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„Sie suchen dich, geh jetzt“

Die Sonne blitzt durch die Kastanienblätter, ein Blinzeln ist zu erahnen bei dem Mann, der im karierten Hemd auf einer Bierbank sitzt. Er wirkt in diesen Momenten wie einer, der öfter auf solchen Bänken sitzt, unscheinbar fügt er sich ein ins gemütliche Treiben. Eine Szene mitten in München, unweit des Wiener Platzes, wo die Welt für den Moment glückselig wirkt, als könnten die schweren Eisentüren des Biergartens alle Gräuel dieser Zeit aussperren.Mutasem Al-Hetari sagt von sich, dass er zu jenen Glücklichen zähle, die entkamen. Er wird von Juli an wieder verstärkt seinem Beruf nachgehen können, wieder als Journalist arbeiten, wenn auch in einem neuen Genre. Zehn Jahre lang war der 32-Jährige als TV-Journalist für Al Jazeera und die BBC tätig, vor und hinter der Kamera berichtete er aus seinem Heimatland Jemen, ehe ihn die dortige Huthi-Miliz zur Flucht zwang. Nach dem Kriegsausbruch 2014 habe er in der Hauptstadt Sanaa noch Jahre im geheimen gearbeitet, ehe ihn ein befreundeter, gut informierter Journalist warnte. „Er meinte: ‚Sie verfolgen dich, sie suchen dich, geh jetzt‘.“10 Jahre „Typisch deutsch“:„Can I write for you guys?“Diese Frage stellte ein geflüchteter Journalist vor zehn Jahren der SZ-Redaktion. Nach 550 Kolumnen von sechs Autorinnen und Autoren mit Einblicken und Eindrücken aus verschiedenen Kulturen lautet die Antwort einmal mehr: unbedingt! Ein Rückblick.Es folgte eine sieben Jahre dauernde Flucht mit Stationen in Saudi Arabien, Oman, Malaisia, Belarus und Polen, ehe er in einer Aufnahmeeinrichtung bei München-Fröttmaning landete. Dem Münchner Verein Journalisten helfen Journalisten (JhJ) zufolge ist seine Fluchtgeschichte belegt, der JhJ lässt wissen, dass die Mitglieder „ihn bei seiner sprachlichen Integration unterstützt und Kontakte zu deutschen Medien geknüpft“ hätten. Und so kam es, dass Al-Hetari vergangenen Winter bei einem JhJ-Vereinsabend dem SZ-Kolumnenteam begegnete. Kurz darauf war die Zusammenarbeit beschlossen.Al-Hetaris journalistische Biografie liest sich beeindruckend. Lange Jahre arbeitete er als festangestellter Kameramann, Designer und Redakteur bei der Freedom Foundation in Sanaa und hatte feste Verträge im dortigen Büro von Al-Jazeera und im malaisischen Kuala Lumpur. Für die BBC war er freiberuflich aus Jemen, Tunesien, Malaisia und Saudi-Arabien tätig, nur dass irgendwann stets aufs Neue eine Tür zuging, „weil meine Recherchen die Regierungsaktivitäten kritisch hinterfragten“, sagt er. Eben das, was Journalisten tun, wenn sie ihre Arbeit seriös interpretieren. Doch, auch das ist ein Leitmotiv in der Karriere Al-Hetaris. Ging eine Tür zu, öffnete sich irgendwo eine neue.In Europa ist Al-Hetari inzwischen freiberuflich an großen Rechercheprojekten beteiligt, etwa im Film zur Schwarzgeldaffäre bei Bruchbuden für das BR-Magazin Kontrovers, in „Putins Geheimarmee: Soldaten Widerwillen“ für die WDR-Sendung Monitor oder beim BBC-Beitrag über einen Imker in Dachau. Seit seiner Anerkennung als Flüchtling im April 2023, sagt er, könne er „endlich frei recherchieren und publizieren“. Und doch, so Al-Hetari, habe er spezielle Einschränkungen, weil die Vergangenheit wie eine Zeitbombe vor sich hinticke.Der neue SZ-Autor meint seine frühere Heimat Jemen, potenzielle Späher der dortigen Regierung. „Man weiß nicht, wie diese Leute sich bewegen, wo sie sind und nach welchen Journalisten sie suchen“, sagt er. Zuvorderst zum Schutz seiner Frau und seines acht Jahre alten Sohns wird sein genauer Wohnort in dieser Zeitung verschwiegen, Landkreis Rosenheim, das muss für den Moment reichen. Ja, sagt er, „die Pressefreiheit wird in diesem Land gelebt und ausgelebt“. Die Sonne über den Kastanienbäumen kann aber trügerisch sein, die Demokratie fragil. Auch deswegen, sagt er, habe er eine Prämisse: „Schreiben mit Vorsicht.“

Raccontata dasueddeutsche.de

Timeline cronologica

  1. giovedì 2 luglio 2026·sueddeutsche.de

    „Sie suchen dich, geh jetzt“

    Die Sonne blitzt durch die Kastanienblätter, ein Blinzeln ist zu erahnen bei dem Mann, der im karierten Hemd auf einer Bierbank sitzt. Er wirkt in diesen Momenten wie einer, der…