Spät in der Nacht sagte Olaf Lange einen brisanten Satz. Der Bundestrainer der deutschen Basketballerinnen war nach dem Viertelfinal-Einzug bei der Heim-WM in Erzähllaune, so ist das ja oft bei den Hauptdarstellern im Profisport: Wer gewonnen hat, wagt sich etwas weiter hervor. Man habe sich in dieser ersten Wettkampfwoche in Berlin so sehr verbessert, setzte er an, „weil wir, gefährlicher Satz, den ich jetzt sage, in manchen Bereichen besser spielen, als wir sind“. Da knisterte es kurz im Kabuff der Halle am Ostbahnhof, das bei dieser WM für die Pressekonferenzen vorgesehen ist. Es steckt schließlich viel drin in dieser Feststellung.Seit vergangenem November ist Lange, 54, im Amt. Er hatte die Frauen des Deutschen Basketball Bundes (DBB) kurzfristig übernommen, obwohl er noch einen anderen Job hat: als Assistent bei Toronto Tempo in der US-Profiliga WNBA. Er traute sich beides zu, und man kann mittlerweile bilanzieren, dass das ein Glücksfall für beide Seiten ist. Für Lange, diesen manchmal eigenwilligen, aber innovativen Basketballcoach – und für den DBB, der für sein Frauenteam endlich eine Trainerpersönlichkeit gefunden hat, die zu passen scheint. Langes Satz beinhaltete nach dem 94:56 gegen Südkorea einige Präzision zur Lage der Dinge: Kann es sein, dass es Sportmannschaften gibt, die sich selbst darin übertreffen, ihre Schwächen zu kaschieren?Caitlin Clark bei der Basketball-WM:Sie trifft auch aus neun Metern EntfernungSie trägt den Streetball in sich: Caitlin Clark ist bei der Basketball-WM die Attraktion bei den US-Amerikanerinnen. Auch Steph Curry, der weltweit beste Werfer bei den Männern, ist beeindruckt.Lange erklärte seine Aussage mit dem Wort „Synergien“. Besonders in der Verteidigung und beim Vertrauen untereinander habe es seit der heftigen Pleite im ersten Gruppenspiel gegen Spanien enorme Fortschritte gegeben. Es sei nämlich so, dass manchmal eins plus eins nicht zwei ergebe, sondern direkt vier. Wenn also einiges zusammenpasse, potenziere sich das Können, und man erreiche ein höheres Level, als eigentlich vorgesehen sei. Für Lange zählt das, was rauskommt, und das ist seit dem Katastrophenstart in dieses Turnier eine ganze Menge. Drei Siege haben die Deutschen aneinandergereiht, gegen Japan, Mali und Südkorea – alle drei mit einigem Vorsprung, und jedes Mal haben sie noch ein wenig besser gespielt. Es gibt schlechtere Momente, um sich nun einer vergleichsweise riesigen Herausforderung zu stellen: Belgien ist der Gegner am Donnerstag (17.45 Uhr, Magentasport).„Ich denke, wir haben eine Chance, auch wenn die Belgierinnen sehr erfahren sind“, sagt der BundestrainerDie Belgierinnen haben als eines der wenigen Frauen-Nationalteams ein eigenes Branding, sie nennen sich „Belgian Cats“, und das sagt etwas über ihre Kultur aus: Sie sind als Serien-Europameisterinnen (2023 und 2025) eine Instanz. Centerin Emma Meesseman, 33, gilt fast schon als Ikone des Frauenbasketballs. Von ihr oder Aufbauspielerin Julie Allemand, 30, schwärmen die Deutschen, man kennt und schreibt sich Whatsapps. Besiegen konnte die DBB-Auswahl diese Gegnerinnen zuletzt aber nur ein Mal, bei Olympia 2024 in Paris, wo in der Vorrunde für einen Tag alles passte. Doch danach setzte es im vergangenen EM-Viertelfinale eine fast schon gewohnte Pleite mit 24 Punkten Unterschied. Es wird also Zeit, findet Lange: „Ich denke, wir haben eine Chance, auch wenn die Belgierinnen sehr erfahren sind.“ Um Erfahrung geht es ihm häufig, er ist damit selbst reichlich ausgestattet nach Stationen in Australien, Spanien und Russland. Langes Vertrauen in sein Team speist sich aus der Erkenntnis, dass auch seine Spielerinnen jetzt erfahrener sind als noch 2024 oder 2025.Im Grunde haben sie in diesen wenigen Turniertagen zusätzlich noch einen Crashkurs in Sachen Abgezocktheit absolviert. Tatsächlich sind die deutschen Frauen auf internationalem Niveau auch keine Rookies mehr. Spielerinnen wie Leonie Fiebich, Luisa Geiselsöder oder Marie Gülich sind zu Anführerinnen geworden. Einfach so? Nein, auch dank Trainer Lange, der etwa von Fiebich offen fordert, sie solle mehr auf den Korb werfen. Gegen Südkorea lieferte zudem Kapitänin Gülich einen fast perfekten Auftritt: 19 Punkte, fünf Rebounds, drei Assists – und das, nachdem ihr voriges Jahr das Kreuzband kaputtgegangen war.„Ach, das waren heute doch nur Korbleger“, berichtete sie, eine bescheidene Untertreibung, die Mitspieler hätten sie so gut in Szene gesetzt. „Ich bin selbst überrascht, wie gut das Knie wieder hält“, fügte sie im Getöse der Interviewzone an, wo es zugeht wie bei einem Länderspiel der Fußballer: Dutzende Reporterinnen und Reporter, Kameras, Gedränge. Beim Reizwort Knie schluckte Gülich kurz in Richtung einer nebenstehenden DBB-Pressefrau, fast kamen Tränen, der Weg zurück hatte sie so sehr geplagt. Gut, dass Kollegin Geiselsöder direkt die Schwere beseitigte: Gülich sei einfach eine „lebenslustige, frohe Natur“ und ohnehin: „eine Ballerin“.Dieses Team war bereits vor der erstmaligen Olympia-Teilnahme in Paris eine Einheit, aber es benötigte noch einen Funken mehr Klasse. Und es bekam sie aus dem U-Bereich: Frieda Bühner, 22, ist etwa bei der WM endgültig zur zweitbesten Akteurin dieser Equipe neben Alleskönnerin Fiebich gereift. 17 Punkte gelangen Bühner auch gegen Südkorea. Im Kreis dieser jahrelang vereinten „Sisterhood“ (so eine Selbstbezeichnung in einer aktuellen ZDF-Doku) hat sich eine Identität entwickelt.Diese Wettkampfhärte vermisste Lange noch vor einem Jahr, als er das EM-Aus gegen die Belgierinnen aus der Ferne verfolgt hatte. Damals verlor sich das deutsche Team, alle wollten, aber es gab kein gemeinsames Aufraffen, kein Vertrauen in den sogenannten „Gameplan“. Lange hat dieses Defizit behoben, es gibt bei dieser WM kaum eine Mannschaft, die disziplinierter ihr Ding durchzieht als die Deutschen, abgesehen von Frankreich, den USA und, nun ja, Belgien. „Wir sind jetzt ein anderes Team als damals“, erinnerte sich Gülich ans letzte Treffen mit den „Cats“ in Piräus vor einem Jahr, „eines, das mithalten kann.“ Auch ein gefährlicher Satz – für die Belgierinnen.