Der Frust brach sich nicht erst nach Spielschluss Bahn, jedenfalls nicht bei Nadiem Amiri. Als Sheraldo Becker in der 37. Minute einen Konter lief und nur noch Jeremiaha Maluze vor sich hatte, aber beim Passversuch auf seinen links mitgelaufenen Kapitän am Bein des Innenverteidigers hängenblieb, reagierte Amiri wütend – und vollkommen unangemessen: Er riss sich die Spielführerbinde vom Arm und schleuderte sie auf den Rasen.Wäre er konsequent gewesen, hätte er diese Handlung sechs Minuten später wiederholt. Aus Ärger über sich selbst. Darüber, dass er mit einem von Becker herausgeholten schmeichelhaften Strafstoß an Noah Atubolu gescheitert war. Die Szene passte zur ersten Halbzeit in diesem Spiel des FSV Mainz 05 gegen Eintracht Frankfurt, „einer wirklich schlechten Halbzeit“ seiner Mannschaft, wie Trainer Urs Fischer nach der 1:3-Heimniederlage sagte.Weder Sportdirektor Niko Bungert noch Phillip Tietz oder Robin Zentner mochten den Fehlschuss als Grund für die Pleite nennen oder den Nachschuss, den Tietz über das Tor gejagt hatte. „Der muss rein“, räumte der Stürmer ein, „der Elfmeter auch. Aber es entspricht nicht unserer Mentalität zu sagen, dass wir wegen einer solchen Szene ein Spiel verlieren.“ Vielleicht jedoch hätte ein verwandelter Strafstoß es den Mainzern einfacher gemacht, n i c h t zu verlieren.„Dieses Momentum hätte vielleicht etwas bewirken können“Nicht nur nach Adi Hütters Einschätzung bildete der Strafstoß in Kombination mit Jonathan Burkardts kurz darauf erzieltem 2:0 den Knackpunkt der Partie. Urs Fischer schloss sich an: „Dieses Momentum hätte vielleicht etwas bewirken können.“Beide Gegentreffer vor der Pause begünstigten die Mainzer mit individuellen Fehlern. Vor dem 0:1 in der neunten Minute verlor Innenverteidiger Kacper Potulski den Ball in der Frankfurter Hälfte, sein Versuch, den Patzer auszubügeln, landete vor Burkardts Füßen, der freie Bahn hatte und Can Uzun bediente. Kurz vor der Pause ließ sich Fabio Gruber allzu leicht von Burkardt wegblocken. Allein vor Zentner ließ der ehemalige 05er dem Torwart keine Chance.„Das nervt“, sagte der Schlussmann. „Es nervt, die Frankfurter in unserem Stadion feiern zu sehen.“ Und es nervte ihn, im Eins-gegen-eins mit seinem Kumpel Burkardt den Kürzeren gezogen zu haben. „Wir hatten vorher noch Kontakt, und auf dem Platz ist es dann ein Battle, das man für sich entscheiden will.“ Das gelang an diesem Nachmittag weder ihm noch der gesamten Mannschaft, die nach dem 5:0-Höhenflug in Hamburg eine Bruchlandung erlebte.„Viele Dinge, die wir in den beiden vorherigen Spielen gut gemacht haben, waren heute nicht so gut“, sagte Niko Bungert. Das galt sowohl für die Defensive als auch für den Angriff. Den ersten Mainzer Torschuss gab Sheraldo Becker nach einer in den Rückraum gespielten Ecke ab. Dass zu diesem Zeitpunkt schon mehr als eine halbe Stunde vergangen war, sagte einiges aus über die Kräfteverhältnisse im ersten Durchgang – und über die Leistung der Rheinhessen.Mainzer beklagen negativen Flow im KopfTietz monierte zu viele Ballverluste und zu viele verlorene 50:50-Duelle. „Und die Eintracht war bei den zweiten Bällen griffiger, sie wollte es vielleicht ein bisschen mehr.“ Das habe das Selbstbewusstsein der Frankfurter zunehmend gestärkt, „sie wurden immer positiver. Und wir hatten irgendwann diesen negativen Flow im Kopf.“ Ungeachtet aller missglückten Aktionen und aller Fehler: „Das darf uns nicht passieren.“Auf die Frage, wie er sich die Fehler seiner in den vergangenen Wochen so stabilen Defensive vor den beiden ersten Gegentoren erkläre, antwortete Fischer mit einem Wort: „Menschlichkeit“ – um dann nachzulegen: „Das sind Menschen. Es wäre schön, wenn es Roboter wären, die keine Fehler machen. Aber dann hätte Sie nichts mehr zu schreiben.“Abgesehen von der Leistungssteigerung nach der Pause und der späten Ergebniskosmetik von Tietz gab es einen weiteren positiven Aspekt im Mainzer Spiel: Benedict Hollerbach gab siebeneinhalb Monate nach seinem Achillessehnenriss sein Bundesligacomeback. In der 74. Minute brachte Fischer ihn für den glücklosen Becker, und Hollerbach sorgte auf Anhieb für neue Energie. „Er hängt sich unter der Woche voll rein und bewegt sich am Limit“, lobte der Trainer. „Man sieht, dass ihm noch Spielpraxis fehlt, aber er hat wirklich Schwung ins Spiel gebracht.“Die Szene, in der Nadiem Amiri seine Kapitänsbinde auf den Rasen warf, hatte Urs Fischer übrigens nicht gesehen. „Ich schaue mir das noch mal an“, kündigte er an, „und wenn ich das Gefühl habe, etwas dazu sagen zu müssen, werde ich etwas sagen.“
Mainz 05: Mainzer Bruchlandung nach Höhenflug
Das 1:3 zu Hause gegen die Eintracht nervt die Mainzer. Kapitän Nadiem Amiri schmeißt die Binde auf den Rasen. Nach dem Spiel will sich Trainer Fischer nicht dazu äußern.







