Flensburg (dpa/lno) - Fast endlos erstreckt sich die Marineschule Mürwik zur Flensburger Förde hin. Über eine imposante Freitreppe gelangt man den Steilhang hinunter ans Wasser, zum Hafen, wo die Ausbildungsboote liegen. Wer sich über das Wasser nähert oder vor der anderen Fördeseite auf das Ensemble schaut, kann sich dem „roten Schloss am Meer“ fast nicht entziehen. Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, kann die Marineschule besichtigt werden. Ein weiterer Tag der offenen Tür ist für den 12. November geplant. Erbaut worden ist die Marineschule zwischen 1906 und 1910. Bei der offiziellen Eröffnung am 21. November 1910 war Kaiser Wilhelm II. zugegen. Auch wenn sie nicht unbedingt so aussieht, wurde die Marineschule als Militärbau konzipiert. Die Architektur lehnt sich nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz an die Architektur der ostdeutschen Backsteingotik und des deutschen Ritterordens in Preußen an. „Man wollte zeigen, wie mächtig die Marine ist und welche Stellung sie im Kaiserreich hatte“, sagt Frau Fregattenkapitän Verena Lassoued bei einem Rundgang über das weitläufige Gelände. Die Historikerin ist Leiterin des Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrums, das seinen Sitz in der ehemaligen Kommandeursvilla auf dem Gelände hat. Weniger Ablenkung für die Offiziersanwärter als in KielVor ihrem Umzug nach Mürwik war die Marineakademie im heutigen Landeshaus untergebracht. (Archivbild)Carsten Rehder/dpaZuvor war die kaiserliche Marineakademie in Kiel untergebracht - im heutigen Landeshaus. Die Marineschule sei aus verschiedenen Gründen nach Mürwik verlegt worden, sagt Lassoued. Zum einen wurde der Aufbau einer größeren Flotte vorangetrieben. Der Platz in der Akademie reichte nicht. Zudem war Kiel groß, bot zu viel Ablenkung. Und die Stadt war damals schon ein großer Werftstandort - die dortigen sozialdemokratischen Strömungen sollen dem Kaiser ein Dorn im Auge gewesen sein, und seine künftigen Marineoffiziere sollten möglichst wenig damit in Berührung kommen. In Mürwik gab es damals nichts von alledem. Wo heute ein dicht bebauter Stadtteil Flensburgs ist, war damals grüne Wiese. Mürwik - ein Stadtteil mit Marinetradition und NS-Vergangenheit Früher wiesen die Schiffsbemalungen auf Waschräume hin.Frank Molter/dpaSeit gut 115 Jahren durchläuft nach Angaben der Bundeswehr jeder Offizier der deutschen Marinen die Ausbildung in der Marineschule. „Das ist schon etwas Besonderes“, findet Lassoued. Aber auch etwas, was eine ganze Menge Verantwortung mit sich bringe. „Wie geht man damit um, dass hier verschiedene Marinen waren: die kaiserliche Marine, die Reichsmarine, die Kriegsmarine. Und nun ist die Deutsche Marine seit 1956 hier.“ Historisch untrennbar sind Flensburg und insbesondere Mürwik auch verbunden mit der NS-Zeit. Ab dem 3. Mai 1945 war unweit der Marineschule, in der Marinesportschule, für wenige Wochen der letzte Regierungssitz der Nationalsozialisten unter Großadmiral Karl Dönitz. Die Regierung beschäftigte sich mit irrealen Debatten, wie der Historiker Gerhard Paul in seinem Buch „Mai 1945: Das absurde Ende des "Dritten Reichs"“ schreibt. Gleichzeitig seien aber Todesurteile auch nach der Kapitulation vollstreckt worden. Gebäude wurde nur wenige Jahre anders genutztWenige Jahre nach 1945 wurde die Marineschule zeitweise als Lazarett, Pädagogische Hochschule und Zollschule genutzt. 1956 kehrte die Marine zurück.Im Säulengang sind Modelle aktueller Einheiten der Flotte ausgestellt.Frank Molter/dpaVon außen sieht vieles aus wie damals. Im Inneren aber hat sich einiges getan. Noch immer sind Schiffsbilder über einigen Türen zu sehen. Anders als früher sind dort aber keine Waschräume mehr untergebracht, sondern Büros und Stuben. Moderne Schiffssimulatoren und Hörsäle finden ebenfalls Platz. Und im Säulengang stehen Modelle von aktuellen Einheiten der Flotte. „Wir machen das Gebäude zu unserem“Die Friedensbotschaft in dem Fenster passt laut Lassoued besser zur heutigen Marine als in die Kaiserzeit.Frank Molter/dpaÜber dem Eingangsportal leuchtet die Sonne durch ein Buntglasfenster aus der Kaiserzeit. Lassoued liest einen dort verewigten Spruch vor: „Den Frieden zu wahren gerüstet zum Streit, mit flatternden Fahnen im eisernen Kleid. So tragen deutsche Schiffe von Meer zu Meer, die Botschaft von Deutschland, den Frieden umher.“ Eigentlich, findet die Historikerin, passt diese Friedensbotschaft besser zur heutigen Marine als in die Kaiserzeit. Und das sei für sie auch ein Zeichen. „Wir haben hier dieses alte Gebäude und wir machen es zu unserem.“ Denn das ist eines der großen Themen, sagt Lassoued: „Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um?“ Die Dinge, die unserem Werteverständnis entsprechen, werden übernommen. „Und das, was noch da ist, wo wir sagen, es entspricht nicht unseren Werten, das ordnen wir ein und das erklären wir.“ Das sei nicht immer ganz einfach, „aber ich glaube, wir haben einen guten Weg gefunden, damit umzugehen“.Die Aula ist ein Ort voll Geschichte.Frank Molter/dpaWas Lassoued damit meint, wird eine Treppe höher, in der Aula sichtbar. Es ist ein Ort voller Geschichte. Da sind die Deckengemälde aus der Kaiserzeit. An der Südseite fallen mehrere riesige, aufklappbare Holztafeln von 1923 auf, die fast aussehen wie ein Altar und an die Gefallenen im Ersten Weltkrieg erinnern. Und die mit Rachebotschaften versehen sind. Das Totengedenken an den Zweiten Weltkrieg ist schlichter, aber lässt auch Raum für Interpretation. Etwa durch die großen Jahreszahlen 1939 und 1945, die ein Eisernes Kreuz aus Holz einfassen. Das zeige auch, wie in den 1960er Jahren noch gedacht wurde, sagt Lassoued. „Aus unserer Geschichte gelernt“Das Einzige, was es bis 2015 Neues in der Aula gab, war eine Flagge der heutigen Seestreitkräfte. „Aber ansonsten war alles nur alt. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg. Und dann hörte die Geschichte auf. Das geht halt nicht“, findet Lassoued. Zwischenzeitlich sei überlegt worden, einfach Teile des Inventars zu entfernen. Das hätte sie als Historikerin aber falsch gefunden. „Wir sind so, wie wir sind, aufgrund unserer Geschichte. Vieles in der Bundeswehr, die Innere Führung, hat sich entwickelt aus dieser Katastrophe, die im Ersten Weltkrieg ihren Lauf genommen und sich dann im Zweiten Weltkrieg ins Unermessliche gesteigert hat.“ Man habe daraus gelernt und etwas Neues geschaffen. Besser als kritische Teile zu entfernen, finde sie die Einordnung und die Auseinandersetzung mit der Geschichte.In einer neuen Dauerausstellung setzt sich die Marine kritisch mit ihrer Geschichte auseinander.Frank Molter/dpaDies wird nun sowohl durch eine kleine Dauerausstellung im Vorraum der Aula zu den Themen Vorbilder, Gedenken, Widerstand, Tradition, als auch in der Aula selbst sichtbar: Etwa weil man die Bestuhlung gedreht und als Gegenstück zum revanchistischen Spruch eine positive Botschaft angebracht hat. Das Rednerpult ähnelt keiner Kanzel mehr, sondern ist ein Stück Mast der „Gorch Fock“. Dahinter Flaggen und Kommandeurswimpel von fast allen aktuellen Einsätzen der Marine. Platz für weitere ist vorhanden. „Wir nehmen die Aula immer mehr für uns ein.“© dpa-infocom, dpa:260911-930-668050/1