Die AfD und Russland: Reden, wie es Putin gefälltPolitiker der deutschen Rechtsaussenpartei bewundern den russischen Diktator. Nach dem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt steht Putins fünfte Kolonne bereit. Sie will ein Ende der deutschen Unterstützung für die Ukraine.Stefan Scholl, Moskau13.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Lennart Gäbel für NZZaSIra und Wera, beide Schülerinnen an der Deutschen Schule in Moskau und beide russische Muttersprachlerinnen, erzählen, warum sie in Deutschland studieren und leben wollen. «Da kannst du sagen, was du willst, da kannst du die Musik hören, die du willst, da kannst du auch lieben, wen du willst.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber jetzt, nach dem haushohen Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt und vor dem nächsten, der sich in Mecklenburg-Vorpommern abzeichnet, sind sich die beiden jungen Frauen da nicht mehr so sicher. Jetzt rollt die fünfte Kolonne. Die Russland liebende, Putin verstehende Alternative für Deutschland. «Das Allerschlimmste ist, dass wir beide hier einfach zusehen müssen, wie Deutschland sich selbst ruiniert.»«Politisches Stalingrad»Auch in Moskau kursieren nun deutsche Ängste, ganz sicher aber nicht im Kreml. «Komsomolskaja Prawda», die Lieblingszeitung des russischen Präsidenten, jubelte über den Sieg der AfD und die Niederlage der CDU: ein «politisches Stalingrad».Die AfD redet, wie es Wladimir Putin gefällt. «Jede Minute gehen 20 000 Euro in die Ukraine», schimpft Ulrich Siegmund, der Mann, der nun gute Chancen hat, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. «Das ist alles Geld, das uns fehlt.» Wie man auf die russische Kamikaze-Drohne am Leipziger Flughafen antworten soll: «Diplomatie. Miteinander reden.» Und der AfD-Rechtsaussen Björn Höcke fordert schon als Wahlredner in Mecklenburg-Vorpommern: «Wir müssen Brücken bauen nach Russland.»Oder noch ganz anderes. Amtiere in Sachsen-Anhalt in wenigen Monaten ein Innenminister der AfD, könne man gleich ein Datenkabel nach Moskau legen, sagte einer der Kritiker der als rechtsextrem eingestuften Partei, der Gründer der juristischen Internetplattform «Verfassungsblog», Maximilian Steinbeis, in einem Interview mit der «Zeit».«Geschätzter Herr Präsident Putin»Vor und nach dem Wahlsieg in Magdeburg stimmen führende AfD-Politiker in das Lied der russischen Propaganda ein: Russland sei friedfertig und suche nach diplomatischen Lösungen für den Ukraine-Konflikt, heisst es. Keine Waffen mehr für die Ukraine, die verlängerten den Krieg nur. Deutschland und seine Wirtschaft seien von Russlands billigen Energieträgern abhängig, die Sanktionen müssten aufgehoben werden.In den politischen Talkshows des russischen Fernsehens beteuern die Moderatoren schon lange, die AfD sei eine ganz normale deutsche «Systempartei». Umgekehrt stellen AfD-Politiker Putins Hochsicherheitsstaat als politische Normalität dar. Bei der Wiederwahl des russischen Präsidenten 2018 lobte der Bundestagsabgeordnete und AfD-Wahlbeobachter Stefan Keuter «freie, gleiche und geheime Wahlen». Und sein Kollege Jürgen Kögel sprach den Kremlchef diese Woche in der Haushaltsdebatte vor dem Bundestagsplenum als «geschätzten Präsidenten Wladimir Putin» an.Aber wie erklären sich so viel Zuneigung und Verständnis für Russland und seinen Herrscher?In Ostdeutschland bedient die AfD nostalgische Gefühle mancher Bürger für ihre DDR-Vergangenheit und die Zeit mit dem grossen sowjetischen Bruder. Im Denken der deutschen Neurechten gibt es zudem eine antiamerikanische, kapitalismusfeindliche Tradition – zumindest bis zum Einzug von Donald Trump ins Weisse Haus. Russland oder früher die Sowjetunion waren der Gegenpol.Die AfD geht auch weiter als andere rechtspopulistische Parteien in Europa in der Übernahme russischer Positionen, etwa indem sie den Austritt Deutschlands aus der EU verlangt und mehr Zusammenarbeit mit der – von Russland kontrollierten – Eurasischen Wirtschaftsunion. Wichtiger noch ist wohl die Bewunderung in der AfD für autoritäre Führergestalten und für Putins antiwoke, konservative, vorgeblich christliche Gesellschaftspolitik. Und ein Wählerklientel im Westen Deutschlands hat die AfD bei ihrer Putin-Verehrung besonders im Blick: die Russlanddeutschen.«Friedenspolitik» verfängtDie etwa 2,5 Millionen russischsprachigen Einwanderer in Deutschland, zum Grossteil ethnische Russlanddeutsche, die in den neunziger Jahren kamen, informieren sich oft weiter aus Putins Staatsmedien, so der Politikwissenschafter Kai Arzheimer. Seit 2016 produziert die AfD für sie Wahlwerbung auf Russisch – mit Erfolg, so der Politologe. Die AfD schneide bei Wahlen in russlanddeutschen Hochburgen wie Pforzheim oder Rastatt im Südwesten Deutschlands immer wieder sehr stark ab.Die prorussische «Friedenspolitik» der AfD findet einigen Widerhall in Deutschland. Auf dem linken Flügel der SPD hat nach der Wahl in Sachsen-Anhalt absehbar wieder eine Debatte über «diplomatische Lösungen» mit Moskau und über die Unterstützung für die Ukraine begonnen. Die eingängigen und ständig wiederholten Parolen der «Alternative für Deutschland» funktionieren. Dabei stellen sie ein bruchstückhaftes Narrativ über Russland dar. Fakten, die nicht hineinpassen, lässt man aus. Auch keineswegs friedliche Worte der Moskauer Partner.Etwa, dass der frühere Präsident Dmitri Medwedew mit Raketenschlägen gegen Berlin droht. Oder dass der rechtsnationalistische Alexander Dugin, Russlands Reichsideologe, jede friedliche Lösung verwirft: «Das Ende des Krieges in der Ukraine kann nur das Ende der Ukraine bedeuten.»Medwedew wie Dugin sind dabei Gesprächspartner der AfD an diversen offiziellen Anlässen in Russland, ebenso wie der Duma-Sprecher Wjatscheslaw Wolodin, Experten der Präsidialverwaltung, auch Aussenminister Sergei Lawrow. Seit über zehn Jahren verkehren Politiker der deutschen Rechtsaussenpartei in Russland, auf Wirtschaftsforen in St. Petersburg, auf Sicherheitskonferenzen in Moskau oder auf Brics-Europa-Symposien in Sotschi. 2020 reiste der Co-Parteivorsitzende Tino Chrupalla nach Moskau, 2021 die Co-Vorsitzende Alice Weidel. Die Zeitung «Die Welt» zählte allein zwischen 2015 und 2020 über hundert AfD-Reisen nach Russland und in seine Herrschaftsgebiete in der Ostukraine oder im Kaukasus.Ganz offenbar holen sich AfD-Politiker Rat in Russland. Dazu, dass manche auch russisches Geld erhielten, gibt es mehrere angefochtene Medienberichte, aber keine rechtskräftigen Urteile. Russland hielt sich auf jeden Fall schadlos. Nach einer gemeinsamen Recherche von BBC, ZDF und anderen Medien hiess es in einem Moskauer Memorandum von 2017 zu einem der Verdächtigen, dem amtierenden AfD-Bundestagsabgeordneten und aussenpolitischen Sprecher der Fraktion, Markus Frohnmaier: «Wir werden unseren eigenen, ganz von uns kontrollierten Abgeordneten im Bundestag haben.»Chrupalla redet schon von einer Sonderwirtschaftszone in Sachsen-Anhalt, daraus soll nach weiteren Wahlsiegen in den neuen Bundesländern eine Sonderwirtschaftszone «für Ostdeutschland» werden.Moskau seinerseits feiert die AfD jetzt als Partei der guten, der DDR-Deutschen. Die hätten mehr Gefühl für traditionelle Werte und antifaschistische Gesinnung, sie seien nach dem Mauerfall von den Westdeutschen «wie Besiegte behandelt worden», so ein Moderator im Staatssender Rossija 1.Der TV-Star-Propagandist Wladimir Solowjow fordert in seiner allnächtlichen Politshow, die Bundesrepublik Deutschland wieder zu teilen. In Anbetracht der Verstösse gegen den Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990 sei die Anerkennung der deutschen Wiedervereinigung zurückzuziehen: «Dieses Land ist überhaupt nicht anzuerkennen, die diplomatischen Beziehungen sind abzubrechen.» Man müsse die Deutsche Demokratische Republik wiederherstellen.Die grossen Sprüche von Solowjow bedeuten keineswegs, dass dahinter fertige politische Strategien stehen, etwa mit dem Etappenziel, eine prorussische Volksrepublik Sachsen-Anhalt zu installieren. Doch wer weiss: Vielleicht war das Absingen der DDR-Nationalhymne bei einer AfD-Wahlveranstaltung kein Einzelfall, und die rechten Brüder und Schwestern stimmen demnächst regelmässig an: «Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt . . .»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel