PfadnavigationHomeRegionalesHamburgEltern-Kind-TherapiehausHilfe für Familien am LimitStand: 19:39 UhrLesedauer: 4 MinutenQuelle: picture alliance/CHROMORANGE/Udo HerrmannLars’ emotionale Ausbrüche bestimmten lange den Alltag seiner Familie. Eine gemeinsame Therapie veränderte vieles. Nun eröffnet Asklepios in Harburg ein neues Eltern-Kind-Therapiehaus und erweitert das bundesweit besondere Angebot auf Grundschulkinder.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDie Angst vor dem nächsten Ausflug war irgendwann größer als die Freude darauf. Annika Berger und ihr Mann begannen, mit den Kindern beengte Orte wie Restaurants zu meiden und Unternehmungen abzusagen. Nicht, weil ihr Sohn Lars ständig auffiel. Sondern weil sie nicht wussten, wann eine Situation kippen würde und wie schlimm der nächste emotionale Ausbruch werden würde. Der heute Sechsjährige reagierte auf Reize und Gefühle deutlich stärker als andere Kinder. Immer wieder geriet er in Situationen, die ihn überforderten und in denen er mit seinem Verhalten andere überforderte. Schließlich bestimmte die Lage das Leben der gesamten Familie, zu der auch Lars’ ältere Schwester gehört. „So können wir nicht leben“, erinnert sich Annika Berger, die wie ihr Sohn eigentlich anders heißt. Die Familie wandte sich an verschiedene Experten und fand schließlich in der psychologischen Ambulanz der Asklepios-Klinik in Harburg Hilfe. Weil sich Lars’ Probleme in den Sprechstunden aber oft gar nicht zeigten, entschied sich die Familie auf Rat der Psychologen dort schließlich für eine dreimonatige stationäre Behandlung auf der Eltern-Kind-Station der Klinik.Lesen Sie auchDie Vorstellung schreckte Berger zunächst ab. Drei Monate in einer psychiatrischen Klinik leben, den Beruf unterbrechen und das gewohnte Umfeld hinter sich lassen? „Meine erste Reaktion war: Ich mache das nicht“, erinnert sie sich. Weil die Klinik der Familie mehrere Monate Vorlaufzeit einräumte, konnte Annika Berger die Auszeit im Beruf organisieren und eine Vertretung einarbeiten. Schließlich ließ sie sich auf die Behandlung ein – auch, weil Ärzte ihr inzwischen ein hohes Erschöpfungserleben diagnostizierten.Heute bezeichnet Berger die drei Monate in Harburg als Wendepunkt. Sie selbst habe dort gelernt, Unterstützung anzunehmen und schwierige Situationen anders zu bewältigen. Lars habe von der Therapie sehr profitiert. Die heftigen Gefühlsausbrüche seien deutlich seltener geworden. „Es sind Welten dazwischen“, sagt Berger. Ihr Sohn habe Strategien entwickelt, mit seinen Empfindungen umzugehen. Die Familie habe gelernt, schneller aus Krisen herauszufinden. Nicht jeder Tag sei gut, aber die schlechten Momente bestimmten nicht mehr weite Teile des Familienlebens. Große Sorgen bereitete den Eltern lange die Einschulung ihres Sohnes. Inzwischen besucht er die erste Klasse. „Er macht es wirklich gut“, sagt Berger.Die Stressspirale der Familie durchbrechenDie Station, auf der die Bergers damals aufgenommen wurden, hat inzwischen ein neues Zuhause bekommen. Mit einem Festakt eröffnete das Asklepios Klinikum Harburg am Donnerstag das neue Hamburger Eltern- und Kinder-Therapiehaus. In dem eigens errichteten Neubau werden Kinder und Eltern stationär und teilstationär behandelt.Der Ansatz unterscheidet das Therapiehaus von vielen anderen Angeboten. Die Behandlung richtet sich weder ausschließlich an die Kinder noch ausschließlich an die Erwachsenen. Wenn die psychische Erkrankung von Eltern auf die Kinder ausstrahlt, werden diese ebenso mitbehandelt wie dann, wenn die Probleme der Kinder die Psyche der Eltern angegriffen haben. Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Pflegekräfte und Pädagogen arbeiten dabei fachübergreifend zusammen. Ziel ist es, die oft über Jahre entstandene Stressspirale in den Familien zu durchbrechen.Lesen Sie auchFür Berger war genau das entscheidend. Ihr Sohn erhielt eigene therapeutische Angebote, gleichzeitig lernten sie gemeinsam, mit schwierigen Situationen anders umzugehen. Auch die große Schwester wurde in die Abläufe einbezogen, regelmäßig kamen beide Eltern mit den Therapeuten zusammen. Dass dies nun in deutlich größeren und eigens dafür geschaffenen Räumen möglich wird, ist einer der Gründe für den Neubau. Bereits seit 2018 werden in Harburg Eltern und Kinder gemeinsam behandelt. Mit dem Neubau wachsen nun jedoch die Möglichkeiten. Auf mehr als 3300 Quadratmetern stehen künftig 30 stationäre und zehn teilstationäre Plätze zur Verfügung. Bis zu 20 Familien können gleichzeitig betreut werden.Neubau schließt eine BetreuungslückeVor allem aber schließt die Klinik eine Lücke. Erstmals können auch Grundschulkinder zwischen sechs und zehn Jahren gemeinsam mit einem Elternteil stationär aufgenommen werden. Bislang endete das Angebot mit dem Vorschulalter.„Mit dem neuen Therapiehaus können wir unser bewährtes Konzept nun unter optimalen räumlichen Bedingungen verwirklichen und noch mehr Familien individuell begleiten“, sagte die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sabine Ott-Jacobs. Die neuen Möglichkeiten eröffnen nun auch Familien mit älteren Kindern neue Perspektiven.Lesen Sie auchAsklepios-Chef Joachim Gemmel nannte die Eröffnung einen weiteren Meilenstein für die psychiatrische Versorgung von Kindern und ihren Eltern. Entscheidend sei, dass Familien nicht getrennt, sondern gemeinsam und fachübergreifend behandelt würden.Auch Daniel Schöttle, Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie, hob die enge Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie hervor. Familien erhielten die Behandlung „aus einer Hand“, sagte er. Mit dem Neubau stünden dafür künftig deutlich bessere Bedingungen zur Verfügung.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik und über die Krankenhäuser der Hansestadt.
Eltern-Kind-Therapiehaus: Hilfe für Familien am Limit - WELT
Lars’ emotionale Ausbrüche bestimmten lange den Alltag seiner Familie. Eine gemeinsame Therapie veränderte vieles. Nun eröffnet Asklepios in Harburg ein neues Eltern-Kind-Therapiehaus und erweitert das bundesweit besondere Angebot auf Grundschulkinder.






