InterviewDie deutsche Autorin Dörte Hansen verkauft mit ihren Romanen über das Leben auf dem Land Millionen von Büchern. Jetzt erscheint «Broder». Hier sagt sie, warum sie Mitleid mit den Bauern hat und wie eine langjährige Ehe gelingen kann.06.09.2026, 05.30 Uhr10 Leseminuten«Ich schreibe ja nicht so übers Landleben, dass man sich sofort verliebt in diese Gegend und auch ein Haus mit Sprossenfenstern haben möchte»: Freilichtmuseum Molfsee in Kiel.Petra Nowack / Penofoto / ImagoFrage: Frau Hansen, haben Sie etwas gegen Reetdächer, Friesengiebel und Sprossenfenster?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Dörte Hansen: Gar nicht! Ich lebe in einem Backsteinhaus mit Sprossenfenstern. Leider ohne Reetdach. Wenn man aber so denkt wie meine Figur Marie-Claude in meinem neuen Roman «Broder» und eine grosse Skepsis hat gegenüber allem, was zu lieblich ist, zu süss oder zu ausgemalt, dann kann das zu einer Art Allergie führen. Ich selbst habe sie nicht.Frage: So fern ist Ihnen diese Allergie nicht. Seit Beginn Ihres Tuns als Schriftstellerin schreiben Sie gegen diese Landlust an, diese Idealisierung einer Gegend, falsche Träume von Städtern. Ihr Schreibanlass war also ein Ärger. Ist das ein gutes Gefühl, um zu schreiben?Antwort: Das war zum Glück nicht der einzige Anlass. Sonst schreibt man gallig und bitter. Ich sah mich eher zum Duell gefordert. Mich haben diese ganzen Gummistiefel-Bücher, die es eine Zeitlang gab, getriggert: Leute aus der Stadt ziehen aufs Land, schreiben sofort Bücher darüber und erklären den Leuten das Land. Da habe ich gedacht: Ich setze euch mal mein Bild dagegen, das ich vom Landleben habe. Als jemand, der wirklich auf dem Land aufgewachsen ist und jetzt auch wieder da lebt.Frage: Sie wollen also dem Leben auf dem Land Gerechtigkeit widerfahren lassen. Hat das Land das nötig?Antwort: Ja. Sonst wären meine Bücher wohl nicht so erfolgreich. Ich schreibe ja nicht so übers Landleben, dass man sich sofort verliebt in diese Gegend und auch ein Haus mit Sprossenfenstern haben möchte. Aber ich habe eine grosse Liebe und Verbundenheit zu dieser Landschaft. Ich finde meine Stoffe – und ich kann gar nicht genau erklären, warum –, aber ich finde sie eigentlich immer nur in diesem norddeutschen, ländlichen Raum. Es könnte sich auch gerne mal ändern, dann kann ich mal woandershin zum Schreiben oder in was Leichteres, Südlicheres reisen.Frage: Das wird nicht passieren. Da kann man ja nicht mal einen Monat hinfahren und dann drüber schreiben. Sonst machten Sie genau das, was Sie kritisieren. Und Ihr Mann müsste auch mit.Antwort: Das stimmt! Ich schreibe aus einer Gegend heraus. Ich wollte ja wie die allermeisten oder sehr viele, die auf dem kleinen Dorf aufgewachsen sind, immer da raus. Dann fühlte ich mich aber woanders auch nicht zugehörig. Also diese Idee, dass man vielleicht gar nicht so was bekommt wie ein Gefühl von Angekommensein und Zugehörigkeit. Das hat mich dann irgendwann wieder dazu bewegt, zurückzugehen, zu sagen: Ich bin hier vielleicht nicht ein hundertprozentiger Landmensch, aber ich bin eben auch kein Stadtmensch. In Wirklichkeit sind wir, glaube ich, mittlerweile alle Hybriden.Frage: Sie haben einmal gesagt, dass Stadtluft nicht unbedingt frei mache. Haben Sie jetzt diese Freiheit gefunden?Antwort: Ich glaube, ich habe sie gefunden, indem ich akzeptiert habe, dass es eine Pendelbewegung ist bei mir. Ich lebe hier auf dem Land, aber ich lebe ein ganz unländliches Leben. Ich bin nicht bei den Landfrauen, im Schützenverein oder bei diesen Kaffeekränzchen in der Nachbarschaft. Ich führe mein Schriftstellerinnenleben hier einfach auf dem Land. Spreche aber mit allen um mich herum Plattdeutsch, wenn ich kann. Ich fühle mich schon sehr zu Hause. Aber zugehörig nur bedingt.Frage: Kann man sagen, dass diese unerfüllte Sehnsucht, sich irgendwo geborgen zu fühlen, ein Geheimnis Ihrer Bücher ist, die sie so erfolgreich macht?Antwort: Ich glaube, das ist einfach ein Thema unserer Zeit. Wir können leben, wo wir wollen, wir können unsere Arbeitsstelle oder den Beruf wechseln – tun wir auch, müssen wir teilweise. Wenn der Vater Schmied war, muss der Sohn es nicht mehr werden. Wir sind sehr viel freier, aber wir zahlen für diese Freiheit. Mit dem Gefühl eines richtungslosen Heimwehs.Dörte HansenSven Jaax / Penguin Random House1964 im norddeutschen Husum geboren, wo sie heute wieder lebt, gehört Dörte Hansen zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen deutscher Sprache. Nach einem Studium in Kiel in Soziolinguistik, Anglistik, Romanistik und Frisistik arbeitete sie als Journalistin beim Norddeutschen Rundfunk. Ihr erster Roman, «Altes Land», war der Überraschungserfolg des Jahres 2015 und verkaufte sich weit über eine Million Mal.Frage: Bei der Lektüre von «Broder» dachte ich: Das Dorf hat sich gewandelt. Das ist nicht mehr diese Ansammlung von verstockten Herrschaften, die dem Untergang entgegenbrummeln.Antwort: Das war es vielleicht noch nie. Das Dorf ist ja einmal richtig baden gegangen durch den Rückgang der Landwirtschaft. Das klassische bäuerliche Dorf gibt es nicht mehr. Auch in meinem Heimatdorf gibt es noch zwei oder drei Haupterwerbsbetriebe, früher waren das fast alle. Das Dorf muss sich neu erfinden. Die Dörfer sind heute viel diverser, viel bunter geworden und damit auch wieder zum Leben erwacht. Also ich glaube, dieser tote Punkt, den die Dörfer hatten, ist überwunden, und jetzt passiert da gerade ganz viel Neues. Das heutige Dorf stimmt mich hoffnungsfroh. Im Gegensatz zu der Entwicklung in der Landwirtschaft. Das Höfesterben geht weiter. Neulich habe ich gelesen, dass sich bis 2040 in Deutschland die Zahl der Höfe noch einmal halbieren wird. Das ist bedrückend. Die Dörfer, glaube ich, überstehen das. Was aber aus den Höfen wird?Frage: Haben Sie Mitleid mit den Bauern, diesen «Landsäugetieren, die fast ausgestorben sind»?Antwort: Sie werden wirklich zu Exoten. Das merkt man auch in den Diskussionen über Landwirtschaft: Wir haben alle ganz starke Meinungen und sehr, sehr wenig Ahnung. Auch ich, die vom Land kommt und sich eigentlich gut informiert fühlt, ich hatte erschreckende Lücken.«Dieses Credo der modernen Landwirtschaft, dieses ‹Wachsen oder Weichen›, das muss man infrage stellen»: Bauernhof in Norddeutschland.P. Nowack / Penofoto / ImagoFrage: Was ist jetzt Ihre Quintessenz, nachdem Sie viel gelernt haben?Antwort: Dass es extrem anspruchsvoll ist, so einen Hof zu betreiben. Also dass es unglaublich viele Fähigkeiten und Kenntnisse voraussetzt und dass es nicht einfach getan ist mit einem «Zurück zu den kleinen Höfen, alle müssen Bio machen». Dieses Credo der modernen Landwirtschaft, dieses «Wachsen oder Weichen», das muss man infrage stellen. Das hat uns in eine Sackgasse geführt. Aber vielen Tieren geht es deutlich besser als früher in den düsteren Anbindeställen. Also, es ist nicht einfach zu sagen: Früher war es besser.Frage: Dass auf dem Land alle rechts wählen und dass das jetzt zum Untergang der Demokratie führen wird, das ist immer noch das gängige deutsche Narrativ, nicht?Antwort: Das ist es noch. Wir haben in unserem Bundesland, Schleswig-Holstein, grosses Glück, weil wir eine schwarz-grüne Regierung haben, und das ist sehr stabilisierend, die machen eine gute Politik. Deswegen haben wir dieses Rechtsproblem nicht so sehr. Ich weiss aber, dass sich Teile der Bauernschaft auch bei uns radikalisieren. Gleichzeitig haben wir diese andere Seite: Es gab neulich einen Unfall hier auf einem Bauernhof, ein junger Mitarbeiter ist von einer Mutterkuh angegriffen worden auf der Weide. Sie mussten diese Kuh erschiessen, um diesen Mann zu retten. Man kann sich nicht vorstellen, was in den sozialen Netzwerken an Hass gegenüber diesem Mann geäussert wurde: Das geschehe ihm ganz recht, warum man denn die Kuh erschiessen müsse und so weiter. Dabei ist die Mutterkuhhaltung die beste, anspruchsvollste und tiergerechteste, die es gibt. Diese beiden Pole, also diese radikalen Landwirte, die überhaupt nicht mehr gesprächsbereit sind, und diese radikalen Tierrechtler, die jede Art von Nutztierhaltung schon für ein Verbrechen halten – dazwischen gibt es eine Kluft. Wir müssen echt daran arbeiten, die kleiner zu machen.Frage: Sie haben einmal gesagt, ein Problem der deutschen Politik sei, dass die Zusammensetzung des Bundestages in keiner Weise die Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegle. Es gebe einfach zu viele Akademiker in der Politik. Sehen Sie das immer noch so?Antwort: Ich glaube, dass es ein Problem der Repräsentanz gibt. Wenn ich sehe, woher vieles an Bitterkeit kommt, wenn Landleute sich in dem Berliner Kosmos nicht wiederfinden, das Gefühl haben, dass die Politik an ihnen vorbeiregiert, dann ist das sicherlich auch ein Klassenphänomen. Da ein bisschen mehr Ausgleich zu schaffen, wäre eine gute Idee. Ich wüsste aber nicht, wie wir das machen sollen, ob man etwa eine Nichtakademiker-Quote einführen soll. Ich stelle nur fest, dass viele Leute das Gefühl haben, dass sie nicht gehört und gesehen werden in Berlin.Frage: Vielleicht müssten sich die Deutschen einmal überlegen, nicht so eine hohe Akademikerquote an sich zu haben.Antwort: Ist die grösser als bei Ihnen?Frage: Viel höher! Es macht inzwischen fast jeder Abitur in Deutschland. Das ist nicht gesund.Antwort: Na dann. Ich glaube jedenfalls, dass Stadt und Land schon sehr weit voneinander entfernt sind.Frage: Sind Sie ein politischer Mensch?Antwort: Merkt man das? Politisch interessiert bin ich sicher. Trotzdem bin ich keine Expertin für das Land. Ich wurde jetzt in einem Interview gefragt, was ich denn ändern würde, wenn ich Landwirtschaftsministerin wäre. Das ist ein bisschen, wie wenn man Theodor Storm fragen würde, wie man den Deich bauen soll.Frage: Offenbar können Sie so schreiben, dass die Leute glauben, Sie seien eine Expertin.Antwort: Ich will halt eine glaubhafte Welt erschaffen und sehr dicht an meine Figuren rangehen. Ich finde auch nicht, dass meine Figuren immer besonders knorrig oder skurril sind. Das wird mir oft unterstellt.Frage: Das sind normale Menschen in einem ganz normalen Roman.Antwort: Genau! Das sind ganz normale Leute, und wenn man sie sich sehr genau anguckt, dann sieht man eben ihre Widersprüche und ihre Grenzen. Aber ich glaube, das ist wie bei uns allen.Neuer Roman «Broder»Der neue, vierte Roman von Dörte Hansen erzählt die Geschichte der Zwillingsbrüder Bahnsen («Broder» heisst auf Plattdeutsch «Bruder»). Der eine ist Herr über einen mustergültigen Hochleistungsbetrieb im deutschen Norden, den er vom Vater bekommen hat, weil er ein paar Minuten früher zur Welt kam. Der andere ist Nutztierarzt, zurückgekehrt nach zwanzig Jahren mit seiner Frau aus Frankreich. Der Vater hat beiden Söhnen einen Satz mitgegeben: «Ertrag kommt von Ertragen.» Ein Satz, der diesen Roman prägt, eine so ergreifende wie auch humorvolle literarische Reflexion über Wandel, Vergänglichkeit und die Grenzen des Wachstums.Frage: Wissen Sie was? Ihr Roman ist auch unglaublich lustig!Antwort: Das hoffe ich doch! Ich wollte keinen Abgesang auf diesen Hof schreiben und auch keine Tragödie. Natürlich passiert da eine Tragödie, aber es geht ja weiter. Und ich brauche selbst beim Schreiben diesen Comic Relief, um nicht in diese melodramatische oder allzu düstere Stimmung zu kommen. Und auch, weil ich finde, dass es der Geschichte nicht guttut, wenn man immer nur in Moll schreibt.Frage: Der Roman zeigt, dass es «ohne Mühsal, ohne Schmerzen, Leiden und Tod kein Leben gibt».Antwort: «Das Leben ist kein Ponyhof», würde meine Figur Paul Bahnsen wohl sagen.Frage: Finden Sie das auch?Antwort: Natürlich. Das finden Sie doch auch!Frage: Ich finde, man müsse das Leichte anstreben und nicht das Schwere.Antwort: Ja, aber ohne das Schwere wäre das Leben reizlos.Frage: Warum schreiben Sie überhaupt?Antwort: Um mir selbst ein bisschen die Welt zu erklären. Bei jedem Buch fange ich mit einer Frage an. Beim ersten, bei «Altes Land», war es die Frage: Wie wird man heimisch? Oder warum gelingt das einigen Menschen und anderen nicht? Und was ist das eigentlich, heimisch werden? Bei «Mittagsstunde» war es die Frage: Was ist passiert in diesem Dorf oder in dieser dörflichen Welt, die ich kenne, in diesen fünfzig Jahren zwischen meiner Geburt und meinem damaligen Zustand? Warum haben wir so ein starkes Gefühl von Verlust?Frage: Und was war Ihre Frage bei «Broder»?Antwort: Wenn man einen Betrieb hat, einen Familienbetrieb, der eigentlich immer alles richtig gemacht hat, der der Vorzeigebetrieb im Dorf ist, immer dieses «Wachsen oder Weichen» verinnerlicht, diesen Lehrsatz der modernen Landwirtschaft immer befolgt hat, immer modernisiert, vergrössert, optimiert – und dann plötzlich feststellt: Es geht trotzdem nicht weiter. Was macht das mit den Familien, die wirklich seit etlichen Generationen auf diesem Land leben und aus ihrer Sicht immer alles richtig gemacht haben?«Ich lebe hier auf dem Land, aber ich lebe ein ganz unländliches Leben»: Dörte Hansen bei sich Zuhause.Sven Jaax / Penguin Random HouseFrage: Wann wissen Sie, ob ein Buch gut ist?Antwort: Ich weiss es ehrlich gesagt gar nicht. Also ich kann es nur hoffen. Aber wirklich das Gefühl, zuzumachen und zu sagen: «Jetzt habe ich ein richtig gutes Buch geschrieben» – davon träume ich nachts! Das Schreiben macht mich absolut überhaupt nicht immer glücklich, gar nicht. Ich komme also sehr oft unzufrieden nach Hause nach einem Tag, an dem ich vielleicht fünf oder sechs Sätze geschrieben habe, und denke so: Boah, das wird hier nie was! Aber ich glaube, das kennen auch fast alle, die schreiben. Es ist halt auch anstrengend.Frage: Eine der fürchterlichsten Szenen aus meiner Warte kommt gegen den Schluss, als Broder seine Ehefrau verabscheut, weil sie immer zu viel Salat in die Schüssel gibt, so dass er rausfällt. Es ist eine kleine Szene, die eines dieser kleinen Dramen langjähriger Ehen schildert. Ist die Szene persönlich gefärbt?Antwort: Da kann ich mich jetzt mal outen, weil das mit dem Salat, das ist eine von meinen wirklich nervtötenden Eigenschaften. Mein Mann sagt dann immer: «Dann lass uns doch verdammt noch mal eine grössere Schüssel kaufen!» Und ich sage, das würde nichts ändern. Also wir sind jetzt nicht so weit wie Marie-Claude und Broder, dass wir eine Schüssel nach der anderen kaufen. Ich weiss einfach, dass es ein Defekt meinerseits ist, das würde bei jeder Schüsselgrösse passieren.Frage: Hinter der Schüssel lauert ein Ehedrama.Antwort: Stimmt leider. Aber sie finden ja ihren Frieden. Was mich interessiert hat, ist dieser Zyklus bei den beiden, dass man am Anfang alles entzückend und reizend findet, was der andere macht. Und irgendwann hält man es kaum noch aus. Es gibt so einen Lebenszyklus der romantischen Gefühle, glaube ich. Und ich hatte Lust, den zu beschreiben.Frage: Was muss man begriffen haben für eine gelingende langjährige Ehe?Antwort: Dass man nicht zu früh aufhören sollte. Es ist schlecht, in dieser Phase des Ärgers und der Wut zu sagen: «Ich kann diese Frau einfach nicht mehr um mich haben, ich muss hier weg.» Es hilft dann, in den Nebenraum zu gehen und zu sagen: «Okay, ich komme wieder, wenn der Salat fertig ist.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Dörte Hansen bemitleidet die Bauern und sagt: «Das heutige Dorf stimmt mich hoffnungsfroh»
Die deutsche Autorin Dörte Hansen verkauft mit ihren Romanen über das Leben auf dem Land Millionen von Büchern. Jetzt erscheint «Broder». Hier sagt sie, warum sie Mitleid mit den Bauern hat und wie eine langjährige Ehe gelingen kann.






