SZ: Frau Henseleit, am Freitagmorgen beginnt für Sie der Saisonhöhepunkt mit dem Solheim Cup. Bereitet man sich auf ein solch großes Turnier ganz gezielt vor?Weniger als man denken könnte. Ich habe vergangene Woche noch ein Turnier in den USA gespielt und im Anschluss in England trainiert. Da wir so viele Turniere jedes Jahr spielen, kann man gar nicht so konkret auf ein besonderes Highlight hinarbeiten. In Wahrheit ist das meiste Routine.Aber Sie mussten vermutlich mehr Tickets besorgen als üblich, immerhin findet der Solheim Cup nahe an der deutschen Grenze statt.Es fühlt sich ein bisschen nach einem Heimturnier an, da wir nur knapp dreieinhalb Stunden von meinem Heimatort entfernt spielen. Meine ganze Familie wird dabei sein, für die wird es sogar der erste Solheim Cup. Anders als bei meinen LPGA-Turnieren in den USA können sie mich hier aus nächster Nähe live erleben.Golferin Esther Henseleit:Zweite mit DramaEsther Henseleit, die in Paris Silber gewann, verpasst bei der British Open erneut einen ganz großen Triumph. Ihren Status als europäische Topgolferin untermauert die 27-Jährige aber weiter.Es war ein besonderer Sommer für Sie, mit dem großen Erfolg bei den British Open im Juli, der Ihnen auch die Qualifikation für die Solheim-Cup-Mannschaft gebracht hat. Blieb da eigentlich Zeit für ein bisschen Pause?Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, mich von den British Open zu erholen. Während des Turniers merkt man das nicht so, aber es saugt einem wirklich komplett die Energie raus. Ich war für eine Woche wirklich kaputt, aber, wie gesagt: Dann ging es schon wieder zurück ins Training und zum nächsten Turnier.Wie viele Tage im Jahr haben Sie eigentlich keinen Golfschläger in der Hand?Ich habe nach den British Open, glaube ich, drei Tage lang keinen Schläger angefasst. Das ist das Maximum, während der Saison. Um Weihnachten herum mache ich zwei Wochen Pause, sonst geht das nicht.Sie sind 1999 geboren: War der Solheim Cup in Ihrer Generation schon so relevant wie heute?Leider lief in Deutschland noch kein Damen-Golf im Fernsehen, als ich jung war. Der Solheim Cup alle zwei Jahre war das einzige Event, das übertragen wurde, daher war das ein Highlight. Ansonsten habe ich die Herren-Turniere verfolgt: Die British Open und der Ryder Cup waren da für mich die besten Events.War es für Sie unter diesen Umständen eigentlich möglich, weibliche Vorbilder zu haben?Ich habe 2008 angefangen, Golf zu spielen, da lief wirklich fast nur Herren-Golf im Fernsehen. Was geholfen hat, war, dass Martin Kaymer damals so gut gespielt hat – dadurch gab es einen Deutschen, dem man folgen konnte. Er war für meine Generation einfach die Person, die gezeigt hat: Es ist auch aus Deutschland heraus möglich, vorn mitzuspielen. Die TV-Übertragungen bei den Damen haben dann erst so richtig begonnen, als ich schon auf der Tour gespielt habe. Das heißt, ich habe nie wirklich Damen-Golf geschaut.Zumindest nicht im Fernsehen, Turniere gab es ja.Als Zehn- oder Elfjährige war ich mal in Gut Häusern, wo damals ein Turnier der Ladies European Tour stattfand. Das war lange Zeit mein einziger Berührungspunkt mit Damen-Profigolf, aber dafür war’s umso wichtiger: Ich habe damals Mel Reid zugeschaut, die war meine Favoritin unter den Golferinnen. Dann hat sie mir einen Golfball geschenkt und danach war ich mir sicher: So will ich auch mal spielen.Denken Sie, heute wachsen junge Golferinnen anders auf?Sicherlich, im Vergleich zu damals. Ich freue mich darüber, dass wir heute sichtbarer sind und Mädchen, die jetzt mit dem Golfsport anfangen, uns im Fernsehen und den sozialen Medien folgen können.Gilt das auch für Deutschland? Golf erlebt weltweit einen großen Aufschwung, in Deutschland ist dieser Trend bisher nicht ganz so in der Breite zu sehen, oder?Weltweit haben wir uns wirklich stark weiterentwickelt, in Deutschland kommt das schon auch: Wir haben die Damen-Major-Turniere jetzt live im Fernsehen, auch das Meiste von der Ladies European Tour – aber am Ende ist die Aufgabe vor allem, dass die Jugendarbeit in den Klubs gut funktioniert.Selfie mit Medaille: Esther Henseleit (li.) in Paris.Jan Woitas/dpaWeiß Martin Kaymer eigentlich davon, dass er mal Ihr Vorbild war?Wir sind uns leider nur einmal kurz begegnet. Tatsächlich haben Damen und Herren im Golf nie Turniere am gleichen Standort und nicht viele Berührungspunkte, also sieht man sich deutlich weniger, als es etwa im Tennis der Fall ist.Wäre es denn nicht begrüßenswert, wenn Frauen- und Männergolf mehr miteinander zu tun hätten, wie im Tennis?Es gab schon immer mal wieder Versuche, Turniere gemeinsam auszutragen. Natürlich ist es insofern schade, als die Herren ein größeres Publikum haben. Aber die Realität ist schon auch: Es ist schwierig, die Plätze so herzurichten, dass sie für beide bespielbar sind. Und die Herren haben auch eine andere Zielgruppe, bei denen schauen eher Männer mittleren Alters zu, die schon auch mal einen trinken (lacht). Wir haben sehr viele Kinder bei den Turnieren, viele Frauen und Mädchen, die uns zuschauen. Da ist die Atmosphäre anders.Bei den Olympischen Spielen immerhin spielten Sie 2024 in Paris auf demselben Platz wie die Männer, das Golfturnier brachte damals viel Aufmerksamkeit für die Frauen. Und insbesondere für Sie: Wie oft werden Sie auf die Silbermedaille angesprochen?Ich werde tatsächlich noch häufig gefragt, wo denn meine Medaille ist. Und gerade in den Monaten nach Olympia damals kamen viele Leute auf mich zu, die zum ersten Mal in ihrem Leben Golf verfolgt haben. Es war sehr schön zu sehen, wie viel Aufmerksamkeit wir damals bekommen haben.Die offensichtliche Frage: Wo ist denn die Medaille nun gelandet?Meine Medaille sieht nicht so oft das Tageslicht: Ich habe sie in einem Safe in einer Bank aufbewahrt, damit ich mir keine Sorgen machen muss.Und dann fahren Sie in die Bank und besuchen Ihre Medaille?Ich würde sagen, dass sie circa zweimal im Jahr herauskommt. Aber ich weiß ja, dass sie da ist. Und als Erinnerung habe ich ganz viele Fotos und Videos.Sie haben damals in Paris miterlebt, wie es ist, um den Sieg mitzuspielen. Im Sommer war es bei den British Open dasselbe. Gerade im Hinblick auf den Solheim Cup, wo Sie vermutlich vor einer Rekordkulisse spielen werden: Wie kommt man damit zurecht, auf einmal im Fokus zu stehen?Man ist sicherlich nervöser, aber ich mag das: Diese Anspannung hilft mir, mich zu fokussieren. Im Golf ist es zum Glück so, dass die Zuschauer einen unterstützen und wollen, dass man gut spielt. Daher spielen wir inmitten von Zuneigung, das macht natürlich Spaß.Ihr Solheim-Cup-Debüt in den USA vor zwei Jahren, als die USA mit 15 1⁄2 zu 12 1⁄2 gewannen, war vermutlich die Ausnahme, oder?Das ist das einzige Event, bei dem einen die Fans des gegnerischen Teams schlechte Schläge wünschen (lacht).Wie sind Sie dem Druck begegnet? Und den berühmten Nerven am ersten Abschlag?Jeder Golfspieler, der mal einen Ryder Cup oder Solheim Cup gespielt hat, erzählt diese Horrorgeschichte vom ersten Abschlag, von der Nervosität dort vor einer riesigen Kulisse losspielen zu müssen. Das hat mich irgendwie auf das Schlimmste vorbereitet – und dann war es gar nicht so wild, wie ich gedacht hatte. Ich würde fast sagen, dass Paris für mich die größere Herausforderung war als der Solheim Cup. Auch weil ich da am ersten Abschlag nicht mit dem Driver schlagen konnte, der hat die größte Schlagfläche und hilft am meisten.Der Solheim Cup ist auch deshalb herausfordernd, weil aus Einzelsportlerinnen ein Team werden muss. Wie gewöhnt man sich daran?Zum Glück habe ich in meiner Jugend oft in Teams gespielt: In Deutschland gibt es viele Teamevents auf Klubebene, dann mit dem Nationalkader die Welt- und Europameisterschaften. Als Profi ist es seltener der Fall, aber ich sehe das sehr positiv. Im Team hat man einen ganz anderen Push als bei Einzelturnieren: Ich will für meine Kapitänin und für die anderen Spielerinnen gut spielen, ich verspüre da von Anfang an viel mehr Ansporn.Ihre Gegnerinnen sind Ihnen von der LPGA-Tour in den USA gut bekannt, Golf ist keine feindselige Sportart – aber in der Geschichte des Solheim Cups hat es auch einige Streitigkeiten und Provokationen gegeben. Wie bereiten Sie sich darauf vor?Außerhalb des Platzes ist es weiterhin sehr freundlich, wir kennen uns alle gut und bleiben fair. Aber natürlich: Unter dem Einfluss der Fans – gerade, wenn sie gegen einen sind – kann es auch mal emotional werden. Es gibt schon Spielchen untereinander, aber darauf darf man sich nicht zu sehr einlassen.Sie haben vor zwei Jahren als Rookie unter anderem mit der Engländerin Charley Hull zusammengespielt, die für ihre etwas rauere Gangart bekannt ist. Wie lang hat es bei Ihnen gedauert, bis die Matchplay-Persönlichkeit herauskam?Das ging ziemlich schnell, die Reaktionen sind sofort da: Normalerweise sieht man bei mir vielleicht ein oder zweimal im Jahr die Faust beim Jubeln. Beim Solheim Cup flippe ich fast jedes Mal aus, wenn ein Putt reingeht.Was war der beste Moment vor zwei Jahren?Charley und ich hatten damals im Team eine sehr enge Situation am finalen Loch, wir hatten Gleichstand mit den zwei Amerikanerinnen und waren eine der letzten Gruppen, die noch auf dem Platz waren. Bei uns stand die gesamte Mannschaft rund um das 18. Grün und dann habe ich meinen Annäherungsschlag einen halben Meter an die Fahne gespielt – alle im Team sind aufgesprungen und haben gefeiert. Das war schon einzigartig.Die Szene erinnerte fast an Martin Kaymer, der beim Ryder Cup 2012 in Medina den finalen Putt einlochte und Europa den Sieg brachte. Hatten Sie den Gedanken damals auch im Kopf: Früher mal am Fernseher, jetzt erleben Sie so etwas selbst?Ein wenig. Aber für mich war das Glück, dass ich mich in meiner Karriere langsam hochgearbeitet habe und an all die Aufmerksamkeit gewöhnen konnte: mehr Kameras um einen herum, mehr Zuschauer, das hat sich alles Schritt für Schritt ergeben. Aber klar, im Rückblick: Schon verrückt, dass ich dieses Jahr einen Putt hatte, um ein Major-Turnier zu gewinnen. Und dass ich da überall mitspielen kann, auf höchstem Niveau.