Die Welt ist kein uneingeschränkt guter Ort, auf St. Pauli ist sie aber besser als irgendwo sonst. So jedenfalls dürfte das am Samstagabend die Delegation des VfL Wolfsburg empfunden haben. Vom neuen Volkssport in deutschen Zweitliga-Stadien, dem Auspfeifen des Wolfsburger Angreifers Fabian Reese, wurde vom Publikum im Hamburger Millerntor-Stadion abgesehen. Der im Sommer vom Kiezklub in die Autostadt abgewanderte Hauke Wahl wurde ebenfalls ohne Pfiffe, sondern mit Beifall und Warmherzigkeit empfangen.Und der Wolfsburger Trainer Tobias Strobl war von dieser Dienstreise derart angefasst, dass er auf der Pressekonferenz eine rührende Eloge anstimmte. „Es war eine der schönsten Atmosphären, die ich je erlebt habe“, erklärte Strobl: „Es war laut. Es war fair. Es gab keine Beleidigungen, keine Pfiffe, keine Mittelfinger.“ So habe er den Ausflug „echt genießen können“. Mal abgesehen vom Ergebnis natürlich: Wolfsburg unterlag im Duell der beiden Absteiger 0:1 und warf damit eine Frage auf, die so alt ist wie der Fußball selbst. Was wäre gewesen, wenn der FC St. Pauli in der Vorsaison wie jeder andere Profiklub vorgegangen wäre und es nochmal mit einem anderen Trainer versucht hätte?In derlei Hätte-wäre-wenn-Gedanken dürfte sich das St.-Pauli-Publikum jedenfalls beim Anblick der zweiten Halbzeit verstrickt haben, denn da traten die Hamburger mutig, aufmüpfig und geradezu furchtlos auf. Und somit ganz anders, als sie das in der Endphase der vergangenen Erstliga-Saison getan hatten. In den Archiven ist seither einer der wohl schlafwandlerischsten Abstiege der Bundesligageschichte vermerkt: St. Pauli war über Wochen genauso kraft- und mutlos aufgetreten, wie der damalige Trainer Alexander Blessin dreinschaute, unter anderem nach einer Niederlage am letzten Spieltag, im entscheidenden Duell mit dem (letztlich dennoch abgestiegenen) VfL Wolfsburg.St. Paulis Klubführung, Präsident Oke Göttlich und Sportdirektor Andreas Bornemann, hatte sich den üblichen Branchengesetzen widersetzt, nur um sich nach Saisonende doch von Blessin zu trennen. Und als Nachfolger den (zu diesem Zeitpunkt bereits verfügbaren) Marcel Rapp zu präsentieren, dessen lebensbejahende Art auf eine mitunter demoralisierte Gruppe traf. „Ich war traurig“, berichtete Siegtorschütze Joel Fujita am Samstag: Wegen der Versetzung in die Zweitklassigkeit – und wegen des damit verbundenen Leistungstiefs, das den Japaner die Nominierung für die WM in Nordamerika kostete.Beim Kiezklub war lange nicht klar, wie tiefgreifend der Umbruch nach dem Abstieg ausfallen würdeSelbstredend sollten sich die St. Paulianer nicht zu sehr mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigen, der Alltag im Unterhaus ist kompliziert und aufreibend genug. Der Erfolg gegen den Klassenfeind aus Wolfsburg war gleichbedeutend mit dem ersten Saisonsieg; zuvor waren die Kiezkicker sichtbar damit beschäftigt gewesen, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden und einen neuen, offensiveren Fußballansatz zu erlernen. Auch in dieser Hinsicht hatte Trainer Rapp keinen leichten Start: St. Pauli hatte sich (notwendigerweise) zwei Jahre lang über Defensive definiert, dazu musste ein Umbruch moderiert werden, von dem lange nicht ganz klar war, wie tiefgreifend dieser ausfallen würde.Kapitän Jackson Irvine siedelte nach Japan über, Abwehrchef Wahl schloss sich Wolfsburg an, Spielmacher Fujita spekulierte ebenso auf eine Zukunft bei einem Erstligaklub wie Defensivkollege Eric Smith. Fujita und Smith, die wohl begabtesten Spieler, blieben Coach Rapp mangels Angeboten schließlich erhalten – und sollen nun den Kern einer Elf bilden, die die Dezibelskala am Millerntor wieder dauerhaft nach oben sausen lässt. „Am meisten froh bin ich darüber, dass ich nun nicht mehr nachlesen muss, wie lange wir kein Spiel mehr gewonnen haben“, sagte Rapp. Daher ein letztes Mal noch: St. Paulis bis dahin letzter Sieg datiert aus dem Februar, ein 1:0 bei der TSG Hoffenheim.Beim Gegner vom Samstag, dem VfL Wolfsburg, ist der letzte Sieg erst zwei Wochen her – und liegt doch zu weit zurück für ein Team, das, anders als St. Pauli, als haushoher Aufstiegsfavorit in die Saison gestartet war.