Europa will sich im Weltraum unabhängiger von den Vereinigten Staaten machen und besser vor Russland und China schützen. „Wir wollen nicht nur unsere Satelliten schützen“, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Donnerstag beim Internationalen Weltraumgipfel in Paris. „Wir wollen auch unsere Industrien schützen“, fügte er hinzu. Der französische Präsident Emmanuel Macron forderte in seiner Rede eine „tiefgreifende Reform“ der Raumfahrtpolitik, um die europäische Industrie zu stärken. Er verwies auf die stark gewachsene Bedeutung des Weltraums, in dem sich Europa als eigenständiger Akteur behaupten müsse.Deutschland hat offiziell den Ko-Vorsitz des Gipfels inne. Um Irritationen in Paris über die Absage des Bundeskanzlers auszuräumen, richtete sich Pistorius zunächst in französischer Sprache an das Publikum im Grand Palais. 90 Länder sind bei dem Gipfel vertreten. Er betrachte Frankreich als „zweite Heimat“, sagte Pistorius und betonte, wie wichtig die enge Kooperation beider Länder auch im Bereich der Raumfahrt sei.Pistorius versprach „Interoperabilität“ für die geplante militärische Satellitenkonstellation der Bundeswehr mit dem europäischen Projekt IRIS2. In Paris und anderen EU-Hauptstädten wird das deutsche Vorhaben als nationaler Alleingang skeptisch beäugt. Pistorius kündigte zudem die Gründung einer Akademie für den Weltraum an, die für Partner offen stehe.Bei KI und Verteidigung nicht auf andere verlassenEU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte in Paris, „dass manche Fähigkeiten zu wichtig sind, um sich auf andere zu verlassen“. Sie nannte als Beispiele Künstliche Intelligenz und Verteidigung, für die Satelliten und andere Kapazitäten im Weltraum entscheidend seien. Von der Leyen drängte auf höhere Investitionen. Ihre Rede richtete sich besonders an Berlin. Die Bundesregierung blockiert bei der langfristigen EU-Haushaltsplanung, bei der die EU-Kommission 131 Milliarden Euro für Verteidigung, Sicherheit und Weltraum vorgeschlagen hat. Das ist das Fünffache der heute verfügbaren Mittel.Von der Leyen nannte das Navigationssatellitensystem Galileo als Beispiel für langfristige strategische Investitionen. Vor 25 Jahren hätten viele eingewandt, man brauche kein eigenes System, es gebe doch das amerikanische GPS. Doch hätten die Staats- und Regierungschefs auf Jahrzehnte im Voraus gedacht und „gemeinsam das aufgebaut, was kein Mitgliedstaat allein schaffen konnte“. Galileo gebe Europa heute die Freiheit, unabhängig zu handeln, sagte von der Leyen.Um schneller und effizienter zu werden, bekräftigte Gastgeber Macron die von französischer Seite schon lange erhobene Forderung nach einer Aufweichung des Geo Returns. Dieser sichert einem Mitgliedstaat der Europäischen Weltraumorganisation ESA Industrie- und Forschungsaufträge gemäß seiner Beitragszahlung zu. Auch forderte Macron eine Bündelung der europäischen Industriekräfte. Die geplante Fusion der Satellitenbauer Airbus, Thales und Leonardo sei „essenziell“, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Auch von der Leyen sagte, man sollte die Kräfte bündeln. „Europa braucht globale Marktführer“, sagte sie.„Das ist weder ein Schimpfwort noch Protektionismus“Besonders deutlich wurde Macron bei seiner Forderung nach einer „europäischen Präferenz“ in der Raumfahrtpolitik, also der Bevorzugung europäischer Unternehmen bei der öffentlichen Auftragsvergabe. „Das ist weder ein Schimpfwort noch Protektionismus, sondern eine Ablehnung der Naivität“, betonte er. Europäische Unternehmen kämen bei der öffentlichen Auftragsvergabe in den USA und in China ja auch nicht zum Zuge.Während auch die EU-Kommission in sämtlichen Industriesektoren auf „Made in EU“ drängt, warnt Deutschland traditionell vor Abschottung. Wie bei Rüstungsgütern will Berlin auch in der Raumfahrt die Verbindung mit Amerika nicht kappen, zumal in der jüngeren Vergangenheit auch nicht immer ausreichend europäische Kapazitäten zur Verfügung standen. Anders als Frankreich ließ Deutschland deshalb auch Militärsatelliten mit Elon Musks SpaceX-Konzern ins All schießen.ESA und EU-Kommission wollen den unabhängigen Zugang zum Weltraum künftig durch mehr privaten Wettbewerb sichern. Das ist auch eine Reaktion auf die dominante Stellung von SpaceX. Auf Druck des Weißen Hauses hat der amerikanische Konzern keine Vertreter nach Paris entsandt. Präsident Donald Trump sieht die EU-Pläne in der Raumfahrt als „wettbewerbswidrige Praktiken“, wie das Newsportal Politico berichtete.Macron fordert mehr Ehrgeiz bei bemannten FlügenAuch aus der deutschen Industrie kommen Appelle für „Buy European“. „Bei kritischen Aktivitäten und Technologien, die die strategische Autonomie Europas untermauern“, unterstütze man die Einführung einer europäischen Präferenz bei der öffentlichen Beschaffung, erklärte der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) diese Woche in einer Stellungnahme mit den Partnerverbänden aus Frankreich und Italien. Das Prinzip solle zur Anwendung kommen, „wo Sicherheits-, Resilienz- und Abhängigkeitsbedenken dies rechtfertigen“.Auch beim Thema bemannte Raumfahrt erhöht Frankreich den Druck auf Deutschland. Europa müsse seine Ambitionen bei bemannten Flügen bekräftigen, stellte Präsident Macron am Donnerstag klar. „Ich möchte in zwei Jahren die erste europäische Frachtkapsel, Nyx, an der Internationalen Raumstation andocken sehen“, sagte er. In fünf Jahren solle dann die erste europäische Mondlandefähre, Argonaut, auf dem Mond landen und in zehn Jahren die erste bemannte europäische Kapsel vom Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana abheben.Entscheidungen über die bemannte Raumfahrt könnten auf dem Zwischen-Ministerratstreffen der ESA im Dezember in Rom getroffen werden. Bislang ist Europa auf diesem Gebiet Juniorpartner der Amerikaner, nachdem das Hermes-Programm in den Neunzigerjahren aus finanziellen Gründen gestoppt wurde. Die Kosten für ein solches Programm werden auf etwas mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Auch hier macht die Industrie Druck. „Europa muss bei der Weltraumexploration größer denken“, sagte BDLI-Präsidentin Marie-Christine von Hahn am Rande des Weltraumgipfels in Paris: „Unser Ziel muss ein eigenständiger Zugang zum Mond sein – Europas Sprungbrett in den tiefen Weltraum.“