Welche Folgen es hat, wenn das Geld für wichtige Bauprojekte fehlt, erklärt Thomas Nauss an einem Beispiel, das seiner Hochschule vor vier Jahren unerfreuliche Schlagzeilen einbrachte. Im August 2022 mussten vier Türme der sogenannten Phil-Fak in Marburg wegen Brandschutzmängeln zum Teil gesperrt werden. Die Philipps-Universität investierte daraufhin eine Million Euro, um die maroden Gebäude fürs Erste wieder nutzbar zu machen, wie Unipräsident Nauss in Erinnerung ruft. Eigentlich hätten die Phil-Fak-Gebäude längst geräumt und die dort ansässigen geisteswissenschaftlichen Institute in Neubauten verlegt werden sollen. Stattdessen musste die Uni Mittel aus ihrem Grundbudget für – wie Nauss es nennt – „Flickschusterei“ einsetzen. Geld, das er lieber für Lehre und Forschung ausgegeben hätte.Vor solch unangenehmen Abwägungen dürften die Uni Marburg und andere hessische Hochschulen in nächster Zeit öfter stehen. Denn das Land Hessen hat entschieden, wegen gesunkener Steuereinnahmen das Budget für das Hochschulbauprogramm Heureka um fünf Jahre zu strecken: Die 1,4 Milliarden Euro, die ursprünglich für den Zeitraum 2027 bis 2031 vorgesehen waren, müssen nun bis 2036 reichen.Nauss, der auch Sprecher der Konferenz hessischer Universitäten ist, sieht dadurch alle Heureka-Projekte erst einmal infrage gestellt. In Marburg betreffe dies unter anderem Vorhaben der Fachbereiche Jura und Chemie. Fortgeführt oder begonnen würden zunächst wohl nur solche Projekte, für die „die Bagger schon rollen“ oder bei denen es um die Abwendung unmittelbarer Risiken für Gebäudenutzer – etwa Brand- oder Einsturzgefahr – gehe.Thomas NaussFrank RöthNach dem Hochschulpakt, der die Landeshochschulen in diesem Jahr zu Einsparungen von insgesamt 30 Millionen Euro zwingt, ist die Heureka-Streckung Nauss zufolge der „zweite Schlag in kurzer Folge“. Für die hessischen Hochschulen sei dieses Bauprogramm der „letzte verbleibende Lichtblick“ gewesen, „um wenigstens einen für national und international wettbewerbsfähige Wissenschaft angemessenen Gebäudegrundbestand einigermaßen zu erhalten – von einem hohen Sanierungsstau ganz abgesehen“, heißt es in einer Mitteilung der KHU.Ähnlich enttäuscht wie die Universitäten zeigen sich die hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften. „Wenn nur noch Vorhaben zur Abwehr unmittelbarer Gefahren für Leib und Leben umgesetzt werden können, wird aus einem strategischen Hochschulbauprogramm faktisch ein reines Gefahrenabwehrprogramm“, klagt ihr Sprecher Arnd Steinmetz, Präsident der Hochschule Darmstadt.„Faktisch reduziert sich das Budget um mehr als die Hälfte“Wie Nauss weist er darauf hin, dass die Verlängerung der nächsten Heureka-Phase auf den doppelten Zeitraum bei gleichbleibendem Budget die Mittel faktisch um mehr als die Hälfte reduziere. Grund sei die Inflation: Der amtliche Baupreisindex für Bürogebäude sei seit 2019 um 55 Prozent gestiegen; bei einzelnen Vorhaben hätten sich die kalkulierten Gesamtkosten inzwischen nahezu verdoppelt.Arnd SteinmetzMarcus KaufholdNauss und Steinmetz erinnern daran, dass die hessischen Hochschulen dem Land im vergangenen Jahr zusammen 474,5 Millionen Euro aus ihren Rücklagen zur Konsolidierung des Landeshaushalts geliehen hätten. Teile des Geldes hätten die Hochschulen als Eigenbeiträge in Heureka-Vorhaben einbringen wollen. Steinmetz bezifferte die Beiträge für die von ihm vertretenen Hochschulen auf insgesamt 31,7 Millionen Euro. Diese sollten von 2027 an nach und nach wieder in Bauprojekte fließen. „Da die abgeführten Eigenmittel weder verzinst noch gegen Baukostensteigerungen abgesichert sind, verlieren sie mit jedem weiteren Jahr an realer Bauwirkung. Zugleich müssen die Hochschulen nach den bestehenden Vereinbarungen höhere Eigenanteile mittragen.“Das hessische Wissenschaftsministerium rechtfertigt die Streckung des Heureka-Budgets auf Anfrage auch damit, dass schon vor dem Zwang zur Haushaltskonsolidierung Bauvorhaben nicht in dem Umfang angegangen worden seien, den der Etat eigentlich zugelassen hätte. Das habe etwa mit Lieferengpässen wegen der Corona-Pandemie und des Ukrainekriegs zu tun. Diese Effekte würden sich auch in den nächsten Jahren noch auswirken.Grundsätzlich stehe die Landesregierung aber „klar“ zum Heureka-Programm. Das gilt laut Ministerium auch für zwei herausragende Projekte: die Neubauten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt sowie der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Beide Vorhaben sollen den Angaben zufolge „nach aktuellem Stand“ aus Heureka-Mitteln finanziert werden. Das Land werde zudem „ergebnisoffen prüfen, ob in Anbetracht knapper Mittel sonstige, zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten bestehen, die für Land und Hochschulen vorteilhaft sein können“.Nach der Ankündigung, die nächste Heureka-Programmphase in die Länge zu ziehen, war in Frankfurt und Offenbach die Sorge gewachsen, dass sich die seit Langem erwarteten Bauvorhaben der beiden Kunsthochschulen weiter verzögern könnten. Das Ministerium ließ hierzu wissen, an den Zielen, den Neubau der Hochschule für Gestaltung bis Anfang der Dreißigerjahre und jenen der Musikhochschule bis Mitte der Dreißigerjahre fertigzustellen, habe sich nichts geändert. Der Sprecher der hessischen Kunsthochschulen und Präsident der Musikhochschule, Elmar Fulda, war am Montag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.