KommentarIn Sachsen-Anhalt haben die Wähler die alte Ordnung abgewählt. Aber sie haben keine neue bestelltDie AfD wird nicht mehr weggehen. Als eindeutige Siegerin ist sie auch nicht mehr politisch zu isolieren. Im Gegenteil: Sie bestimmt so oder so inzwischen mit, unter welchen Bedingungen in dem ostdeutschen Bundesland überhaupt Mehrheiten entstehen können.06.09.2026, 20.15 Uhr4 LeseminutenAfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und seine Frau Julia auf der AfD-Wahlparty.Matthias Schrader / APDie Regierung in Sachsen-Anhalt ist abgewählt. Die AfD kratzt an der absoluten Mehrheit der Sitze im Landtag von Magdeburg und kann ihr Ergebnis verdoppeln. Die CDU hat sie nebenbei halbiert. Die SPD richtet sich im einstelligen Bereich gemütlich ein, die FDP ist nicht mehr im Landtag vertreten: Die bisherige Koalition ist ohne jegliche Chance auf eine Mehrheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Björn Höcke, der Thüringer Landeschef und Anführer des Rechts-aussen-Flügels der Partei, gab den grossen Versöhner und rief zur Überwindung der Polarisierung im Land auf.Das muss man ihm nicht abnehmen, aber die Zeichen in der deutschen Politik haben sich in Magdeburg umgekehrt: Es ist die AfD, die zu Gesprächen einlädt, Bedingungen formuliert, rote Linien zieht und über eine Minderheitsregierung nachdenkt. Rein rechnerisch könnte die AfD mit jeder Partei eine Mehrheit bilden.Die alte Ordnung haben die Wähler in Sachsen-Anhalt geradezu lustvoll zerstört. Die Mobilisierung war gross, die Wahlbeteiligung hoch, das nützte der AfD und den drei etwa gleich kleinen Parteien Linke, SPD und Grüne. Auch das BSW könnte sich nach Stand der Hochrechnungen knapp in den Landtag retten.Stabil im VerlierenDie Analysen der Wahlverlierer waren tollpatschig und jedenfalls bequem: schwierige Zeiten, spezielle Verhältnisse, die bösen Populisten und Gegenwind aus Berlin. Nina Warken, die Kanzleramtsministerin, zeigte sich überzeugt, dass ihre CDU die richtigen Ideen habe, aber die Menschen noch besser mitnehmen müsse. Der SPD-Spitzenkandidat im Land sah seine 9-Prozent-Partei tatsächlich «ziemlich stabil».Tatsächlich haben alle einen Wahlkampf geführt, der die AfD zum Thema hatte und wie sie zu verhindern sei – nicht, welche überzeugende eigene Strategie es besser machen würde.Nun müssen die Parteien mit dem Ergebnis umgehen, das die Wähler ihnen beschert haben. Wie Sachsen-Anhalt künftig regiert wird, kann an diesem Wahlabend niemand wissen. Die Suche nach einer Mehrheit kann mühsam werden. Es gibt aber keinen Grund, sie auf Teufel komm raus abzukürzen.Kompromiss als SchwächeDafür ist das Ergebnis zu eindeutig. Eine relative Mehrheit der Wähler hat für einen grundlegenden Politikwechsel gestimmt und ihn den Parteien der Mitte, insbesondere auch der CDU, nicht zugetraut. Das Pendel schwang in Sachsen-Anhalt nicht bloss nach rechts, es fegte über die Mitte hinweg und hinterliess ihr eine gefährliche Lehre: der Kompromiss als Schwäche, der Ausgleich als Verrat.Die AfD ist jetzt zunächst in der Verantwortung, aus ihrem triumphalen Wahlergebnis eine parlamentarische Mehrheit zu machen. Eine Partei mit mehr als 40 Prozent lässt sich vielleicht weiter von der Regierung fernhalten. Politisch isolieren lässt sie sich nicht mehr.Womöglich ist dieser Versuch schnell beendet. CDU, SPD, Grüne und Linke haben eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Das erwartbare Scheitern einer Regierungsbildung der AfD ist kein Grund, die Mühe dem Wahlsieger von vornherein abzunehmen. Die AfD muss nun zum ersten Mal zeigen, wie weit ihr Wille zur Macht reicht, wenn dafür Gespräche und Kompromisse nötig werden.Scheitert Siegmund, sind die anderen Parteien am Zug. Auch dann gibt es keinen Zwang, sich binnen weniger Tage irgendeine Mehrheit zusammenzubauen. Eine CDU-geführte Regierung unter Beteiligung oder mit Unterstützung von SPD, Grünen und Linken wäre parlamentarisch legitim. Nach diesem Wahlergebnis wäre sie allerdings eine politisch zumindest ausserordentlich anspruchsvolle Konstruktion – und dem Wähler zudem schwer vermittelbar.Die Lage führt nicht gleich in die StaatskriseDas kann am Ende die am wenigsten schlechte Möglichkeit sein. Dass es die einzig verantwortbare sei oder gar staatspolitisch geboten, folgt daraus nicht. Sachsen-Anhalt stürzt nicht in eine Staatskrise, wenn die Regierungsbildung länger dauert, schon gar nicht tut das die Bundesrepublik. Die bisherige Regierung führt die Geschäfte weiter. Und wenn sich dauerhaft keine Mehrheit findet, kann am Ende unter den Voraussetzungen der Landesverfassung auch eine Neuwahl stehen.Keine dieser Möglichkeiten ist angenehm. Eine breite Regierung gegen die AfD könnte die Partei weiter stärken. Eine längere Hängepartie kostet Vertrauen. Neuwahlen könnten die Verhältnisse noch schwieriger machen. Eine AfD-geführte Regierung birgt angesichts der Radikalität des Landesverbandes Risiken eigener Art. Das Wahlergebnis zwingt die Parteien, zwischen schlechten Lösungen abzuwägen.Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Wahlabends: Die Wähler haben die alte Ordnung abgewählt, aber keine neue bestellt. Die Parteien werden eine finden müssen.117 KommentareMüller Jakob GesternAm Ende des Tages wird Siegmund im Amt sein. Da kann sich – wer auch immer und wo auch immer – den Mund fusselig reden und die Finger wundschreiben. Es wird nichts daran ändern.Uli Hofer GesternEchte Ironie des Schicksals: Die Mini-Partei BSW, völlig zerstritten, am hauchdünnen Faden nun in den Landtag gewählt, wird zur "Königsmacherin".