Es regnet Milliarden in der NFL – auf den Kosten bleiben immer wieder die Steuerzahler sitzenDie Seattle Seahawks wechseln für die Rekordsumme von 9,612 Milliarden Dollar den Besitzer. Die NFL prosperiert – aber sie tut das nicht selten auf Kosten der öffentlichen Hand, die den Milliardären mit seltsamer Unterwürfigkeit Prachtbauten finanziert.06.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Super-Bowl-Champion: Die Seattle Seahawks holen sich im Februar erstmals seit 2014 die begehrte Trophäe. Die Spielstätte, das Levi’s Stadium in Santa Clara, Kalifornien, wurde auch mithilfe von Steuergeld erbaut.Kevin Sabitus / GettyDie A. E. Staley Manufacturing Company war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der führenden Mais- und Sojabohnenverarbeiter der USA. 1920 gönnte sich das Unternehmen ein American-Football-Team, die Decatur Staleys; es kostete 100 Dollar, um der Liga American Professional Football Association beizutreten. Ein Jahr später wurde die Franchise nach Chicago umgesiedelt; die treibende Kraft George Halas erhielt von den Staleys 5000 Dollar unter der Bedingung, den Firmennamen noch eine Saison beizubehalten. 1922 wurde die Liga in National Football League (NFL) umbenannt und das Team auf den Namen Chicago Bears umgetauft. Die Franchise ist heute 8,9 Milliarden Dollar wert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nichts deutete in den Anfangstagen auf den spektakulären Siegeszug dieses Sports und dieser Liga hin. Eher gemahnten die Anfänge der NFL an den Wilden Westen. Spieler wurden über Nacht abgeworben, Massenschlägereien gehörten zur Tagesordnung. Über die Skandale der 1920er und 1930er Jahre liessen sich Bücherreihen verfassen. 1925 siegten die Chicago Cardinals 59:0 gegen die Milwaukee Badgers, weil ein Cardinals-Spieler dem Gegner vier Teenager unterjubelte, die unter falschen Namen aufliefen. Es gab illegale Wetten, damals schon, kaum mediales Interesse und miese Zuschauerzahlen. Ständig verschwanden Teams, weil sie Konkurs anmelden mussten, 48 über die Jahre, darunter lange vergessene Namen wie die Oorang Indians und die Tonawanda Index. In den 1930ern existierte ein Gentlemen’s Agreement unter den Teambesitzern, keine schwarzen Spieler einzusetzen.Von den dunklen Geschichten aus vorvergangener Zeit hat sich die NFL von heute um ein paar Galaxien entfernt. In diesen Tagen wird der nächste Rekordverkauf abgewickelt: Der Super-Bowl-Champion Seattle Seahawks geht für 9,612 Milliarden Dollar in den Besitz der Venture-Capital-Firma Khosla Ventures über. 9,612 Milliarden Dollar – das ist mehr als das Bruttoinlandprodukt von Sierra Leone.Mehr als 450 Millionen Dollar aus der Zentralvermarktung – pro TeamDer nordamerikanische Profisport befindet sich in einem Goldrausch, dessen Ende nicht absehbar ist. Kürzlich wurde die Basketballorganisation Los Angeles Lakers für 10 Milliarden Dollar verkauft. Im Land der Superlative jagt ein Rekord den anderen. In der NFL sowieso, die an einem Jahresumsatz von 25 Milliarden kratzt.Das 2002 eröffnete Lumen Field in Seattle kostete 430 Millionen Dollar. 300 davon steuerte die öffentliche Hand bei.Kirby Lee / REUTERS2022 hat die Liga ihre Medienrechte bis 2033 für sagenhafte 110 Milliarden Dollar veräussert. 2025 schüttete die NFL aus der Zentralvermarktung 453,2 Millionen an alle 32 Teams aus. Eigene Sponsorenverträge und Ticketeinnahmen kommen hinzu. Für die schwerreichen Besitzer sind die Teams zwischen Miami und Seattle nichts anderes als Gelddruckmaschinen. Selbst die New York Jets sind eine Bereicherung für die Besitzer, obwohl das Team die Play-offs zuletzt 15 Jahre in Folge verpasst hat.Die Besitzer benötigen allesamt längst opulente Geldspeicher wie Dagobert Duck. Das macht es umso schwerer verdaulich, mit welcher Unverfrorenheit ein Grossteil der Besitzer die Bevölkerung narrt. Am 18. September werden die Buffalo Bills ihr neues Highmark Stadium eröffnen. Die Bills gehören zum Imperium der Familie Pegula, welches auch das NHL-Team Buffalo Sabres umfasst. Das Vermögen von Terrence «Terry» Pegula wird auf mehr als 9 Milliarden Dollar geschätzt. Für das neue Stadion hielt der Tycoon trotzdem die Hand beim Staat auf – die Steuerzahler des Gliedstaats New York steuerten atemberaubende 850 Millionen Dollar bei. Für ein privates Stadion, das den Pegulas die Taschen füllt. «Ich musste Western New York dieses Stadion liefern. Wenn wir diese Unterstützung nicht hätten leisten können, wären die Bills in eine andere Stadt gezogen», sagte die zuständige demokratische Gouverneurin Kathy Hochul vor wenigen Wochen. Als Dank für diese Servilität erhielt sie jüngst grosszügige Wahlkampfspenden der Pegulas.Teurere Cheeseburger für das MilliardärsgeschenkEs ist ein Modus Operandi, der quer durch die USA allzu vertraut geworden ist: Superreiche drohen mit dem Wegzug, wenn ihnen nicht durch die öffentliche Hand ein Luxusbauwerk mit einer Halbwertszeit von knapp dreissig Jahren geschenkt wird, von dem in erster Linie sie selbst profitieren. Es gibt 30 NFL-Stadien. Nur 4 (Hard Rock in Miami, Gillette in Foxborough, Met Life in East Rutherford, So Fi in Inglewood) wurden ohne Unterstützung der öffentlichen Hand erbaut.Das Wirtschaftsmagazin «Fortune» errechnete jüngst, dass die amerikanischen Steuerzahler zwischen 1970 und 2020 33 Milliarden Dollar für Sportstadien ausgegeben haben. Und es werden immer mehr: Die Chicago Bears stehen vor einem Umzug nach Indiana, weil der Gliedstaat dort bereit ist, den Bau einer neuen Heimstätte mit einer Milliarde zu alimentieren. Unter anderem mit einer neuen Restaurantsteuer im Porter County, gegen die sich begreiflicherweise breiter Widerstand formiert hat. Es ist unklar, wieso man für den Cheeseburger mehr bezahlen soll, nur um Milliardären einen neuen Prachtbau zu finanzieren.Um die Frage, ob es wirklich die Aufgabe der öffentlichen Hand ist, Sportstadien zu finanzieren, bei denen die Gewinne selbstverständlich umfassend privatisiert werden, ist vor längerer Zeit eine gesellschaftliche Debatte entbrannt. Zumal dem obszönen Reichtum der Besitzer eine wachsende Anzahl an Menschen gegenübersteht, die sich den Stadionbesuch nicht mehr leisten können. NFL-Tickets sind zwischen 2015 und 2025 inflationsbereinigt durchschnittlich um 173 Prozent teurer geworden. In Buffalo liegt der Preis für das Spiel gegen Detroit bei der Stadioneröffnung auf dem Zweitmarkt bei knapp 660 Dollar.Die NFL droht ihre einstige Fanbasis zu verlieren, die «working class». Aber es werden sich weiterhin genug Abnehmer für die Tickets finden lassen. Die Stadionauslastung lag in der letzten Saison bei durchschnittlich 97,6 Prozent. Zu den Profiteuren des Booms gehören längst auch die Spieler, deren Saläre höher sind als je zuvor: Patrick Mahomes, der Quarterback der Kansas City Chiefs, verdient inzwischen 63,1 Millionen Dollar. Er ist der bestbezahlte Spieler in der Mittwochnacht mit dem Duell zwischen Seattle und den New England Patriots beginnenden Spielzeit. Sie wird die nächsten Superlative produzieren. Zumindest wirtschaftlich ganz bestimmt.Die NFL droht ihre einstige Fanbasis zu verlieren, die «working class»: ein Seattle-Seahawks-Fan im Januar 2026.Joe Robbins / ImagoEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
NFL-Boom auf Kosten der Öffentlichkeit: Wer zahlt den Preis?
Die Seattle Seahawks wechseln für die Rekordsumme von 9,612 Milliarden Dollar den Besitzer. Die NFL prosperiert – aber sie tut das nicht selten auf Kosten der öffentlichen Hand, die den Milliardären mit seltsamer Unterwürfigkeit Prachtbauten finanziert.










