Ein Skandal um Kryptogeschäfte rechter Politiker in Polen weitet sich ausNach dem Konkurs einer Kryptobörse kommen dubiose Geschäfte konservativer Politiker ans Licht. Auch auf Präsident Karol Nawrocki fällt ein Schatten.Paul Flückiger, Danzig09.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEiner der Festgenommenen im polnischen Kryptoskandal ist Radoslaw Piesiewicz (Mitte), der Vorsitzende des Polnischen Olympischen Komitees.Kasia Zaremba / EPARechtzeitig zum Ende der politischen Sommerpause ist es in Polen zu einem Skandal um den Handel mit Kryptowährungen und Kryptoanlagen gekommen, der vor allem die rechte politische Szene betrifft. Fast täglich tauchen neue Namen konservativer Politiker auf, die in die undurchsichtigen Machenschaften einer Kryptowährungsbörse verwickelt sein sollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verstrickungen der früheren RegierungsparteiDie meisten Informationen stammen offenbar von Przemyslaw Kral, dem letzten Direktor von Zondacrypto, der 2014 in Polen gegründeten und offiziell von Estland aus betriebenen Börse für Kryptowährungen. Das Unternehmen befindet sich mittlerweile in Konkurs. Kral soll sich heute ausserhalb Polens befinden, aber mit der Staatsanwaltschaft eine Kronzeugenregelung ausgehandelt haben. Die Börse soll laut polnischen Medienberichten von Kriminellen unterwandert worden sein und unter anderem der Geldwäsche gedient haben.Tomasz Simoniak, der Geheimdienstkoordinator der liberalen Regierung des Ministerpräsidenten Donald Tusk, sagte am Dienstag, zweifellos hätten auch russische Dienste die Börse mit Geldern versorgt. Die estnische Finanzkontrolle hatte ihr erst Ende Juni die Lizenz endgültig entzogen.Für Polens grösste Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die bis 2023 in Warschau an der Macht gewesen war, und die in der Wählergunst aufstrebende neue Fraktion des damaligen PiS-Regierungschefs Mateusz Morawiecki sowie die rechtsextreme Konföderation wachsen sich die Enthüllungen ein Jahr vor den Parlamentswahlen zu einem Imageproblem aus. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Kryptobörse vor dem Machtwechsel von 2023 weitgehend unkontrolliert handeln konnte.Später scheint sie genau diejenigen rechten Kräfte unterstützt zu haben, die sich in der Opposition wiederfanden. Dort waren diese von vielen Finanzierungsquellen abgeschnitten, von denen sie zuvor profitiert hatten. Die PiS hatte darüber hinaus einen Grossteil der staatlichen Parteiunterstützung verloren, nachdem ihr die Zentrale Wahlkommission Wahlkampffinanzierung aus Ministeriumsgeldern vorgeworfen hatte. Die Partei sprach von politischer Rache.Zuwendungen für rechte ParteienDas konservative Lager stand damit zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs im Herbst 2024 mit praktisch leeren Kassen da. Der Wahlkampf für den von der PiS zum Kandidaten auserkorenen parteilosen Historiker Karol Nawrocki wurde daraufhin angeblich durch Tausende kleiner Spenden finanziert. Nawrocki allerdings legte seit seinem Amtsantritt dreimal das Veto gegen Versuche ein, den Handel mit Kryptowährungen stärker zu regulieren. Tusk hält das für mehr als einen Zufall. Nawrocki argumentiert, das Gesetz würde die Freiheiten der Polen, ihr Eigentum und die Stabilität des Staates ernsthaft gefährden, und streitet jegliche Verbindung zur umstrittenen Kryptobörse ab.Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft mehrere ehemalige Mitarbeiter der Plattform festnehmen lassen. Durch den Konkurs sollen Anleger umgerechnet mehrere hundert Millionen Franken verloren haben. Ins Netz der Ermittler geraten ist auch der bisherige Präsident des Polnischen Olympischen Komitees, ein eng mit der PiS verbundener Funktionär. Er wurde vor kurzem festgenommen. Das Nachrichtenportal Onet.pl will zudem Beweise dafür haben, dass das grosse konservative Privatfernsehen TV Republika Aktienanteile an die Kryptobörse verkaufen wollte. Der TV-Chef bezeichnet dies als Lüge. Klar ist aber, dass die Börsenfirma seit der TV-Gründung nach der Wahlniederlage der PiS dort Werbung platziert hatte. Dies verlieh ihr in rechten Kreisen Glaubwürdigkeit.Ins Fadenkreuz der Ermittler ist auch der Abgeordnete Przemyslaw Wippler (Konföderation) geraten. Er soll Kral im Sommer 2025 in Monaco getroffen haben, dann im Sejm vehement gegen die Regulierungsinitiativen der Regierung eingetreten sein und dafür hohe Spendengelder eingeheimst haben. Eine ähnliche Reise zu Kral nach Ibiza wird in regierungsfreundlichen Medien auch einem nahen Mitarbeiter des PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski vorgeworfen. Der PiS-Abgeordnete will für seine spätere Lobbyarbeit indes kein Geld von Kral angenommen haben.Unklare Auswirkungen auf den WahlkampfFür die liberale Regierungsmannschaft um Tusk ist der Zondacrypto-Skandal ein gefundenes Fressen. Nach der Sommerpause nimmt der Wahlkampf für die Parlamentswahlen von 2027 Fahrt auf. Ins Fadenkreuz der Regierung ist dabei in den vergangenen Tagen erneut Kaczynskis langjähriger Justizminister Zbigniew Ziobro geraten, der sich Ende 2025 einer strafrechtlichen Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft entzogen hat, indem er sich via Ungarn in die USA absetzte.Tusk zitierte am Freitag im Sejm, der grossen Parlamentskammer, aus Krals Verhörprotokollen, wonach Ziobro von ihm eine Spende von umgerechnet rund 100 000 Franken erhalten haben soll. Die beiden hätten sich auf das Vierfache geeinigt, aber die Bank habe die nächste Überweisung verweigert. Ziobro habe im Gegenzug Hilfe versprochen, sobald er erneut Justizminister sei. Aus den USA bestätigte Ziobro inzwischen, Krals Spende über 450 000 Zloty angenommen zu haben. Tusks weitere Darstellungen weist er zurück. Hätte er damals gewusst, was man heute über die Kryptobörse wisse, hätte er die Spende abgelehnt, erklärte Kaczynskis früherer Justizminister im Gespräch mit der «Gazeta Wyborcza».Rechtlich in Polen vertreten wird Kral ausgerechnet von Roman Giertych, einem bekannten Abgeordneten von Tusks liberaler Bürgerkoalition. Dies erleichtert Ziobro und der PiS die Verteidigung. Sie machen geltend, es handle sich bei den angeblichen Enthüllungen um haltlose Behauptungen, die der politischen Abrechnung dienten.Laut dem Politologen Rafal Chwedoruk ist der Kryptowährungsskandal zu abstrakt, als dass er im Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielen könnte. Die PiS habe in den Umfragen ohnehin sämtliche Unterstützung bis auf ihre eiserne Wählerschaft verloren. Gewinnen könne auf der rechten Seite nur der bisher nicht in den Skandal verwickelte rechtsextreme Politiker Grzegorz Braun. Politische Beobachter in Warschau rechnen damit, dass Tusk den Skandal über Monate am Köcheln halten könnte, um die Rechte zu schwächen.Passend zum Artikel
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