Am 11. September 2001 entführten islamistische Terroristen an der Ostküste der USA vier Passagierflugzeuge. Sie setzten die Boeings als tödliche Waffen ein, zerstörten das World Trade Center in New York und beschädigten das Pentagon. 2977 Menschen starben. Ein Protokoll.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenKein Ereignis der Weltgeschichte ist intensiver erforscht worden als die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001. Ohnehin verfolgten hunderte Millionen Menschen live am Fernseher die Folgen des, gemessen an der Zahl der Opfer, schlimmsten aller Terroranschläge: 2977 Menschen kamen ums Leben, die 19 Terroristen nicht gerechnet. Allein der Abschlussbericht der Kongress-Kommission umfasst 585 Seiten; hinzu kommen mehrere Tausend Seiten Protokolle öffentlicher Hearings und zahlreiche Spezialberichte zu Einzelaspekten sowie 850.000 Blatt Material. Das FBI ging einer halben Million einzelnen Hinweisen nach, befragte rund 167.000 Zeugen, sammelte mehr als 150.000 Beweisstücke und fast 170.000 Fotos oder Bilddateien. Auch die Flugsicherheitsbehörde Federal Aviation Administration füllte 126 Archivboxen mit Unterlagen, geschätzt knapp 200.000 Blatt. Das Material erlaubt eine nahezu vollständige Rekonstruktion der Ereignisse – nichts widerlegt die ungezählten Verschwörungstheorien besser. Das Protokoll zu 9/11 – alle genannten Uhrzeiten sind die jeweilige Ortszeit.Portland (US-Bundesstaat Maine), 5.45 Uhr. Mohammed Atta und sein Begleiter Abdulaziz al-Omari checken am Flughafen für ihren Zubringerflug nach Boston ein. Dabei löst ein computergestütztes Warnsystem aus: Attas aufgegebenes Gepäck wird erst verladen, nachdem er die Maschine bestiegen hat.Sarasota (US-Bundesstaat Florida), gegen 6 Uhr. In seiner Suite im Strandhotel „Colony Beach Resort“ wacht US-Präsident George W. Bush auf. Lesen Sie auchBoston, 6.52 bis 6.55 Uhr. Wenige Minuten nach der Ankunft der Maschine aus Portland telefonieren Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi. Beide befinden sich in verschiedenen Teilen des Flughafens und warten auf das Boarding ihrer Flüge nach Los Angeles: American Airlines Flug 11 und United Airlines Flug 175.Sarasota, gegen 7 Uhr. Nach einer Jogging-Runde von etwa sieben Kilometern um einen benachbarten Golfplatz mit einigen Leibwächtern kehrt Präsident Bush zurück in sein Hotel. Newark (US-Bundesstaat New Jersey), 7.03 bis 7.39 Uhr. Drei junge Männer aus Saudi-Arabien sowie der Libanese Ziad Jarrah checken auf dem zweitgrößten Flughafen im Raum New York für United Airlines Flug 93 nach San Francisco ein. Bei einem von ihnen schlägt ein automatisches Warnsystem Alarm; sein Gepäck wird gesondert auf explosive Stoffe überprüft und dann verladen.Lesen Sie auchWashington D.C., 7.15 bis 7.35 Uhr. Auf dem Flughafen Dulles International checken die fünf Terroristen für Flug 77 der American Airlines nach Los Angeles ein. Alle fünf fallen auf: Zwei lösen den Metalldetektor aus und werden ohne Ergebnis nachkontrolliert, bei den anderen warnt das automatische Warnsystem.Boston, 7.23 bis 7.28 Uhr. Ohne Probleme besteigen Marwan al-Shehhi und vier weitere Entführer United Airlines Flug 175, eine Boeing 767.Boston, 7.59 Uhr. Flugkapitän John Ogonowski und sein Erster Offizier Thomas McGuinness starten Flug American Airlines 11 mit 14 Minuten Verspätung. An Bord sind 92 Personen: 76 Passagiere, 11 Besatzungsmitglieder – und fünf Terroristen.Sarasota, gegen 8 Uhr. George W. Bush beginnt nach dem Joggen und einem leichten Frühstück sein Tagesprogramm mit dem allmorgendlichen Sicherheits-Briefing. Die CIA warnt wie üblich vor erhöhter Terrorgefahr. Konkrete Hinweise gibt es nicht.Boston, 8.14 Uhr. United Airlines Flug 175 hebt ab. Im Cockpit sitzen Victor Saracini und Michael Horrocks; an Bord sind 51 Passagiere, sieben Mitglieder der Kabinencrew – und fünf Terroristen.Über West-Massachusetts, 8.14 Uhr. Kurz vor Erreichen der Reiseflughöhe entführen Mohammed Atta und seine vier Helfer American Airlines Flug 11. Wahrscheinlich werden die beiden Piloten sofort ermordet. Auch ein israelischer Passagier, der die Entführer zu überwältigen versucht, stirbt.Lesen Sie auchÜber dem US-Bundesstaat New York, 8.19 Uhr. Die Stewardess Betty Ong ruft von Flug American Airlines 11 bei einem Büro ihrer Fluggesellschaft an und berichtet: „Das Cockpit antwortet nicht, jemand ist in der Business-Klasse erstochen worden. Ich weiß nicht, ich glaube, wir sind entführt worden.“Washington D.C., 8.20 Uhr. Mit zehn Minuten Verspätung starten Flugkapitän Charles F. Burlingham und Copilot David Charlebois den American Airlines Flug 77 nach Los Angeles. An Bord der Boeing 757 sind 53 Passagiere, sechs Crew-Mitglieder – und fünf Terroristen. Fort Worth, 8.21 Uhr. Die Leitzentrale von American Airlines wird über Betty Ongs Notruf informiert. Noch ist Flug 11 auf dem vorgesehenen Kurs, aber eine Anfrage beantwortet das Cockpit nicht.Lesen Sie auchÜber dem US-Bundesstaat New York, 8.23 Uhr. Aus dem Cockpit macht Mohammed Atta eine Ansage an die Passagiere. Dabei drückt er die Funktaste, sodass seine Worte in der Flugkontrolle Boston zu hören sind. Mit starkem Akzent sagt er: „Wir haben Flugzeuge. Bleiben Sie sitzen und alles wird gut. Wir kehren zum Flughafen zurück.“ Die Bedeutung des ersten Satzes erkennen die Fluglotsen nicht sofort.Boston, 8.25 Uhr. Die Lotsen in der Flugkontrolle halten fest, dass American Airlines Flug 11 entführt worden ist. Über Schenectady (US-Bundesstaat New York), 8.26 Uhr. American Airlines Flug 11 ändert den Kurs scharf Richtung Süden.Lesen Sie auchHerndon (US-Bundesstaat Virginia), 8.28 Uhr. In der Leitstelle der US-Luftfahrtbehörde erfährt Direktor Ben Sliney von der Entführung von American Airlines Flug 11. Sofort unterbricht er sein Tagesgeschäft.Sarasota, 8.30 Uhr. George W. Bush verlässt nach dem Briefing das Hotel. Er verabschiedet sich vom Manager und besteigt dann seine wartende Limousine.Boston, 8.37 Uhr. Ein Fluglotse bittet die Besatzung von United Flug 175, nach einer Boeing 767 von American Airlines in der Nähe Ausschau zu halten. 56 Sekunden später bestätigt Copilot Michael Horrocks, die Maschine zu sehen.Boston, 8.38 Uhr. Nach einigen Minuten Unsicherheit und erfolgloser Suche nach dem Verbindungsoffizier der Air Force informiert ein Mitarbeiter der zivilen Flugkontrolle direkt die Luftverteidigungszentrale Nordost (NEADS) in Rome (US-Bundesstaat New York) über die Entführung von American Airlines Flug 11.Über dem US-Bundesstaat New York, 8.41 Uhr. Der Funkkontakt zu United Airlines Flug 175 bricht ab: Fünf junge Männer entführen die Boeing 767; sie erstechen beide Piloten und drohen mit einer Bombe.Rome, 8.42 Uhr. Die NEADS-Offiziere entscheiden, die Alarmrotte der Luftwaffenbasis Otis AFB in Massachusetts zu alarmieren.Newark, zur selben Zeit. Mit 42 Minuten Verspätung hebt United Airlines Flug 93 ab, eine Boeing 757. Mit Kapitän Jason Dahl und seinem Copiloten LeRoy Homer Jr. fliegen fünf weitere Besatzungsmitglieder, 32 Passagiere – und vier Terroristen.Über der Bronx, 8.44 Uhr. Mohammed Atta beginnt den Anflug auf sein Ziel, den nördlichen Turm des World Trade Centers. Er steuert die Boeing 767 mit fast zwölf Kilometern pro Minute in wenigen hundert Metern Höhe über Manhattan. Die Stewardess Amy Sweeney schreit ins Telefon: „Wir fliegen niedrig, niedrig, viel zu niedrig. Ich sehe Gebäude, ich sehe Wasser. Oh mein Gott, wir sind zu tief.“Rome, 8.46 Uhr. Der Offizier vom Dienst befiehlt der Alarmrotte der Otis AFB den sofortigen Start.Südliches Manhattan, 8.46 Uhr. Der französische Filmemacher Jules Naudet hält zufällig auf Video fest, wie American Airlines Flug 11 auf den Nordturm des World Trade Centers zurast.Brooklyn, zur selben Zeit. Der tschechische Bauarbeiter Pavel Hlava filmt die letzte Sekunde vor der Kollision. Er ist mit Kollegen im Auto auf der Fahrt zum Tunnel nach Manhattan.Südliches Manhattan, 8.46 Uhr. American Airlines Flug 11 schlägt zwischen dem 94. und dem 98. Stockwerk in den 410 Meter hohen Turm ein. Die 38.000 Liter Kerosin an Bord detonieren mit einem gewaltigen Feuerball.Nordturm des World Trade Centers, zur selben Zeit. Im 89. Stockwerk spürt die PR-Beraterin Lynn Simpson einen „gewaltigen Knall“. Das Licht geht aus, die Sprinkleranlage löst aus. 37 Stockwerke tiefer sieht die Journalistin Laura Lapreta „alles durcheinanderfliegen“. Das Gebäude schwankt wie bei einem Erdbeben. Nach einigen Schrecksekunden hat die Schweizerin nur noch einen Gedanken: „Raus, raus, raus!“Atlanta, 8.48 Uhr Ortszeit. Die Sendezentrale von CNN blendet in das laufende Programm ein Laufband mit der Eilmeldung ein: „Flugzeug schlägt im World Trade Center ein.“Herndon, zur selben Zeit. Durch CNN erfährt Ben Sliney in der FAA-Leitstelle, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sein soll. Noch gibt es kein Bild des Einschlags – es heißt, es habe sich um eine kleine zweimotorige Maschine gehandelt.Rome, 8.49 Uhr. Die Radar-Beobachter der Luftverteidigungszentrale suchen auf ihren Schirmen das Echo von American Airlines Flug 11. Sie finden nichts mehr.Südliches Manhattan, 8.50 Uhr. Die ersten Männer der New Yorker Feuerwehr treffen am World Trade Center ein. Sie waren bei einem Einsatz in der Nähe.Über West Virginia, 8.51 Uhr. Hani Hanjour und seine vier Helfer entführen American Airlines Flug 77. Die Passagiere und Besatzungsmitglieder werden in den rückwärtigen Teil der Kabine getrieben.Herndon, zur selben Zeit. Bei CNN sehen Sliney und seine Kollegen die ersten Livebilder des getroffenen Nordturms des World Trade Centers. Für eine kleine Sportmaschine ist der Schaden viel zu groß. Sliney fürchtet, dass es sich um American Airlines Flug 11 gehandelt haben könnte.Über New Jersey, 8.52 Uhr. United Airlines Flug 175 antwortet nicht auf Fragen der Flugkontrolle.Otis AFB, 8.53 Uhr. Zwei Abfangjäger starten und nehmen Kurs nach Osten auf das offene Meer, wie es ihren Einsatzplänen entspricht. Die Piloten haben nicht erfahren, dass NEADS sie über New York braucht.New York, zur selben Zeit. Ein Fluglotse erkennt, dass United Flug 175 wahrscheinlich ebenfalls entführt worden ist.Sarasota, 8.55 Uhr. Auf dem Weg zur Aula der Emma-Booker-Grundschule erfährt George W. Bush, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen ist. Es habe sich um ein kleines Sportflugzeug gehandelt. Bush wundert sich, dass ein Pilot so schlecht fliegen soll, dass er bei blauem Himmel ein Hochhaus rammt.Südliches Manhattan, zur selben Zeit. Melissa Harrington-Hughes, die zu einer Konferenz im 101. Stock des Nordturms aus Kalifornien nach New York gekommen ist, ruft ihren Vater an. Er versucht, die 31-Jährige zu beruhigen, und schaltet CNN ein. Obwohl er erschrickt, versucht er, ganz ruhig zu bleiben: „Du gehst jetzt zum Treppenflur und verlässt dieses Gebäude, so schnell du kannst. Ich liebe Dich.“ Melissa antwortet: „Ich liebe Dich auch, Dad. Du musst mir einen Gefallen tun. Du musst Sean anrufen und ihm sagen, wo ich bin und dass ich ihn liebe.“Über West Virginia, 8.56 Uhr. American Airlines Flug 77 schaltet den Transponder aus, der Position, Höhe und Kurs automatisch in der Flugleitzentrale anzeigt.Südliches Manhattan, 8.57 Uhr. Der 34-jährige Chris Hanley ruft beim Polizeinotruf an: „Ich befinde mich im 106. Stock des World Trade Centers. Es gab gerade eine Explosion, ich denke, im 105. Stock oder so.“ Die Antwort lautet: „Ich möchte, dass Sie da bleiben, wo Sie sind. Wir kommen hoch, um Sie zu holen.“ Hanley antwortet: „Bitte beeilen Sie sich. Wir haben kaum noch Luft hier.“Sarasota, 9 Uhr. In der Emma-Booker-Grundschule beginnen die Kinder, ihrem Gast George W. Bush vorzulesen. Der US-Präsident ist sichtlich unkonzentriert, bemüht sich aber, ruhig zu wirken.New York, zur selben Zeit. Ein Fluglotse spricht mit der FAA-Zentrale in Herndon: „Das ist eine ganz, ganz große Sache hier. Wir brauchen das Militär. Wir stecken hier in irgendetwas ganz Üblem.“Über New Jersey, 9.02 Uhr. Marwan al-Shehhi lenkt United Airlines Flug 175 von Südwesten aus auf die Spitze Manhattans zu. Zahlreiche Kameras, von Privatleuten ebenso wie von Profis, dokumentieren den Anflug. Auf den Livebildern von CNN und anderen Sendern aber ist die Maschine nicht zu erkennen: Sie zeigen den brennenden Nordturm.Rome, 9.03 Uhr. Die Luftverteidigungszentrale NEADS erfährt, dass ein zweites Flugzeug entführt worden ist.Südliches Manhattan, 9.03 Uhr. Die Boeing 767 schlägt zwischen dem 78. und dem 84. Stockwerk in den Südturm des World Trade Centers ein. Ein gewaltiger Feuerball schießt auf der gegenüberliegenden Seite aus dem Gebäude.In aller Welt, zur selben Zeit. Auf vielen Millionen Fernsehgeräten ist die Explosion nach dem zweiten Einschlag live zu sehen.Sarasota, zur selben Zeit. In der Aula der Emma-Booker-Grundschule empfangen viele der anwesenden Stabsmitarbeiter und Journalisten Eilmeldungen auf ihren Telefonen und Pagern.Sarasota, 9.07 Uhr. Der Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, geht zu Präsident Bush und flüstert ihm ins Ohr: „Ein zweites Flugzeug ist ins World Trade Center eingeschlagen. Amerika wird angegriffen.“ Bush wird aschfahl, bleibt aber sitzen.Rome, wenig später. Der diensthabende Offizier im NEADS erfährt vom Einschlag im zweiten Turm und gibt den Befehl, dass die beiden Abfangjäger aus Otis sofort nach New York fliegen sollen.Über dem Atlantik nahe der US-Ostküste, 9.13 Uhr. Die Piloten der beiden F-15-Abfangjäger der Otis AFB wenden und fliegen mit maximaler Marschgeschwindigkeit nach New York.New York, 9.15 Uhr. Die Fluglotsen bestätigen anhand der aufgezeichneten Flugbewegungen, dass tatsächlich United Airlines 175 die Maschine war, die in den Südturm geflogen ist.Langley, zur selben Zeit. CIA-Direktor George Tenet ist vom Frühstück mit einem Ex-Senator in Washington D.C. zurück in der Zentrale des Geheimdienstes. Die CIA-Führung und Experten erwarten ihn. Alle Anwesenden nehmen an, dass die Terrorgruppe al-Qaida zugeschlagen hat.Sarasota, 9.16 Uhr. George W. Bush steht in der Aula der Emma-Booker-Grundschule auf. Ein Journalist ruft ihm zu: „Mr. Präsident, wissen Sie Bescheid über den Flugzeug-Unfall in New York?“ Bush antwortet: „Ich werde gleich darüber sprechen!“Unter Washington D.C., zur selben Zeit. Vizepräsident Dick Cheney und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sind von ihren Leibwächtern in den atombombensicheren Bunker unter dem Weißen Haus gebracht worden. Von hier aus versuchen sie, einen Überblick über die Lage zu bekommen.Südliches Manhattan, 9.19 Uhr. Hunderte Menschen strömen aus dem Südturm des World Trade Centers. Die Evakuierung der Stockwerke unter dem Einschlag läuft erstaunlich glatt, obwohl gleichzeitig Feuerwehrleute die Nottreppen hinaufhetzen.Sarasota, 9.22 Uhr. George W. Bush telefoniert mit dem Bunker des Weißen Hauses. Es werden keine Entscheidungen getroffen.Rome, 9.24 Uhr. Die Luftverteidigungszentrale NEADS stellt fest, dass auch American Airlines Flug 77 wahrscheinlich entführt worden ist und Kurs auf Washington nimmt. Sofort werden zwei Abfangjäger der nächstgelegenen Fliegerbasis alarmiert.Über Pennsylvania, zur selben Zeit. Im Cockpit von United Airlines Flug 93 kommt eine Textnachricht aus der United-Zentrale an: „Achtung, vor einem möglichen Eindringen ins Cockpit wird gewarnt!“ Ein Fluglotse wiederholt die Warnung und teilt den Piloten mit, dass zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind.Herndon, 9.25 Uhr. Ben Sliney erlässt ein allgemeines Startverbot für Flugzeuge in den gesamten USA. Er überlegt auch, wie schnellstmöglich alle etwa 4550 zivilen Maschinen zum Landen gebracht werden können, die sich über Nordamerika in der Luft befinden.Über Pennsylvania, 9.28 Uhr. Zwei Männer dringen ins Cockpit von United Airlines Flug 93 ein. Einer tötet beide Piloten und zerrt ihre Körper in die Pantry, der andere übernimmt das Steuer – Ziad Jarrah. Sarasota, 9.29 Uhr. Präsident Bush gibt in der Emma-Booker-Grundschule ein kurzes Statement ab: „Heute erleben wir eine nationale Tragödie. Zwei Flugzeuge sind in das World Trade Center eingeschlagen. Es handelt sich offensichtlich um eine Terrorattacke auf unser Land.“Sarasota, 9.34 Uhr. Die Fahrzeugkolonne des US-Präsidenten verlässt die Emma-Booker-Grundschule und rast zum Flughafen von Sarasota, wo die Air Force One startbereit steht.Washington D.C., 9.37 Uhr. Direkt von Westen rast American Airlines Flug 77 im extremen Tiefflug in das Pentagon. Hunderte Menschen sehen, wie die Boeing 757 über den viel befahrenen Washington Boulevard hinwegdröhnt. Sie schlägt in Höhe des ersten Stocks in das Gebäude ein. Einige Trümmerteile prallen an den massiven Wänden ab und schlagen auf der Wiese vor dem Pentagon auf.Über Ohio, 9.38 Uhr. United Airlines Flug 93 schwenkt nach Ostsüdost, direkt auf Washington D.C. zu.In aller Welt, 9.39 Uhr. Unzählige TV-Sender zeigen inzwischen die Livebilder aus New York. Da kommt die Eilmeldung, dass auch über der US-Hauptstadt eine gewaltige Rauchwolke stehe. Zunächst ist unklar, welches Gebäude brennt.Herndon, 9.40 Uhr. Zum ersten Mal in der Geschichte erlässt die FAA ein totales Flugverbot im Luftraum über den USA. Alle Maschinen müssen den nächstgelegenen Flughafen ansteuern. Nur noch militärische und zwingend erforderliche medizinische Flüge sind zulässig.Über Ohio, 9.42 Uhr. Aus der Kabine von Flug 93 ruft der 31-jährige Mark Bingham seine Mutter an: „Ich wollte Dich wissen lassen, dass ich Dich liebe. Ich rufe aus dem Flugzeug an. Wir sind entführt worden. Es sind drei Männer und die sagen, sie hätten eine Bombe.“Sarasota, zur selben Zeit. Der Autokonvoi mit George W. Bush erreicht die Air Force One. Der Präsident eilt an Bord.Über Ohio, 9.45 Uhr. Zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten telefoniert Tom Burnett aus United Flug 93 mit seiner Frau. Sie erzählt ihm vom Einschlag eines dritten Flugzeuges ins Pentagon. Tom glaubt nicht, dass die Bombe echt ist, mit der einer der beiden Entführer in der Kabine die Passagiere bedroht.Auf allen US-Militärstützpunkten, zur selben Zeit. Nach dem Einschlag im Pentagon wird die Alarmstufe für alle Einheiten auf Stufe Delta erhöht. So hoch war sie seit 1973 nicht mehr.Washington D.C., zur selben Zeit. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist von seinem Büro in einen anderen Flügel des Pentagon zur Einschlagstelle gerannt und hilft dort, Verletzte zu bergen. Erst als ein Offizier ihn auffordert, sich in die Einsatzzentrale zu begeben, geht Rumsfeld.Über Washington D.C., 9.49 Uhr. Zwei Abfangjäger kommen über der Hauptstadt an und beginnen zu kreisen.Südturm des World Trade Centers, 9.50 Uhr. Aus dem 105. Stockwerk erreicht der 46-jährige Kevin Cosgrove den Notruf. Es fällt ihm schwer zu sprechen, seine Stimme bricht immer wieder ab. Er sagt zur Mitarbeiterin am Notruf: „Lady, wir sind zu zweit in diesem Büro. Wir sind noch nicht bereit zu sterben, es wird immer schlimmer hier.“ Doch sie kann nichts anderes tun, als ihn wider besseres Wissen zu beruhigen: „Okay, bleiben Sie ruhig. Wir kommen zu Ihnen, so schnell es geht.“Unter Washington D.C., 9.55 Uhr. Im Bunker des Weißen Hauses erfährt Vizepräsident Cheney, dass ein weiteres entführtes Flugzeug nur noch 140 Kilometer von der Hauptstadt entfernt sei. Ein Verbindungsoffizier fragt ihn: „Sollen wir eingreifen?“ Cheney antwortet: „Ja.“ Einen klaren Befehl zum Abschuss erteilt er nicht.Über Pennsylvania, 9.56 Uhr. Der United-Airlines-93-Passagier Todd Beamer hat zwölf Minuten lang mit einer Mitarbeiterin der Telefongesellschaft gesprochen, weil er seine Familie nicht erreicht. Jetzt sagt Beamer ihr, mehrere Passagiere wollten die Entführer zu überwältigen versuchen. Dann legt er den Hörer weg, doch die Leitung bleibt offen. Sie hört: „Seid ihr Jungs fertig? Lasst es uns anpacken!“ Sie überwältigen ein oder zwei der Entführer und dringen bis zum Cockpit vor.Über Pennsylvania, anderthalb Minuten später. Ziad Jarrah sagt im Cockpit der Boeing 757: „Ist da etwas? Ein Kampf?“ Dann reißt er das Flugzeug in den Sturzflug.Südliches Manhattan, 9.59 Uhr. Der Südturm des World Trade Centers beginnt einzustürzen. Innerhalb von zehn Sekunden bricht der 410 Meter hohe Koloss in sich zusammen. Die oberen Stockwerke drücken auf die vom Einschlag schwer beschädigten Pfeiler, die zudem durch die hohen Temperaturen des Feuers geschwächt sind.In aller Welt, zur selben Zeit. Der Einsturz des Südturms wird von den meisten großen TV-Sendern live übertragen. Noch nie zuvor haben so viele Menschen eine Katastrophe so unmittelbar sehen können. Rund 900 Menschen, die meisten davon gefangen oberhalb der Einschlagsstelle, sterben. Unter ihnen ist Kevin Cosgrove. Sarasota, zur selben Zeit. Die Air Force One hebt per Alarmstart ab.Über Pennsylvania, 10.00 Uhr. Der Stimmenrekorder von United Flug 93 zeichnet die Stimme eines Amerikaners auf: „Ins Cockpit. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir alle sterben!“ Die Tür zum Cockpit ist bereits aufgebrochen.Unter Washington D.C., 10.02 Uhr. Im Bunker des Weißen Hauses treffen Meldungen ein, dass ein entführtes Flugzeug die US-Hauptstadt anfliege.Über Pennsylvania, 10.02 Uhr. Trotz der extremen Flugmanöver von Ziad Jarrah setzen die Passagiere ihren Versuch fort, die Entführer aus dem Cockpit zu vertreiben. Ein Araber, der neben Jarrah sitzt, schreit: „Lass sie abstürzen! Lass sie abstürzen!“ Sekunden später geht die Boeing 757 in einen steilen Sturzflug.Shanksville, 10.03 Uhr. Mit mehr als 900 Kilometern pro Stunde zerschellt United Flug 93 auf einem Feld. Die meisten Trümmer graben sich in die Erde ein, aber einige größere Reste prallen vom Boden ab und landen in dem direkt benachbarten Wald.Südliches Manhattan, 10.07 Uhr. Ein Hubschrauber der New Yorker Polizei meldet, dass sich die Stockwerke des Nordturms oberhalb der Einschlagstelle von American Airlines Flug 11 zu neigen beginnen.Washington D.C., 10.10 Uhr. Der getroffene Teil des Pentagons stürzt ein.Manhattan, 10.13 Uhr. Nach einer Warnung wird das Hochhaus der Vereinten Nationen am East River evakuiert.Herndon, 10.15 Uhr. Innerhalb von 35 Minuten nach dem Landebefehl sind in den gesamten USA etwa 2000 Zivilflugzeuge gelandet. Weitere 2500 befinden sich noch in der Luft und warten auf Landefreigabe.Unter Washington D.C., 10.18 Uhr. Vizepräsident Cheney gibt den Befehl, weitere entführte Flugzeuge abzuschießen, wenn sie sich weigern, den Befehlen des US-Militärs zu folgen.Südliches Manhattan, 10.28 Uhr. Der Nordturm des World Trade Centers bricht zusammen. Innerhalb von neun Sekunden stürzen eine Viertelmillion Tonnen Stahl, Beton und anderes Material ineinander. Beim Einsturz kommen mindestens tausend Menschen ums Leben, unter ihnen Harrington-Hughes und Chris Hanley. In der Luft über dem Südosten der USA, 10.32 Uhr. Präsident Bush und sein Vize Cheney telefonieren. Bush sagt: „Wir werden herausfinden, wer uns das angetan hat, und dann werden wir sie in den Arsch treten.“Washington D.C., 10.45 Uhr. Alle Regierungsgebäude werden evakuiert.New York, 11.02 Uhr. Bürgermeister Rudolph Giuliani ordnet die Evakuierung des südlichen Teils von Manhattan an. Über Brücken und Tunnel strömen hunderttausende Menschen aus der Gefahrenzone. Auch Touristenboote der Circle-Line und anderer Anbieter beteiligen sich mit Fährfahrten an der Evakuierung.Barksdale (US-Bundesstaat Louisiana), 11.40 Uhr. Nach rund hundert Minuten Flug landet die Air Force One auf dem Luftwaffenstützpunkt. Präsident Bush eilt sofort in einen verbunkerten Befehlsstand und gibt ein kurzes Statement ab: „Die Freiheit selbst ist heute hinterrücks angegriffen worden. Die Freiheit wird verteidigt werden!“Washington D.C., gegen 12 Uhr. Dank der von Stewardessen aus den entführten Maschinen durchgegebenen Informationen, der Passagierlisten und Buchungen sowie der Einreisedaten identifiziert das FBI 19 junge Männer arabischer Herkunft als mutmaßliche Täter. Alle hatten One-Way-Tickets, zudem wurden einige der Flüge auf verschiedenen Maschinen mit denselben Kreditkarten bezahlt.Herndon, 12.16 Uhr. Bis auf 50 Maschinen sind alle Flugzeuge, deren Landung die FAA um 9.40 Uhr angeordnet hatte, sicher gelandet. Keine der restlichen Maschinen, die noch auf eine Landefreigabe warten, meldet Probleme.Barksdale, 12.35 Uhr. Zum zweiten Mal gibt Präsident Bush ein kurzes Statement ab: „Die USA werden die Verantwortlichen für diese hinterhältigen Taten jagen und zur Strecke bringen.“Boston, gegen 12.45 Uhr. Auf dem Flughafen wird das Gepäck von Mohammed Atta identifiziert, das aus Zeitmangel nicht mehr vom Zubringerflug aus Portland in Flug 11 der American Airlines umgeladen wurde.Barksdale, 13.48 Uhr. Die Air Force One mit George W. Bush an Bord hebt ab. Der Präsident will nach Washington D.C. geflogen werden, doch sein Stab rät davon ab. Neues Ziel ist der Luftwaffenstützpunkt Offutt im US-Bundesstaat Nebraska.Herndon, 14.30 Uhr. Die FAA gibt bekannt, dass auch am 12. September im US-Luftraum kein Flugverkehr stattfinden wird.Über Missouri, 14.36 Uhr. Präsident George W. Bush telefoniert mit seinem Vater, dem ehemaligen Präsidenten George H. W. Bush. Er befindet sich in Milwaukee. „Was tust Du dort?“, fragt Bush junior. „Du hast mein Flugzeug zur Landung gezwungen“, antwortet Bush senior trocken.Offutt, 15.06 Uhr. Die Air Force One landet auf dem Luftwaffenstützpunkt, der zugleich Hauptquartier der Strategischen Luftstreitkräfte der USA ist.Colorado Springs, 16.30 Uhr. Das nordamerikanische Luftverteidigungskommando dementiert Gerüchte, denen zufolge ein Jäger die über Pennsylvania abgestürzte Boeing 757 abgeschossen habe.Offutt, 16.36 Uhr. Die Air Force One verlässt den Stützpunkt des US Strategic Commands und fliegt Richtung Washington.Südliches Manhattan, 17.20 Uhr. Der 186 Meter hohe Turm World Trade Center 7 stürzt in sich zusammen. Er war beim Einsturz des Nordturms schwer beschädigt worden und hatte seitdem gebrannt. Menschen kommen nicht zu Schaden, da die Umgebung evakuiert ist.Andrews, 18.34 Uhr. Die Air Force One landet auf ihrem Heimatstützpunkt bei Washington D.C. Präsident Bush fliegt mit einem Helikopter weiter zum Weißen Haus, wo er 20 Minuten später ankommt. Für 20.30 Uhr kündigt er eine TV-Ansprache an.New York, 19.45 Uhr. Die Polizei vermisst seit dem Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers 78 Beamte, die Feuerwehr mehr als 320 Mann.Washington D.C., 20.30 Uhr. US-Präsident Bush wendet sich aus dem Weißen Haus an die amerikanische Nation: „Heute wurden unsere Mitbürger, unsere Lebensweise und unsere Freiheit in einer Serie bewusster und tödlicher terroristischer Attacken angegriffen. Tausende von Leben sind plötzlich durch bösartige, verachtenswerte Terrorakte ausgelöscht worden.“ Bush kündigt an, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen: „Wir werden keinen Unterschied machen zwischen den Terroristen, die diese Attacken ausgeführt haben, und denen, die ihnen Unterschlupf bieten.“Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Am 11. September 2001 hatte er frei und erfuhr im Sportstudio von dem Anschlag. Direkt danach schrieb er einen Artikel über fiktionale Vorläufer in Thrillern, der am 12. September 2001 unter dem Titel „Ahnungsvolle Szenarien“ in der „Berliner Morgenpost“ erschien.
Der schlimmste Tag der USA: „Wir brauchen das Militär. Wir stecken hier in irgendetwas ganz Üblem“ - WELT
Am 11. September 2001 entführten islamistische Terroristen an der Ostküste der USA vier Passagierflugzeuge. Sie setzten die Boeings als tödliche Waffen ein, zerstörten das World Trade Center in New York und beschädigten das Pentagon. 2977 Menschen starben. Ein Protokoll.






