«Tut einfach so, als würde ich zur Wahl stehen»: Trump wirft sich mit voller Wucht in den Midterm-WahlkampfPräsident Trump lässt sich am zweitägigen Parteitag der Republikaner in Dallas als unbestrittener Star feiern. Doch es macht sich auch Nervosität vor den Zwischenwahlen im November bemerkbar.10.09.2026, 06.50 Uhr5 LeseminutenPräsident Donald Trump kommt in Fahrt und begeistert die Menge am republikanischen Parteitag in Dallas.Evan Vucci / ReutersKeine Frage, wer die Republikaner anführt. Auf die Rede Donald Trumps haben die Parteimitglieder im American Airlines Center in Dallas stundenlang hingefiebert. Während seines fast zweistündigen Auftritts wirkt der Präsident voller Energie – und lässt wissen, dass er keinerlei Absicht hat, sich aus den Zwischenwahlen herauszuhalten, wie es einige republikanische Strategen angesichts Trumps tiefer Beliebtheitswerte empfohlen haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trump verspricht jedem erwachsenen Amerikaner 5000 Dollar.ReutersDoch Trump ist der Überzeugung, dass nur er eine mögliche Niederlage abwenden kann: «Wenn ich zur Wahl stehe, dann haben die Republikaner immer Erfolg», sagt er gut gelaunt. Der Trend, wonach die Regierungspartei in Zwischenwahlen fast immer verliere, müsse gebrochen werden. «Geht wählen», fordert er. Er bietet sogar eine Dividende von 5000 Dollar für jeden erwachsenen Amerikaner an, falls die republikanische Mehrheit im Kongress bewahrt werden kann. Es ist wohl ein Scherz, aber man weiss es nie.«Wir werden es nicht zulassen, dass die Vereinigten Staaten kommunistisch werden», erklärt Trump. Und er verspricht, bei jedem einzelnen schwierigen Wahlkampf aufzutauchen und mitzukämpfen.Die Liste der Leistungen seiner Regierung ist laut Trump lang – der Stopp der illegalen Migration an der Südgrenze, die boomende Börse, die tiefen Steuern, die tiefe Arbeitslosigkeit. Als einziger Redner des langen Abends spricht er den Iran-Krieg an, um ihn zu verteidigen: «Wollt ihr, dass Iran eine Atombombe hat?», fragt er in die Menge. «Nein!», ruft das Publikum zurück. «Nun, Iran war ein Bully, und das ist Iran nicht mehr», bilanziert Trump. Das Publikum in der Arena mit rund 20 000 Sitzen ist hingerissen. Trump, die ultimative amerikanische Wahlkampfmaschine, hat den Motor aufgedreht.An die erste GOP Midterm Convention reisen keine Delegierten an, es wird auch kein Kandidat gekürt wie an den traditionellen Parteitagen vor Präsidentschaftswahlen. Es ist vielmehr eine Marketingmassnahme, die aus der Not geboren ist. Denn die Vormacht der Republikaner im Kongress in Washington ist akut gefährdet, vor allem im Repräsentantenhaus, aber selbst der Senat könnte laut Analysten kippen. Vor allem der andauernde Iran-Krieg und die hohen Benzinpreise drücken den Wählern aufs Gemüt. Unpopulär ist auch der jüngste Zollkrieg mit Kanada. Ernsthaft zur Sprache kamen diese Themen am ersten Abend der zweitägigen Veranstaltung nicht.«Common Sense statt Kommunismus»Willkommen im heissen Wahlherbst der Republikaner. Sie versuchen in Dallas erst gar nicht, ihre Sorge über eine drohende Niederlage am 3. November zu verstecken. Man ist vielmehr zusammengekommen, um eine mögliche Katastrophe abzuwenden, Einigkeit zu zeigen und die bei Zwischenwahlen oft lethargischen Wähler aufzuwecken. «Gesunder Menschenverstand statt Kommunismus» lautet das Mantra, mit dem die Republikaner in den Wahlkampf ziehen und das auch in Trumps Rede zur Geltung kommt.Er kann Trumps Hilfe gebrauchen: der Justizminister von Texas und Senatskandidat Ken Paxton.Julia Demaree Nikhinson / APDer Anlass in Dallas dient der Trump-Regierung als Schaufenster. Sowohl Justizminister Todd Blanche als auch Finanzminister Scott Bessent treten auf. «Es geht ihnen vor allem darum, das Narrativ zu ändern, dass Trump im Wahlkampf ein Klotz am Fuss der Partei sei», sagt der Politologe Thomas Grey von der University of Texas. Er hält es für ein strategisches Wagnis. Denn Trumps Engagement würde vor allem Kandidaten nützen, die ihm nahe stünden. Weniger vorteilhaft sei es für solche in Swing States mit vielen Wechselwählern. Tatsächlich fehlen einige prominente Kandidaten, die in gemässigten Bezirken oder Gliedstaaten besonders im Gegenwind stehen, wie etwa die Senatorin Susan Collins in Maine.Andere bedrängte Kandidaten nahmen den Anlass aber dankbar wahr, um sich zu präsentieren. Etwa der texanische Justizminister Ken Paxton, der sich im Kampf um den Senatssitz mit dem Demokraten James Talarico ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert. Für die Republikaner wäre es eine besondere Schmach, in der konservativen Hochburg Texas zu verlieren. Trump verwendete relativ viel Redezeit, um Ken Paxtons Vorzüge herauszustreichen – und seine Tendenz zu skandalträchtigen Schlagzeilen scherzhaft beiseitezuwischen.Stelldichein von Kandidaten und GeldgebernWas an einer Veranstaltung auf der Bühne läuft, ist das eine. Für viele Operateure der Partei ist vor allem wichtig, was vor und nach der Show geschieht. In der Lobby des Viersternhotels Renaissance in der Elm Street im Zentrum von Dallas war am Mittwochmorgen eine interessante Mischung aus Kandidaten, Aktivisten und Geldgebern anzutreffen. Sie sind angereist, um Netzwerke zu knüpfen.Jan-Ie Low, Vizepräsidentin der KMU-Organisation Corporate Strategy & Development.Isabelle JacobiAn einem Tisch sitzt Jan-Ie Low, die während Trumps erster Amtszeit im Weissen Haus arbeitete und heute für die Handelskammer asiatischer Unternehmer ACM tätig ist. Kritik an Trump lässt sie nicht gelten: «Ich wäre froh, die Leute würden aufhören mit der Klagerei und mal hinschauen, was er alles für uns macht. Er schläft nie. Er kämpft für Amerika.» Er sei ein Glücksfall für die Kleinunternehmen, die ihre Organisation vertrete. Auch die Umfragen, die für die Republikaner nicht vorteilhaft sind, wischt sie beiseite. Die könne man nicht ernst nehmen. Trump werde stets von Meinungsforschern unterschätzt.Einen dringlicheren Ton schlägt Larry Marker an, der im Gliedstaat New Mexico für den Senat kandidiert. «Ich bin hier, um Geldspender zusammenzutrommeln. Es fliesst nicht viel Geld nach New Mexico. Die grossen Ölfirmen haben sich dazu entschlossen, die Demokraten zu unterstützen. Was natürlich überhaupt keinen Sinn ergibt.» Die Deregulierung unter Trump habe der Öl- und Gasindustrie in New Mexico enorm geholfen.Larry Marker, republikanischer Senatskandidat in New Mexico.Isabelle JacobiMarker ist überzeugt, dass Trump die republikanische Partei immer noch vereinen könne: «Ja, er kann die Wähler an die Urne holen. Bei einer hohen Wahlbeteiligung können wir die Zwischenwahlen immer noch gewinnen.»Marker widerspricht Trump beim Thema Iran-Krieg: Dieser müsse beendet werden. Die Benzinpreise müssten dringend sinken. Aber er sei alt genug, um zu wissen, dass das Problem in Iran schon vor Jahrzehnten hätte gelöst werden müssen: «Trump hat den Bullen bei den Hörnern gepackt», sagt er.Eine Sesselgruppe weiter sitzt Michelle Nichols. Sie bezeichnet sich als «grosse Unterstützerin» der republikanischen Partei. Die christlich-konservative Geldgeberin aus Texas unterstützt den republikanischen Senatskandidaten und texanischen Justizminister Ken Paxton. Sie will am Anlass in Dallas Vertreter der Trump-Regierung kennenlernen. Um die Wahlen zu gewinnen, müssten die Republikaner vor allem eines herausarbeiten: den Kontrast zu den Demokraten. Pro Amerika, pro Kapitalismus versus Kommunismus und Hass gegen das eigene Land.Michelle Nichols, Geldgeberin der Republikaner in Texas.Isabelle JacobiNicht alle in der Hotellobby wollen ihren Namen nennen. Ein junger Mann in Bundfaltenhose und weissem Hemd drückt lässig auf dem Smartphone herum. Er stellt sich als Vertreter einer konservativen, wirtschaftsfreundlichen Lobbyorganisation vor, einem sogenannten Super-PAC. Seine Einschätzung des Anlasses ist kritisch: Es gehe nur darum, eine Entschuldigung zu finden, alle republikanischen Geldgeber zusammenzutrommeln. Er zweifelt zudem daran, ob es strategisch klug ist, Trump ins Zentrum der Zwischenwahlen zu stellen. Aber solches hört man von den Republikanern in Dallas nur hinter vorgehaltener Hand.Ob Präsident Trump mit seiner Rede im American Airlines Center in Dallas unentschlossene, unabhängige Wähler überzeugen konnte, die republikanischen Kandidaten in ihrem Bezirk zu wählen, darf jedenfalls bezweifelt werden. Am morgigen zweiten Tag der GOP Midterm Convention spricht Vizepräsident J. D. Vance, der als möglicher Kronprinz von Präsident Trump gehandelt wird.Passend zum Artikel