Die ersten Minuten nach dem Ende erzählten zwei sehr gegensätzliche Geschichten. Einerseits war da Aryna Sabalenka, die 28-jährige Belarussin, die – ehe die Siegerehrung auf dem Hartplatz begann – schon eine Menge weiterer Unforced Errors vorweisen konnte: ein zerhackter Schläger. Ein trotziger Gang zur Box, wo sie sich neben ihren Verlobten Georgios Frangulis fläzte und schmollte. Ein „f... off“ zu einem Kameramann, der sie filmte. Als sie aufgerufen wurde, trottete sie ans Mikrofon. 23 000 Zuschauer standen, Prominente wie Schauspieler Brad Pitt, Sängerin Pink, Regisseur Spike Lee lauschten. Sabalenka sagte als Erstes: „Eine Rede zu halten, ist gerade das Letzte, was ich tun möchte, aber ich werde mein Bestes geben.“US Open im Tennis:Es gibt Ärger um Zverevs neue Aufschlag-MarotteAlexander Zverev hat sich etwas Seltsames angewöhnt: Vor dem Aufschlag tippt der Deutsche den Ball schier endlos auf. Halbfinal-Gegner Chatschanow kritisiert dies deutlich.Andererseits war da Jelena Rybakina. Die 27-Jährige, in Moskau geboren, seit acht Jahren für Kasachstan startend, hatte gerade den Tennisolymp erklommen, im wahrsten Sinne. Sie gewann erstmals die US Open, mit 6:4, 5:7, 6:2 gegen Sabalenka, die 99 Wochen lang die Nummer eins gewesen war. Schon mit dem Einzug Rybakinas ins Halbfinale war festgestanden: Sie würde Sabalenka an diesem Montag an der Spitze ablösen. Ihr Triumph von New York ist zudem ihr dritter bei Grand-Slam-Turnieren. Rybakina siegte 2022 in Wimbledon und im vergangenen Januar bei den Australian Open in Melbourne. Nur ein Erfolg bei den French Open fehlt ihr nun zum Karriere-Grand-Slam. Sie ist sportlich absolut in einer Liga mit Sabalenka. In diesem Jahr hat Rybakina ihre Rivalin sogar auf dem Platz überflügelt. Und doch sah es im Gegenschnitt wirklich schräg aus, wie sich die Welten der beiden an diesem Samstag unterschieden.Trränen bei der Siegerehrung: Aryna Sabalenka.Julian Finney/Getty Images via AFPSabalenka hatte illustre, herrlich herausgeputzte Bekannte in ihre Box eingeladen. Die Eisschnellläuferin Jutta Leerdam, deren Freund Jake Paul, der irgendwie mit Boxen und Social Media zu Reichtum kam. Paris Hilton, bekannt als Paris Hilton, saß rechts, einige Plätze weiter Ex-Fußballer Ronaldo. Als Rybakina zu ihrer Box ging, ging sie zu drei Personen im Trainingsanzug. Hätte sie wenig später nicht aus den Händen der früheren Tennisgröße Maria Scharapowa den Pokal erhalten, man hätte gedacht, Rybakina hätte ein Erstrundenmatch gewonnen. Sie zeigte wie immer keine auffälligen Emotionen. Sie lächelte, das schon immerhin. Ihre Ausdrucksform ist aber ohnehin eine andere. Sie lässt ihren Schläger für sich sprechen. Ihr Tennis ist, wenn sie ihren Rhythmus gefunden hat, klar und kompromisslos. Bei ihren Schlägen raunt das Publikum.Rybakina ist, und das macht die Unscheinbare so einzigartig, in erster, zweiter und dritter Linie nichts anderes als eine Tennisspielerin. Sie kommt auf den Platz, packt den Schläger aus, spielt, hämmert dank ihrer 1,84 Meter Körpergröße Asse ins Feld, zimmert die Vorhand in die Ecken, schwingt wie keine die Rückhand, siegt, geht. „Es ist schwer, im Moment Worte zu finden. Ich hatte so etwas nicht erwartet, als ich zu diesem Turnier kam“, sagte sie bei der Siegerehrung. Ein typischer Rybakina-Satz. Selbst wenn sie spektakulär wie in New York triumphiert, macht sie sich kleiner. Sie ist eine höfliche, bescheiden wirkende Person.Ganz anders Sabalenka, die gar nicht anders kann, als mit Pauken und Trompeten zu siegen. Oder eben zu scheitern. Eine gute Verliererin war sie jedenfalls selten, fast immer ist das natürlich unterhaltsam. Bei den French Open im Juni wollte sie mit dem Tennis aufhören. In Wimbledon wollte sie sich betrinken. Es läuft wahrlich knirschend für sie in dieser Saison. Vier ihrer letzten fünf Grand-Slam-Finals verlor sie. 2026 errang sie gar keinen dieser wichtigsten Titel. Nicht mal jetzt in ihrem Wohnzimmer in Flushing Meadow. Aber eines war auch jetzt wie immer: Wo Sabalenka ist, ist es laut, schrill, kernig, genau deshalb lieben die New Yorker sie. Sabalenka, in Minsk geboren, könnte eine von ihnen sein. Unüberhörbar hatten sie der 28-Jährigen ihre Sympathien geschenkt. Fürs Tennis ist Sabalenka auf ihre Art zweifellos ein Segen. Das Time-Magazin widmete ihr kürzlich die Titelgeschichte, mit der zutreffenden Überschrift: „Wie Aryna Sabalenka zur faszinierendsten Spielerin im Tennis wurde“. So etwas würde niemand wohl über Rybakina schreiben. Rybakina ist, gerade im Vergleich zu Sabalenka, eher der faszinierendste Anti-Star, den es im Frauentennis gibt.Kraftvolle Rückhand: Jelena Rybakina.Kirsty Wigglesworth/AP PhotoDas ist in keiner Weise abwertend gemeint. Nur steht Rybakina von allen Topspielerinnen am wenigsten für das, was im modernen Profizirkus von Athleten geboten wird. Sie trägt keinen Diamantenschmuck wie Sabalenka. Sie betritt nicht mit Kostümen den Platz wie die Japanerin Naomi Osaka. Sie äußert sich nicht gesellschaftskritisch wie die Amerikanerin Coco Gauff. Sie trainierte nicht wie die Polin Iga Swiatek im Sommer bei Legende Rafael Nadal. Ihre Pressekonferenzen sind nett, aber verhallen rasch. Ihr Englisch ist deutlich besser geworden, aber sie sucht noch nach Worten. Während jedem Profi mit Siegchancen stets zig Berichterstatter aus der Heimat folgen, saß am Samstagabend ein einsamer Reporter in der ersten Reihe bei der Pressekonferenz von Rybakina und sagte: „Ich bin der einzige aus Kasachstan, darf ich eine Frage stellen?“Völlig unverfänglich und heil war die Geschichte von Rybakina indes nicht immer. Und angesichts ihres freundlichen Wesens ist es auch erstaunlich, wie turbulent und sogar problembeladen manches in ihrem Leben ablief. Wobei sie auch eher als Opfer dabei wirkte. Als sie wie aus dem Nichts vor vier Jahren in Wimbledon siegte, weinte sie auf der Pressekonferenz, es waren keine Freudentränen. Fragen zu ihrer russischen Herkunft angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatten ihr, völlig unbedarft im Rampenlicht sitzend, arg zugesetzt.Der Fall Vukov wurde nie restlos aufgeklärtUnd ihr Verhältnis zu ihrem kroatischen Trainer Stefano Vukov dürfte als eines der undurchschaubarsten im Tennis bis heute gelten. Der 39-Jährige wurde entsprechend Berichten einmal sogar von der WTA-Tour intern für längere Zeit gesperrt. Im Raum standen Vorwürfe, Vukov hätte Rybakina mental missbraucht und sei wiederholt ausfallend geworden. Restlos aufgeklärt wurde dieser Fall nie, und die beiden bestritten stets gemeinsam die Vorwürfe. Jedes Mal, wenn er nach Trennungen zu ihr als Coach zurückkehrte, fing sie wieder mit dem Gewinnen an. In New York war Vukov ihr erster Gratulant. Im Gegensatz zum Trainerteam von Sabalenka sprach er indes vor dem Finale nicht mit der Presse.„Es ist eine unglaubliche Reise“, so umschrieb Rybakina in New York ihren Weg. Verständlich. Und der Erfolg von New York erschien ihr vor drei Wochen sogar noch völlig unwahrscheinlich. Damals musste sie ihre Viertelfinalpartie beim Turnier in Cincinnati gegen Swiatek aufgeben, sie hatte Achillessehnenprobleme. Sieben Tage hätte sie keine Schläger in die Hand genommen. Als sie es dann wieder tat, gewann sie die US Open, 5,5 Millionen Dollar Preisgeld gab es dazu. „Ich glaube, es wird ein unglaubliches Gefühl sein, aufzuwachen und zu wissen, dass man so viel erreicht hat“, sagte Rybakina, und ihr Gesichtsausdruck ließ vermuten: Sie freute sich wirklich darüber.
Jelena Rybakina gewinnt US Open gegen Aryna Sabalenka in New York
Die Kasachin Jelena Rybakina entthront die zweimalige Siegerin Aryna Sabalenka im Endspiel von New York und löst die Belarussin als Nummer eins der Welt ab. Bis heute wirkt sie wie ein Anti-Star im Tenniskosmos.











