GastkommentarUrs Leugger-EggimannUnsere Lebensversicherung bei Wetterextremen: die NaturDie Natur könnte in einem heissen Sommer unsere beste Verbündete sein. Intakte Böden, Wälder und Gewässer kühlen, speichern Wasser und regulieren Wetterextreme. Doch anstatt sie zu schützen, beuten wir sie aus.11.09.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenAngesichts der Klimaerwärmung steigt die Bedeutung des Waldes zusätzlich.Christian Beutler / KeystoneWo war es diesen Sommer trotz rekordhoher Hitze und anhaltender Dürre noch erträglich? Diverse Städte, Tourismusanbieter und Privatinitiativen haben Karten mit kühlen Orten publiziert. Kaum überraschend: Die meisten davon befinden sich in Parks, in Wäldern, in den Bergen und an Gewässern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicht nur für Privatpersonen, auch für die Landwirtschaft und die Siedlungsentwicklung sind intakte Naturräume unsere natürliche Lebensversicherung bei Extremwetter-Ereignissen. Gesunde Böden speichern Wasser, auf ihnen wachsen tief wurzelnde Pflanzen und Bäume, die wiederum das Klima regulieren und den Boden stabilisieren. Damit beugen naturnahe Wälder, Wiesen, Gewässer und Parks nicht nur der Überhitzung, sondern auch Hochwasser und Bodenerosion vor.Je vielfältiger, desto resilienterGleichzeitig setzt die extreme Trockenheit den vielerorts bereits übernutzten und zu wenig geschützten natürlichen Lebensräumen zu. Ausgetrocknete Böden, braune Baumkronen und trockene Bachbetten sind die offensichtlichsten Symptome. Weniger sichtbar, aber nicht weniger gravierend: Die Konzentration der Schad- und Nährstoffe im verbleibenden Wasser steigt, die hohen Wassertemperaturen fördern Algenwachstum und verunmöglichen die Kühlung von AKW.In der Folge erliessen die Kantone Wassersparmassnahmen, Fischerei- und Badeverbote. Der Bundesrat sprach Notfallkredite für die Landwirtschaft, erhöhte Temperaturgrenzwerte und justierte die Waldfinanzierung. All das sind kurzfristige und ungenügende Massnahmen. Wir müssen die Natur – die uns kostenlos gesundes Trinkwasser, saubere Luft und fruchtbare Böden liefert – langfristig stärken. Und das heisst: Biodiversität fördern! Denn – das weiss jede Gärtnerin – je diverser die Aussaat, desto geringer das Risiko eines Totalausfalls.Wasser speichern, Wald erhaltenAuf nationaler Ebene gibt es in der Schweiz diverse Strategien für den langfristigen Erhalt unserer Böden, Wälder und Gewässer. Aber die Umsetzung lässt auf sich warten. Dabei hat dieser Sommer gezeigt, was es braucht: mehr Wasser in der Natur!Unsere Böden, Wälder und Gewässer sind die natürlichsten und effizientesten Wasserspeicher, die in Dürreperioden automatisch Wasser ans Umland abgeben. Die Förderung ihres Wasserrückhalts muss unbedingt Vorrang vor technischen Lösungen wie Speicherseen und Quellfassungen haben. Doch anstatt dieses Potenzial zu nutzen, wird Wasser oft wie Abfall behandelt und möglichst rasch abgeführt. Auf Feldern durch Drainagen, in Wäldern mit Abzugsgräben und im Siedlungsraum über versiegelte Flächen fliesst es direkt in die Kanalisation.Hier braucht es ein Umdenken: Konzepte wie Schwammstadt und Schwammland müssen gesamtschweizerisch umgesetzt werden. Gewässerrenaturierungen, Moorregenerationen und Kraftwerksanierungen müssen endlich mit der nötigen – und gesetzlich vorgeschriebenen – Dringlichkeit angegangen werden. Die Förderung von Feuchtwäldern ist ein vielversprechendes Konzept, um auch unsere Wälder mit dem nötigen Wasser zu versorgen. Im Umgang mit der Klimaerhitzung dürfen wir den Walderhalt insgesamt nicht aus den Augen verlieren. Neuste Berichte zeigen, dass eine bedenkliche Trendwende stattgefunden hat und die Waldfläche im Mittelland und in den Talebenen abnimmt – genau dort, wo Wälder ein wichtiger Erholungsraum für die Bevölkerung sind.Wissen schaffen und nutzenUm die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu stoppen, müssen wir wissen, wo sich diese befinden und wie sie genutzt werden. Heute wissen wir in der Schweiz weder, wer wie viel Wasser aus Bächen, Flüssen und Seen entnimmt, noch, wo sich welche Böden befinden – das ist unverantwortlich.Im Rahmen der nationalen Boden- und Wasserstrategie muss der Bund die entsprechenden Fakten beschaffen und öffentlich zugänglich machen. Nur so können wir uns auf eine faire und nachhaltige Nutzung einigen, damit wir auch bei künftigen Hitzewellen auf den erfrischenden Sprung ins kalte Wasser und den erholsamen Spaziergang im kühlen Wald zählen können.Urs Leugger-Eggimann ist Geschäftsleiter von Pro Natura.Passend zum Artikel