Wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verhören Ermittler von Scotland Yard in London einen saudischen Staatsbürger. Einen Mann, den sie für eine Schlüsselfigur bei der Frage halten, ob Saudi-Arabien möglicherweise eine Rolle bei den Anschlägen spielte. Die Ermittler vermuten nach dem sieben Tage langen Verhör, dass er für den saudischen Geheimdienst arbeitete, doch können es nicht beweisen.Warum hätte Omar Al-Bayoumi, als er vor 2001 für einige Jahre in Kalifornien lebte, zwei der späteren Attentäter eine Wohnung und ein Bankkonto besorgen sollen, wenn er ihnen denn – wie er sagt – erst kurz zuvor in einem Restaurant in Los Angeles begegnet war? Er bestreitet alle Vorwürfe, dass er für den Geheimdienst gearbeitet und den Auftrag gehabt hätte, zwei der späteren Attentäter zu unterstützen. Immer wenn es um Namen und Details geht, bleibt er vage oder kann sich nicht erinnern.Die Rolle Saudi-Arabiens bei 9/11 ist umstrittenDer fünfteilige Podcast „Staatsgeheimnis 9/11 – Die Saudi-Connection“ beschäftigt sich intensiv mit Omar Al-Bayoumi. In seiner Recherche zur möglichen Rolle Saudi-Arabiens bei 9/11 stützt sich der WDR-Journalist Nikolaus Steiner auf Originalaufnahmen des Verhörs von Al-Bayoumi, die bis heute unter Verschluss sind und ihm, wie er sagt, zugespielt worden seien.Besonders interessant werden die Aufnahmen dadurch, dass Steiner für den Podcast mit dem ehemaligen Scotland-Yard-Ermittler David Campbell gesprochen hat, der Al-Bayoumi damals verhörte. Auch durch Interviews mit ehemaligen FBI-Ermittlern, Anwälten, Angehörigen der Opfer und Gespräche mit seinem ARD-Kollegen, dem Investigativreporter John Goetz, wird aufgearbeitet, welche Spuren es gibt – und was wir alles nicht wissen. Welche Rolle Saudi-Arabien bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 spielte, ist umstritten. Die Regierung in Riad hat wiederholt den Verdacht zurückgewiesen, die Attentäter unterstützt zu haben.„Was jetzt kommt, ist keine Verschwörungstheorie“Ab wann begibt man sich eigentlich auf das Terrain von Verschwörungstheorien? Die Frage blitzt einem schon durch die Aufmachung des Podcasts auf, eine Abbildung der rauchenden Twin Towers, über denen unheilvoll die Silhouette einer Person mit traditioneller arabischer Kopfbedeckung schwebt, während sich aus dem Hintergrund ein Flugzeug nähert. Darüber in giftgrün hinterlegten Lettern der Titel: „Staatsgeheimnis 9/11“. Er geht darauf zurück, dass Tausende Seiten von FBI-Ermittlungsakten von der US-Regierung als Staatsgeheimnis eingestuft werden.Der Podcast kokettiert geradezu mit dem Thema Verschwörungstheorien. So begrüßt Steiner seinen Kollegen Goetz mit der Frage, ob er denn nun beim russischen oder beim amerikanischen Geheimdienst sei. Goetz antwortet lachend, dass ihm auch vorgeworfen werde, chinesischer Agent zu sein. Die Wahrheit sei aber relativ langweilig: Er arbeite für den NDR.Steiner spricht darüber, dass er als Journalist, der sich mit dem 11. September 2001 beschäftige, das Gefühl habe, „so eine Art Disclaimer setzen“ zu müssen. „Ich muss sagen: ,Nein, Achtung, was jetzt kommt, ist keine Verschwörungstheorie.‘“ Goetz pflichtet Steiner bei, dass es so viele verrückte Geschichten gebe, dass die ernsthaften Zweifel und Fragen untergingen. „Aber hier bei deiner Story hast du ja Belege, du hast Ermittlungsakten, und du hast Zeugenaussagen.“ Einmal den Disclaimer gesetzt, widmen sich Goetz und Steiner im nächsten Satz den Folgen von 9/11.„Staatsgeheimnis 9/11“ nimmt sich viel vorDie Informationsdichte des Podcasts ist hoch. Dennoch kann man ihm, der sich weitgehend an die Chronologie der Ereignisse hält, gut folgen. Die Aufmerksamkeit hält Steiner auch dadurch aufrecht, dass sich Untersuchungsberichte, geopolitische Fragen – etwa zum Verhalten der US-Regierungen – und persönliche Perspektiven in seinem Stück geschickt abwechseln. Steiner sprach mit Angehörigen wie Terry Strada, die am 11. September 2001 ihren Mann verlor. Sie gehört zu jenen, die seit Jahren einen Gerichtsprozess gegen Saudi-Arabien anstreben. Ende August 2025 erfährt sie, dass der New Yorker Bundesrichter George B. Daniels den Antrag Saudi-Arabiens, Zivilklagen gegen das Land wegen des Verdachts, am Terror des 11. September 2001 beteiligt gewesen zu sein, zurückzuweisen, abgelehnt hat. Die von den Klägern vorgetragenen Beweise reichten für eine Hauptverhandlung vor Gericht aus. Das sei mitnichten ein Schuldspruch, sagt Goetz im Podcast. „Aber es eröffnet die Möglichkeit, dass es zu einem großen Gerichtsprozess kommen kann.“ Die Anwälte Saudi-Arabiens haben Beschwerde gegen die Zulassung der Zivilklagen eingelegt. Die Entscheidung darüber steht noch aus. Terry Strada glaubt daran, dass die Beschwerde abgelehnt wird.Die Dramaturgie des Podcasts ist sehr gelungen, doch nimmt sich der Autor Steiner eines Themas an, das selbst für fünf Folgen von jeweils etwas mehr als 30 Minuten zu umfangreich erscheint. Wer sich auf „Staatsgeheimnis 9/11 – Die Saudi-Connection“ einlässt, wird sich danach mit dem Thema noch weiter beschäftigen wollen.Der Podcast Staatsgeheimnis 9/11 – Die Saudi-Connection steht in der Audiothek „ARD Sounds“ sowie vom 8. September an auf anderen Podcast-Plattformen zur Verfügung.