Der Berliner Dokumentarfilmer Andreas Pichler dürfte sich dieser Tage ein wenig komisch vorkommen. Er hat Anfang dieses Jahres einen Film über den reichsten Mann der Welt in die Kinos gebracht: „Elon Musk Uncovered“. Darin konzentrierte er sich vor allem auf die Versuche, ein autonom fahrendes Auto zu entwickeln, und ging dabei Fällen nach, in denen das System der Firma Tesla sich als fehleranfällig erwiesen hatte. Pichlers Film versuchte sich neben seinem investigativen Kern auch an einem allgemeineren Porträt von Elon Musk, noch vor dem Börsengang von SpaceX. Es gab Aufmerksamkeit für „Elon Musk Uncovered“, doch ist diese nicht im Ansatz zu vergleichen mit dem Effekt, den ein neuer, vierstündiger Film haben wird, der am Mittwoch bei den Filmfestspielen in Venedig präsentiert wurde: „Musk“ von Alex Gibney kann man als den Versuch einer großen Abrechnung der liberalen Öffentlichkeit mit einem Mann sehen, der unverhohlen daran arbeitet, diese zu zerstören.Gibney ist dafür ein berufener Mann. 2016 gastierte er mit „Zero Days“ auf der Berlinale, einer Rekonstruktion der Umstände, unter denen das Computervirus Stuxnet für Cyberangriffe auf zwischenstaatlicher Ebene verwendet werden konnte. Geheimdienste, Regierungshandeln, Wirtschaftsskandale, das sind Themen, für die Gibney sich interessiert und die er mit Interviews und Archivmaterial zu entschlüsseln versucht.Informationsvorteile nach persönlicher WillkürAuch „Musk“ ist nun nicht zuletzt ein Film über die USA unter Donald Trump, über eine Ära, für die der Gründer von Tesla, spätere Käufer der Plattform Twitter und nunmehrige Vorstand der Firma SpaceX das schillernde Gegenüber zu dem zunehmend erratischen Präsidenten darstellt. Mit seinem Satellitennetzwerk Starlink hat Musk zudem eine strategische Ressource in der Hand und kann in Kriegsgebieten nach persönlicher Willkür Informationsvorteile zuteilen.In der Deutung von Gibney wird Musk als eine Science-Fiction-Figur erkennbar, ein Mann, der seinen eigenen Träumen zu stark zu glauben scheint und der sich im Lauf der Jahre zunehmend radikalisiert hat. Vieles aus „Musk“ ist im Grunde geläufig, findet das Leben des Entrepreneurs doch weitgehend in der Öffentlichkeit statt und wird auch von ihm selbst in den digitalen Medien intensiv kommuniziert.Spannend wird „Musk“ vor allem durch zwei Frauen: Justine, die erste Ehefrau, und Ashley Saint Clair, ein Social-Media-Star, die ebenfalls Mutter eines Kindes von Musk ist. Beide haben sich zu Interviews bereit erklärt und treten nun nicht im juristischen, aber doch in einem übertragenen Sinn als Belastungszeuginnen auf – immer im Rahmen dessen natürlich, was die Anwälte für vertretbar halten. Eine Frage nach Musks Drogenkonsum, auf den eine Geschichte des „Wall Street Journal“ aufmerksam zu machen versuchte, lässt Saint Clair offen, allerdings mit einer durchaus beredsamen Miene.Die Influencerin nutzte die Bühne in Venedig auch prompt für eine Pressekonferenz, in der sie davon erzählte, dass Musk ihr 40 Millionen Dollar für ein „non disclosure agreement“ angeboten hatte – de facto also Schweigegeld. Saint Clair aber hielt offensichtlich die Bühne, die sie in „Musk“ bekommt, für wichtiger, was wiederum einiges über den Status dieses Films sagt, der wohl nicht zufällig vor den Midterm-Wahlen präsentiert wird. Eine der ominösesten Stellen bezieht sich auch direkt auf diese Zwischenwahlen, die die Weichen für die zweite Hälfte der zweiten Amtszeit von Donald Trump stellen werden. Gibney stellt dabei sehr unverhohlen, aber auch unspezifisch einen Verdacht in den Raum, dass es dabei zu Manipulationen mithilfe von Technologien kommen könnte, die Musk kontrolliert.Gigantenkämpfe um die Zukunft der DemokratieDen Film wird man wohl am besten als ein Exempel dafür nehmen, welche Gigantenkämpfe inzwischen um die Zukunft der Demokratie geführt werden. Ein Publikum bei einem Filmfestival am Lido kann sich dabei einerseits privilegiert fühlen, denn nach wie vor zählt eine Premiere bei der Mostra in der Hierarchie der Aufmerksamkeiten. Zugleich aber zeigt gerade eine Plattform wie X, dass der Mahlstrom der Information kaum mehr zu kontrollieren ist. Und Elon Musk, auch das zeigt „Musk“ deutlich, wird beim Surfen auf diesem Mahlstrom immer mehr zu einem Monster.Dem aus Russland stammenden Ilja Chrschanowski fiel bei der Mostra die Rolle zu, in unmittelbarer Konkurrenz mit Gibneys Aufregerfilm sein neues Werk „Dau“ zu präsentieren, das mit einer eigenen Vorgeschichte von Kontroversen antritt: Der Großversuch, eine immersive Erfahrung der Sowjetunion in einem Studio in der östlichen Ukraine zu erschaffen, wurde von Vorwürfen des Missbrauchs von Darstellerinnen begleitet. Mehrere Kapitel von „Dau“ existieren bereits, nun aber folgt so etwas wie ein Fundament.Ein Physiker, gespielt von einem DirigentenDenn der aktuelle Film „Dau“ erzählt von den frühen Jahren des Physikers Lew Landau, der hier im Leningrad des Jahres 1928 erstmals zu sehen ist – und gespielt wird er, auch das verweist auf die Dimensionen eines Gesamtkunstwerks, auf das „Dau“ zielt, von dem Dirigenten Teodor Currentzis. In deutlicher Parallele zu Christopher Nolans „Oppenheimer“ entwickelt Chrschanowski eine Reflexion über theoretische und angewandte Physik – die eine könnte irgendwann die Religion ersetzen, so nahe kommt sie den Geheimnissen des Universums; die andere wird von den Parteikadern direkt für Waffentechnik reklamiert.Diesen Konflikt versucht „Dau“ mit den Mitteln eines visionären Kinos zu erzählen. Immer wieder macht Chrschanowski Anstalten, mit einer experimentellen Darstellung das Innere der Wahrnehmung eines Genies der Physik nachvollziehbar zu machen. Für „Dau“, das Projekt, bedeutet die Premiere in Venedig einen neuen Ansatz. Große Mengen Material sind noch unausgewertet, von den Reaktionen wird es wohl auch abhängen, wie es für Chrschanowskis Riesenwerk weitergeht.
Der Dokumentarfilm „Musk“: Wie er zu einem Monster wurde
Der Dokumentarfilm „Musk“ zeigt den Titelhelden als Science-Fiction-Figur, die ihren eigenen Träumen zu sehr glaubt. Dass er vor den amerikanischen Midterm-Wahlen kommt, dürfte kein Zufall sein.










