Wolkenmuster können auf Gasplaneten sehr langlebig sein. Berühmt ist der „Große Rote Fleck“ auf dem Jupiter, ein gigantischer Wirbelsturm, der seit mindestens 1831 existiert, möglicherweise schon Jahrhunderte länger, und der in letzter Zeit offenbar immer kleiner wird. Auf dem Saturn gibt es einen derart großen und langlebigen Fleck zwar nicht, dafür haben die Vorbeiflüge der Voyager-Sonden in den Jahren 1980 und 1981 dort noch etwas viel Seltsameres entdeckt: ein gewaltiges Sechseck an seinem Nordpol, das später auch mit dem Hubble Space Telescope beobachtet wurde sowie von der Raumsonde Cassini, die den Planeten zwischen 2004 und 2017 untersuchte. Seltsamerweise konnten auch jahrzehntelange Beobachtungen kein entsprechendes Phänomen am Südpol des Planeten ausmachen.Doch nun haben Astronomen um Agustín Sánchez-Lavega von der Euskal Herriko Unibertsitatea in Bilbao am Südpol des Saturn etwas Vergleichbares entdeckt, das aber zu Zeiten der Cassini-Mission sicher noch nicht existierte. Auch ist es kein Sechseck, sondern ein Zehneck.Der Ringplanet Saturn, aufgenommen mit dem Weltraumteleskop Hubble. Deutlich zu erkennen ist der dunkel gefärbte Südpol.NASA, ESA, STScI, Agustin Sánchez-Lavega (UPV), Amy Simon (NASA-GSFC), Michael Wong (UC Berkeley); Image Processing: Alyssa PaganEntstanden sein muss es irgendwann vor 2023, denn erst in diesem Jahr wurde die Südpolarregion des Saturn wieder von der Erde aus sichtbar und damit auch für das im Erdorbit kreisende Hubble Space Telescope. In dessen Aufnahmen wurde die Struktur im Oktober 2023 zum ersten Mal gesehen, später auch mit erdgebundenen Teleskopen. Sie scheint aber noch in Entwicklung begriffen zu sein – ganz im Gegensatz zu dem Sechseck im Norden, dessen Form seit mehr als vier Jahrzehnten offenbar dieselbe geblieben ist. Auch ist das südliche Zehneck nicht völlig stationär, denn die Positionen der zehn Ecken schwanken in einem Zyklus von 32 Tagen.Wie im Fall des Hexagons im Norden ist auch bei dem Decagon im Süden nicht ganz klar, wie es zustande kommt. Die Oszillationen legen nahe, dass es sich um eine Wellenerscheinung handelt, die von einem mächtigen zirkumpolaren Jetstream eingeschlossen wird. Sánchez-Lavega und Kollegen haben das Phänomen in ihrer Veröffentlichung in „Science Advances“ auf dem Computer modelliert und halten zwei Erklärungen für denkbar: Entweder stecken Störungen der zirkumpolaren Winde durch räumliche Schwankungen im Jetstream dahinter oder der Einfluss eines Wirbelsturms weiter nördlich, der als „Roter Fleck“ oder informell als „Anne's spot“ bezeichnet wird. Der ähnelt übrigens dem Großen Roten Fleck auf dem Jupiter und ist auch schon seit den Vorbeiflügen der Voyagers aktenkundig.