PfadnavigationHomeRegionalesHamburgElbtowerEin Projekt, das zum Erfolg verdammt istVeröffentlicht am 19.06.2025Lesedauer: 8 MinutenDer Elbtower

ist ein unvollendetes Geschäfts-Hochhaus im Osten der Hamburger HafenCity, geplant von David Chipperfield ArchitectsQuelle: Bertold FabriciusIn wenigen Wochen soll sich entscheiden, ob der Elbtower im Hamburger Hafen weitergebaut wird. Dabei birgt das Projekt die Chance, zu zeigen, dass die Stadt aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Drei Szenarien zeigen, wo die Fallstricke liegen.Der Vergleich hinkt natürlich allein durch die Dimension der Städte ein wenig. Aber wer sich derzeit über die Ruine des Elbtowers, mit Blick auf seinen politischen Ideengeber, den damaligen Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), gern als „kurzer Olaf“ verspottet, lustig macht, sollte vielleicht mal einen Blick in die Baugeschichte New Yorks werfen. Wer weiß heute schon noch, dass das Empire State Building, eröffnet im Jahr 1931, über Jahrzehnte in Teilen leer stand? Insbesondere während der Großen Depression und in den 1940er-Jahren wurden viele Büros nicht vermietet, weshalb dem Gebäude in Midtown Manhattan lange der Spitzname „Empty State Building“ nachhing. Von einem Flop konnte dennoch nicht die Rede sein, es war am Ende die Aussichtsplattform, die mehr Einnahmen erwirtschaftete als die Mieteinnahmen insgesamt.Lesen Sie auchNoch steht der Elbtower nicht und dennoch: Ließe sich daraus eine Erkenntnis für den aktuell auf Eis liegenden Wolkenkratzer ableiten, so würde sie lauten: Wer Großes schaffen will, braucht eine Vision und einen langen Atem. Über die Zukunft des 64 Geschosse zählenden Gebäudes mit einer Höhe von 245 Metern, ursprünglich ein Vorhaben der Signa Prime Selection AG des österreichischen Pleite-Bauunternehmers René Benko, wird derzeit gerungen. Noch vor der parlamentarischen Sommerpause, also bis 23. Juli, will die Stadt entscheiden, ob das Naturkundemuseum der Leibniz-Gemeinschaft in das sogenannte Sockelgeschoss einzieht. Oder ob sie die Flächen kauft. Und somit dem Hamburger Investor Dieter Becken, der exklusiv mit dem zuständigen Insolvenzverwalter verhandelt, als Sicherheit dient. Er will das Gebäude erwerben und fertig bauen.Die Frist für diese Gespräche wurde Ende April verlängert. Stutzig machte, dass damals auf eine konkrete Zeitangabe verzichtet wurde, eine umständlich klingende Formulierung deutete ein „bis auf Weiteres“ an. Klingt so eine Gnadenfrist? Eher deuten die Zeichen darauf hin, dass für die Verhandelnden das Ergebnis entscheidender ist als der Faktor Zeit. Doch welche Alternativen gäbe es? Und welche Rolle spielen Meldungen über ein Absacken des Gebäudes, das sich angeblich auf die S-Bahn-Anlage auswirke? Drei Szenarien zeigen, wie es weitergehen könnte.Lesen Sie auchSzenario 1: AbreißenSkelettartig liegt der Baustellenstumpf nahe den Elbbrücken da. Findet sich kein Käufer, wäre ein Abriss notwendig. Zum einen für den Fall, dass das Material Schaden genommen hat, aber auch, falls dieser Schritt für die Stadt notwendig wird, um wieder handlungsfähig zu sein. Hierzu müsste die Stadt das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, zunächst zurückkaufen. Das könnte sie problemlos, da sie sich ein Wiederkaufsrecht gesichert hat. Ein Abriss wäre ein teures – zahlreiche Extra-Kosten liegen im Besonderen im Fundament begraben – und ein ärgerliches Unterfangen, da die Kosten die Stadt tragen müsste. Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum dieses Szenario ein rotes Tuch für die Stadt sein dürfte. Sie müsste einen neuen Stadtplanungsprozess in Kauf nehmen, der zwischen zehn und 20 Jahren dauern könnte. Und noch dazu neben dem vielleicht sogar internationalen Imageschaden die Lücke aushalten, die inmitten des Quartiers klafft, das eine Scharnierfunktion hat für die umliegenden Areale, besonders für den sich im Werden befindenden Grasbrook. Zumal auch dann nicht klar wäre, ob das Geplante am Ende glückt. Auch wenn sich die Baubranche weiter stabilisiert, bleibt die Gemengelage doch dieselbe. An den Auflagen, die die Bürgerschaft für Investoren auch für diese Bebauung vorgeben wird, käme kein Investor vorbei. Bislang galten für das Vorhaben Vorvermietungsverträge für 30 Prozent der Büroflächen sowie für das Hotel, als Voraussetzung dafür, dass mit dem Bau begonnen werden konnte. Der Bau wurde zwar nicht erfolgreich zu Ende geführt, jedoch erfüllte die Signa diese Bedingungen zum Baustart. Deshalb gelten sie nicht mehr für den Käufer des Elbtowers. Woran die Stadt allerdings festhält, ist die geplante öffentliche Aussichtsplattform.Lesen Sie auchSzenario 2: Anders weiterbauenEs klingt nach einer naiven Utopie, zeigt aber, was möglich wäre, wenn die Stadt umdenken würde. Der Hamburger Architekt Carsten Roth ließ seine Master-Studenten an der TU Braunschweig in einer Semesterarbeit eine Zukunft für den Torso an den Elbbrücken entwerfen. Seine Idee: Auf dem Sockelbau baut ein Investor mit einem neuen Konzept weiter. Die Entwürfe von Roths Studenten weiten den Blickwinkel. „Mir ging es angesichts der aktuell so verengten Perspektive um das Gedankenspiel“, sagt der Architekt. Ein 170 Meter hohes Gebäude, ein Zentrum für Klimaforschung mit einem Stadtgarten, der eine elegante grüne Fuge bildet, sieht ein Student hier. Ein anderer denkt ein maritimes Ausbildungs- und Interventionszentrum neu und stapelt versetzt liegende Geschossblöcke auf der jetzigen Ruine. Natürlich hat das Ganze viel von „Wünsch dir was“. Und dennoch: „Es zeigt, dass ein sich Lösen vom Ursprungsentwurf am Ende vielleicht viel spannender sein könnte als das, was man eigentlich hier vorhat. Das Ganze abzureißen, wäre jedenfalls idiotisch“, sagt Roth.Den Sockel nutzen, um darauf etwas völlig anderes zu bauen – wäre diese Variante theoretisch möglich? Die Urheberschaft für das Gebäude liegt bei David Chipperfield Architects. Es gelte als ausgeschlossen, dass sein Büro derartigen Plänen zustimmen würde, sagen Branchenkenner. Rechtsanwalt Alexander Baden schließt das dennoch nicht kategorisch aus. Er vertrat Meinhard von Gerkan im Urheberrechtsstreit zwischen ihm als Architekten des Berliner Hauptbahnhofs und der Deutschen Bahn. Und erzielte einen Vergleich. „Eine Umnutzung des bestehenden Sockels wäre eine Verhandlungsfrage. Denkbar wäre sie allerdings nur in einem Fall: Wenn im Endergebnis die Handschrift von David Chipperfield nicht mehr zu erkennen wäre.“Szenario 3: FertigbauenFragt man Insider, so sind sich alle einig: Was die exponierte Lage und das Umfeld angeht, birgt der Elbtower weiterhin ein riesiges Potenzial. Kurzfristig eine Wirtschaftlichkeit herzustellen, sei aber sehr schwierig. Daran trägt die Stadt eine Mitverantwortung. Sie sah für diesen Stadteingang, festgelegt in gleich zwei städtischen Masterplänen, seit jeher eine starke Akzentuierung vor. Der Elbtower soll ein Gebäude werden, das den Fernsehturm wie eine niedliche Antenne wirken lässt. Es war also der Wille der Stadt, hier massiv in die Höhe zu gehen. Die 122 Millionen Euro, die die Stadt für das Grundstück aufrief, gab diesen Höhepunkt indirekt vor. Jetzt zu sagen, das Vorhaben sei eine privatwirtschaftliche Angelegenheit, ist zwar juristisch korrekt, aber vernachlässigt die Rolle der Politik. Wie geht die Stadt nun mit dieser Verantwortung um? Sie werde sich nicht am Risiko und den Kosten einer Fertigstellung des Elbtowers beteiligen, betont Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) auch jüngst wieder in seiner Regierungserklärung. Die Überlegung, das Naturkundemuseum hier anzusiedeln, birgt mehrere Vorteile. Die lange im Raum stehende Standort-Frage wäre endlich geklärt, man würde einen gut an den ÖPNV angeschlossenen Publikumsmagneten schaffen, die direkte Elbe mit ihrer einzigartigen Natur vor der Tür würde inhaltlich gut passen zu dem Bildungsort. Und: Die Hamburger könnten sich durch einen neuen Publikumsliebling in dem Gebäude, das bis dato für gescheiterten Größenwahn steht, versöhnen. Wer kritisiert, dass die Stadt als Mieter von überteuerten Flächen des Museums indirekt als Retter einspringe, müsste darlegen, dass die Alternative tatsächlich günstiger ausfiele, wenn die Stadt selbst bauen würde. Lesen Sie auchUm sich aber auch noch von dem Vorwurf zu befreien, sich in die Abhängigkeit einer hohen Miete zu begeben, prüft sie die Überlegung, allein die Sockelgeschoss-Flächen des Elbtowers zu kaufen. Der Vorteil: Sie wäre sicher vor Mieterhöhungen und würde an einer späteren Wertsteigerung, die an dieser Stelle der Stadt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, mitverdienen. Neben dem möglichen Ankauf werden offenbar aber auch weitere Optionen geprüft: Etwa, ob eine Nutzung des Desy-Geländes in Bahrenfeld für das Naturkundemuseum geeignet wäre, allerdings ist das nun auch Teil der neuen Olympia-Planung. In die Debatte wurde auch schon eingebracht, ob das Holsten Areal ein möglicher Standort wäre.Ein Selbstgänger wäre ein Umzug des Museums in den Elbtower dennoch nicht. Zwar waren in den unteren Geschossen Flächen ursprünglich schon auch für öffentliche Nutzungen geplant, allerdings könnte ein Museum noch weitere Anforderungen an das Gebäude stellen. Zum Konzept des Naturkundemuseums soll ein Aquarium zählen, zudem soll das Museum über ein besonders schweres Depot verfügen. Das, so heißt es, auch zu einer günstigeren Miete anderswo untergebracht werden könnte. Fakt ist: Aufgrund der Statik wäre eine Auslagerung nicht geboten.Lesen Sie auchMeldungen über sogenannte Mitnahmesetzungen, die sich angeblich auf die Sicherheit der S-Bahn-Anlage auswirkten, erweckten zuletzt den Eindruck, der Elbtower sei ein Sicherheitsrisiko. Fakt ist: Um die Setzungserscheinungen im Blick zu haben, einigten sich bereits Deutsche Bahn und Signa Prime Selection AG auf ein Monitoring. Das meldet alle Bewegungen, auch jenes Absacken, das durch umfassende Berechnungen vor Start des Baus prognostiziert wurde. Wenn die Gutachter „Überschreitungen von Grenzwerten“ feststellt, klingt das alarmierend, allerdings liege das lediglich an der Terminologie, sagt ein Experte, der mit dem Gebäude und dessen Statik vertraut ist „Ein Alarm ist kein Alarm in dem Sinne, sondern die Meldung, dass Setzungen stattfinden. Und je nach Messwert vorab festgelegte Maßnahmen greifen können.“ Um genau zu sein, sei eher das Gegenteil der Fall. Der Elbtower weise momentan geringere Setzungserscheinungen auf, als man vor Baustart prognostiziert habe. Die Meldung über überschrittene Grenzwerte dürfte Gegnern des Vorhabens gelegen kommen, um Stimmung zu machen. Gelingt der Deal mit dem Naturkundemuseum, könnte der Elbtower doch zu Ende gebaut werden. In der Folge dürfte es für Investor Becken deutlich leichter sein, weitere Kapitalgeber für das eine Milliarde teure Vorhaben zu finden. Gut möglich, dass auch Klaus-Michael Kühne, der ursprünglich Teil des Becken-Konsortiums war, wieder an einer Beteiligung interessiert sein könnte. Am Ende wäre es nicht die Stadt, sondern mit Dieter Becken ein Hamburger, der den Elbtower und damit das Symbol des Scheiterns umkehren könnte in ein Symbol des städtebaulichen Fortschritts. Und selbst, wenn der Wolkenkratzer erst einmal, wie das Empire State Building, in Teilen leer stünde – langer Atem ist gefragt.Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg.