Natürlich ist es ein neuer Höchstpreis, auch an diesem Dienstag. Am Amsterdamer Handelsplatz TTF steigt der Preis für eine Megawattstunde Erdgas, Lieferung im November, auf fast 75 Euro. Das ist der höchste Preis seit zwei Jahren. Für das erste Quartal des kommenden Jahres dagegen ist Gas derzeit für etwas mehr als 72 Euro zu haben – und damit ist das ganze Dilemma auch schon klar: Wer im November Gas einkauft, es einspeichert, um es an kalten Wintertagen des neuen Jahres zu verkaufen, macht Verlust.Seit Wochen spiegelt sich diese Marktlage auch in den deutschen Gasspeichern. Drei Wochen vor Beginn der Heizperiode, die formal am 1. Oktober beginnt, sind sie gerade mal zu 55 Prozent gefüllt. Auch das ist Rekord: In den 15 Jahren, in denen die Füllstände erhoben und registriert werden, waren die Speicher zu diesem Zeitpunkt niemals so leer; vor einem Jahr um die Zeit waren es mehr als 74 Prozent. Der Winter aber naht.Die Nervosität jedenfalls wächst mit jedem Tag. Nach Daten der Branchen-Initiative Ines lassen sich die Speicher rein technisch bis zum 1. November noch zu 77 Prozent füllen. Auch die Buchungen von Speicherplatz geben das her, zu 83 Prozent sind die Kapazitäten derzeit von Gashändlern reserviert. „Die technische Möglichkeit allein garantiert jedoch noch keine entsprechende Befüllung“, warnt Ines, ein Zusammenschluss von Speicherbetreibern. Dazu müsse das Tempo deutlich steigen. „Bleibt die Befüllung auf dem derzeit niedrigen Niveau, wird auch der technisch noch erreichbare Füllstand im weiteren Verlauf sinken.“ Je kälter der Winter, desto größer die Gefahr, dass es eng wird mit dem Gas.Seit dem Iran-Krieg fehlt dem Weltmarkt ein Fünftel der GasmengenHinter den mauen Füllständen steckt vor allem die Krise am Persischen Golf. Üblicherweise sinken die Gaspreise über den Sommer. In der nördlichen Hemisphäre wird kaum geheizt, entsprechend reichlich ist der Heizstoff verfügbar. Dann schlägt die Stunde der Gashändler. Sie kaufen günstiges Gas und füllen damit die Speicher – um es deutlich teurer zu verkaufen, wenn die Temperaturen fallen. So weit die Theorie. Doch seit iranische Raketen Exportanlagen für Flüssigerdgas in Katar trafen, fehlt dem Weltmarkt ein Fünftel der Gasmengen. Die Preise schnellten schon im Sommer hoch – und zerstörten das übliche Geschäftsmodell.Daran ändern auch gesetzliche Vorgaben nichts. Sie verlangen von den meisten Gasspeichern bis zum 1. November einen Füllstand von 80 Prozent, bei sechs weiteren reichen der besonderen Bedingungen wegen 45 Prozent. Allerdings gibt es keine Sanktionen, wenn die Vorgaben nicht eingehalten werden. Allenfalls könnte der Staat einspringen und die Speicher füllen. Über die Firma Trading Hub Europe, die für den sauberen Ablauf am deutschen Gasmarkt zuständig ist, könnte der Bund Gas einkaufen. 2022, nach der russischen Invasion in der Ukraine, beugte die damalige Bundesregierung so schon einmal einem Engpass vor. Allerdings ließ die starke Nachfrage aus Deutschland auch die Preise massiv steigen, den Märkten war die deutsche Notlage nicht entgangen.„Die Ministerin zockt“: Katherina Reiche (CDU) mahnt seit Wochen zur Gelassenheit.Fabian Sommer/dpaEine Wiederholung dieser Situation will das Bundeswirtschaftsministerium unbedingt verhindern – und mahnt seit Wochen zur Gelassenheit. Deutschland sei mit Gas „gut versorgt“, betonte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erst vorige Woche. Ähnlich liest sich auch eine Vorlage des Ministeriums für eine Sondersitzung des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie, die Dienstagabend stattfinden sollte. „Nach aktuellem Erkenntnisstand ist eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht zu erwarten“, heißt es in der Vorlage, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Füllstände zwischen 60 und 70 Prozent zu Beginn des Winters dürften reichen. Allerdings: „Außergewöhnliche Wetter- oder Infrastrukturszenarien können zu zusätzlichen Belastungen führen“, räumt das Ministerium ein.Das Dilemma ist nicht zu übersehen: Greift die Regierung ein, steigen die Preise, dafür werden Engpässe im Winter unwahrscheinlich. Überlässt sie alles dem Markt, wird es weniger teuer, aber das Risiko für den Winter steigt. „Die Ministerin zockt“, sagt Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner. „Das kann gut gehen, es kann aber auch schiefgehen.“Den kuriosesten Vorschlag hat am Dienstag BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht: Im neu gewählten Landtag von Sachsen-Anhalt werde ihr Bündnis einen Antrag stellen, die dortigen Speicher mit russischem Gas über die Ostsee-Pipeline Nord Stream zu versorgen. Allerdings ist die seit einem Anschlag vor vier Jahren unbrauchbar. Die einzige Röhre, die seinerzeit nichts abbekam, wurde nie genehmigt. Und dass das ganze Problem erst dadurch entstanden ist, dass Russland die deutsche Abhängigkeit ausnutzte und seine Gaslieferungen 2022 einstellte – geschenkt. Es ist eben nichts einfach an der Lage. Und noch ist es draußen warm.
Gaspreise und Speicherfüllstände – wie ernst ist die Lage vor dem Winter?
Die Gaspreise in Deutschland steigen, die Speicher sind ungewöhnlich leer kurz vor der Heizperiode. Die Regierung sieht keine akute Gasmangellage.










