Am Ende stand Niclas Füllkrug barfuß da. „Ich muss raus aus den Schuhen, sie sind eng, sie drücken“, sagte Füllkrug. „Das mache ich immer so.“ Es hätte zu diesem Nachmittag gepasst, wenn das Paar vor lauter Freude auf der Osttribüne gelandet wäre.Entspannt und froh wirkte er nach diesem 3:1 gegen RB Leipzig, gelassen rekapitulierte Füllkrug einen nicht für möglich gehaltenen Sieg. Er selbst hatte den Ton gesetzt, als er nach 30 Minuten den Ball von Leipzigs David Raum eroberte: eine Grätsche als Zeichen. Das Weserstadion tobte.Zum ersten Mal tobte es schon nach vier Minuten, als Eren Dinkci, dem ersten Rückkehrer, das 1:0 gelang. Schwenk in die 68. Minute, Auftritt des zweiten Rückkehrers: Eckball Marco Grüll, Kopfball Füllkrug – der Ball fliegt ins Tor, das Schiffshorn tutet, 2:0. „Den muss man erst mal machen“, sagt Füllkrug später zu seinem Treffer aus zwölf Metern. „Es sollte so sein, vor der Ostkurve.“Wochen, die für die Versäumnisse der Vergangenheit stehenZwei Rückkehrer mit herzlichem Verhältnis zu Werder sind es, die an diesem Nachmittag in Bremen die Hauptrollen spielen. Eren Dinkci, 24, in Bremen geboren, ausgeliehen aus Freiburg, und Niclas Füllkrug, 33, aus Hannover, verliehen von West Ham United. Oft laufen solche Rückholaktionen schief. An diesem golden gerahmten Nachmittag im norddeutschen Übergang von Sommer zu Herbst lassen Füllkrug und Dinkci alle Romantikerherzen höherschlagen.Dabei steht eigentlich alles, was in den vergangenen Wochen in Bremen passierte, für Versäumnisse der vergangenen Jahre. Spieler ohne Kaufoption zu leihen, gilt in Branchenkreisen nicht gerade als große Managementkunst. Um bekannte Profis wie Ludovit Reis zu holen, braucht niemand einen Scout.Es ist auch kein Ausweis von Klasse in der Kaderzusammenstellung, wenn erst am Mittwoch, am Tag nach dem Deadline-Day, alle da sind. Wenn drei Einheiten genügen müssen, um sich auf ein Spiel vorzubereiten. Das klingt arg nach Stadtpark: Welche Farbe hat mein Leibchen, wo spiele ich heute?Zwei der drei Last-minute-Leihen hatten wenig Zeit, sich mit der Weserluft vertraut zu machen; Arthur (aus Leverkusen) und Youri Regheer (aus Amsterdam) liefen direkt in Trainer Thiounes Startelf auf. Wenn der Transfersommer mit solchen Geschäften auf den letzten Drücker endet, wirft das Fragen auf. Das Geld für nachhaltige Lösungen fehlt nämlich in Bremen.Wochenlang stockte es bei der Kaderarbeit von Clemens Fritz und Peter Niemeyer, den beiden Verantwortlichen. Sie mussten warten, bis Romano Schmid für 8,5 Millionen Euro an Frosinone Calcio in die Serie A veräußert worden war und Straßburg sagenhafte 20 Millionen Euro für den 19 Jahre alten Innenverteidiger Karim Coulibaly überwies.Fehlgriffe kann sich Werder nicht erlaubenZum Bremer Frustsommer gehört, dass nur ein paar Cent dieser Summe investiert werden konnten: Werder schleppt ein strukturelles Defizit mit sich herum, wie Klubchef Klaus Filbry erklärt. Heißt: Es wurde in den vergangenen Jahren mehr ausgegeben als eingenommen. So haben die 13 Millionen Euro für den nach Freiburg gewechselten Torwart Mio Backhaus aus dem Mai die Geschäftsbilanz 2025/26 gerettet. Und so werden die Einnahmen aus den Verkäufen von Schmid und Coulibaly die Zahlen des Bilanzjahres 2026/27 schönen.Ein Fehlgriff bei einem vielversprechenden Spieler wie Samuel Mbangula, der vor einem Jahr zehn Millionen Euro kostete und von Juventus kam, nie wirklich bei Werder überzeugte und nun nach Bologna ausgeliehen wurde, ist kaum auszugleichen. Auf 15 bis 17 Millionen Euro beziffert Filbry die Lücke im Kostenapparat, die die Bremer jährlich mit Überschüssen im Verkauf schließen müssen.Das hängt auch damit zusammen, dass die sportlich ordentlichen Ole-Werner-Jahre keine mit Transfereinnahmen waren. Werner wollte ein namhaftes, erfahrenes Team, keine Ansammlung Neunzehnjähriger. Doch wie bei so vielen anderen Klubs ist es das Geschäftsmodell am Osterdeich, auf junge Spieler zu setzen, die man teuer zu verkaufen hofft.In Bremen hatte sich schlechte Stimmung eingenistet, weil das 1:4 zum Saisonstart in Freiburg so enttäuschend ausfiel und sich dann auch noch Jens Stage, der beste Spieler, und Stürmer Justin Njinmah verletzten. Unter den ersten Eindrücken der neuen und den letzten der vergangenen Saison war die bange Frage: Wer ist eigentlich schlechter als wir? Die Erwartungshaltung an diese Mannschaft ist gering.„Wir hatten sehr viele Geräusche drum herum“Dann kam ein Mittwochstraining, bei dem es „richtig knallte“, wie Füllkrug sagte: „Die Neuen haben gemerkt, hier geht es zur Sache. Es war ein besonderes Training, es hat die Tür geöffnet für dieses Spiel.“ Denn Thioune ließ seine Gruppe tief verteidigen, verzichtete auf Ballbesitz, hoffte auf Umschaltmomente – die Werder bekam und durch das 3:0 Marco Grülls in der 80. Minute Leipzig entscheidend distanzierte.Sieben neue Spieler begannen am Sonnabend für Werder. „Wir hatten sehr viel Geräusche drum herum und Jungs auf dem Feld, die sich drei Tage kennen“, sagte Thioune, „die Mentalität war gut, der Rest ausbaufähig.“ So gelöst hat man den Trainer in seinen sieben Monaten in Bremen nicht gesehen. Er hatte ihnen das richtige Gewand geschneidert gegen Leipziger, die selbst mit neuem Coach und neuen Profis auf der Suche sind. Sie waren an diesem Samstag der ideale Gegner.Der ideale Spieler für einen schönen Werdernachmittag war Füllkrug. Auch als Botschafter der Bundesliga taugte er: „Ich dachte schon am Freitagabend bei Stuttgart gegen Köln, wie geil, dass ich wieder Bundesliga spielen darf. Es hat sich nicht extrem viel verändert, seit ich weg war.Die Liga ist viel besonderer, als man im Ausland wahrnimmt: die Stadien, die Fans, die Art, wie der Fußball hier praktiziert wird. Es macht sehr viel Spaß.“ Für den Moment ist die Rückkehr von Niclas Füllkrug das Beste, was Werder passieren konnte.
3:1 gegen Leipzig: Niclas Füllkrug beendet Werder Bremens Frustsommer
Nach Wochen mit schlechter Laune und einem zähen Transferfenster hellen Rückkehrer die Stimmung auf. Auch weil Leipzig für den Moment der ideale Gegner ist. Und Niclas Füllkrug der ideale Spieler.












