Kreml-Finanzen: Anatomie der putinschen Schattenflotte Anatomie der putinschen Schattenflotte Vorbei an den prächtigen Palästen Istanbuls, umgeben von Fähren und Touristenbooten, schiebt sich der in Liberia registrierte Tanker Chem Helen an diesem Vormittag im August südwärts durch den Bosporus. Das zur russischen Schattenflotte gehörende Schiff liegt tief im Wasser – ist offenbar voll beladen, voll mit Öl oder Ölerzeugnissen aus Russland.Das Ziel der Chem Helen ist das Marmarameer. Hier wird sie zwei Tage später die Tupras-Izmit-Raffinerie ansteuern, um ihre Fracht zu löschen.Die Türkei nimmt dem Kremlherrscher Petroleum und Petroleumprodukte wie Benzin und Diesel ab. Billiger als in Russland kann sie fossile Energie nirgends sonst kaufen. So betrug der mittlere Rabatt auf Rohöl der Sorte Ural im Juli laut dem finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) 26 Prozent.Das Nato-Land spielt aber nicht nur als drittwichtigster Käufer russischen Öls eine fragwürdige Rolle. Auch ist das zwischen Bosporus und Dardanellen gelegene türkische Binnenmeer zu einem Tummelplatz für Schattentanker geworden; hier fühlt sich Russland sicher vor ukrainischen Drohnenattacken. Auch wenn einige Schiffe vorsichtshalber Zickzackkurs fahren.Istanbul ist eines von mehreren Drehkreuzen, über die der seitens des Westens sanktionierte Kreml heute seine ­Ölexporte schleust. Das zeigen Positionssignale der Schiffe seiner Schattenflotte.Die WirtschaftsWoche hat acht Wochen lang die Bewegungen von 657 Tankern mitgeschnitten und analysiert, die von Russland genutzt werden. Das Ergebnis ist ein nahezu komplettes Bewegungsprofil der für Putin so wichtigen Schiffe.Die Recherche basiert auf Datenspuren von 657 Schiffen der russischen Schattenflotte, deren Namen und Kennungen der ukrainische Militärgeheimdienst veröffentlicht hat. Wir haben sie mit einer eigens entwickelten Software verbunden, die Positionsdaten jedes Schiffes ausliest, das angeschlossene Open-Source-Antennen passiert. Positionen der Schattentanker wurden gespeichert. Weil es etwa in Indien kaum freie Antennen gibt, stellte der Datendienstleister MarineTraffic zusätzlich je Schiff eine Position täglich bereit. Er besitzt terrestrische Antennen und Satelliten. So ergeben sich die Bewegungsprofile.Es zeigt, dass Russland es trotz ukrainischer Drohnenangriffe auf seine Infrastruktur schafft, Öl zu exportieren, um seinen Angriffskrieg zu finanzieren. Und es zeigt, was die Bundesregierung unternehmen könnte, erhöhte sie nach den hybriden Angriffen Moskaus auf Deutschland tatsächlich „den Druck auf die russische Schattenflotte“, wie von Außenminister Johann Wadephul versprochen.Der Kreml verschleiert oft die Herkunft des Öls durch Schiff-zu-Schiff-Transfers und andere Tricks. Aus der Ostsee, der Arktis, dem Schwarzen Meer und Ostrussland kommendes Petroleum wird in Nacht-und-Nebel-Aktionen verladen, dabei vermutlich teilweise mit nicht sanktioniertem Öl verschnitten. Neue Frachtpapiere können es dann als „Blend“ deklarieren wie einen mittelmäßigen Whiskey. Am Ende ist für Käufer kaum ersichtlich, was russisches Petroleum ist und was nicht.Als Schweden ein beschlag­nahmtes russisches Schiff der Ukraine übergibt, zeigt sich Putin prompt auf der Brücke eines Kriegsschiffes. Foto: POOL/AFP via Getty ImagesNach Russlands Invasion in der Ukraine 2022 hat die EU den Import russischen Öls per Schiff weitgehend untersagt. Auch beschlossen die G7-Länder für sich – und indirekt für Drittstaaten – eine Preisobergrenze. Das sollte den Geldfluss in den Kreml reduzieren, ohne Ölmenge vom Markt zu nehmen. Die Preisgrenze wurde zuletzt im Februar auf 44,10 Dollar je Barrel gesenkt. Wird sie überschritten, dürfen westliche Schiffe das Öl nicht transportieren, dürfen keine westlichen Firmen Schiff oder Ladung versichern. Auch können die USA beteiligte Unternehmen vom Handel in Dollar ausschließen. Russland konterte die Sanktionen, kaufte alte Tanker, auch von griechischen Reedern, und charterte weitere von windigen Anbietern.Der halbe KriegshaushaltTatsächlich sind die Schiffe für Wladimir Putin heute das wichtigste Instrument, um seinen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Laut Friedensforschungsinstitut Sipri gibt er Tag für Tag 520 Millionen Dollar auf dem Schlachtfeld aus. Dem standen zuletzt laut russischem Finanzministerium budgetrelevante Öl- und Gaseinnahmen von täglich 264 Millionen Dollar gegenüber.Im Juli 2026 schaffte die Schattenflotte so viel Rohöl auf dem Seeweg außer Landes wie noch nie; mehr als vier Millionen Barrel am Tag. Hinzu kommen mehr als eine Million Barrel raffinierte Produkte wie Diesel und Benzin, die ein Vielfaches je Fass einbringen.Die Schattenflotte erlaubt es Russland, Öl aktuell 50 bis 100 Prozent über dem Preisdeckel zu verkaufen. „Da geht es um Hunderte Milliarden Dollar im Jahr. Das ist kriegskritisch und haushaltskritisch für den Kreml“, sagt Torbjörn Becker, Direktor des Stockholm Institute of Transition Economics. Die Öleinnahmen des Kreml zu limitieren sei daher das mit ­Abstand schärfste Schwert, das die EU in Händen halte, um Russlands Kriegstreiberei ein Ende zu bereiten.Besonders seit der Iran die Straße von Hormus blockiert, der Ölpreis um die 100 Dollar je Barrel notiert, ist die Schattenflotte für Russland ein Spitzengeschäft. Nach China, Indien, selbst ins Zentrum des Amazonas, auf die Bahamas und nach Lima in Peru schaffen die Tanker Öl und Ölprodukte aus Putins Reich.Dass auch einige EU-Staaten und Großbritannien neuerdings immer wieder Tanker abfangen und die Ukraine Tanker des Feindes, russische Exportterminals und Raffinerien mit Drohnen beschädigt, trifft den Potentaten in Moskau daher ins Mark. Putins Schattenflotte muss Umwege fahren. Die besonders rentablen Exporte von Ölprodukten haben sich zuletzt halbiert. Putin lässt inzwischen drohen, seine Marine könnte im Gegenzug westliche Schiffe beschlagnahmen. Mitte August beorderte er sein modernstes Kriegsschiff, die Fregatte Admiral Kasatonov, in die Ostsee, um seine Ölflotte zu schützen.Drehkreuz Port Said als zentraler UmschlagplatzBevor die Chem Helen im Juli den russischen Ölhafen Noworossijsk im Schwarzen Meer ansteuert, um Ladung für die Türkei aufzunehmen, macht sie Ende Juni in der alten ägyptischen Hafenstadt Alexandria Halt. Etwas östlich von ihr befindet sich der heute wohl wichtigste illegale Umschlagplatz für russisches Öl weltweit.Nur sieben Kilometer vor der Einfahrt zum Suezkanal ankert mehr als ein Dutzend Schattentanker – viele über Wochen oder Monate. Hier bei Port Said wird russisches Öl regelmäßig von Schiff zu Schiff gepumpt, die Herkunft verschleiert, zeigt ein Abgleich von Positionsdaten und Satellitenbildern. Der Suezkanal ist der schnellste Weg nach Indien und Fernost, zu den wichtigsten Abnehmern. Hier kommt russisches Öl aus dem Schwarzen Meer, aus der Ostsee und aus der Arktis zusammen. Vor der Kanaleinfahrt warten auch viele andere Schiffe. In dem Durcheinander lassen sich Herkunft und Transportweg des Öls gut verschleiern.Dabei setzt der Kreml auch schwimmende Lager ein, etwa den unter russischer Flagge fahrenden Tanker Sphere. Bis Mitte Juli ankerte er hier als Marble, trug die kamerunische Flagge.Die EU sanktioniert das Schiff seit 2025. Auf Druck aus Brüssel hat Kamerun kürzlich 39 Schiffe aus dem eigenen Billigregister gestrichen, auch die Marble. Russland flaggte das Schiff darauf selbst ein, benannte es um. Schließlich ist der Tanker ein zentraler Baustein im Ölmonopoly des Kremlherrschers.Ein Satellitenbild von den Gewässern vor Port Said zeigt, wie am 1. Juli zwei Tanker Rumpf an Rumpf liegen. Offensichtlich wird Öl von einem auf den anderen gepumpt. Positionsdaten senden die Schiffe in dem Moment nicht, wohl um die Aktion nicht auffliegen zu lassen.Die Herkunft des Öls verschleiern und auch den Weg, den es nimmt – darin übt sich der Kreml, so wie hier im Meer vor Port Said, Ägypten. Am 1. Juli wird offenbar russisches Öl zwischen der Marble (grau) und einem anderen Schiff transferiert. Foto: LiveEO/SentinelEin Abgleich mit zuvor gesammelten Standortdaten und Satellitenbildern zeigt: Das größere der zwei Schiffe ist die grau lackierte Marble. Das kleinere lässt sich nicht sicher identifizieren. Satellitenbilder zeigen die Marble in den darauffolgenden Wochen bei weiteren Transfers.Das jetzt Sphere genannte Schiff liegt Ende August noch immer vor Ägypten. Genauso wie die Topaz, die Brisk oder die Aquatica, Schattentanker, die den Sanktionsbeschreibungen nach in „dunkle Aktivitäten“ verwickelt sind. Bei der Boltaris lässt sich ein Schiff-zu-Schiff-Transfer am 16. Juli sogar mit Daten und einem Satellitenbild belegen.Die Tanker zählen zu einer Gruppe von zwölf Schiffen, die sich während der Beobachtung nirgends anders als am Suezkanal befanden. Hinzu kommen weitere stationierte Tanker mit Russlandbezug an der südlichen Kanalausfahrt.Die Daten zeigen auch, dass in jener Zeit mindestens 14 Tanker das Drehkreuz Port Said aus russischen Häfen in Europa angesteuert haben und wieder in Richtung Europa fuhren. Die in Sierra Leone registrierte und von der EU sanktionierte Izola etwa brach am 21. Juni aus der Ostsee in die Kola-Bucht nahe der russischen Arktisstadt Murmansk auf, nahm dort Anfang Juli Öl auf, um es nach Port Said zu schiffen. Dort wurde das Petroleum Ende Juli auf ein anderes Schiff geladen; die Izola fuhr zurück in die Ostsee.Nur gut 70 Prozent der Schattenflottentanker, die aus Europa in Port Said eintreffen, verhalten sich wie normaler Durchgangsverkehr, passieren also den Suezkanal binnen Stunden oder wenigen Tagen. Der Rest wartet länger, kehrt um oder liegt zum Ende der Beobachtung noch da.Ohne Tanker wohl kein KriegDas Geld, das Putin durch Schattentanker wie die Chem Helen und Marble einnimmt, erhöht Ökonomen zufolge die Intensität des russischen Krieges in der Ukraine. Nur ein Zahlenbeispiel: Wird eine einzige Ladung Rohöl, wie sie die Marble fasst, nicht zum gedeckelten Preis verkauft, stattdessen bei einem Ölpreis von 90 Dollar mit 15 Prozent Rabatt, kann der Kremlchef vom zusätzlichen Erlös zehn Iskander-M-Raketen bauen lassen. Und für Kiew spielt es eine Rolle, ob Russland bei einer Angriffswelle 50, 40 oder 10 ­solcher Raketen auf die Stadt abfeuert.Der Schattentanker Chem Helen Anfang August im Bosporus. Foto: Thomas StölzelDie Einnahmen entscheiden auch, wie vielen Soldaten und Söldnern Putin die üblichen 40 000 Euro Anwerbeprämie zahlen kann. Reicht das Geld nicht, müsste der Kreml womöglich junge Menschen in den Metropolen zwangsweise einziehen. Das könnte Widerstand im Volk auslösen und Putin veranlassen, den Krieg lieber zu beenden, sagt Experte Becker.Ein Teil des am Suezkanal umgeladenen Öls geht in Länder wie Tunesien, ­Syrien und die Türkei. Mitunter verliert sich die Spur des Öls aber auch, weil es wohl auf Tanker geladen wird, die nicht auf der vom ukrainischen Militärgeheimdienst erstellten Liste russischer Schattenschiffe stehen, auf der unsere Analyse fußt.Wenige erfasste Schattentanker bewegen sich wie die Norelia. Sie kam aus Indien nach Port Said, nahm Öl direkt von der Izola auf und fuhr zurück nach Indien.Warum Indien für Russlands Ölexporte unverzichtbar istIndien, das belegen die Daten, ist heute der wichtigste Abnehmer russischen Öls aus Europa, das sich nachverfolgen lässt. Überall im Land machen direkt aus Russland kommende Tanker fest, löschen Petroleum in Raffinerien. In Jamnagar, Mumbai, Bhubaneswar und Chennai.Nachdem die Mengen zu Beginn des Jahres auf Druck der USA kurzzeitig stark gesunken waren, importierte Indien im Juli so viel russisches Öl wie nie; laut Reuters kommt rund die Hälfte aller Öleinfuhren des Landes aus Russland.Auch wenn Indien nicht dem Preisregime der G7 angehört, muss Russland ­Rabatte gewähren. Den Raffinerien, die russisches Rohöl verarbeiten, spült das Milliarden in die Kasse, allen voran Reliance Industries in Jamnagar, der größte zusammenhängende Raffineriekomplex der Welt. „Was indische Raffinerien verdienen, wenn sie Öl unter Marktpreis kaufen, ist fantastisch“, sagt Janiv Shah, der in London das Öl- und Raffinerieteam beim Energiemarktforscher Rystad Energy leitet. Reliance selbst wollte sich nicht zur Höhe der Rabatte äußern.Eigentümer Mukesh Ambani gilt als reichster Geschäftsmann Asiens. Bloomberg schätzt sein Vermögen auf 100 Milliarden Dollar. Um Ölprodukte weiter in die EU exportieren zu dürfen, hat sein Unternehmen im Dezember die Anlage zweigeteilt: in einen Abschnitt für den Export, der offiziell kein russisches Öl verarbeitet, und einen, der große Mengen davon für den Binnenmarkt raffiniert, bestätigte ein Konzernsprecher. Den Daten nach hat Russlands Schattenflotte in den acht Wochen Beobachtungszeit mindestens 66 Tankerladungen Rohöl nach Jamnagar geliefert, das Reliance sowie eine kleinere, 900 Kilometer entfernte Binnenraffinerie versorgt. Hinzu kamen Ölprodukttanker. Reliance bestätigt, einen Teil der Ladungen empfangen zu haben.Der indische Raffineriemogul Mukesh Ambani, hier mit seiner Frau Nita, gilt als einer der größten Profiteure der russischen Schattenflotte. Foto: REUTERSDer Stockholmer Ökonom und Russlandexperte Becker sieht Indien als Schlüssel, will man der russischen Kriegsmaschine nachhaltig Geld entziehen. Europa könne dem Land engere Handels-, Investment- und Rüstungskooperationen anbieten – und im Gegenzug verlangen, dass es die G7-Preisgrenze achtet. Die Schattenflotte würde für Russlands Indiengeschäft weitgehend überflüssig. Russland könnte solide europäische Schiffe mit europäischen Versicherungen nutzen. Zugleich würde die Maßnahme den Geldfluss in den Kreml reduzieren: Indien könnte noch preiswerter einkaufen, Russland die Menge Öl nicht einfach woanders absetzen. „Es ist für mich unverständlich, dass Europa die Möglichkeit gegenüber Indien nicht nutzt“, sagt Becker.Julian Pawlak, Sicherheits- und Verteidigungsforscher am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit, hält Gegengeschäfte ebenso mit der Türkei und Ägypten für möglich. Dass sie wirken, zeige das Beispiel Kamerun. Brüssel hatte dem Land eine blockierte EU-Budgethilfe über 15 Millionen Euro freigegeben, um die Regierung zu bewegen, Schattenflottenschiffe wie die Marble aus dem Flaggenregister zu werfen.Im Fall von Ägypten müsste der Anreiz größer sein; das Land profitiert stark von den Kanalgebühren der Schattentanker. Allein in den acht Wochen waren es mehr als 230 Passagen. Gebührenwert: geschätzte 110 Millionen Dollar. Das entspricht knapp zehn Prozent der gesamten Kanaleinnahmen.Geduldet Von den HuthiDas Öl, das Russland durch den Suezkanal nach Indien schafft, durchquert auch die Meerenge Bab al-Mandab, in der jemenitische Huthi-Rebellen gelegentlich Schiffe angreifen. Viele westliche Reeder meiden die Gewässer, nehmen den 8000 Kilometer langen Umweg um Südafrika in Kauf. Nicht die Schattentanker. Sie transportieren russisches Öl aus Europa durch die Huthi-Zone. Das spart Moskau Treibstoff und bis zu 14 Tage Charter pro Strecke.Timo Blenk, Chef der auf Geopolitik spezialisierten Beratungsfirma Agora Strategy, geht davon aus, dass es eine Art Nichtangriffspakt der Huthi gegenüber der russischen Schattenflotte gibt: „Die Nähe Russlands zum Iran ist bekannt, die Nähe Irans zu den Huthi auch.“Huthi-Rebellen im Jemen nehmen seit Jahren ­Handelsschiffe an der Meerenge Bab al-Mandab ins ­Visier. Russische Tanker lassen sie offenbar in ­Ruhe. Foto: AFP via Getty ImagesDen Transportkostenvorteil gegenüber westlichen Schiffen kann Moskau nahezu direkt als Gewinn verbuchen. Besonders wertvoll war das in Monaten, in denen ein großer Teil der weltweiten Tankerflotte im Persischen Golf festsaß und Chartergebühren sich teilweise versiebzehnfachten.Wie Deutschland und Europa Schattentanker stoppen könntenWer auf der deutschen Ostseeinsel Fehmarn den Blick gen Horizont richtet, kann bei gutem Wetter Dänemark sehen. Und Schiffe der russischen Schattenflotte. Mehr als 100 Tanker passierten Fehmarn in der achtwöchigen Beobachtungszeit in fünf bis neun Kilometer Abstand.100 Prozent des russischen Ostseeöls schippert heute gemütlich durch deutsche Hoheitsgewässer. Voll beladen bevorzugen die Tanker den Fehmarnbelt, meiden Schwedens Fünfmeilenzone. Obwohl es ein Umweg ist. Sind die Schiffe leer auf dem Weg zu den russischen Ostseehäfen Ust-Luga, Primorsk, Sankt Petersburg, wagt ein Teil den Weg durch den Öresund zwischen Kopenhagen und Malmö.Der Grund: Die schwedische Küstenwache hat am 6. März nahe Trelleborg den Schüttgutfrachter Caffa aufgebracht, als er unter falscher Flagge auf dem Weg nach Sankt Petersburg war. Alle sechs Besatzungsmitglieder waren Russen. Der von Schweden im Mai ebenfalls festgesetzte Schattentanker Jin Hui liegt Positionsdaten zufolge noch immer vor Trelleborg, so wie die beschlagnahmte Sea Owl I. Insgesamt hat Stockholm 2026 fünf Schiffe, die Russland zugeordnet sind, festgesetzt.Ein Schuss, den Moskau hört. Als Stockholm die Caffa im August der Ukraine ausliefert, kocht Putin, bezichtigt den Westen der Piraterie.Der 228 Meter lange, von Schweden im März beschlagnahmte Ölproduktetanker Sea Owl I in der Ostsee. Der geringe Tiefgang des Schiffes zeigt, dass es leer war, als die Behörden es festsetzten. Foto: picture alliance / SZ PhotoDeutschland hält sich höflich zurück. Der Anfang 2025 in der Ostsee havarierte Tanker Eventin ist das einzige Schiff, das die Behörden bisher festgesetzt haben. Schlepper hatten es zuvor wegen Maschinenschaden nach Rügen gezogen.„Wir in Deutschland sind sehr wenig mutig, das internationale Seerecht etwas offener zu interpretieren“, kritisiert Johannes Peters, Leiter der Abteilung für Maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik in Kiel. Er untersucht die Schattenflotte und Wege, sie aufzuhalten. Andere Staaten hätten gezeigt, dass man das kann. Und wenn man es tue, „tut Russland genau gar nichts“. Weder gegenüber den Esten, Schweden, Finnen, Briten noch den Franzosen habe der Kreml je eine Drohung wahr gemacht.Deutschland diskutiert über getrennte Zuständigkeiten von Polizei und Streitkräften. Das Bundesinnenministerium teilt auf Anfrage mit, die Behörden würden auf See die „gebotenen Maßnahmen“ ergreifen, sofern rechtliche Voraussetzungen gegeben seien – im Einzelfall prüfen, ob man Einfahrverbote in deutsche Gewässer ausspreche. Vom Verteidigungsministerium heißt es, die Marine könne lediglich unterstützen, da der Einsatz der Streitkräfte im Hoheitsgebiet verfassungsrechtlichen Auflagen unterliege.Dass Beschlagnahmungen wirken, die Gewinnmarge Russlands schmälern, zeigen Positionsdaten um Großbritannien. Das Land hat Anfang Juni den unter kamerunischer Flagge laufenden Tanker Smyrtos auf seiner Fahrt durch den Ärmelkanal festgesetzt. Die meisten Schattenflottenschiffe nehmen nun einen zweitägigen Umweg um Großbritannien und Irland in Kauf, wenn sie mit russischem Öl unterwegs nach Port Said sind.Auf dem Rückweg nach Russland nutzen leere Tanker wie die Amulet, Bond und Oasis nach wie vor den Ärmelkanal.Einmal kurz um KoreaAuch in Nachodka hat Russlands Krieg gegen die Ukraine Spuren hinterlassen. Obwohl das Hafenstädtchen 7000 Kilometer weit weg von der Front liegt. Hier in Russlands Osten, am Japanischen Meer, haben die Mobilmachungswellen des Kreml die Reihen junger Männer dezimiert. Sie lassen sich auch deshalb in die Armee werben, weil die Heimat nicht viel zu bieten hat, die Aussichten auf Jobs nicht gut sind.Dennoch gibt es über Nachodka auch andere Geschichten zu erzählen. Am Rand des Städtchens nahe Wladiwostok endet die Ostsibirien-Pazifik-Pipeline. Sie liefert Petroleum von nördlich des Baikalsees gelegenen Ölfeldern. Hier wird es auf Schattenflottenschiffe geladen. Und dieses Geschäft brummt. Zudem kommen hier Tanker durch, die auf der russischen Pazifikinsel Sachalin oder in Kamtschatka gefördertes Öl geladen haben.Ein großer Teil des Petroleums in Nachodka hat keine lange Reise mehr vor sich. Die Tanker schaffen es nur einmal um die koreanische Halbinsel herum zu den Ölhäfen an der chinesischen Bohaisee. Hier befinden sich Dutzende Großraffinerien und viele kleine Anlagen, sogenannte Teekannen, die billiges vom Westen sanktioniertes Öl verarbeiten.Es ist eines der größten petrochemischen Cluster weltweit. Mehr als die Hälfte aller aus Nachodka kommenden Tanker steuert die nahe Peking gelegene Bohaisee oder nahe Bereiche an. Weitere gehen in petrochemische Cluster nahe Shanghai und ins Perlflussdelta bei Hongkong.Mehrere Dutzend Großraffinerien wie Hengli Petrochemical Refining in Dalian gibt es rund um die chinesische Bohaisee. Russisches Öl wird in der Gegend in riesigen Mengen verarbeitet. Foto: Xinhua / eyevine / laifDer schwedische Ökonom Becker hält auch Gespräche mit China über die Einhaltung der G7-Preisgrenze für möglich – wenn Europa geschlossen aufträte und Nachlässe bei Strafzöllen anbieten würde. Allerdings ist die Sache hier komplexer als im Fall von Indien oder der Türkei. China beliefert Russlands Kriegsmaschine auch mit Technologie, die russische Bevölkerung mit Autos und Produkten, die sie nicht mehr aus dem Westen bekommt.Neben Indien ist China der zweite Ölmegakunde Russlands. So besaß das Land bislang genug Macht, um Rabatte von weit über 20 Prozent auszuhandeln.Doch die Blockade von Hormus hat die Kräfteverhältnisse verschoben. China muss mehr russisches Öl kaufen, weil nach Venezuela auch der Iran als Lieferant ausfällt. Das erlaubt es dem Kreml zum Teil, weniger Rabatt zu gewähren, sagt Rystad-Experte Shah. Waren es der Denkfabrik CREA zufolge vor dem US-Iran-Krieg in der Spitze um die 30 Prozent, so schrumpfte der Nachlass inzwischen teils auf 15 Prozent.Rund 17 Prozent aller Schattentanker aus Nachodka erreichen die Gewässer östlich von Singapur, 70 Kilometer vor der Malaiischen Halbinsel, wo ähnlich Port Said ein Drehkreuz für russisches Öl existiert. Satellitenbilder zeigen auch hier Schiff-zu-Schiff-Transfers – selbst wenn ein Nachweis, dass die Schattenflotte hier beteiligt ist, schwerer fällt: Es gibt hier weniger wolkenfreie Bilder.Die Situation ähnelt der bei Port Said. Sieben Schattenschiffe liegen die ganze Zeit hier, einige bewegen sich verdächtig. Auch trift mehr als ein Dutzend Tanker aus Häfen in Westrussland oder aus Suez ein, hält sich kurz auf, kehrt dann um – etwa die aus dem Schwarzen Meer via Istanbul gekommene Suveren. Just an jener Stelle, an der sie am 31. Juli den Positionsdaten nach liegt, zeigt ein Satellitenfoto vom Tag davor einen Transfer. Beide Tanker auf dem Bild passen laut Decklackierung und Länge ins Profil der Suveren. Am Tag des Transfers gibt es kein Ortungs­signal.„Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass wir das System Schattenflotte in Gänze austrocknen können“, resümiert der Kieler Experte Peters. Aber Europa müsse zusehen, dass es die Kosten für Russland hochtreibt. Da helfe jeder Umweg, jede Verspätung, jedes Land, das den Preisdeckel anerkennt.Dass Kremlchef Putin auch hinsichtlich seiner Schattenflotte alle Optionen ausreizt, verdeutlicht das Dutzend Tanker, das in den vergangenen Wochen auf einer ungewöhnlichen Route unterwegs war. So arbeitete sich etwa der Rohöltanker Breez, der keine Eisfestigkeitsklasse hat, aus der Ostsee durch die fast eisfreie arktische Nordostpassage in die chinesische Bohaisee vor. Das Signal des Kreml: Öl kann aus Murmansk nach China gebracht werden, ohne EU-Gewässer zu berühren.Damit immerhin dürfte es bald fürs Erste vorbei sein. Die Arktisroute ist für normale Tanker im Winter und Frühjahr praktisch unbefahrbar.