Pro ArtikelIndien wagt sich näher an den Rivalen China, um die Abhängigkeit von Trumps Amerika zu verringernZuerst hat Delhi das Verbot chinesischer Investitionen gelockert, nun könnte am Brics-Gipfel eine weitere Annäherung stattfinden. Auch Japan wird von Indien umgarnt.10.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenStrategische Rivalen und Handelspartner: Eine Schülerin trägt eine Maske mit dem Abbild des chinesischen Staatsoberhaupts Xi Jinping während seines letzten Besuchs in Indien im Jahr 2019. Der Parteichef dürfte auch am Brics-Gipfel in der indischen Hauptstadt am 12./13. September teilnehmen.R. Parthibhan / APMehr als 200 Unternehmer haben Indiens Handelsminister Piyush Goyal bei einem Besuch in Tokio im vergangenen Monat begleitet. Das Ziel: den Japanern Investitionen im bevölkerungsreichsten Land der Erde schmackhaft zu machen – trotz der berüchtigten indischen Bürokratie. Man habe vor kurzem mehr als 1500 Gesetze aufgehoben, so versicherte der Minister seinen Gastgebern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trumps Politik setzt Umdenken in GangIndien will neue Geschäftsbeziehungen einleiten. Noch sind die USA der wichtigste Exportmarkt. Doch Handelszölle von bis zu 50 Prozent, Streit über den Kauf von russischem Erdöl und Donald Trumps Rolle als Vermittler im Krieg gegen den Erzfeind Pakistan haben im vergangenen Jahr die indische Regierung brüskiert und zu einem Umdenken veranlasst.Nachdem Indien plötzlich ins Fadenkreuz des vermeintlich zuverlässigen amerikanischen Partners geraten ist, will es sich nun wirtschaftlich breiter aufstellen. Manchenorts in der Verwaltung wird die Strategie sogar «Entamerikanisierung» genannt. Das stellt die diplomatische und wirtschaftliche Annäherung zwischen Washington und Delhi über die vergangenen zwei Jahrzehnte grundlegend infrage.Allerdings verfolgt Indien auf dem diplomatischen Parkett seit Jahrzehnten eine Strategie der multipolaren Ausrichtung. Russland ist seit langem ein wichtiger militärischer Partner und Lieferant günstiger Energieträger. Auch die Staaten am Persischen Golf und in Zentralasien sind als Rohstoffproduzenten für Indien von Bedeutung.Am 12. und 13. September wird nun das Jahrestreffen der Staatschefs der Brics-Gruppierung von Schwellenländern in Delhi stattfinden. Es ist auch ein Zeichen der wieder verstärkt multipolaren Ausrichtung Indiens. Am Brics-Gipfel wird der chinesische Präsident Xi Jinping in der indischen Hauptstadt als Gast erwartet. Trump stellt die Brics-Gruppe, zu der auch Iran, Indonesien und Südafrika gehören, gerne als antiamerikanische Allianz dar.Ausländische Investitionen sollen Wachstum stärkenWirtschaftlich gesehen hat sich in Indien in den vergangenen Monaten einiges getan. Keine grosse Volkswirtschaft wächst derzeit so schnell wie Indien. Um das Ziel der Regierung zu erreichen, bis zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit von Grossbritannien im Jahr 2047 in den Kreis der Industrieländer aufzusteigen, muss das gegenüber China deutlich in Rückstand geratene Schwellenland dieses Wachstumstempo beibehalten.Deswegen hat Indien nach dem Freihandelsabkommen mit der Schweiz auch ein neues Abkommen mit der EU ausgehandelt. Zudem buhlt Premierminister Narendra Modi um japanische Gelder im Finanzwesen und im Energie- und Technologiebereich. Die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi war jüngst zu Besuch in Delhi.Als Paradebeispiel für die erwünschten japanischen Investitionen gilt der Erwerb eines 20-prozentigen Anteils an dem indischen Finanzhaus Shriram Finance durch die Grossbank MUFG für rund 4,4 Milliarden Dollar. Japanische Unternehmen sehen im dynamischen Schwellenland mit vielen jungen Menschen und steigenden Konsumausgaben ein vielversprechendes Wachstumsfeld.Für Japan, das wie die USA mit China im Konflikt steht, kommt die Aussicht auf neue Geschäfte mit Indien gerade richtig. Allerdings hat der Subkontinent ausländische Investoren in der Vergangenheit mit seiner ausufernden Bürokratie und Handelsbeschränkungen wie Kapitalverkehrskontrollen immer wieder abgeschreckt.Delhi gleist die Wirtschaftsbeziehungen mit Peking neu aufMit allen Mitteln will Indien die Unabhängigkeit sichern. Sogar die Beziehung zum strategischen Rivalen China taut langsam auf. Diese war im Zuge des Konflikts um das umstrittene Grenzgebiet im himalajischen Galwan-Tal im Jahr 2020 auf den Gefrierpunkt gesunken. Aufgrund von Datenschutzbedenken verbot Indien damals eine Reihe chinesischer Apps wie Tiktok und lehnte sogar ein Gesuch des chinesischen Elektroautoherstellers BYD für den Bau einer Fabrik im Wert von einer Milliarde Dollar ab.Schauplatz im Hochgebirge: ein indischer Konvoi nahe der Grenze zu China im Juni 2020. Im Galwan-Tal im Himalaja lieferten sich Soldaten der beiden Länder Gefechte.Yawar Nazir / GettyNachdem die beiden Länder beim Brics-Gipfel 2024 einen Teil des Konflikts beigelegt hatten, hat sich die Stimmung gewandelt. Ende 2025 nahm Indien Passagierflüge mit dem chinesischen Festland wieder auf, widerrief das Verbot zur Visaerteilung an chinesische Fachkräfte, das auch BYD betraf, und beschleunigte die Verfahren.Im März 2026 lockerte das Kabinett in Delhi zudem eine Regelung, die eine offizielle Genehmigung für Direktinvestitionen aus Nachbarstaaten vorschrieb. Neu wird Investoren mit einem Anteil von bis zu 10 Prozent an einem Unternehmen automatisch eine Genehmigung erteilt. Ferner wurde eine Bearbeitungsfrist von 60 Tagen für prüfungspflichtige Investitionsanträge eingeführt.China profitiert von der ReformWenngleich China in der Neuregelung nicht namentlich erwähnt wird, ist die Volksrepublik der grosse Gewinner dieser Reform. Von Vorprodukten für die in Indien stark vertretene Pharmaindustrie bis hin zu Maschinen für den dringend nötigen Ausbau der Infrastruktur bietet der indische Markt für Chinas Exporteure und Technologien verlockende Aussichten.Der bisherige wirtschaftliche Aufschwung der weltgrössten Demokratie geht auf den englischsprachigen Dienstleistungssektor zurück, nicht wie in China auf das verarbeitende Gewerbe. Doch Delhi versucht, die Industrieproduktion im eigenen Land anzukurbeln, um die wirtschaftliche Autonomie zu stärken.Sowohl der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung als auch Apple-Zulieferer wie Foxconn haben in den vergangenen Jahren auf dem Subkontinent Fabriken errichtet. Auch die Industrie der EU und Japans bieten interessante Alternativen. Dennoch benötigt das Land unter Premierminister Narendra Modi weiterhin günstige Produkte aus der Volksrepublik, wenn auch diesen zum Teil hohe Importzölle aufgebürdet werden.In den vergangenen Jahren stammte ein Grossteil der Investitionsflüsse nach Indien von Unternehmen aus Singapur, den USA oder Japan. Ihre Konkurrenten vom chinesischen Festland machten nur einen Bruchteil aus. Das könnte sich nun ändern.Wird sich das Verhältnis zwischen Xi und Modi weiter verbessern?Eine weitere Aufweichung der indischen Investitionsbeschränkungen würde wohl einen weiteren Fortschritt im Grenzstreit zwischen den beiden asiatischen Giganten voraussetzen. Zusätzlich zum Gebiet Aksai Chin im Westen, wo sich das Galwan-Tal befindet, gibt es strittige Zonen wie das weiter östlich gelegene Arunachal Pradesh.Für viele Wirtschaftspartner der USA ist eine strikt antichinesische Haltung angesichts der Unberechenbarkeit von Donald Trump hochriskant geworden. Dies, obwohl die meisten Inder den USA positiver gegenüberstehen als China, wie eine Umfrage des Pew Research Center vor kurzem feststellte. Deshalb setzt das Land unter Modi auf die altbewährte Strategie der vielseitigen Absicherung.Passend zum Artikel