Langsamstes Linienflugzeug der Welt: Der fliegende Land Rover kehrt heimNach fünfzig Jahren ausländischer Produktion rollt das legendäre Buschflugzeug Britten-Norman Islander wieder dort aus der Halle, wo alles begann: am Flugplatz Bembridge. Der robuste Kurzstarter soll in neuer Serie gebaut werden – trotz wachsender Konkurrenz.Jürgen Schelling07.09.2026, 12.00 Uhr4 LeseminutenDer erste Britten-Norman Islander, der wieder im Stammwerk Bembridge gebaut wurde, hat seinen Jungfernflug absolviert.Britten-Norman GroupDieses Verkehrsflugzeug kultiviert den Minimalismus: keinerlei Luxus und eine enge Kabine für höchstens neun Passagiere. Dafür zwei bewährte Motoren und ein extrem robustes Fahrwerk. Es ist quasi ein fliegender Land Rover. Zudem ist der Britten-Norman Islander der mutmasslich langsamste zweimotorige Airliner der Welt. Aber er hat andere Qualitäten als Geschwindigkeit oder Komfort. Der Hochdecker kann auf unbefestigten Pisten operieren und startet oder landet auf kürzeren Pisten als jedes andere Verkehrsflugzeug. Seit 1965 ist er eine Legende unter den sogenannten Buschflugzeugen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gebaut wird er schon seit sechzig Jahren. Nun kehrt er aber nach fünfzig Jahren in ausländischer Produktion heim zu seinen Wurzeln. Denn ursprünglich entstand der Islander in Bembridge auf der Isle of Wight, gegenüber der südenglischen Stadt Southampton gelegen. Bereits Ende der 1960er Jahre wurde der Bau der Flugzeugzellen allerdings nach Rumänien verlagert. Lediglich die Endmontage fand auf der Insel statt.Newsletter «Weg & Ziel»Fortbewegung damals, heute und in Zukunft: Historie, Neuheiten und Trends aus der Welt der Mobilität.Jetzt kostenlos abonnierenNun hat sich der Hersteller Britten-Norman nach mehreren Eigentümerwechseln wieder auf seine Wurzeln besonnen: Vor drei Jahren wurde ein neues Montagewerk an der alten Produktionsstätte, dem Flugplatz Bembridge, eröffnet. Hier entstehen nun alle Islander. Der erste neu produzierte Islander ist im August fertig geworden und startete am 3. September zum Erstflug. Er wird nach Südamerika an die Regionalregierung der Falklandinseln ausgeliefert, die zum Vereinigten Königreich gehören. Es gibt den Islander als Passagierversion, Frachtmaschine, Ambulanzflugzeug, zur Luftüberwachung und sogar in VIP-Konfiguration.Er gilt als Meister der kurzen PisteDer Islander ist so konstruiert, als hätten einst die Ingenieure des Land Rover Defender ein Flugzeug entwickelt. So kann er auf kürzesten Runways starten oder landen. Er gibt sich mit Gras-, Schotter- oder anderen unbefestigten Pisten zufrieden. Die Kolbenmotorvariante benötigt als Startrollstrecke zum Abheben lediglich 189 Meter. Noch kürzer ist die Landestrecke: Nur 140 Meter benötigt ein Islander vom Aufsetzen auf der Runway bis zum Stillstand. Da kann kein anderes zweimotoriges Verkehrsflugzeug auf der Welt mithalten.Aus diesem Grund sind im Linienbetrieb auf besonders kurzen Pisten vieler Inseln in Norddeutschland, England, Schottland, aber auch der Karibik oft nur Islander zu sehen.Der Islander schaffte es sogar in einen James-Bond-Film. Im Streifen «Spectre» ist er im Ultralangsamflug in eine Verfolgungsjagd mit drei Geländewagen voller Gangster verwickelt und absolviert eine spektakuläre Bruchlandung.Im James-Bond-Film «Spectre» war der Britten-Norman Islander prominent zu sehen.PDWährend der Dreharbeiten erlitt der Islander laut Drehbuch einen Totalschaden. Im Bild sitzt der Schauspieler Daniel Craig im Cockpit.ImagoDie maximale Robustheit des Islander stand im Lastenheft seiner Ingenieure ganz oben. Deshalb gibt es vieles, was kaputtgehen könnte, erst gar nicht: Auf ein Einziehfahrwerk, komplexe Elektroniksysteme, eine Druckkabine oder eine Enteisungsanlage verzichtet der Land Rover der Lüfte. Stattdessen bietet er ein belastbares Metallchassis, ein buschpistentaugliches Festfahrwerk und robuste Boxermotoren oder Propellerturbinen. In einen Islander passen maximal neun Passagiere. Von ihm sind seit dem Erstflug 1965 bereits mehr als 1250 Exemplare gebaut worden.Als Inselhüpfer muss der Islander nicht schnell seinIm Sichtflugbetrieb ist nur ein Pilot vorgeschrieben. Lediglich bei Flügen nach Instrumentenflugregeln, also in Wolken, müssen zwei an Bord sein. Allerdings dauern die üblichen Flugreisen oft nicht einmal eine halbe Stunde. Die kürzeste Linienflugverbindung der Welt mit einem Islander zwischen zwei Orkney-Inseln dauert sogar nur zwei Minuten. Angesichts dieses Einsatzprofils ist auch seine Höchstgeschwindigkeit unerheblich. Lediglich 200 Kilometer pro Stunde kann der Kolbenmotor-Islander im Reiseflug schnell sein. Mit Turbo-Propellern sind es 273 Kilometer pro Stunde.Für Piloten ist der Islander eine solide Wahl. Eigenstabil, gutmütig und angenehm langsam zu landen. Vor allem ist er gegenüber Seitenwind weitgehend unempfindlich. Das ist ein Vorteil beim Betrieb in rauen Gegenden, wie sie oft beim Inselverkehr anzutreffen sind. Die beiden Triebwerke sind bewährte 260 bis 300 PS starke Sechszylinder vom amerikanischen Hersteller Lycoming. Alternativ sind auch 320 oder 400 PS leistende Propellerturbinen von Rolls-Royce lieferbar.Seit drei Jahren baut Britten-Norman den Islander wieder auf der Isle of Wight.PDDa der Islander vor allem im Zubringerverkehr zwischen Inseln eingesetzt wird, fliegt er normalerweise maximal 1000 Meter hoch. Sollte dabei eines der Triebwerke ausfallen, ist er selbst mit nur einem Motor noch voll flugfähig. Er kann dann mit lediglich einem laufenden Antrieb ohne Verlust der Flughöhe problemlos bis zu einer Sicherheitslandung am nächstgelegenen Flugplatz fliegen.Schweizer Intermezzo als Tochter von PilatusDass der Islander einst für kurze Zeit ein Schweizer Flugzeug war, ist heute nur noch wenigen bekannt. Aber der britische Hersteller wurde 1978 komplett von Pilatus Aircraft übernommen und in Pilatus Britten-Norman umbenannt. 1998 verkaufte der Schweizer Flugzeugbauer das englisch-rumänische Tochterunternehmen aber an ein Konsortium. Heute ist Britten-Norman wieder ein rein britisches Unternehmen. Der ambitionierte Plan sieht vor, bis Ende des Jahrzehnts jährlich fünfzig Islander zu fertigen.Allerdings hat der Islander mittlerweile keine Alleinstellung bei kurzstartfähigen zweimotorigen Propeller-Verkehrsflugzeugen mehr: Der italienische Hersteller Tecnam hat seine P2012 STOL für genau diese Nische entwickelt. Seine Zweimotorige bietet Platz für einen Passagier mehr als der Islander. Zudem erhalten die Fluggäste deutlich mehr Platz und Komfort. Nur der Kulteffekt des Islander fehlt.Passend zum Artikel
Meister der Kurzpiste: Der Britten-Norman Islander wird wieder britisch
Nach fünfzig Jahren ausländischer Produktion rollt das legendäre Buschflugzeug Britten-Norman Islander wieder dort aus der Halle, wo alles begann: am Flugplatz Bembridge. Der robuste Kurzstarter soll in neuer Serie gebaut werden – trotz wachsender Konkurrenz.








