PfadnavigationHomeSportFußballChampions LeagueChampions LeagueWie Bodö/Glimt Europas Establishment wieder herausfordern willStand: 07:22 UhrLesedauer: 5 MinutenÜberflieger vom Polarkreis: Der Norweger Fredrik Sjovold Quelle: Susana Vera/REUTERSDer FC Bayern startet gegen das Überraschungsteam FK Bodö/Glimt in die Champions League. Der norwegische Klub lässt die Herzen der Fußball-Romantiker höher schlagen. Weil er so ganz anders ist. Und anders bleibt.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenWürde es, wie vor Jahrzehnten im deutschen Fernsehen, ein heiteres Beruferaten geben – die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf den Job kommt, den Frode Thomassen seit mittlerweile neun Jahren sehr erfolgreich erledigt, wäre gering. Und wäre den Ratefüchsen die norwegische Nationalität des 59-Jährigen bekannt – ihre Vermutungen könnten in klischeehafte Richtungen abdriften: Landwirt? Waldarbeiter? Fischer? Dass Thomassen CEO eines Fußballklubs ist, der in dieser Saison bereits zum zweiten Mal in der Champions League spielt – das wäre wohl außerhalb der Vorstellungskraft.„Denn wir sind einfach kein normaler Champions-League-Teilnehmer“, sagt Thomassen. Er ist ein offener, hemdsärmeliger Typ mit Drei-Tage-Bart. Jemand, der Ballonseide und Funktionskleidung bevorzugt.Lesen Sie auchAm Donnerstag spielt sein Verein, der FK Bodö/Glimt, der es in der vergangenen Saison sogar unter die besten 16 Mannschaften der Königsklasse geschafft hat, beim FC Bayern (21 Uhr/live DAZN). „Wir haben schon gegen einige der besten Mannschaften der Welt gespielt, aber Bayern München – das wird speziell“, sagt Thomassen. Der deutsche Meister war für ihn 2025/26 neben dem Titelgewinner Paris St. Germain die beste Mannschaft im Wettbewerb. Deshalb wird es ein besonderer Abend für Bodö/Glimt.„Wir geben das Beste, das wir geben können“, lautet das CredoEin weiterer besonderer Abend – müsste es heißen. Denn die Nordnorweger hatten es ja bereits mit internationalen Schwergewichten aufgenommen: den Tottenham Hotspur, denen sie ein 2:2 abtrotzten. Dem BVB, von dem sie einen Punkt entführten. Manchester City und Atlético Madrid, die sie sogar besiegen konnten – und natürlich Inter Mailand, gegen das sie sich in den Playoffs zum Achtelfinale durchsetzten. Spätestens da horchte die Fußballwelt auf: Wie ist es möglich, dass so ein kleiner Klub mit ebensolchem Budget den europäischen Geldadel derart aufmischt?Das Kuriose ist: Die Frage mag alle möglichen Menschen beschäftigen – Thomassen dagegen nicht. Zumindest nicht in dem Sinn, dass dies irgendwie geplant war. „Wir reden nicht über das Gewinnen, wir reden über Performing. Wir streben keine Ergebnisse im Sinne von Punkten oder Toren an, wir gehen raus und geben das Beste, das wir geben können“, erklärte er – und ist damit bei der Philosophie, die den Aufstieg des Vereins aus der 40.000-Einwohner-Stadt, 80 Kilometer nördlich des Polarkreises, möglich gemacht hat. „Performance, Entwicklung, Loyalität, Zusammenhalt“ – das sind die Werte, denen sich Bodö/Glimt verpflichtet fühlt. Sie prangen in großen Lettern über dem Eingang zum Trainingsgelände, damit jeder Spieler daran erinnert wird.In diesem Versprechen liegt der entscheidende Unterschied zu den meisten Vereinen, mit denen sich Bodö/Glimt international auseinandersetzen muss. 90 Prozent der Spieler sind Norweger, sechs sogar in Bodö geboren. Es sind gerade die Unterschiede in der Struktur zu anderen Klubs, die dafür sorgen, dass die Mannschaft hungrig bleibt. „Wir fragen uns immer, was wir besser machen können und versuchen es dann umzusetzen“, sagt Thomassen. Lesen Sie auchAuf diesem Weg sei man in den vergangenen Jahren bereits sehr weit gekommen – weiter, als es alle Beobachter für möglich gehalten hätten. Bodö/Glimt ist nicht nur einer dieser Außenseiter, die es immer mal wieder in den erlauchten Kreis der Königsklassen-Teams geschafft haben, wenn die Umstände gerade günstig waren. Denn für Glimt hätten die Umstände kaum ungünstiger sein können. Noch in den Zehner-Jahren war der Klub in der zweiten Liga und von der Insolvenz bedroht. Eigentlich schien es keinen Sinn mehr zu machen, sich überhaupt weiter im Profifußball zu probieren. Spieler aus Süd-Norwegen wollten erst gar nicht in die Stadt kommen, die vornehmlich von der Fischerei lebt. Das Wetter ist besonders im Winter ungemütlich. Und die Freizeitmöglichkeiten sind überschaubar.Lesen Sie auchTrotzdem wollte man den Verein nicht sterben lassen. Lokale Firmen halten Anteile – auch die örtlichen Fischer. Erst seit 2017, in dem Jahr, in dem Thomassen begann, die Geschicke des Vereins zu leiten, spielt Glimt, was „Schimmer“ oder „Lichtblitz“ bedeutet, wieder durchgehend in der ersten Liga. Ein Jahr darauf kam mit Kjetil Knudsen ein neuer Trainer – und mit ihm zog ein neuer Stil ein. Die Mannschaft spielte offensiv und attraktiv. Zugleich wurde die Spielerausbildung intensiviert. Es waren arbeitsreiche Jahre, doch sie zahlten sich aus. 2020 wurde die erste norwegische Meisterschaft gewonnen, 2021 wurde der Titel verteidigt. In den Qualifikationsrunden für die Europa League (2020) und die Champions League (2021) scheiterte Glimt jedoch.Was sich als ein Glücksfall herausstellen sollte, war die Gründung der Conference League, die erstmals 2021/22 ausgespielt wurde. Hier waren die Hürden nicht so hoch; das Team ergriff die Chance, qualifizierte sich – und schaffte es bis ins Viertelfinale. Seitdem ist Glimt Dauergast im internationalen Wettbewerb: Conference League, Europa League – Champions League. Die Einnahmen konnten gesteigert werden – und der Klub war plötzlich sexy. In der Stadt entstand ein Hype. Es gab plötzlich eine Nachfrage nach Merchandising-Artikeln, Fußball-Touristen kamen.Nominiert für die Mannschaft des JahresMittlerweile arbeitet Glimt daran, seine Zukunft zu gestalten. Ein neues Stadion wird gebaut – die Arcticarena, die in einem Jahr fertig sein soll, wird dann 10.000 Zuschauer fassen. Der Klub hat mittlerweile mittels KI sein Scouting und seine Verwaltung modernisiert. Gleichzeitig soll die internationale Bekanntheit gewinnbringend genutzt werden. Die Medienreichweite hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht, das Sponsoring ist ebenfalls stark gewachsen.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Eines aber soll sich nie verändern: Der familiäre Charakter des Vereins – und das Bemühen, trotz der gestiegenen Anforderungen eine Mannschaft aus Spielern zu stellen, die sich mit dem Klub und den Menschen in Bodö identifiziert.Was das angeht, ist Frode Thomassen zuversichtlich. „Wer zu uns kommt, kommt nicht wegen des Geldes, auch nicht wegen der Umgebung. Auch wenn es viel Natur gibt“, sagt er. „Aber wir haben quasi keinen Sommer.“ Wer nach Bodö wechselt, tut es, weil er Teil einer außergewöhnlichen Entwicklung sein will. Denn die kann ungeahnte Möglichkeiten bereithalten. Aktuell ist neben dem FC Bayern und anderen renommierten Top-Teams auch der FK Bodö/Glimt für den Ballon d'Or nominiert – als Mannschaft des Jahres.
Champions League: Wie Bodö/Glimt Europas Establishment wieder herausfordern will - WELT
Der FC Bayern startet gegen das Überraschungsteam FK Bodö/Glimt in die Champions League. Der norwegische Klub lässt die Herzen der Fußball-Romantiker höher schlagen. Weil er so ganz anders ist. Und anders bleibt.









