Am Donnerstagabend weilte auch Oliver Mintzlaff unter den Gästen im Stadio Giuseppe Sinigaglia zu Como, und womöglich sehnte sogar er, der Chef von Red Bull, sich ein wenig nach Ole Werner zurück. Ein solcher Blick aufs Wasser führt schon mal zu melancholischen Schüben, und der Lago di Como ist vom Stadion gar nicht so weit weg. Die Formulierung „sogar er“ ist in diesem Fall angezeigt, weil Mintzlaff, Aufsichtsrat bei RB Leipzig, vor ein paar Monaten dem Ansinnen des millionenschwer vergüteten Beraters (und heutigen Bundestrainers) Jürgen Klopp folgte, Erfolgstrainer Ole Werner bei RB Leipzig vor die Tür zu setzen. Und weil sich ein anderer Zeuge, in diesem Fall ein Angestellter der Gazzetta dello Sport, an Werner erinnerte, ohne es zu wissen.Zur Erinnerung: Werner war offenbar auch deshalb mit Klopp und dessen Analyseteam aneinander gerasselt, weil er meinte, sich an den Fähigkeiten und Möglichkeiten des Kaders orientieren zu wollen – und die Klopp-Kombo ihm wiederum vorhielt, nicht attraktiv und aggressiv genug zu spielen. Unter anderem sei die Pressinghöhe zu niedrig. Werners Nachfolger Martín Demichelis holte sich nun eine der schlechtesten Benotungen ab, die von der Gazzetta überhaupt vergeben werden (4,5 von 10): Weil er gegen das Team, „das zurzeit in Italien besser als alle anderen mit dem Ball umgeht“, also Como, „kopfloses Pressing“ anrührte.Como 1907 in der Champions League:Ein Verein wie ein InvestorentraumComo 1907, vor acht Jahren noch in Italiens vierter Liga, ist mit offensivem Fußball in der Champions League angekommen. Was wie eine romantische Geschichte klingt, ist auch ein Investoren-Traum.„Niemand hatte ihn gebeten, nur unerbittlich zu verteidigen, weil das nicht in der DNA Leipzig enthalten ist, aber vielleicht wäre es besser gewesen, sich selbst nicht derart aus der Balance zu bringen“, spöttelte das Sportblatt. Martin Baturina (14.), Tassos Douvikas (37.), Assane Diao (53.) und Maximo Perrone (89.) trafen für das übrigens wirklich wundervolle Como. Andrija Maksimovic erzielte das zwischenzeitliche 1:3 für Leipzig (57.).Trainer Demichelis wähnt sich offenkundig unter steigendem DruckDie Sachsen waren hernach peinlich berührt. Obschon ihre Leistungen nicht dazu angetan waren, den Mund weit aufzureißen, schlugen David Raum und Willi Orban in Edvard-Munch-Manier Alarm: Man hörte sie förmlich schreien. Raum griff gar zur Fäkalsprache, um seinem Innenleben Ausdruck zu verleihen und verlangte eine Aussprache, „schleunigst“. Und Orban, 33, lästerte wiederum über die angebliche Naivität der Jungen: „Wir haben heute gesehen, was es bedeutet, sehr aktiv mit dem Ball zu sein, eine sehr hohe Entscheidungsfindung zu haben und auch im letzten Drittel gute Pässe zu spielen.“ Er meinte Como: „Das müssen wir uns heute abschauen.“Demichelis wiederum wähnt sich offenkundig unter steigendem Druck. Die Niederlage in Como schloss sich an ein 1:3 bei einem weiteren Klub mit wassernahem Stadion an, Leipzig hatte am vergangenen Samstag an der Weser mit 1:3 verloren. Die bei RB bestens vernetzte Bild-Zeitung berichtete danach, „im Klub“ habe es „durchaus Bedenken“ gegeben, „dass Demichelis in seiner bisherigen Laufbahn zu wenig Ideen mit dem Ball hatte“.Umso vernehmbarer bittet Demichelis um Geduld. Man müsse sich vor Augen führen, dass Como seit gut drei Jahren zusammenspiele. „Sie haben eine Identität, das hat man gesehen. Wir haben acht neue Spieler im Kader. Das hat man auch gesehen“, sagte Demichelis. Am Sonntag empfängt Leipzig einen Gegner, gegen den man einerseits gewinnen, andererseits aber auch viel Kredit verlieren kann. Denn der HSV ist Tabellenletzter.