Was tun, wenn man an Fortschritt glauben möchte, die ganze Chose sich aber stets nur zwei Schritte nach vorne und dann wieder einen zurück bewegt? Dann ist der Fortschritt immerhin noch einen Schritt voraus. Aber was, wenn einem die Geschichte trotzdem immer wieder und sogar zunehmend wie eine ewige Fernsehwiederholung vorkommt? Ari, Maxim Billers Ich-Erzähler und Alter Ego in seinem neuen Buch „Schwarze Samstage“, glaubt irgendwie beides. Je nach Tagesverfassung. Als atheistischer Kulturjude und Salonzionist hat er keinen religiösen Überbau, der Trost spendet oder Sinn stiftet, sondern muss sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.Dabei hilft ihm sein Selbstverständnis als widerständiger Jude ebenso wie, zumindest sekundenweise, der rabbinische Gedanke des Tikkun Olam, hebräisch für die Reparatur der sozialen Welt. In der Kabbala erhält der Gedanke eine kosmische Dimension und bezeichnet die Aufgabe des Menschen, die nach der Schöpfung verstreuten göttlichen Lichtfunken wieder zusammenzuführen. Tikkun Olam ist so sehr in Mode gekommen, dass es schon jüdische Witze darüber gibt: „Kommt eine amerikanische Jüdin nach Israel und fragt: ‚Was heißt Tikkun Olam auf Hebräisch?‘“ Fertig.Die hässlichen Fratzen der AntisemitenDie Reparatur der Welt sei weiter in vollem Gange, denkt Ari eines Morgens glücklich, nur merke es nicht jeder. Biller wäre nicht Biller, gäbe es keine Widersprüche und keinen Sarkasmus. Dass ausgerechnet ein Jude an die Reparatur der Welt glauben soll, könnte angesichts der Verfolgungsgeschichte und ihrer fortdauernden, völlig abgründigen Zumutungen ziemlich abwegig erscheinen. Vor allem, weil in Billers und Aris Welt Wahrheit und Moral, wie in jeder anderen Welt, zwar auch große Worte sind, aber nicht groß genug, um den unzeitgemäß zeitgemäßen Kampf zwischen Gut und Böse zu verstehen, in dem weder Gott noch Vernunft weiterhelfen.„Konnten sich wirklich Menschen allein ein Blutbad von dieser Wucht ausdenken?“, fragt Ari angesichts der Massaker vom 7. Oktober, des titelgebenden „Schwarzen Samstags“. Und warum haben sie „die größte antisemitische Welle der Geschichte ausgelöst, globaler und unerbittlicher als in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts?“ Das goldene Zeitalter für die Juden sei zu Ende und alles wieder ganz normal: „Ab jetzt leben wir wieder im Fadenkreuz. Überall.“Maxim Biller: „Schwarze Samstage"Kiepenheuer & WitschBiller montiert in kurzen Kapiteln beeindruckend kunstvoll historische Skizzen mit kolumnenartigen Texten und autofiktionalen Erzählungen, um die Frage zu beantworten, die ihn und seinen Ich-Erzähler seit jenem schwarzen Samstag wieder mehr umtreibt als jede andere, auf die es jedoch keine Antwort geben kann, weil ihr nur ein Gerücht zugrunde liegt: Woher kommt der Wunsch der anderen nach der Vernichtung der Juden?Dafür blickt er nicht nur in die hässlichen Fratzen verbrämter oder offener Antisemiten und allzu obsessiver Israelkritiker, die nach dem größten Pogrom an Juden seit der Schoa aus allen Löchern kriechen. Auch eifrige Bedenkenträger kriegen ihr Fett weg: Zum Beispiel Carolin Emcke als deutsche Hannah Arendt (kein Kompliment!), Jan Assmann als unfreiwilliger Pressesprecher der antisemitischen Weltverschwörung (lustig und gut hergeleitet), Deborah Feldman als selbsthassende Jüdin aus der Szatmar-Sekte (kann man so sehen).Im zweiten Strang des Buches vergegenwärtigt Biller zugespitzt die Schlüsselmomente aus dreieinhalbtausend Jahren jüdischer Geschichte und perspektiviert sie in der longue durée als eine lange Gegenwart. Er dringt bis in die Antike vor und erzählt von der babylonischen Diaspora und von Haman im Persischen Reich, vom antijüdischen Pogrom in Alexandria und von den widerständigen Makkabäern, um wiederkehrende jüdische Erfahrungen sichtbar zu machen, die von Verfolgung, Vertreibung, Diaspora und Widerstand geprägt sind.Die Gegenwartsbeobachtungen und historischen Splitter wechseln dabei mit Kapiteln ab, in denen Ari erzählt. Das ist die dritte, romanhafteste Ebene des Buches. In den Siebzigerjahren mit seiner Familie aus der Tschechoslowakei ins Hamburger Grindelviertel gekommen, trifft er auf antisemitische Nachbarn, antiimperialistisch bewegte Hippie-Lehrer oder Leute wie Erich Fried, der Ulrike Meinhof verehrt. Dann der Umzug nach München, Einsamkeit, Freiheit und die ersten jüdischen Freunde, sogar ein bisschen gesellschaftlicher Fortschritt, die Frage, ob ein guter Jude Alija machen muss, und schließlich die existenzielle Erfahrung des Zurückgestoßenseins in die Hölle des Jetzt.„Wir leben in biblischen Zeiten“Majdanek war bei seiner Geburt gerade mal fünfzehn Jahre geschlossen, heißt es. Biller ist 1960 geboren. Jetzt leidet er an einer Depression namens „Morbus Gaza“. Nicht immer ist klar, was Realität und Fiktion ist, Biller verdichtet und übertreibt, die drei Stränge sind nicht deutlich voneinander getrennt – das gehört zu seinem autofiktionalen Spiel dazu. Ständig ist man versucht, die Widersprüche aufzulösen oder eine Haltung herauszulesen, das Buch sogar verärgert wegzulegen, um dann wieder überrascht zu werden von einem anderen Blickwinkel oder von sanfteren Tönen.So auch, wenn von einem anderen schwarzen Samstag die Rede ist, dem 9. April 1948, an dem eine Irgun- und eine Lechi-Einheit etwa 120 palästinensisch-arabische Bewohner im Dorf Deir Yassin töteten. Das Massaker während des Unabhängigkeitskrieges ist vielfach dokumentiert. Oder wenn Ari sich nicht wirklich für den Freund Omar interessiert, der in einem palästinensischen Flüchtlingslager geboren wurde, und nach einem sehr missglückten Gespräch mit ihm das hebräische Volkslied Hava Nagila – „Lasst uns fröhlich sein“ – spielt.
Maxim Billers "Schwarze Samstage": Antisemitismus und die Krise des Judentums
Was, wenn Geschichte nicht vergeht, sondern wiederkehrt? Während der globale Judenhass das Ausmaß der Dreißigerjahre sogar übersteigt, ist der Staat Israel in eine tiefe Krise geraten. Was das auch für Juden außerhalb Israels bedeutet, versteht, wer Maxim Biller liest.







