Als Nyara Sabally am Freitagabend in der Mixed Zone der großen Berliner Uber-Arena stand, stieß sie zuerst einen Fluch in die Mikrofone. „Was soll man sagen? War ein Scheißspiel heute.“ Viel mehr sagte sie dann auch nicht. Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft hatte gerade ihr Auftaktspiel in der Heim-Weltmeisterschaft verloren, wobei es mehr um das Wie ging: 53:83 gegen Spanien, das war keine Niederlage, das war eine Vorführung.Später saß Olaf Lange, der Bundestrainer, im Presseraum der Arena. Er fluchte nicht, aber wehgetan hatte ihm die Niederlage auch. Lange sprach von „Wachstumsschmerzen“, womit er einerseits zum Ausdruck bringen wollte, dass seine Mannschaft uneingespielt in dieses Turnier gegangen sei, anders als die Spanierinnen. Andererseits aber auch, dass es Hoffnung auf Besserung gebe.Bundeskanzler Merz und Staatsminister Rauhe auf der TribüneEs stand aber noch eine andere Frage im Raum: ob den deutschen Spielerinnen auch das Drumherum eine Nummer zu groß gewesen sein könnte. Die bis zum Rand gefüllte Uber-Arena, 12.500 Zuschauerinnen und Zuschauer, die Erwartungen, auch die eigenen, eine Medaille soll es ja erklärtermaßen werden.Sogar der Bundeskanzler war gekommen, in Begleitung seines neuen Staatsministers Ronald Rauhe, des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner und des deutschen IOC-Mitglieds Michael Mronz. Und auch wenn die Spielerinnen später alle von der großartigen Atmosphäre schwärmten: Mental schienen sie nicht bereit für die Wucht dieses Starts. Dass die Spanierinnen gleich einen Dreier nach dem anderen in den deutschen Korb rauschen ließen, tat sein Übriges.Hoher Besuch: Bundeskanzler Merz, Staatsminister Rauhe (rechts daneben) und Bürgermeister WegnerdpaAls Nyara Sabally am Samstagabend in der Mixed Zone der Berliner Max-Schmeling-Halle stand, wirkte sie ziemlich gesprächig. Die deutschen Frauen hatten das zweite Spiel klar gewonnen, 74:58 gegen Japan, sie schwärmte von der Defense, davon, wie das Team diesmal selbst den Ton für das Spiel gesetzt hatte. In ihrer speziellen Mischung aus Deutsch und Englisch brachte sie zum Ausdruck, dass diese Leistung eher die Möglichkeiten der Mannschaft spiegele: „Wir wissen, was das Team capable of ist.“Für Nyara Sabally schließt sich ein KreisAls Nyara Sabally danach gefragt wurde, was ihr dieser Sieg in ihrer Heimatstadt, vor dieser Kulisse bedeute, sagte sie: „Ich bin in der Halle aufgewachsen, ich hatte hier jeden Tag Training, deswegen ist es so ein Full-Circle-Moment“. Ein Kreis, der sich geschlossen habe. Auch weil die Familie, die sie nicht oft spielen sehe, auf der Tribüne dabei gewesen sei.Die Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg, ein Erbe der gescheiterten Olympiabewerbung für das Jahr 2000, ist das Wohnzimmer des Berliner Basketballs, hier fühlt sich auch das Männer-Team von Alba zu Hause, eigentlich alle großen Berliner Basketball-Karrieren haben hier und auf den dazugehörigen Trainingscourts begonnen.Eine Nummer kleiner, aber ebenfalls voll besetzt mit 8300 Besucherinnen und Besuchern: Weil diese Wohlfühlatmosphäre die deutschen Frauen insgesamt beflügelte, scheinen sie nach dem ernüchternden Start erst einmal die Kurve gekriegt zu haben – alles andere wäre auch ein Jammer gewesen beim besonderen Charme dieser U- und S-Bahn-WM im basketballverliebten Berlin.Das Weiterkommen selbst in der HandAn diesem Montag (17.50 Uhr bei ProSieben MAXX und Joyn) haben sie das Weiterkommen im letzten Gruppenspiel gegen Mali selbst in der Hand. Alle vier Teams liegen mit einem Sieg und einer Niederlage gleichauf, nur der Erste springt direkt ins Viertelfinale, der Zweite und Dritte muss vorher noch in eine Play-off-Runde. Dass es gegen Mali allerdings kein Selbstläufer wird, dann wieder in der Uber-Arena in Friedrichshain, lässt sich allerdings schon daran erkennen, dass die Afrikanerinnen überraschend Spanien bezwangen.Eine Nummer zu groß: Spanien zeigt den deutschen Frauen beim WM-Auftakt die Grenzen auf.EPAWas man aber mit ziemlicher Sicherheit sagen kann: Wie groß die WM für die Deutschen noch werden kann, hat viel damit zu tun, wie sehr Nyara Sabally und ihr Spiel noch wachsen können bei diesem Turnier.Dass sie überhaupt für den Auftakt gegen Spanien fit wurde, war eine Punktlandung, nachdem sie am 13. August mit Toronto Tempo in der nordamerikanischen Frauen-Profiliga WNBA eine Wadenverletzung erlitten hatte. Ihre ältere (und prominentere) Schwester Satou fehlt den Deutschen bei der WM infolge einer Gehirnerschütterung ohnehin, Leonie Fiebich, ebenfalls in der WNBA aktiv, bei New York Liberty, hatte ebenfalls länger pausiert.Sabally und Fiebich: die Unentbehrlichen im deutschen TeamFiebich als Spielmacherin und die 1,96 Meter große Sabally mit ihrer physischen Präsenz und ihren Rebound-Qualitäten, beide 26 Jahre alt, sind die Unentbehrlichen im deutschen Team. Aber während Fiebich schon wieder voll belastbar wirkt, ist es mit Sabally ein sensibles Herantasten, eine WM im On-off-Modus, bislang mit mehr On, als zu erwarten war.Bundestrainer Lange sagte, er habe sie gegen Spanien, als das Spiel längst verloren war, ein bisschen länger spielen lassen als eigentlich nötig, „einfach um ihr ein bisschen zu helfen, Spielpraxis zu gewinnen“, insgesamt waren es knapp 17 Minuten mit zehn Punkten und sieben Rebounds. Er sagte dann aber auch, dass man sehen müsse, ob sie gegen Japan überhaupt würde spielen können. „Das ist jetzt day to day, wie wir sagen.“Tags darauf lief Sabally dann sogar mit der Starting Five auf, und auch wenn ihr bei den Würfen nicht alles gelang, stand sie am Ende bei 18 Punkten (und neun Rebounds), nur Frieda Bühner hatte einen mehr getroffen.Mit dem kurzfristigen Ausfall der Aufbauspielerin Alexis Peterson wegen einer Lebensmittelvergiftung habe das nichts zu tun gehabt, sagte Lange: „Nyara ist wichtig für uns, weil allein ihre Präsenz sehr viel Selbstvertrauen gibt. Ob sie in Bestform ist oder nicht, spielt da keine Rolle.“Er sei überrascht gewesen, dass sie so gut und so lange habe spielen können, betonte Lange, der mit ihr auch in Toronto als Assistenzcoach zusammenarbeitet. Knapp 22 Minuten waren es. „Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass es hier in Berlin ist. Das ist eine spezielle Motivation“, sagte Lange, selbst ein Berliner.Aber selbst wenn man in diesem Moment nicht an Franz Wagner dachte, der beim Berliner Gastspiel seiner Orlando Magic im Januar auch unbedingt aufs Feld wollte und das teuer bezahlte (bei ihm war es der Knöchel): Eine Wachstumsprognose für das deutsche Team über ein mögliches Viertelfinale hinaus? Die erscheint nach dem bisherigen Mittelwert immer noch ziemlich optimistisch.