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Hat sich die Abiturientin im Ton vergriffen? Ja, zum Glück

Es hat sich etwas angestaut. Die Absolventin eines Gymnasiums in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern hat vor einigen Tagen in einer Abschlussrede mit ihrer Schule abgerechnet. Genauer gesagt: mit einem Teil der Lehrkräfte, mit der aus ihrer Sicht mangelnden Vorbereitung auf das Zentralabitur und demotivierender Stimmung, mit „ständigem Lehrerwechsel“. Die Rednerin bei der Abschlussfeier wird nun einen anderen Ausbildungsweg gehen als viele Absolventen der Schule, denn zusammen mit einem Drittel ihres Jahrgangs hat sie das Abitur nicht bestanden. Und weil sie diejenigen, „die unserem Jahrgang die Durchfallquote gönnen“, mit einem Kraftausdruck bedacht hat, ist das Video dieser Abrechnung als „F****-euch-Rede“ bekannt geworden.Die Devise lautet: Endlich raus hier!Hat sich die Rednerin im Ton vergriffen? Vielleicht, sie hat das in der regionalen Presse nachher auch selbst zugestanden („vermutlich zu emotional“). Doch gelten für den Abschied von der Schule besondere Lizenzen. Das rebellische „School’s out!“-Gefühl gehört zu diesem Übergangsritus einfach auch dazu, es ist ein Moment der Selbstbehauptung: „No more teachers!“, wie Alice Cooper sang. Oder: „Hurra, hurra, die Schule brennt!“, von Extrabreit. So zeigt es sich denn auch gerade wieder landauf und landab in Abi-Reden und -Streichen: Der gefühlsbeladene Rückblick auf die gemeinsame Zeit und humorvolle Dankbarkeit mischen sich mit Sabotage- oder gar Rachefantasien an der Schwelle zu einer offenen Zukunft: endlich raus hier!Gemessen daran, hat die junge Rednerin von Hagenow eine einwandfreie Leistung abgeliefert: Sie hat die Polemik gewagt, dass „einige Lehrer die Traumata ihrer Schulzeit an den Schülern auslassen, anstatt in Therapie zu gehen“, und dass manche „seit zwanzig Jahren exakt dieselben Arbeitsblätter“ verteilen. In einer geschickten Aneinanderreihung antithetischer Suggestivfragen hat sie den Unmut vieler artikuliert: Was denn hier überhaupt wichtig sei, fragte sie, etwa „das Erlangen von Selbstvertrauen und die Förderung vieler einzelner Individuen“? Oder Routine und maßregelnde Atmosphäre?Selbständig denken kann sie. Kritische Energie hat sie auchEines der Bildungsziele wurde hier also auf jeden Fall schon mal erreicht: selbständiges Denken und kritische Energie. Dafür, dass die Rednerin selbst durch die Abiprüfungen gerasselt ist, behielt sie noch erhebliche Contenance, um ihre Kritik zu formulieren. Und sie wirft damit Licht auf reale Missstände. Konkret an dem Gymnasium in Hagenow wird man jetzt überprüfen, wie ein so ungewöhnlich hoher Anteil eines Jahrgangs am Zentralabitur scheitern konnte. Der Landtag in Schwerin beschäftigt sich mit dem Fall; und wenn es vielleicht auch ganz besondere Gründe an dieser einen Schule gab (der Vorwurf „persönlicher Probleme“ von Lehrern steht im Raum, und natürlich sind Schülerinnen, Schüler und Eltern auch nie unbeteiligt, wenn sich da etwas hochgeschaukelt haben sollte): Es ist in jedem Fall gut, wenn der virale Aufreger zu politischer Aufmerksamkeit führt.Denn die Ausstattung der Bildung ist in Deutschland immer noch lieblos. Kommunen werden damit zu sehr alleingelassen, immer öfter fehlt Kontinuität beim Lehrpersonal; soziale Benachteiligung, Sprach-, Lese- und Lernmängel durch zu wenig Förderung werden gern überdeckt mit zu wohlwollender Notengebung, was sich dann am Ende bei den Prüfungen rächt. Vom Social-Media- und KI-Schock für die Bildung mal ganz zu schweigen, für den es noch keine klaren Regelungen gibt – weil Erwachsene feige, träge und verantwortungslos sind.Die Schule braucht motivierende Stimmung, keine gegenseitigen BeschuldigungenAllerdings liegt auch eine Gefahr darin, wenn jetzt alle das Wut-Video anklicken und nicken: Jaja, das Bildungssystem ist komplett im Eimer. Manche scheinen inzwischen richtig gerne von einem „Totalversagen“ der Schule zu hören, vermutlich, weil es von ihrem schlechten sozialen Gewissen und von dem Druck entlastet, ihre eigenen Kinder perfekt auf ihren Lebensweg vorzubereiten. Das ist ungerecht, denn es gibt bessere und schlechtere Schulen – und bessere und schlechtere Lehrkräfte. Und junge Gehirne werden nicht einfach von Dienstleistern mit einem Trichter befüllt, Bildung heißt auch Selbsttätigkeit.Gefährlich aber wird das pauschale Schimpfen auf das „System“ – selbst wenn die besten Absichten dahinterstehen –, weil man damit das Bild von staatlicher Dysfunktionalität bedient, das radikale Kräfte auszunutzen versuchen. Die Schule braucht eine motivierende Stimmung, keine gegenseitigen Beschuldigungen. Die AfD möchte Mecklenburg-Vorpommern nach der Landtagswahl im September zum „Bildungsland Nummer 1“ machen und die Schulen kapern – Demokratieerziehung, Humanismus und kritisches Denken sind damit nicht gemeint. In Hagenow bekam die AfD bei der Bundestagswahl 35,2 Prozent der Zweitstimmen. Also Vorsicht vor falschen Freunden.

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  1. mercoledì 15 luglio 2026·sueddeutsche.de

    Hat sich die Abiturientin im Ton vergriffen? Ja, zum Glück

    Es hat sich etwas angestaut. Die Absolventin eines Gymnasiums in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern hat vor einigen Tagen in einer Abschlussrede mit ihrer Schule abgerechnet.…