Ein Haus am See, ein grosser Garten – und ein Ordner, der regelt, wie sie einmal sterben wollen. Zu Besuch in einer Wohngemeinschaft, die gemeinsam herausfinden will, wie ein selbstbestimmtes Leben im Alter aussehen kann.12.09.2026, 05.02 Uhr12 Leseminuten«Darf ich das erzählen?», fragt Vera Bergmann und blickt unsicher in die Runde. Sie sitzt am grossen Esstisch im Wohnzimmer, um sie herum ihre vier Mitbewohnerinnen. «Über das Gespräch, das wir hatten, das über den Ordner.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Frauen blicken sich an – und nicken.Vera Bergmann ist mit 54 Jahren die Jüngste und der neuste Zuzug der Wohngemeinschaft. Als sie vor dem Einzug für ein paar Tage zum Probewohnen kam, war dieser WG-Ordner schnell Thema. Darin hält jede fest, wie sie sich das vorstellt, wenn sie nicht mehr ohne Hilfe leben kann. Oder ob und in welchem Umfang sie im Notfall wiederbelebt werden möchte, wer kontaktiert werden soll, wer zuständig ist.«Normalerweise ist es für viele sehr schwierig, über den Tod zu reden», sagt Vera Bergmann. «Aber hier überhaupt nicht. Im Gegenteil, es herrscht eine grosse Neugierde für das Leben und was danach kommt.»Vera Bergmann und ihr Kater Pänter sind die jüngsten WG-Mitglieder.Anja Dzwoneck (56), Silvana Lucchini (63), Sylvie Lutukaite (66) und Vera Bergmann wohnen zusammen in einem Haus mit dem Namen WG Libellule. Hier in Romanshorn am Bodensee lebt auch Hedwig Eisele, 71 Jahre alt und die Mutter der Autorin dieses Texts.Die einen stehen noch mitten im Berufsleben, die anderen sind bereits länger pensioniert. Knapp die Hälfte wohnt dort schon länger, ein paar erst wenige Monate. Das Zusammenleben entwickelt sich, langsam.Antwort: Hedwig Eisele: «Für mich ist klar: Wir sind Mitbewohnerinnen.»Antwort: Sylvie Lutukaite: «Für mich auch.»Antwort: Vera Bergmann: «Ihr seid nun mal Mitbewohnerinnen für mich. Aber das kann sich in eine Freundschaft entwickeln.»Antwort: Silvana Lucchini: «Meine Beziehung zu den Mitbewohnerinnen verändert sich laufend. Mit gemeinsam verbrachter Zeit kommt mehr Verständnis und Verbindung.»Antwort: Anja Dzwoneck: «Ich merke, ‹Mitbewohnerinnen› zu sagen, ist stimmig für mich. Was ich aber spannend finde, ist, wenn man sich hier auf dieser Mitbewohnerinnen-Ebene begegnet und dann im Gespräch mit der einen oder anderen spürt: Da ist etwas Freundschaftliches, da ist ‹echli mee›. Das finde ich grossartig.»Bezeichnungen hin oder her: Was die fünf Frauen verbindet, ist die Freude an ihrem gemeinsamen Wohnprojekt. Und die Bereitschaft, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die irgendwann alle betreffen:Wie möchte ich mein Leben gestalten? Mit wem möchte ich es teilen? Und was will ich tun, mit der Zeit, die mir noch bleibt?«Alters-WG» oder «Gemeinschaft»?Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter. Bis im Jahr 2035 werde jede vierte Person über 65 Jahre alt sein, schreibt das Bundesamt für Wohnungswesen. Rund 800 000 Menschen werden dann 80-jährig oder älter sein. Damit wächst auch der Bedarf an Betreuung und geeigneten Wohnformen.Laut einer Studie der Luzerner Hochschule leben 77 Prozent der älteren Menschen allein oder ausschliesslich mit gleichaltrigen Personen. Das erhöht das Risiko, dass im Alltag Unterstützung fehlt.Am Wochenende frühstücken die Mitbewohnerinnen zusammen im grossen Esszimmer. Dabei diskutieren sie anstehende Aufgaben im Haus, wie beispielsweise Gartenarbeiten.Dem wollen die fünf Frauen entgegenwirken: Sie machen das Älterwerden, die Einsamkeit, den körperlichen Zerfall zum gemeinsamen Thema. Sie setzen sich mit der eigenen Endlichkeit auseinander. Und sie haben keine Angst davor.Ihre Lösung war eine Wohngemeinschaft, eine «Alters-WG». Aber bei diesem Begriff herrscht Uneinigkeit.Antwort: Anja Dzwoneck: «Also, ich spreche nicht von Alters-WG. Ich würde gerne Lebensgemeinschaft sagen, aber WG ist auch gut für mich.»Antwort: Hedwig Eisele: «Doch . . . ich lebe in einer Alters-WG. Das heisst nicht, dass ich Anspruch habe, gepflegt zu werden. Wenn ich nicht mehr selber kann, muss ich es mir nochmals überlegen. Viele Menschen denken, eine Alters-WG heisst, von den Mitbewohnerinnen versorgt zu werden – aber darum geht es hier nicht.»Antwort: Sylvie Lutukaite: «Es ist entspannter so, anstatt mit Menschen anderen Alters zusammenzuwohnen. Gewisse Themen muss man hier nicht mehr diskutieren. Es herrscht Verständnis, beispielsweise wenn es um Zipperlein oder altersspezifische Themen und Interessen geht, die ab 50 kommen.»Die AbenteuerlustigeSylvie Lutukaite hat ihre Heimat Deutschland 1999 in Richtung Schweiz verlassen. Sie wollte etwas Neues erleben. Eigentlich träumte die heute 66-Jährige immer davon, am Meer zu wohnen – der Bodensee hier sei eine gute Alternative, sagt sie.Die Ergotherapeutin und Naturheilpraktikerin spricht bestimmt, macht immer wieder ein Spässchen. Zu Beginn ihrer Zeit in der Schweiz hat sie eine Stelle in Bad Ragaz gefunden. Nach einer langjährigen Paarbeziehung suchte Lutukaite wieder eine Wohngemeinschaft. In der WG in Romanshorn wohnt sie seit Dezember 2022.Sylvie Lutukaite sagt, sie lebe hier im Luxus: «Wenn man andere Bruchbuden anguckt, Zeugs überall, das durchgesessene Sofa – hier ist es richtig chic. Das hört sich blöd an, aber im zunehmenden Alter schätzt man den Komfort.»Sylvie Lutukaite wollte immer einmal am Meer wohnen. Der Bodensee gefällt ihr als Alternative.Das Gemeinschaftsleben kennt Lutukaite schon lange, mit 20 Jahren hat sie das erste Mal so gewohnt. Heute macht es sie stolz, Teil der WG zu sein und mitgestalten zu dürfen. Ihr gefällt die Diversität im Haus, und finanziell lohne es sich auch.Lutukaite blickt mit aufgeweckten Augen von ihrem Lieblingsplatz im Wohnzimmer auf den Garten. Dabei erzählt sie vom Verlust ihrer Mutter, der sie früh geprägt hat.Oft überlege sie, ob sie bereit sei, zu gehen. Schon als Kind habe sie darum gebeten, man solle sie holen kommen, wenn sie die Welt mit ihrer Gewalt und Egozentrik nicht verstanden habe. Heute ist sie froh, dass sie noch da ist, und verhandelt mit dem Tod: «Ich sage dann immer: ‹Es gibt noch so viel Schönes, lass mich noch ein bisschen hier. Ich will das weiter geniessen.›»Was Sylvie Lutukaite an dieser WG besonders geniesst: die Spontanität. Es ist immer jemand da, um Kaffee zu trinken oder für einen Schwatz. Oder die spontanen Gespräche abends beim Zähneputzen: «Da besprechen wir Dinge, die wir erlebt haben oder die in der WG passiert sind. Es ist wie ein Guetzli, ein Betthupferl.»Gleichzeitig fehlt ihr manchmal die Leichtigkeit. Sie vermisst jemanden, um Blödsinn zu machen. Zu durchgetaktet und organisiert gehe es hier manchmal zu.Die Idee eines solchen WG-Lebens im Alter stosse in ihrem Bekanntenkreis auf grosses Interesse, sagt Lutukaite. «Vor allem wenn die Kinder aus dem Haus sind, überlegen viele, wie es nun weitergeht.» Besonders die Frauen: Sie überlegten konkret, wie sie die Zeit nach der Pensionierung gestalten wollten.Obwohl viele an ihrer Wohnform interessiert seien, blieben sie dann doch in ihren gewohnten Strukturen. Sie sagt: «Vielleicht fürchten die Frauen um ihre Unabhängigkeit in einer solchen WG und wollen sich nicht zu sehr anpassen oder umstellen.»Die AmbivalenteAnja Dzwoneck (56) hat in einer Kleinanzeige über die WG am Bodensee gelesen. Die ehemalige Lehrerin gab 2016 ihren Job in Hamburg auf und zog in eine Lebensgemeinschaft auf der Rigi im Kanton Schwyz. Dort hat sie mehrere Jahre mit siebzehn Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern gewohnt.Dann sehnte sich Dzwoneck nach mehr Raum und Zeit für sich. Im November 2024 ist sie in die WG Libellule eingezogen.Dzwoneck spricht langsam, wählt ihre Worte mit Bedacht. Der rosarote Pullover passt farblich zum Haarband, an den Füssen trägt sie Gesundheitsfinken.Anja Dzwoneck braucht mehr Ruhe und Rückzug als andere in der WG.Anja Dzwoneck sucht in der Wohngemeinschaft keine neuen Freundinnen. «Ich schätze Beziehungen ohne ‹Gibst du mir, geb ich dir› – solche also, in denen man unabhängigen Menschen begegnet, teilt und schaut, was entsteht.»Sie braucht zwar ihre Ruhe, will aber die Vision einer lebendigen Gemeinschaft mittragen. «Die DDR hat mich geprägt: das Bewusstsein, dass wir Verantwortung teilen. Heute heisst das für mich, nicht alles zusammen zu tun, sondern eine Idee gemeinsam zu tragen.»Das Ausfüllen der Dokumente im «WG-Ordner» war für Anja Dzwoneck ein langer Prozess. Sie habe es drei Monate vor sich hergeschoben. Denn sie habe keine eigene Familie, die Eltern und der Bruder seien weit weg. «Zu überlegen, wen die WG anrufen sollte, falls was wäre, das war schwierig.»Merklich entspannt sagt Anja Dzwoneck dann, sie habe sich schliesslich gerne dem Kopfkino «Wie will ich sterben?» hingegeben. Es tue gut, Ängste loszulassen. «In jungen Jahren habe ich mich ständig an Idealen und Zwängen gemessen. Jetzt, im Alter, fühlt sich mein Leben immer leichter und bewusster an.»Die EntschlosseneHedwig Eisele hat über 40 Jahre lang als Pflegefachfrau gearbeitet. Dabei erlebte sie immer wieder, wie Menschen plötzlich pflegebedürftig werden, oft in Heime ziehen müssen oder zu Hause vereinsamen.Für die 71-Jährige ist das Thema «Wie, wo und mit wem alt werden» deshalb schon seit langem zentral. Eisele besucht regelmässig Veranstaltungen darüber, hört Podcasts über Leben und Sterben und tauscht sich aus.Seit über zehn Jahren ist sie in verschiedenen Gruppen aktiv, um ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu gründen oder zu finden. Nach verschiedenen WG in jungen Jahren wohnte sie später mit ihrer Familie. Danach mit dem Partner allein, als die Tochter ausgezogen war.Hedwig Eisele hat sich bewusst dazu entschieden, in eine Alters-WG zu ziehen.Eisele romantisiert das Gemeinschaftsleben nicht. Für sie war der Beschluss zur Alters-WG eine bewusste Auseinandersetzung und ein aktives Handeln. «Weil ich weiss, wie es in Altersinstitutionen zu und her geht, habe ich versucht, etwas aufzubauen beziehungsweise zu finden, was zu mir passt.»Zweimal hatte sich Hedwig Eisele für die WG Libellule beworben. Nach einem ersten Probewohnen kam die Rückmeldung, dass sie zu viel Energie habe. Sie war den Bewohnerinnen zu umtriebig. Trotz Wechseln in der Wohnkonstellation einige Zeit später fiel die Wahl erneut nicht auf sie. Aber dann klappte es doch noch, die WG fragte direkt an. Seit Juni 2025 wohnt Hedwig Eisele im Haus.Sie beobachte, dass viele Menschen im Alter niemanden mehr hätten, der ihnen ehrliche Rückmeldung gebe. «Man hat keinen Spiegel mehr und wird eigenartig», sagt sie. Genau davor bewahre sie das Leben in der WG. Feedback ist hier garantiert.Die Alters-WG hat für sie auch eine ökologische und gesellschaftspolitische Dimension. Zudem sei es eine bewusste Entscheidung zu mehr Autonomie – etwas, mit dem sich Frauen eher auseinandersetzen als Männer.Hedwig Eisele sagt: «Männer über 50 suchen oft eine andere Partnerin. Klappt das nicht, sind sie lieber einsam, als sich noch einmal auf ein neues soziales Abenteuer einzulassen.» Trotz Interesse trauten sich die Männer doch nicht, in die WG Libellule einzuziehen.Doch auch Eisele spürt, dass das Zusammenleben unerwartete Kompromisse erfordert. Sie kann nicht in jedem Moment sie selbst sein. Oft gehe sie leiser als gewohnt durch die Gänge und lade ihre Freundinnen und Freunde seltener zum Essen ein.Wie jede, die hier lebt, nehme sie Rücksicht auf die Befindlichkeiten der anderen. Gleichzeitig hat sie das Bedürfnis nach mehr verbindlichem Miteinander. «Ich wünsche mir, dass alle WG-Mitglieder sagen, ‹Ja, die nächsten zwanzig Jahre machen wir das miteinander›.» Deshalb ist sie unsicher, ob sie hier bleibt.Die VisionärinSilvana Lucchini hat dieses Gemeinschaftsprojekt initiiert. Sie hatte schon lange die Vorstellung, in einem grossen Haus eine WG zu gründen. Die heute 63-Jährige hat 2021 das Gebäude in Romanshorn entdeckt, es war Liebe auf den ersten Blick.«Ich habe das Vermieter-Ehepaar getroffen, viel abgeklärt und mich allein in das Projekt gestürzt: Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gesucht, Möbel gekauft und eingerichtet.» Gemeinsam mit den anderen habe sie viel investiert, finanziell und emotional, den Garten umgebaut und das Haus hergerichtet. Die blauen Augen leuchten, als sich Silvana Lucchini erinnert.Die WG Libellule befindet sich in Gehdistanz zum Bodensee: 11 Zimmer, 300 Quadratmeter Wohnfläche. Verschiedene Fahrräder stehen vor dem Eingang, auf dem Vorplatz räkelt sich ein Brombeerbusch an der Wäscheleine hoch. Abgeschirmt von der Strasse liegt hinter dem Wohnhaus ein 2000 Quadratmeter grosser Garten.Im angebauten Hausteil arbeiten vier Allgemeinärztinnen und -ärzte. Ein netter Komfort, finden die Frauen, die Pflege direkt ums Eck.Silvana Lucchini hat das WG-Projekt vor vier Jahren initiiert.Die WG Libellule besteht seit 2022. In dieser Zeit hat es viele Wechsel gegeben. «Gerade in der Anfangs- und Aufbauphase eines solchen Projektes ist das Leben in einer WG anspruchsvoll», sagt Lucchini. Nicht alle seien dafür geschaffen.Für Silvana Lucchini rückt das Thema Älterwerden zwar langsam in die Nähe, aber es ist noch nicht sehr präsent. Trotzdem merkt sie, dass eine beständigere Zeit kommen darf, die weniger Energie von ihr braucht. Sie hat schon viele Projekte angerissen und will jüngeren und frischeren Personen den Raum überlassen.«Ich erlebe das Zusammenwohnen als etwas sehr Lebendiges. Jedes Mal, wenn jemand Neues einzieht, ist das eine Bereicherung, aber auch eine Veränderung.» Das spüre sie stark. «Und natürlich ist das auch eine Herausforderung, sich mit neuen Charakteren und Persönlichkeiten anzufreunden.»Leben und leben lassenTäglich um 18 Uhr essen die Frauen zusammen. Jeden Abend bereitet eine andere Mitbewohnerin etwas vor, die Liste für die Menuplanung hängt am Kühlschrank. Eintragen darf sich, wer Lust und Zeit hat. Auf einem Zettel daneben schreibt jede ihre Lebensmittelausgaben auf, Ende des Monats wird abgerechnet.Paddelevent, Grillieren am See, Flusswanderungen, Sternwarte. Das Magnetboard an der Küchentür ist voller Vorschläge und Ideen für mögliche WG-Ausflugsziele. Regelmässig finden die Mitbewohnerinnen Zeit, ausserhalb des Hauses etwas gemeinsam zu machen.Im Haus findet sich eine bunte Mischung von Gegenständen, jede Bewohnerin bringt etwas mit.Sie verbringen jedoch auch viel Zeit und Energie damit, zu diskutieren, wie sie zusammenleben und den weitläufigen Garten gestalten wollen.Sonstige Regeln fürs Zusammenwohnen?Antwort: Sylvie Lutukaite: «Also, dass wir uns nicht schlagen, zum Beispiel . . .?»Alle lachen.Antwort: Hedwig Eisele: «Wir organisieren uns mit verschiedenen Apps: Posti-App, Family-App usw. So halten wir uns up to date.»Antwort: Anja Dzwoneck: «Im Kalender steht, wer wann kocht. Manchmal entstehen Rhythmen, oft entsteht es auch spontan. Aber es braucht keine Hausregeln – wir sind ja erwachsen.»Antwort: Hedwig Eisele: «Es gibt ungefähr drei Mal pro Monat eine WG-Sitzung mit Protokoll und Traktandenliste. Jede schreibt auf, was ihr wichtig ist. Da gibt es Dinge, die sind schwieriger zu besprechen, andere einfacher.»Die Mitbewohnerinnen verbringen viel Zeit im 2000 Quadratmeter grossen Garten.Damit das Thema Putzen nicht die ganze Diskussion dominiert, haben sie sich eine Putzkraft geleistet. Dennoch gibt es feste Putzbereiche im Haus: Keller, Erdgeschoss, Küche und 1. Etage. Jeweils eine Mitbewohnerin ist dort für Sauberkeit und Ordnung zuständig.Im Haus gibt es zurzeit noch freie Zimmer – die WG ist auf der Suche nach neuen Mitgliedern. Immer wieder einmal kommen Menschen zum Probewohnen vorbei, für ein paar Tage, manchmal sogar eine ganze Woche. Grundsätzlich begeisterten das Konzept und die Idee, doch die effektive Umsetzung sei kompliziert.Antwort: Anja Dzwoneck: «Ich spüre, dass es mühsam ist, wenn man miteinander ringt und zu einem Ergebnis kommen muss. Und dann kommt jemand Neues in unsere Konstellation, und man muss wiederum neu verhandeln. Gleichzeitig merke ich, dass meine Flexibilität grösser wird – durch die Auseinandersetzungen und das Darüber-Reflektieren. Das hilft mir, dass ich draussen nicht mehr so leicht aus der Ruhe komme.»Antwort: Hedwig Eisele: «Die grösste Herausforderung für die WG besteht darin, trotz den ständigen Wechseln Kontinuität reinzubringen und eine Entwicklung zu erleben. Jede von uns leistet ihren Beitrag. Was uns allerdings noch fehlt, ist die gegenseitige Würdigung. Wir sollten lernen, uns öfter positives Feedback zu geben.»Antwort: Sylvie Lutukaite: «Ich finde, wir können noch viel lernen in Sachen Konfliktfähigkeit. Konstruktive Kritik ist bei uns noch sehr ausbaufähig. Manchmal wird es emotional, aber ich habe das Gefühl, es ist dann selten gut gelöst. Jede bleibt mit ihrem Frust hängen.»Im Gemeinschaftsleben gibt es immer Themen, bei denen sich gewisse zurücknehmen müssen. Eine will laut Musik hören, die andere ausschlafen, und die dritte eine Tierzuchtstation aus dem Garten machen.Es sei ein stetiges Abwägen, sagen die Frauen.«Kannst du weniger von ‹wir› und mehr von ‹ich› sprechen?»An der Wohnzimmertür hängt ein weisses A5-Blatt, darauf kleben Post-it-Zettel in verschiedenen Farben. Darauf steht: «Unsere Aufgaben im Garten». Jeder Mitbewohnerin gehört eine andere Farbe. Der kleine Teich, die Gemüsebeete, die Obstbäume, alles braucht viel Pflege.Hedwig Eisele kümmert sich ums Gemüsebeet 7 und 10a, Sylvie Lutukaite um Nummer 1 bis 4. Silvana Lucchini ist für die Nummer 9 und das Biotop zuständig. Wer sein Ämtli erledigt hat, kriegt ein Marienkäfer-Chläberli.Im unteren Geschoss gibt es ein Wohnzimmer mit Blick auf den Garten, das sich die Mitbewohnerinnen teilen.Als Lucchini ausführt, wie sie sich alle gemeinsam um den Garten kümmern, stellt Anja Dzwoneck nochmals klar, dass sie ihre Verantwortung dafür abgegeben hat.Antwort: Anja Dzwoneck: «Silvana, könntest du bitte weniger von ‹wir› und mehr von ‹ich› sprechen, wenn es um die Gartenarbeit geht?»Es entsteht eine kurze Stille am Frühstückstisch.Antwort: Silvana Lucchini: «Ja, klar . . . ich ringe manchmal damit, zu formulieren, was mich bewegt. Und ich lerne durch Rückmeldungen.»Antwort: Hedwig Eisele: «Manchmal sieht man gewisse Dinge gar nicht, und da ist es gut, ein Gegenüber zu haben, das einem Rückmeldung gibt. Wir beide hatten mal so ein Konfliktgespräch und konnten daraufhin unsere Differenzen klären.»Antwort: Silvana Lucchini: «Ja, die haben sich mit Verständnis und Erkenntnis aufgelöst.»Antwort: Hedwig Eisele: «Solche Gespräche sind mir wichtig, wenn wir Differenzen haben. Manchmal muss man bei einem Thema erst etwas abwarten, sich selber klar werden, wie man es thematisieren will. Aber wenn eine Mitbewohnerin dann bereit ist, dann sind wir ehrlich miteinander. Das finde ich sehr wertvoll.»Auf der Postkarte, die an einer der Zimmertüren im oberen Stock hängt, sind gutgelaunte, chic angezogene, Prosecco trinkende Damen zu sehen. Darauf steht: «Wir altern nicht. Wir reifen!»Es könnte das Motto der fünf Mitbewohnerinnen sein.Im Haus in Romanshorn gibt es noch freie Zimmer für neue WG-Mitglieder.Passend zum Artikel