Das Attentat auf den Chefplaner des Holocausts vom Mai 1942 war ein spektakulärer Akt des Widerstands – und der einzige erfolgreiche Mordanschlag gegen eine Schlüsselfigur des «Dritten Reiches».06.09.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Reinhard Heydrich fühlt sich unantastbar. Und an diesem strahlend schönen Spätfrühlingstag, dem 27. Mai 1942, lässt er sich morgens ungewöhnlich viel Zeit. Mit seiner hochschwangeren Ehefrau Lina und den drei Kindern spaziert er durch den Park des Landguts, auf dem er residiert. Einem 30-Zimmer-Anwesen mit einem 70 Hektaren grossen Garten, das einem jüdischen Zuckerbäcker und Kunstsammler gehörte und das die Nazis enteignet haben, rund zwanzig Kilometer ausserhalb Prags.Sein Chauffeur wartet längst. Im Mercedes Cabrio soll es zum Hradschin gehen, wo die deutschen Besetzer ihren Kommandoposten bezogen haben. Das Autokennzeichen lautet nicht zufällig SS-3. Es demonstriert, wo sich Reinhard Heydrich im NS-Regime verortet – gleich hinter Hitler und dem «Reichsführer SS» Heinrich Himmler. Tatsächlich ist er «der zentrale Vollstrecker der nationalsozialistischen Terrorpolitik», wie der Historiker Robert Gerwarth schreibt. Der Manager des Massenmords.https://d1qvkrpvk32u24.cloudfront.net/RL/smil:EU-125a88eb-60df-43e7-8df6-cccfc6637bf1.smil/380860882640624540494327471319984438vure1ffzsnxztk9rlhk9y981ft2j/manifest.f4mUm 10 Uhr fährt der Mercedes los, wie immer auf der kurzen Strecke in die Stadt verzichtet Heydrich auf eine Polizeieskorte. Albert Speer, Stararchitekt des «Dritten Reichs», hat ihn bei einem Besuch auf den fehlenden Begleitschutz angesprochen, er antwortete: «Warum sollten denn meine Tschechen auf mich schiessen?»Manager des Massenmords: Reinhard Heydrich (1904–1942).Corbis/GettyGegen 10 Uhr 30 erreichen er und sein Chauffeur im Prager Stadtteil Libeň eine Haarnadelkurve, an der auch eine Haltestelle der Strassenbahn liegt. Ein Mann im grauen Trainingsanzug steht dort, mit einem Regenmantel über dem Arm. Etwas weiter unten lehnt ein zweiter Mann im dunklen Anzug an eine Laterne, eine Aktentasche in der Hand. Als nun Heydrichs Fahrer das Tempo vor der Kurve drosselt, springt der Mann mit dem Regenmantel nach vorne, zieht eine Maschinenpistole hervor, drückt ab – aber nichts geschieht. Die Waffe hat Ladehemmungen. «Im Normalfall wäre Heydrich von den 32 Schuss durchsiebt worden», wird ein Ermittler der SS später mutmassen.So lässt Heydrich den Wagen stoppen, statt zu beschleunigen, und zieht seine Pistole, um selbst zu schiessen. In diesem Moment, der etwas von Slapstick hat, wirft der zweite Mann eine Handgranate, die er aus der Aktentasche geholt hat, verfehlt jedoch das Wageninnere. Sie explodiert neben einem Hinterrad. Die Detonation ist aber so heftig, dass Heydrich mit gezückter Waffe zusammenbricht, Splitter haben sich in seinen Unterleib gebohrt. Die beiden Attentäter fliehen zu Fuss und auf einem Fahrrad; der unverletzte Chauffeur will die Verfolgung aufnehmen, kommt ihnen aber nicht nach.In einem zufällig vorbeifahrenden Lieferwagen wird der schwerverletzte Heydrich ins nächste Spital gebracht. Die Röntgenaufnahmen zeigen einen Rippenbruch, einen Riss im Zwerchfell, zudem sind Metallsplitter der Granate, Rosshaare von der Sitzpolsterung des Wagens sowie Dreck in die Milz eingedrungen. Heydrich muss notoperiert werden, will sich aber nur von einem deutschen Arzt behandeln lassen. Es dauert, bis endlich ein Kompromiss gefunden ist: Um die Mittagszeit wird ihm die Milz entfernt, von einem Team aus lokalen Spezialisten unter der Leitung eines herbeigeschafften Professors der deutschen chirurgischen Klinik Prag, der aber in der Aufregung seine Brille vergessen hat.Hitler und Himmler schicken, nachdem sie über das Attentat informiert worden sind, umgehend ihre Leibärzte nach Prag. Propagandaminister Joseph Goebbels schreibt in sein Tagebuch: «Wenn auch im Augenblick keine akute Lebensgefahr besteht, so ist sein Zustand doch besorgniserregend.» Und einige Tage später notiert er: «Ein Verlust von Heydrich ist unersetzlich.»In einem britischen Geheimdienstbericht heisst es derweil: «Falls Heydrich den Anschlag nicht überleben oder für längere Zeit arbeitsunfähig sein sollte, wäre dies für das Naziregime tatsächlich ein herber Verlust.» Schliesslich handle es sich um dessen «Superhirn».Reinhard Heydrich ist zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit 38 Jahren ist er SS-Obergruppenführer, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, der Terrorzentrale der NS-Diktatur, stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren und Chefplaner der «Endlösung der Judenfrage».Anschlag in der Haarnadelkurve von Libeň: Heydrichs offener Mercedes nach der Explosion.Universal History Archive / GettyStatt Segellehrer zur SSDass er zu einer so zentralen Figur in Hitlers Regime und zu einem genozidalen Massenmörder wird, ist in der Rückschau ziemlich zufällig. Heydrich ist wie viele der schlimmsten SS-Täter nicht einfach ein kranker Aussenseiter, sondern verfügt über eine weit überdurchschnittliche Bildung, stammt aus einer intakten Familie aus der Mitte der Gesellschaft.Er wird 1904 in der preussischen Stadt Halle an der Saale geboren. Der Vater ist Opernsänger, Komponist und Direktor eines Konservatoriums. Heydrichs zweiter Vorname ist eine Reverenz an den bewunderten Richard Wagner: Tristan. Die angesehene Familie steht finanziell gut da, ist patriotisch-kaiserlich eingestellt, aber nicht antisemitisch. Heydrich wird katholisch erzogen, ist immer einer der Besten in der Schule. Weil er als Kind kränklich ist, treibt er früh und viel Sport: Laufen, Schwimmen, Segeln, Reiten und Fechten. Er liest Kriminal- und Spionageromane, spielt Geige. Er ist ein Einzelgänger, lange recht unsicher, vielleicht auch wegen seiner Fistelstimme. In der Schule wird er wegen angeblich jüdischer Vorfahren gehänselt, was aber durch die Geschichtswissenschaft inzwischen widerlegt ist.Reinhard Heydrich ist schon in jungen Jahren ehrgeizig, nie zufrieden mit dem Erreichten, zeigt eine gnadenlose Härte gegen sich selbst, schirmt sich ab durch Arroganz. Er ist nationalistisch gesinnt, aber nicht mehr als viele aus seinem Milieu. Während des Ersten Weltkriegs ist er zu jung, um an die Front geschickt zu werden, aber alt genug, um die Niederlage des Deutschen Reichs und die Folgen des Versailler Friedensvertrags zu erkennen.Gnadenlose Härte gegen sich selbst: Heydrich ist zeitlebens ein ambitionierter Fechter.Ullstein Bild / GettyNach dem Abitur geht er 1922 zur Reichsmarine, will Offizier werden, träumt bereits vom Admiralsrang. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kann er sich auszeichnen, steigt auf der militärischen Karriereleiter auf, bis zum Oberleutnant, was ihn in den wirtschaftlich zerrütteten Jahren der Weimarer Republik in eine komfortable Lage bringt. Doch weil er durch die Verlobung mit einer Frau namens Lina von Osten ein zuvor gegebenes Heiratsversprechen bricht, gegen den Offizierskodex verstösst und sich uneinsichtig zeigt, wird er 1931 unehrenhaft entlassen. Seine verheissungsvolle Marinekarriere findet ein plötzliches Ende.Es ist die grosse Zäsur in Heydrichs Leben. Er ist jung, ohne Job, ohne Ansehen. Er könnte als Segellehrer arbeiten, aber das will er nicht. Er sehnt sich nach dem Leben in Uniform zurück. Seine Verlobte Lina, die bald seine Ehefrau wird, ist eine glühende Nationalsozialistin und Antisemitin. Auf ihren Druck hin bewirbt er sich für ein Amt bei der NSDAP, Hitlers Partei, der gerade erst der Durchbruch in der nationalen Politik gelungen ist.Ein Bekannter, der SA-Führer ist, legt ein gutes Wort für ihn ein. Heinrich Himmler, der SS-Chef, empfängt ihn im Juni 1931 zum Gespräch in seiner Geflügelzucht in einem Vorort Münchens. Er sucht jemanden, der einen eigenen Spitzeldienst aufbaut, eine Art SS-Geheimdienst. Heydrich skizziert ihm einen Organisationsplan, basierend auf seinem Wissen aus populären Spionageromanen, vorgetragen im Militärjargon. Himmler ist begeistert.So landet der bis anhin unpolitische Heydrich bei dem radikalsten Verband innerhalb der NS-Bewegung, in Himmlers Organisation der «rassischen Elite». Heydrich ist der Idealtypus des SS-Mannes: blond, blauäugig, 1 Meter 85 gross. Er hat bis dahin weder Hitlers «Mein Kampf» gelesen noch je zuvor von Himmler gehört. Nicht aus ideologischer Überzeugung tritt er in die Partei ein – Mitgliedsnummer 544 916 –, sondern wegen der Aussicht auf einen Neuanfang in Uniform. Er baut den Sicherheitsdienst (SD) der SS auf, langsam, aber stetig, bis es plötzlich nicht schnell genug gehen kann: Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler, wenige Wochen danach ebnet das Ermächtigungsgesetz den Weg in die Diktatur.Der Historiker Robert Gerwarth, Autor des Standardwerks über Heydrich, schreibt: «Bis zu diesem Zeitpunkt hätte sein Leben einen ganz anderen Verlauf nehmen können, denn ausser grossem Ehrgeiz und dem verbissenen Willen, nie wieder zu scheitern, besass er wenige offensichtliche Talente für seine spätere Rolle als Chef des SD oder als Organisator des Massenmordes im Weltkrieg.»«Raubtierähnlicher Instinkt»Heydrich, der eben erst beruflich abgestürzt ist, erfährt nun einen rauschhaften Aufstieg, der ihm zunehmend Einfluss verschafft. Gnadenlos, rücksichtslos und beflissen ist er, lässt die bürgerliche Vergangenheit hinter sich, erfindet sich als fanatischer Nationalsozialist und Antisemit neu. An seiner Mission unter dem Hakenkreuzbanner scheint er nie zu zweifeln, radikalisiert selbst radikale Ansichten, gebärdet sich als der perfekte SS-Mann, trinkt und raucht kaum, exekutiert auch Schreckliches mit eiskalter Perfektion. Er führt despotisch, ja dämonisch, wie Weggefährten berichten. Er habe einen «raubtierähnlichen Instinkt», heisst es.Beim Putsch gegen die SA-Führung 1934 ist Heydrich massgeblich beteiligt. Hitler imponieren seine unbedingte Loyalität und Verlässlichkeit wie auch seine «arische» Physiognomie. Überall sieht er «Staatsfeinde», die bekämpft werden müssen. Überall sieht er einen existenziellen Kampf, Sozialdarwinismus in seiner primitivsten Form. 1936, im Jahr, als er die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, aufbaut, schreibt er: «Wie überall im Leben der Natur, so besteht auch das Leben der Völker aus ewigem Kampf zwischen dem Stärkeren, Edlen, rassisch Hochwertigen und dem Niederen, dem Untermenschentum.» Seine Aufgabe sieht er darin, das deutsche Volk «gegen jede Art von Zerstörung und Zersetzung zu sichern».Dafür wird ein monströser Unterdrückungsapparat geschaffen. Der «Reichsführer SS» Himmler und seine rechte Hand Heydrich bilden das Duo infernale, das die nationalsozialistische Verfolgungs- und Unterdrückungspolitik organisatorisch vorantreibt – und für Millionen Menschen in Europa den Tod bringen wird.Duo infernale, das die nationalsozialistische Verfolgungs- und Unterdrückungspolitik vorantreibt: Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich 1938 in Wien.Ullstein Bild / Getty«Das Ziel der Judenpolitik muss die restlose Auswanderung der Juden sein», heisst es schon 1934 in einem Memorandum von Heydrichs SD. Die systematische Entrechtung und Erniedrigung beginnt. Aber erst der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bietet für ihn und Himmler die Möglichkeit der entgrenzten Eskalation, ein Experimentierfeld für den nationalsozialistischen Rassenimperialismus – natürlich unter der Führung der SS.Heydrichs Einsatzgruppen operieren im Rücken der Heereseinheiten, setzen auf brutalste Weise die mörderischen Befehle der SS-Führung um, töten Zigtausende von Menschen – Juden, Intellektuelle, die politische Führungsschicht. Heydrich selbst unternimmt Inspektionsreisen in die neu eroberten Gebiete. Zuweilen fliegt er mit dem Jagdgeschwader selbst Angriffe, wird später einmal sogar von der Flugabwehr abgeschossen, überlebt aber unverletzt.Mitte 1941 wird Heydrich in einem von Reichsmarschall Hermann Göring unterzeichneten Schreiben der Auftrag erteilt, «alle erforderlichen Vorbereitungen» zu treffen «für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa». Fast gleichzeitig fällt Hitlers Entscheid, die Sowjetunion zu überfallen. Es ist die schrittweise Eskalation der genozidalen Gewalt.Allein bis zum Jahresende 1941 ermorden die Deutschen mit Unterstützung von einheimischen Kollaborateuren in den ehemaligen sowjetischen Gebieten 800 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Die Tötungen erfolgen in der Regel durch Erschiessen aus nächster Nähe. Himmler und Heydrich haben sich schon im Spätsommer Gedanken gemacht, wie sie ihre mordenden Männer vor seelischen Schäden bewahren können. Es werden verschiedene Tötungsmethoden mit Gas entwickelt und erprobt. Die Vernichtungslager im Osten und der Einsatz von Zyklon B sind die direkte Folge.Heydrich beauftragt zudem seinen «Judenexperten» Adolf Eichmann, die wichtigsten Entscheidungsträger zu einer «Besprechung mit anschliessendem Frühstück» in Berlin einzuladen. Sie findet am 20. Januar 1942 in einer ehemaligen Industriellenvilla am Wannsee statt. Diskutiert wird die «Endlösung der europäischen Judenfrage» unter Führung von Heydrich und die «Parallelisierung der Linienführung». Die Sitzung dauert nur eineinhalb Stunden.Es gibt keine Dokumente oder Briefe, in denen Heydrich auch nur leise moralische Zweifel angesichts des Holocaust äussern würde.Operation AnthropoidZum Zeitpunkt der berüchtigten Wannsee-Konferenz herrscht der Chefplaner der «Endlösung» bereits als Stellvertreter Hitlers im Protektorat Böhmen und Mähren. Es liegt geostrategisch zentral, zudem befindet sich dort mit den Škoda-Werken eine der führenden Waffenschmieden Europas. Die Nationalsozialisten sehen den historisch bedeutsamen Raum jedoch auch als «Bollwerk des Deutschtums». Hitler beordert Heydrich im Herbst 1941 nach Prag, um von dort aus die Judenverfolgung voranzutreiben, aber auch um den wieder aufgeflammten Widerstand gegen die deutsche Besetzung zu ersticken.Gleich bei seiner Ankunft verhängt Heydrich den Ausnahmezustand, lässt Hunderte verhaften und zum Tod verurteilen, unter ihnen auch den tschechischen Ministerpräsidenten und den Bürgermeister von Prag. Die harte Vorgehensweise wird auch in London registriert, wo sich die tschechoslowakische Exilregierung unter Präsident Edvard Beneš befindet.Beneš hat schon in den Wochen zuvor den nichtkommunistischen Widerstandsgruppen mitgeteilt, dass nun «zu Taten überzugehen» sei. Zusammen mit der geheimen britischen Spezialeinheit SOE (Special Operations Executive) wird schliesslich ein Plan zur Eliminierung Heydrichs entwickelt, dem «vermutlich gefährlichsten Mann im von Deutschland besetzten Europa», wie es in einem Dossier heisst. Die Operation Anthropoid startet.Die beiden Männer, die für die heikle Mission ausgewählt werden, haben als Unteroffiziere in der tschechischen Armee gedient, sich nach dem deutschen Einmarsch der französischen Fremdenlegion angeschlossen und an der Westfront gekämpft, bis sie nach England evakuiert wurden. Sie heissen Jan Kubiš und Jozef Gabčík, sind beide noch keine dreissig Jahre alt. Sie werden von der SOE in monatelangem Spezialtraining für Sabotageaktionen ausgebildet und in der Nacht auf den 29. Dezember 1941 mit dem Fallschirm in der Nähe von Prag abgeworfen. Der tschechische Untergrund hilft ihnen mit sicheren Unterkünften.Jozef Gabčík.PDZu Fuss und mit dem Fahrrad erkunden Kubiš und Gabčík in den folgenden Monaten die Umgebung rund um den Prager Hradschin, wo Heydrich residiert. Sie sind für einen Angriff auf ein fahrendes Auto ausgebildet worden. Aber sie finden in der Innenstadt keine geeignete Stelle, überall sind Polizei und SS postiert. Erst als Heydrich mit seiner Familie an Ostern 1942 auf das Landgut ausserhalb Prags zieht, konkretisiert sich ihr Anschlagsplan: Wochenlang wird das Gebiet zwischen dem Wohnsitz Heydrichs und dem Hradschin ausgekundschaftet, dann die Haarnadelkurve als Anschlagsort ausgewählt.Jan Kubiš.PDDie Führer des tschechischen Widerstands erfahren zufällig, was die aus Grossbritannien eingeflogenen Kämpfer planen – und sind entsetzt. Sie bitten Exil-Präsident Beneš in London, die Vorbereitungen zum Anschlag abzubrechen: «Dieser Mord würde den Alliierten in keiner Weise nützen und könnte unabsehbare Folgen für unser Land haben. Es würde nicht nur unsere Geiseln und politischen Gefangenen gefährden, sondern auch Tausende weitere Leben kosten. Die Tat würde das Volk beispiellosen Folgen aussetzen und gleichzeitig die letzten Überreste der Untergrundorganisation vernichten.»Doch die Operation Anthropoid wird durchgeführt.Gangsterbegräbnis mit Wagner-OperAuf den Anschlag vom 27. Mai 1942 folgt die grösste Fahndungsaktion des Zweiten Weltkriegs. Prag wird vollständig von Truppen abgeriegelt, mehr als 12 000 Mann durchkämmen die Stadt. Weniger als eine Stunde nach dem Attentat hat Hitler bereits verlangt, zur Vergeltung seien wahllos 10 000 Tschechen zu erschiessen. Von diesem Befehl sieht er zwar wieder ab, beharrt aber auf der schnellen Verhaftung der Täter. Es kommt zu Verhaftungswellen, Folterungen, Hinrichtungen.Reinhard Heydrichs Zustand verbessert sich im Spital zunächst, dann aber kommt es zu einer Infektion der Bauchhöhle. Die Leibärzte von Himmler und Hitler verabreichen Unmengen an Morphium und Bluttransfusionen, können die Sepsis aber nicht stoppen. Geholfen hätte ziemlich sicher Penicillin, aber das gibt es damals nur in England. So steigt das Fieber unaufhörlich, Heydrich verliert immer wieder das Bewusstsein, fällt ins Koma. Am Morgen des 4. Juni erliegt er seiner Blutvergiftung – acht Tage nach dem Anschlag in der Haarnadelkurve von Libeň.Sein Tod wird im «Dritten Reich» sogleich propagandistisch ausgeschlachtet. In den Zeitungen wird Heydrich als der «ideale Nationalsozialist» heroisiert. Es kommt zu tagelangen Trauerfeierlichkeiten. Der Leichnam wird im Hof der Prager Burg aufgebahrt und schliesslich nach Berlin übergeführt und beigesetzt. Hitler lobt den Verstorbenen in seiner Abdankungsrede als einen «der grössten Gegner aller Feinde dieses Reiches». Er sei als «Blutzeuge» gefallen. Heydrich wird in dieser schauerlichen Inszenierung zum mythisch verklärten Märtyrer erhoben, zu den Klängen von Richard Wagners «Götterdämmerung».Heroisierung als «idealer Nationalsozialist»: Heydrichs propagandistisch inszeniertes Staatsbegräbnis.Ullstein Bild / GettyBritische Zeitungen spotten dagegen über «Heydrichs Gangsterbegräbnis». Der im Exil lebende Schriftsteller Thomas Mann, den Heydrich schon 1933 in Haft nehmen wollte, hält im Juni 1942 im deutschen Programm der BBC eine Rede. Das gewaltsame Ende des NS-Verbrechers nennt er den natürlichsten Tod, «den ein Bluthund wie er sterben» konnte. «Wohin dieser Mordknecht kam, floss das Blut in Strömen. Überall, auch in Deutschland, hiess er schlecht und recht: der Henker.»Derweil wird noch immer nach den Attentätern gefahndet und auf brutalste Weise Rache geübt. Die Deutschen machen etwa das böhmische 500-Seelen-Dorf Lidice, in dem die beiden Flüchtigen Unterstützung gefunden hätten, dem Erdboden gleich. Alle Männer der Ortschaft werden erschossen, die Frauen in das KZ Ravensbrück deportiert, neun «germanisierbare» Kinder zu deutschen Pflegefamilien verschleppt, alle anderen ermordet.Brutale Vergeltungsaktion: das Massaker im böhmischen Dorf Lidice vom 10. Juni 1942.GettyDer tschechischen Bevölkerung wird mit weiteren beispiellosen Vergeltungsaktionen gedroht, sollten die Täter nicht ausgeliefert werden. Daraufhin verliert ein tschechischer Widerstandskämpfer, der wie die beiden Heydrich-Attentäter aus England eingeflogen wurde, den Mut. Er will sich und seine Familie retten – und gibt den Deutschen die Namen des Unterstützernetzwerks bekannt. Am 18. Juni umstellen schliesslich 800 SS-Männer die orthodoxe Kirche St. Cyrill und Method im Zentrum von Prag, wo sich Jan Kubiš und Jozef Gabčík mit weiteren Widerstandskämpfern versteckt haben. Nach stundenlangem, aber letztlich aussichtslosem Kampf richten sich die Männer, die ihre Heimat von der «blonden Bestie» Heydrich befreiten, selbst.Die Repressalien der Nationalsozialisten gehen auch danach weiter. Tausende werden verhaftet, Hunderte hingerichtet. Der tschechische Untergrund wird durch die Terrorwelle fast vollkommen aufgerieben. Es bewahrheitet sich das Szenario, vor dem die Widerstandskämpfer in Prag den Exilpräsidenten Beneš vor dem Attentat gewarnt haben.Doch die symbolische Bedeutung des Tyrannenmords ist nicht zu unterschätzen. Bis heute sind Jan Kubiš und Jozef Gabčík Helden, die sich mit allen Konsequenzen gegen die NS-Diktatur aufgelehnt haben. Und was wäre gewesen, wenn Heydrich am Leben geblieben wäre? Zweifellos hätte er die von ihm schon lange geforderte Ausweitung des Völkermords im besetzten Europa mit allen Mitteln forciert, mit der diesem Hauptkriegsverbrecher eigenen Brutalität und Perfektion – und womöglich noch mehr Toten.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie hat sich die NZZ in den vergangenen Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte gewidmet. Am 11. September lesen Sie im letzten Beitrag, wie Athens Tyrann Hipparchos 514 v. Chr. getötet wurde. Das Attentat wurde zur Gründungslegende der athenischen Demokratie und zum Beispiel für die Legitimität des Tyrannenmords.Passend zum Artikel