Glas, Porzellan, Marmor – und Beton: die „Josephine“ Vasen-Kollection von Kris Van Assche x SeraxQuelle: Serax 2025Kris Van Assche zählt zu den bedeutenden Modedesignern, doch er entwirft nicht nur Kleidung, sondern auch Vasen. Ein Gespräch über die Schönheit von Kontrasten und die Lieblingsblumen seiner GroßmutterMimosen, Hortensien, Nelken – und Tulpen, immer wieder Tulpen: Kris Van Assche liebt Blumen. Auf seinem Instagram-Account postet der belgische Modedesigner, der als Kreativdirektor von Dior Homme elf Jahre lang einen der wichtigsten Jobs in der Herrenmode innehatte, regelmäßig Fotos von sich und seinem floralen Wochenendeinkauf. Diese Leidenschaft für Blumen hat jetzt dazu geführt, dass er eine Vasenkollektion aus Glas, Porzellan, Marmor und Beton für das belgische Label Serax entworfen hat – „Josephine“ heißt sie, eine Hommage an seine Großmutter.In schwarzem T-Shirt, mit Pilotenbrille und kurzen Haaren sitzt Kris Van Assche vor dem Bildschirm in seiner Pariser Wohnung, im Hintergrund ein weißer Kamin. Blumen sind keine zu sehen.WELT: Sie haben öfter erwähnt, dass Sie, wären Sie nicht Modedesigner geworden, den Beruf des Floristen ergriffen hätten. Was fasziniert Sie an Blumen?Kris Van Assche: Mode und Blumen haben etwas gemeinsam: Sie sind nicht lebensnotwendig, aber sie machen das alltägliche Leben schöner. Als Kind stand ich meiner Großmutter sehr nahe. Als ich fünf, sechs, sieben Jahre alt war, sah ich ihr zu, wie sie ihre eigenen Kleider nähte. Sie weckte in mir das Interesse für Mode, und sie war es auch, die mir beibrachte, wie wichtig es ist, den Tisch schön zu decken. Man kann sich entweder etwas anziehen, um nicht zu frieren, man kann essen, um seinen Hunger zu stillen, oder man macht aus beidem einen ästhetischen Moment.WELT: Hat Ihre Faszination auch damit zu tun, wie Blumen ihre Form und Farbe verändern, wenn sie erst auf- und dann verblühen?Van Assche: Das ist es, was ich so an Tulpen liebe. Meine Lieblingsblumen. Wenn man Tulpen kauft, wird man immer darauf hingewiesen, dass man sie nur in ganz wenig Wasser stellen soll, weil sie sonst wie verrückt in alle Richtungen wachsen. Ich hingegen gebe ihnen also immer sehr viel Wasser, damit sie ein Eigenleben entwickeln. Mein Instagram-Account ist voll mit Blumenbildern. Das ist eine totale Obsession von mir.WELT: Sie waren schon mal für einen Tag Florist: Für ein Dinner der chinesischen Ausgabe des „W Magazine“ im Januar 2024 kreierten Sie Blumenarrangements.Van Assche: Das war eine logische Entwicklung aus meinen Modeschauen. Ich habe bei einigen mit Blumen gearbeitet: Bei Dior hatten wir mal ein Feld aus Rosen, bei Berluti in der Opéra Garnier spektakuläre Bouquets. Als das Magazin anfragte, ob ich die Tischdekoration für das Dinner entwerfen könnte, war das eine großartige Gelegenheit für mich. Solche Abendessen in China dauern nur knapp zwei Stunden und ich dachte mir, was für eine Verschwendung das sei. So kam ich auf die Idee, die Blumen in Boxen zu arrangieren, die jeder Gast nach dem Essen mit nach Hause nehmen kann. Als der Abend vorüber war, waren zwei Drittel der Dekoration verschwunden. Ein sehr gutes Ergebnis.WELT: Sie sagten, dass Tulpen Ihre Lieblingsblumen seien. Sie haben sogar ein Tulpen-Tattoo.Van Assche (hält seinen Arm in die Kamera): Ja, hier. Ein Bild von Robert Mapplethorpe. Und auf dem anderen Arm habe ich zwei Orchideen. Das waren die Lieblingsblumen meiner Mutter.WELT: Was bedeuten Ihnen die Fotografien von Robert Mapplethorpe?Van Assche: In meiner Arbeit beziehe ich mich oft auf die Schönheit der Alten Welt. Auch für Mapplethorpe stand dieses klassische Ideal von Schönheit im Fokus. Aber er gab sich nicht damit zufrieden, sondern erzeugte in seinen Bildern immer eine gewisse Spannung und einen Aspekt von Modernität. Blumen spielen in seinem Werk eine große Rolle. Manchmal hat er sie sehr traditionell fotografiert, platzierte die Vase symmetrisch in der Mitte des Bildes, aber dann stand darin nur eine einzige Tulpe, die sich zur Seite neigte und so Bewegung in das Bild brachte. Das hat mich bei meinen Entwürfen für die Kollektion inspiriert. Von meinem ersten Gehalt bei Dior habe ich mir eine Fotografie von Robert Mapplethorpe gekauft.WELT: Ein Blumenbild?Van Assche: Nein, das Bild heißt „White Gauze“. Es zeigt zwei Silhouetten, die in weiße Gaze eingewickelt sind.Lesen Sie auchWELT: Sind Ihre Vasen eher für einzelne Stiele oder ganze Bouquets gedacht?Van Assche: Es geht darum, verschiedene Optionen anzubieten. Ich ziehe immer Parallelen zur Mode, weil das 25 Jahre lang mein Leben war. Wenn man eine Jacke oder ein Paar Turnschuhe entwirft, stellt man sich immer verschiedene Situationen vor, in denen das Kleidungsstück getragen werden kann. Mit den Vasen ist es das Gleiche.WELT: Ich nehme an, Sie besitzen eine umfangreiche Vasensammlung.Van Assche: Überraschenderweise habe ich gar nicht so viele schöne Vasen. Einige habe ich von meiner Großmutter geerbt. Aber die Kollektion ist tatsächlich so was wie die Erfüllung meiner persönlichen Wunschliste. Ich kaufe seit 30 Jahren regelmäßig Blumen. Nach einer Woche sind die meisten welk, aber es gibt stets diese eine, die zum Wegwerfen noch zu schön ist. Diese Blüte endete dann üblicherweise in einer Bierflasche. So entstand etwa die Idee, eine elegante, mundgeblasene Bierflasche zu entwerfen, in der ein einzelner Stiel ein paar Tage weiterleben kann.WELT: Teil der Kollektion ist auch die Beton-Replik eines Erbstückes, dann wiederum gibt es Glas, Porzellan und versilbertes Porzellan, außerdem Marmor. Welche Idee hält die Kollektion zusammen?Van Assche: Mein Ursprungskonzept waren Vasen aus verschiedenen Materialien, jeweils kombiniert mit einer Blume aus demselben Material. An einem Punkt des Entwicklungsprozesses musste ich akzeptieren, dass meine Idee der Marmor-Blume nicht funktionieren würde. Es wurde dann eine Blume aus mundgeblasenem Glas – und was kann es Schöneres geben? Porzellan, mundgeblasenes Glas, Marmor: Diese traditionellen Materialien sind eng mit dem Konzept der Schönheit der Alten Welt verbunden. Und dazu wollte ich einen Kontrast finden. In meiner Arbeit geht es immer um Kontraste. Ich mag perfekt geschneiderte Anzüge, aber ich versehe sie immer mit einem Twist, denn Anzüge gibt es schließlich genug. So kam Beton ins Spiel, um das Ganze zu kontrastieren. Die Idee mit der Marmor-Blume hat mich allerdings nicht losgelassen. Ich dachte an meine Kindheit zurück. Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, kaufte ich meiner Mutter von meinem Taschengeld eine Orchideenblüte, die in einem kleinen Karton verpackt war und in einem Plastikröhrchen mit Wasser steckte. Die lange Phiole aus metallisiertem Glas ist eine Referenz an diese billigen Röhrchen. Ich mag den Kontrast mit Beton und Marmor. So hat sich das Zusammenspiel von Form und Material über ein Jahr hin entwickelt. Manches ist großartig, bei manchem musst du akzeptieren, dass es nicht umsetzbar ist – und das wiederum bringt dich auf neue Ideen.Lesen Sie auchWELT: Die Bonbonniere ist eine Art Chimäre zwischen Vase und Geschirr. Soll man sie mit Blüten befüllen oder doch eher mit Pralinen?Van Assche: Die Bonbonniere ist das wohl altmodischste Objekt, das ich je entworfen habe. Es steht für Stil und Eleganz, nichts verkörpert die Idee der Schönheit der Alten Welt so sehr wie sie. Ich habe ihr in Beton ein ganz neues Leben gegeben. Sie ist eines der Stücke, die ich von meiner Großmutter geerbt habe. Und das ist für mich eine Art, sie zu ehren. Es ist nicht an mir zu entscheiden, ob die Menschen sie mit Pralinen oder etwas anderem befüllen. Man muss loslassen. Man kann sich seine Kunden und wie sie mit deinen Entwürfen umgehen, nicht aussuchen. Aber ich fände es großartig, wenn wer immer meine Vasen kauft, zu Hause ein Bild macht, es auf Instagram postet und mit meinem Namen tagt. So kann ich verfolgen, wie meine Ideen dort weiterleben. Das wäre für mich die ultimative Belohnung.WELT: Welchen Einfluss hatte Ihre Großmutter Josephine auf Sie?Van Assche: Meine Großmutter verkörperte wie niemand sonst die Schönheit der Alten Welt: Sie hätte niemals das Haus verlassen, ohne perfekt gekleidet zu sein, mit Hut und Handschuhen. Egal, ob Mittagessen oder Dinner, der Tisch war immer schön gedeckt. Diese Haltung war für sie eine Lebensentscheidung. Und diese Haltung hat sie mir nahe gebracht, als ich noch ein Kind war. Ich erinnere mich an diese großen Familien-Dinner mit üppigem Blumenschmuck, Kerzenständern, dem ganzen Programm. Sie ließ mich die Blumen arrangieren. Sie forderte und förderte mich. Meine Großmutter half mir, meine Entwürfe zu nähen, als ich Student war. Später kam sie immer nach Paris, um meine Shows zu sehen, selbst als sie schon 90 war.WELT: Was waren die Lieblingsblumen Ihrer Großmutter?Van Assche: Da hatte sie keine besonderen Vorlieben, Hauptsache üppig und farbenfroh. Meine Großmutter war keine Minimalistin. Was natürlich etwas in Widerspruch zu dieser Kollektion steht. Ich spiele gern mit Widersprüchen. Sie war stolz auf mich bei allem, was ich tat, auch wenn sie diese Vasen nicht unbedingt gekauft hätte. Aber darum geht es auch nicht, sondern darum, dass sie mir den Sinn für Ästhetik, diese geistige Haltung vermittelt hat.WELT: Und Sie selbst? Haben Sie eine Lieblingsfarbe, was Blumen angeht? Van Assche: In den vergangenen 30 Jahren habe ich viele unterschiedliche Phasen durchlaufen. Heute will ich einfach nur überrascht werden – was wirklich schwer ist. Hier in Paris gibt es einen großartigen Floristen, Castor, der sehr gut darin ist, Harmonien voller Widersprüche zu kreieren. Und Mark Colle, der belgischen Blumenkünstler, der die Arrangements für die Bilder der Vasen gemacht hat, hat diese magische Gabe, Chaos und Harmonie zu verbinden. Manchmal kaufe ich schicke Bouquets, wenn ich mir etwas gönnen möchte, aber normalerweise belohne ich mich jede Woche nach dem Lebensmitteleinkauf, den ich wirklich hasse, auf dem Markt mit drei Bündeln Blumen, die nicht wirklich zusammenpassen. Aber ich mag diesen Konflikt. Das ist etwas, das ich auch in der Mode angewandt habe. Wenn sich kontrastierende Ideen gegenüberstehen, nimmt man jede für sich besser wahr. Wenn alles zu süß und couturig ist, dann schaltet man ab. Mit Blumen ist das ähnlich. Kontraste führen dazu, dass man die Blumen anders wahrnimmt. Ansonsten sieht man nur ein Bündel Farbe.WELT: Auch Blumen durchlaufen modische Phasen. Eine Zeit lang waren Orchideen ein Sinnbild für Eleganz, dann wurden sie zu Bau- und Supermarktware, später zum Inbegriff von Sterilität. Welche ist die Blume der Stunde?Van Assche: Heute wird viel Aufwand betrieben, Dinge spontan und natürlich aussehen zu lassen. Wir kehren wieder zu Blumen zurück, die duften. Eine Eigenschaft, die bei all dem Streben nach fantastischen Blüten in Vergessenheit geraten ist. Wenn in der Welt vieles so künstlich geworden ist, brauchen wir wieder echte Werte. Heute muss alles immer laut und radikal sein, Bilder müssen einen anspringen, weil die Menschen auf ihren Telefonen so schnell weiterscrollen. Niemand spricht mehr über Schönheit, es geht immer nur noch um Lautstärke, um Extreme, um Gewalt. Ich habe mich ursprünglich mal für die Mode entschieden, weil ich Menschen gut aussehen lassen wollte – entsprechend ihrer Persönlichkeit. Und dieser Grundsatz gilt für mich heute immer noch.ZUR PERSON: Geboren 1976 in Londerzeel, Belgien, studierte Kris Van Asche Modedesign an der Kunstakademie in Antwerpen. Nach seinem Abschluss 1998 wurde er in Paris Assistent von Hedi Slimane bei Yves Saint Laurent Rive Gauche und ging mit diesem im Jahr 2000 zu Dior Homme. 2007 folgte er dort als Kreativdirektor auf Slimane. Viel beachteter Scoop: 2016 engagierte er den Rapper A$AP Rocky als Kampagnengesicht für das Traditionshaus. Von 2005 bis 2015 führte Van Assche parallel ein Label unter eigenem Namen. 2018 verließ er Dior und wurde Chefdesigner bei Berluti, wo er 2021 ausschied. Im September 2023 erschien sein Buch „Kris Van Assche 55 Collections“, eine Reise durch mehr als zwei Jahrzehnte in der Mode. Kris Van Assche lebt mit Ehemann und Katze in Paris. Auf seiner Terrasse hat er Rosen gepflanzt.