffentlicht am 26.06.2025Lesedauer: 6 MinutenMichael Schmidt und das Tattoo auf seinem BeinQuelle: Fredrik von Erichsen/BILDIm Projekt „Radikal Viral – Die Hetze im Kinderzimmer“ zeigt die Axel Springer Academy, wie Extremisten verschiedener Couleur Social Media nutzen, um Kinder und Jugendliche zu radikalisieren. Ex-Neonazi Michael Schmidt war eines von vielen Gesichtern dieser digitalen Gefahr.Michael Schmidt (Name von der Redaktion geändert) wohnte im Nazi-Kiez in Dortmund-Dorstfeld. Der Kampfsportler wurde 2018 über Instagram von Neonazis kontaktiert und für den „Kampf der Nibelungen“ rekrutiert. Dabei handelt es sich um das größte rechtsextreme Kampfsportevent Europas. Drei Jahre lang war der 26-Jährige im Kern der Dortmunder Neonazi-Szene. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Ermittler eine Pistole ohne Seriennummer in seiner Wohnung. Danach stieg er aus der Szene aus. Ein Symbol seiner Vergangenheit trägt er bis heute: ein Hakenkreuz-Tattoo auf seinem Oberschenkel. Zum ersten Mal spricht Michael Schmidt öffentlich über seinen Ausstieg. Bei unserem Besuch erzählt er, wie er über Kampfsport und Instagram zum Neonazi wurde.Lesen Sie auchAm 22. Januar 2025 parkt Michael Schmidt mit dem Auto in seiner Einfahrt ein. Im Radio läuft ein Bericht über ein Tattoostudio, das verfassungsfeindliche Symbole übersticht. Im „On the rocks“ in Siegen wird Menschen einmal im Monat kostenlos geholfen, ihre Vergangenheit zu überstechen. Michael Schmidt bleibt sitzen, lässt das Radio laufen und hört zu. Auf seinem linken Oberschenkel ist ein Hakenkreuz tätowiert. Der 26-Jährige war ein Neonazi – 2020 stieg er aus der Szene aus. Im Alter von acht Jahren zog er mit seinen Eltern von Frankfurt nach Dortmund. Der Hooliganszene seines Heimatvereins Eintracht Frankfurt blieb er als Jugendlicher verbunden. Mit 15 Jahren begann er mit dem Kampfsport, mit Mixed Martial Arts (MMA). Man sieht ihm an, dass der Kampfsport sein Leben dominierte. Später lebte er im Nazi-Kiez in Dortmund-Dorstfeld. Ein ganzer Häuserzug, von Rechtsextremen bewohnt. Jetzt lebt der gelernte Dachdecker mit seiner Freundin und seiner Hündin in einem Einfamilienhaus auf dem Land in Nordrhein-Westfalen. Dort hat er Ruhe gefunden, er will die Vergangenheit hinter sich lassen.Rückblick in die rechte VergangenheitMit kurz geschorenen Haaren sitzt er auf einer Bank hinter seinem Haus, neben ihm eine graue Buddhastatue aus dem Baumarkt. Die Duftkerze auf dem Glastisch ist aus. Auf seinem Handy zeigt er Bilder von vergangenen Tagen: Training mit rechten Szenegrößen, Wahlwerbung für die Partei „Die Rechte“, die rote Hakenkreuzflagge über seinem Bett. Alltag mit Neonazis. Ein Foto zeigt ihn neben Siegfried Borchardt, er wurde unter dem Namen „SS- Siggi“ bekannt. Über Social Media wurde Schmidt 2018 rekrutiert. Auf Instagram zeigte er sich öffentlich beim Training, posierte oberkörperfrei im Oktagon, einem achteckigen Käfig, in dem beim MMA gekämpft wird. Bald wurde er von den Organisatoren des „Kampf der Nibelungen“ angeschrieben. Die größte rechtsextreme Kampfveranstaltung Europas. Ob er sich vorstellen könne, mitzukämpfen. Im November besuchte er die erste Neonazi- Kundgebung in der Dortmunder Nordstadt, „ab dem Tag war es dann ein schleichender Prozess, ich bin nach und nach reingerutscht“, erzählt er. Kampfsport spielte zu der Zeit eine wichtige Rolle in der Szene. Zur Vernetzung und Rekrutierung. Schon bei der ersten Kundgebung eskalierte das Aufeinandertreffen mit der Antifa. Von da an drehte sich sein Alltag um Gewalt. Jeden zweiten Tag trainierte er mit den neuen Kameraden in einer Bunkeranlage: Boxen, Bodenkampf, MMA. Die folgenden drei Jahre verschrieb er seine ganze Zeit der Szene, knüpfte Kontakte überall in Deutschland. Er übernahm das radikale Weltbild: „Es wurde vermittelt, dass nur die weiße Rasse zählt, dass man niemand anderen akzeptiert. Es wurde mir beigebracht zu sagen: Juden gehören nicht zu uns, das sind für uns keine Menschen.“ Nach einem Jahr zog er in eine Wohnung im Dortmunder Nazi-Kiez, Tür an Tür mit Gleichgesinnten. Algorithmen als BrandbeschleunigerMit den neuen Kontakten änderte sich auch sein Algorithmus, passte sich seinem Umfeld an. Die Inhalte wandelten sich immer mehr, von seinem Hobby Motorsport zum Nationalsozialismus. Keine PS-starken Autos mehr, stattdessen Hassreden von Adolf Hitler und Rudolf Hess. Um die Dortmunder Szene weiter aufzubauen, kontaktierte er selbst junge Männer auf Instagram. Das Schema war einfach: deutsches Aussehen und mögliches Interesse an Kampfsport. Martialische Selbstinszenierung der Neonazis diente als Lockmittel. Immer wieder posteten sie Videos von sich beim Training: „Wir haben uns wirklich die Schädel eingeschlagen. Es gab Sparrings-Tage, da wusste ich nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Bei uns gab es nur hundert Prozent. Wir haben uns einfach auf die Fresse gehauen. Wie oft ich mir das Jochbein angebrochen hatte, das war mir egal.“ Die Videos auf Instagram zeigten sie teils mit blutüberströmten Gesichtern. Die Strategie wirkte, vor allem auf Jugendliche: „Wir haben Leute ins Boot geholt, bei denen ich dachte: Was willst du hier? Bist du überhaupt schon volljährig?“ Lesen Sie auchEines Tages klingelte dann sein Telefon und er wurde vor die Wahl gestellt. Wer dazugehört, wird tätowiert. „Es ist ein Muss. Entweder nur ein Hakenkreuz oder das Dortmunder Stadtwappen und ein Hakenkreuz.“ Er entschied sich für das Hakenkreuz. Am selben Abend fand der Termin in einem Dortmunder Tattoostudio statt. Kostenlos, Kameraden müssen nicht bezahlen. Der Bruch mit der SzeneDen Ausstieg hat er im Jahr 2020 geschafft, ohne Aussteiger-Programm, mit Hilfe seiner Familie und seiner Freundin. Bei der dritten Hausdurchsuchung fanden die Beamten eine Pistole und zwei Magazine in seinem Schlafzimmer. Die Seriennummer war rausgefeilt. Warum Schmidt die Waffe bei sich versteckt hatte, kann er sich nicht mehr erklären. Drinnen durchsuchte das Mobile Einsatzkommando der Polizei seine Wohnung, draußen lag Michael Schmidt mit dem Gesicht auf dem Asphalt, ein Knie im Nacken. Ab diesem Moment war ihm klar, dass er etwas ändern muss. Er brach die Kontakte ab, blockierte die Nummern. Seine Familie reagierte unterschiedlich: Die einen erstaunt, dass er die Wende doch noch schaffte, die anderen feierten. In einem Ordner auf dem Dachboden hat Schmidt die Strafverfahren gegen ihn gesammelt. Es sind so viele, dass er den Überblick verloren hat. Verstoß gegen das Waffengesetz, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Volksverhetzung, gefährliche Körperverletzung. Seine Profile auf Sozialen Medien löschte er und erstellte neue. Neues Leben, neuer Algorithmus. Der Neuanfang – mit sichtbaren NarbenAls seine ehemaligen Kameraden ihn auf Instagram für vogelfrei erklärten, ihn als Verräter bezeichneten, macht er sich keine Gedanken. Heute sagt er: „Wir sprechen uns in ein paar Jahren, wenn ihr irgendwann selbst aussteigen wollt.“ Am angrenzenden Feld vor seinem Haus geht er mit seiner schwarz- weißen Australian-Shepherd-Hündin spazieren. Er grüßt jeden, der vorbeikommt, alle kennen hier seine Geschichte. Seine Zugehörigkeit in der Neonazi-Szene bezeichnet er als die größte Zeitverschwendung seines Lebens. Die meisten, die sich heute in den sozialen Medien als Rechtsradikale inszenieren, sagt er, wüssten nicht, was Nationalsozialismus überhaupt bedeute: „Die haben ein verblendetes Weltbild.“ Schmidt selbst verbringt die neu gewonnene Zeit mit Motorsport und in seinem Garten. Wenn er mit kurzer Hose auf seiner Hollywoodschaukel sitzt, blitzt auf der Innenseite seines linken Oberschenkels das Hakenkreuz hervor. Das dick gestochene, schwarze Tattoo erinnert an ein Branding – den Beweis seiner Vergangenheit. Noch am Abend, als er von dem Studio „On the Rocks“ im Radio hörte, schrieb er der Inhaberin über Instagram und schickte Bilder seines Tattoos. Er bekam schnell einen Termin. Als dieser sich kurzfristig verschob, musste er seinen Besuch am 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring absagen. Er zögerte keine Sekunde, das Tattoo soll verschwinden: „Es sieht halt einfach scheiße aus.“Dieser Artikel ist Teil von „Radikal Viral - die Hetze im Kinderzimmer“, ein Projekt von Volontären der „Axel Springer Academy of Journalism and Technology“. Radikal Viral zeigt, wie Rechte Hetzer, linke Hardliner und islamistische Prediger soziale Netzwerke nutzen und dort Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene für ihre Sache instrumentalisieren.