Schon nach drei Minuten ist alles klar: Ein Mann fährt mit seinem Auto in eine abgelegene Gegend und will sich erschießen. Plötzlich donnert und raucht es hinter ihm, weil ein Kleintransporter von der Straße abgekommen ist. Fahrer und Beifahrer sind verletzt und bewusstlos. Die Flügeltüren ihres Lieferwagens haben sich beim Unfall geöffnet. Auf der Ladefläche befinden sich achtzehn zum Teil aufgeplatzte Eimer mit Spachtelmasse, unter der Kokain im Millionenwert versteckt ist. Der potentielle Selbstmörder wittert plötzlichen Reichtum und verspürt neuen Lebensmut. Er lädt die Fracht in seinen Pkw und verduftet. Aber wie soll es jetzt mit dem Film und dem Kriminalfall weitergehen?Dem souveränen Regisseur Nils Willbrandt ist mit „Die Versuchung“, der zehnten Folge der ARD-Reihe „Harter Brocken“, das Kunststück gelungen, den ganzen Film, dessen narrativer Kern ja bereits am Anfang geknackt wurde, als bis zum Schluss spannend verdichtetes Kammerspiel zu inszenieren. Dafür benötigt er nur ein paar – allerdings hervorragende – Schauspieler, das packende Drehbuch von Henner Schulte-Holtey und die Landschaft des Harzes mit ihren dramatisch abgestorbenen Fichten.Der Fels in der apokalyptischen BrandungSelten hat die in den ohnedies schwermütigen „Harter Brocken“-Episoden so viel dystopischen Charme ausgestrahlt wie diesmal beim Kameramann Frank Küpper, der aus Nebel, Nieselregen und kahlen Bäumen eine faszinierende Szenerie des Untergangs zaubert.Mittendrin sitzt wie der Fels in der apokalyptischen Brandung Aljoscha Stadelmann als Dorfpolizist Frank Koops und schnitzt an Specksteinen herum. Er kommt bei den Frauen an, ohne lange Glück mit ihnen zu haben, wie nun bei seiner Schulliebe Nadja. Die Spitzenköchin hilft bloß für ein paar Wochen im Hotelrestaurant ihres Bruders aus. Der heißt Uwe und wollte sich zu Beginn des Films umbringen. Denn er hat den Laden nicht im Griff, die Insolvenz ist nahe. Bei Peter Schneider sieht man ihm das Pech bis in jede Gesichtsfalte an. Dieser geborene Verlierer wird mit dem gestohlenen Rauschgift bestimmt kein Vermögen machen.Überhaupt liegt Hoffnungslosigkeit wie Mehltau über den Menschen und den leeren Straßen. Doch wer hier bleibt, weiß die Weltabgewandtheit zu schätzen. Turbulent wird es erst, als die Kokslieferanten aus dem Krankenhaus flüchten, schließlich müssen sie die Drogen wiederkriegen. Ansonsten wird sie eine angereiste Auftragskillerin erledigen, der Isabel Berghout die morbide Erotik eines getriebenen Todesengels gibt.Koops (Aljoscha Stadelmann, rechts) mit seiner „Ex“ Nadja (Christina Große) und Heiner (Jakob Benkhofer)ARD Degeto Film/Odeon Fiction GmbH/Kai SchulzAlles wird in großer Ruhe erzählt, invasiv entwickelt sich die Tragödie auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch. Die Farben der eindringlich tiefenunscharf komponierten Bilder sind gedämpft bis ausgebleicht, die Objekte des Alltags abgenutzt. Der Begriff Zeit ist in dieser Gegend nicht besonders wichtig, weshalb gerade die eiligen Gangster die Einheimischen in ihrer Gleichmut unterschätzen, vor allem den Dorfsheriff Koops.Den hat der meisterliche Aljoscha Stadelmann von jeher wie einen Wahlverwandten des Silberwürfels gestaltet, der bei Bundeskanzlerin Angela Merkel den Schreibtisch zierte, graviert mit den Worten: In der Ruhe liegt die Kraft. Seine Ermittlungsmethoden sind so effektiv wie simpel, beruhen auf Grips und Menschenkenntnis und, wenn nötig, beiläufiger digitaler Recherche. Trotzdem legt er damit hochgerüsteten Verbrechern das Handwerk.So entschleunigt die Atmosphäre und so abgeschieden das Harz-Dörfchen, am Ende wird es acht Tote geben. Und natürlich ist die fabelhafte Christina Große als Nadja ebenfalls nicht gegen die Verlockung des schnellen Geldes gefeit. Es sind keine lauten Geschichten, die da fast bescheiden ausgebreitet werden: Jakob Benkhofer als Postbote will seine Hochzeit pompös feiern, Anna Fischer als seine Braut im Polizeidienst will es lieber eine Nummer kleiner, der Hotelier will seinen Betrieb retten, Nadja will ein eigenes Lokal in Hamburg eröffnen. Und Koops will einfach nicht gestört werden – und muss dennoch regelmäßig gegen das Böse kämpfen.Innen beschaulich stabil, von außen perfide bedroht: Wie ein alter Meister inszeniert Nils Willbrandt diesen Krimi als ikonische Verweigerungsidylle mit hohem Resilienzfaktor. Der Purismus und die unterkühlte Machart der Umsetzung lassen „Die Versuchung“ als Klassiker erscheinen: Filmkunst des Fernsehens. Und was tun Koops und der Postbote, nachdem wieder Landfrieden herrscht? Sie gehen ins Kino! Das Leben ist schön.Harter Brocken – Die Versuchung läuft am Samstag, dem 5. September, um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.