PfadnavigationHomePanoramaAmoklauf in Graz„Mobbing zeigt sich zehn Jahre danach noch als eine Gewaltform, die extrem schädigend ist“Veröffentlicht am 11.06.2025Lesedauer: 5 MinutenAusgrenzung und Schikane kann Menschen über Jahre zerstören, warnt der Pädagoge und Mobbing-Experte Wolfgang Kindler. Nach dem Amoklauf in Graz fordert er klare Konsequenzen im Umgang mit Gewalt, Social Media und Schulprävention: „Mobbing ist eine Gewaltform, die tief ins Innenleben eingreift.“Laut Medienberichten soll Mobbing beim Täter in Graz eine Rolle gespielt haben. Pädagoge und Mobbing-Experte Wolfgang Kindler erklärt die möglichen Folgen von Ausgrenzung und Schikane. Und fordert einen restriktiveren Umgang mit Social Media bei Kindern und Jugendlichen.Wolfgang Kindler ist Buchautor, ehemaliger Lehrer und Experte für Mobbing. Im Interview spricht er über den Amoklauf in Graz. Am Dienstag erschoss ein 21-jähriger ehemaliger Schüler eines Gymnasiums zehn Menschen und sich selbst. Sein Motiv ist noch nicht geklärt. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass Mobbing-Erfahrungen eine Rolle spielten.WELT: Herr Kindler, Sie waren jahrelang selbst Lehrer, sprechen seit Jahren über das Thema Mobbing. Wir hören häufig, dass das Thema Prävention, dass auch dieses Bewusstsein, dass es zu Amokläufen kommen kann an den Schulen, sowohl in Österreich als auch hier in Deutschland, nicht sonderlich ausgeprägt ist. Wie haben Sie das erlebt?Wolfgang Kindler: Es gibt in Schulen Notfallpläne, aber die unterscheiden sich sehr. Sie werden auch nicht regelmäßig abgerufen oder trainiert. Wenn ich einmal einen Notfallplan aufstelle, und der gerät in Vergessenheit und die Kollegen wissen nicht, wie man vorgeht, das reicht in der Regel nicht.WELT: Nun haben wir ja hier diesen Fall, bei dem noch nicht ganz klar ist, ob tatsächlich Mobbing dazu geführt hat, also ob das diesen 21-jährigen Täter so geschädigt hat, dass er nach Jahren, nachdem er längst aus der Schule raus war, zu dieser Tat fähig war. Aber in diese Richtung geht es jedenfalls. Was würden Sie sagen: Inwiefern kann man so etwas verhindern, vor allem auch durch gute Arbeit an den Schulen, durch gute Präventionsmaßnahmen?Kindler: Durch gute Präventionsmaßnahmen kann man erstens Mobbing sehr früh erkennen und dann auch sehr häufig beenden. Da gibt es Mängel an Schulen, das kann man so sagen. Was den Fall wahrscheinlich in die Richtung Mobbing einordnen lässt, ist: Mobbing zeigt sich zehn Jahre danach noch als eine Gewaltform, die extrem schädigend ist. Also zum Beispiel zehn Jahre nach der Schule gibt es Suizidraten, die sechs bis neunfach über dem Durchschnitt liegen. Mobbing ist eine Gewaltform, die nachhaltig und gravierend schädigt. Das wird zu wenig beachtet an Schulen. Man geht immer so auf den Moment hinaus, aber sehr interessant ist, dass Mobbing eigentlich ein Leben zerstören kann. Ich kann in diesem Fall allerdings auch nicht sagen, ob es Mobbing war. Lesen Sie auchWELT: Ja, das ist noch nicht abschließend geklärt, es wurde wohl auch nicht klar aus dem Abschiedsbrief. Die Vermutung ist naheliegend. Nun kann man ja auch sagen: In solchen Fällen des Mobbings wäre es eigentlich auch Aufgabe des Elternhauses, das abzufangen. Aber sagen Sie, sind das sozusagen so massive Eindrücke, dass die einen fürs Leben prägen?Lesen Sie auchKindler: Das sind massive Eindrücke. Jeder Mensch ist in seinem Selbstwertgefühl davon abhängig, wie die Umwelt auf ihn reagiert. Unser Selbstbild entsteht ja aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Und wenn ich die Umwelt als feindlich, als ablehnend, als übergriffig erfahre, verändere ich mich dadurch. Und zwar erheblich. Ich werde misstrauisch, selbstkritisch, verleugne auch das, was geschehen ist, fange an, selektiv wahrzunehmen. Mobbing ist eine Gewaltform, die sehr tief ins Innenleben eines Menschen eingreift.WELT: Aber bei wem liegt da die Verantwortung? Liegt die bei den Schülern? Liegt die bei den Eltern? Liegt es an den Lehrkräften, auch an den Schulen, dass immer gesagt wird: Ach na ja, die streiten sich vielleicht ein bisschen, das ist alles harmlos?Kindler: Es wird sehr häufig runterdefiniert. Also wo wirklich Mobbing da ist, wird gesagt: Ja, das ist ein Konflikt zwischen Altersgenossen. Oder Kinder streiten sich. Sie kennen ja solche Sprüche. Denn es macht viel weniger Arbeit, wenn ich Mobbing klein definiere. Es ist schwierig und sehr aufwendig, wenn ich wirklich Mobbing habe, das zu beseitigen, aber auch die Schäden, die es anrichtet. Also in der Gruppe etwa, das Misstrauen untereinander, die Ablehnung von Lehrpersonen und so weiter und so fort. Das ist ein sehr weites Feld. Und ich glaube, dass die Schulen einmal ihre Präventionsarbeit deutlich verstärken müssten. Und zwar auch, dass sie meinetwegen die Schüler stärker mit einbinden. Wie können wir zum Beispiel auch als Klasse gegen Mobbing vorgehen? Welche Möglichkeiten des Eingreifens sehen wir? Und ein Rest ist auch, dass in jedem Mobbing-Fall Lehrpersonen nicht informiert werden. Das heißt, ich müsste sehen, dass ich eine Art Vertrauensbrücke zwischen Schülern und Lehrpersonen aufbaue.Lesen Sie auchWELT: Inwiefern sollte man Social Media für Kinder und Jugendliche begrenzen? Das ist eine heiße politische Diskussion aktuell. Wie würden Sie das einschätzen?Kindler: Oh, das ist ein weites Feld, aber ich versuche es kurz zu machen. Einmal ist es so, dass der frühe Gebrauch von Social Media die Fähigkeit zur Empathie stört. Ich lerne jemanden empathisch zu verstehen, indem ich Gesichter lese, dass ich mit jemandem aktiv interagiere, mit jemandem rede. Wenn ich aber vom Handy sitze und vor dem Bildschirm sitze, dann verliere ich diese Fähigkeit oder gewinne sie erst gar nicht. Das ist eine Sache. Das Zweite ist, dass sich in Social Media natürlich sehr viele Möglichkeiten ergeben, Leute zu diskreditieren, auszuschließen, lächerlich zu machen – mit Filmen, mit Bildern. Das ist keine eigenständige Mobbing-Form, aber eine furchtbar effektive Waffe, um Mobbing durchzuführen. Und da wäre ich dafür, dass zum Beispiel eine Altersbegrenzung für Social Media wirklich durchgezogen wird und meinetwegen in Schulen Handys verboten werden.In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Sollten Sie selbst das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie anonym Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.Das Interview wurde für WELT TV geführt. In dieser schriftlichen Fassung wurde es zur besseren Lesbarkeit leicht gekürzt und redaktionell bearbeitet.ll