Pro ArtikelKaum eine Softwarefirma wird so heiss diskutiert wie die Datenplattform Palantir. Sie beliefert die Migrationspolizei ICE und befeuert deren umstrittenes Vorgehen. Trotzdem sieht sich das Unternehmen als Vorkämpfer für Privatsphäre und gegen Faschismus. Ein Realitätscheck.05.09.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenEffektiver ausschaffen: Die Einwanderungsbehörde ICE nutzt Palantir für die Massendeportation von Migranten ohne Dokumente.Brian Snyder / ReutersDiese Frage bleibt nach jeder Katastrophe: Wie hätte man das verhindern können?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch nach 9/11 stellte sie sich. Und wenige Jahre später gründeten zwei alte Bekannte und drei Mitstreiter ein Unternehmen, das eine Antwort hatte: Man würde helfen, zukünftige Anschläge zu verhindern, indem man den Behörden die Werkzeuge liefert, um ihre Daten besser auszuwerten. Die Gründer benannten das Unternehmen nach Hellsehersteinen aus dem Buch «Der Herr der Ringe»: Palantir.Heute ist Palantir eine der umstrittensten Softwares überhaupt. Über Geschichte und Entwicklung eines Unternehmens, das sich nach wie vor als der Gute sieht, damit aber immer einsamer ist.Der Terror rief Überwachung auf den PlanEin Teil der Tragik des 11. Septembers ist, dass es verschiedene Ermittler gab, die den Attentätern auf der Spur waren. Doch Vorgaben der Behörden NSA, CIA und FBI beschränkten, welche Informationen sie teilen durften. Der Untersuchungsbericht der 9/11-Kommission zeigt das eindrücklich. In dem Bericht werden verzweifelte Ermittler zitiert. Einer von ihnen hatte gar vor dem Attentat gesagt, er «versuche zu verhindern, dass jemand ein Flugzeug nimmt und ins World Trade Center kracht». Die Zentrale nahm ihn aber nicht ernst genug und verhinderte den Informationsaustausch.Um so etwas in Zukunft zu verhindern, richtete das amerikanische Verteidigungsministerium 2002 eine Behörde für bessere Überwachung ein. Geheimdienstdaten sollten mit Polizeidaten und kommerziellen Daten wie Banktransaktionen, Reisetickets oder Schulnoten kombiniert werden. Das erklärte Ziel war «Total Information Awareness».Logo des Information Awareness Office.PDSelbst ohne das unheimliche Logo der Behörde – eine Pyramide mit Strahlenauge und der lateinischen Inschrift «Wissen ist Macht» – wäre da wohl Protest laut geworden. Bereits nach wenigen Monaten musste die Behörde auf öffentlichen Druck hin wieder schliessen. Daten besser zu nutzen, war vielen ein Anliegen. Der Überwachungsstaat wurde trotzdem nicht plötzlich populär.Und da kam die Firma Palantir auf den Plan. Sie versprach die Quadratur des Kreises: Mit ihrer Software könne man Daten klüger nutzen. Das erlaube, die Sicherheit zu schützen, ohne die Überwachung weiter auszubauen. Bis heute hält Palantir an diesem Grundsatz fest, während Kritiker das für Augenwischerei halten.Zwei ideologisch motivierte Gründer tun sich zusammenPalantir war von Anfang an ein ideologisches Projekt. Das liegt am Gründer Peter Thiel, einem libertären Unternehmer, der auch gerne einmal philosophische Essays schreibt. So auch in den frühen 2000er Jahren, als er Palantir lancierte.«Das 21. Jahrhundert hat mit einem Knall am 11. September 2001 begonnen», so beginnt ein Essay von ihm aus der Zeit. Thiel legt darin die Terroranschläge als Beweis für einen blinden Fleck der liberalen Aufklärung aus. Man könne nicht nur auf Vernunft setzen und Religion und Gewalt ausser acht lassen. Das beweise der islamistische Anschlag. Thiel argumentiert, dass Institutionen wie die Uno Sicherheit nicht garantieren könnten. Stattdessen sollten westliche Geheimdienste besser zusammenarbeiten, mit dem Ziel, die Stabilität der Welt unter amerikanischer Führung zu erhalten.25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenIn anderen Aufsätzen lehnt sich Thiel noch weiter aus dem Fenster. «Ich glaube nicht mehr daran, dass Demokratie und Freiheit vereinbar sind», schrieb er etwa 2009. Solche Einstellungen ecken natürlich an – vor allem für einen, der der Regierung Software verkaufen will.Wohl deshalb holte sich Thiel schon von Anfang an ein Gegengewicht an Bord. Er stellte Alex Karp als CEO ein, einen ehemaligen Kommilitonen, mit dem er schon immer liebend gern über Politik gestritten haben soll.Karp ist der Sohn eines jüdischen Arztes und einer afroamerikanischen Künstlerin. Nach dem Jurastudium hat er in Deutschland in Soziologie doktoriert. Er unterstützte die Demokraten und eine liberale Gesellschaftspolitik. Karp betonte immer wieder, wie sehr ihm Privatsphäre am Herzen liege, schon allein wegen seiner Schwäche für Liebesabenteuer, wilde Berliner Partys und seines Marihuanakonsums. Sein Pitch für Palantir: Terrorismus bekämpfen, damit sich keine Unsicherheit ausbreite, die wiederum dem Faschismus den Weg bereite.Politisch gespalten, aber auf derselben Mission, so kann man das Führungsduo beschreiben. Querköpfe, die gerne provozieren, sind sie beide. Und angesichts der heutigen Erfolge des Unternehmens vergisst man leicht, wie lange auch Palantir als Unternehmen ein Aussenseiter war.Die USA haben nach 9/11 zwar mächtig in die Terrorismusbekämpfung investiert, laut einem Bericht des Stimson-Center, einer Denkfabrik, zwischen 2002 und 2017 fast eine Billion Dollar allein im Inland. Ein substanzieller Teil floss in die Digitalisierung und die Vernetzung von Bundesbehörden, aber auch von Lokalpolizeien. Palantir brauchte aber Jahre, um sich als Softwareanbieter zu beweisen.Zeitenwende in der Terrorismusbekämpfung: «Das 21. Jahrhundert hat mit einem Knall am 11. September 2001 begonnen», schreibt Palantir-Gründer Peter Thiel in einem Essay.Sean Adair / X02432Der erste CIA-Auftrag ist wichtig für das ImageThiel nutzte eigenes Geld aus dem Verkauf der Firma Paypal, um das Unternehmen zu gründen. Zwei Millionen anfänglichen Risikokapitals und der erste Auftrag kamen von der CIA. Das Startup sollte ein Werkzeug zum Aufdecken von Terrorismusfinanzierung bereitstellen. Muster in Finanzdaten zu erkennen, war der Bereich, in dem Thiel aus der Zeit mit Paypal Erfahrung und talentierte Mitarbeiter mitbrachte. Trotzdem dauerte es etwa drei Jahre, bis Palantir eine Software entwickelt hatte, welche die nötigen Kriterien der CIA erfüllte.Für Palantir waren diese Jahre aber gut investiert. Denn von Anfang an war das Ziel des Unternehmens, von seinen Kunden möglichst viel zu lernen. Bis heute ist die Firma zweigeteilt. Entsendete Ingenieure sind bei den Kunden, ob Spitäler, Medienfirmen oder Polizei, eingebettet. Sie laden die Daten der Kunden in die Plattform und entwickeln die Software nach ihren Bedürfnissen massgeschneidert weiter. Die Ingenieure in der Zentrale entwickeln mit dem Wissen der Kunden das Hauptprodukt weiter. So wird die Software mit jedem neuen Kunden besser.Heute sind die Hauptprodukte der Firma eine Datenanalyseplattform für Firmen oder Behörden und eine stärker auf Landkarten ausgelegte Plattform für das Militär.Das grosse Versprechen der Palantir-Produkte ist, dass sie Daten aus allen möglichen Quellen auf einer einzigen Plattform sauber integrieren, damit sie Nutzer geordnet und sortiert betrachten können – und per Knopfdruck Informationen finden und Analysen durchführen. Das nutzt dem Angestellten einer Pharmafirma, der Kostensparpotenzial finden will, ebenso wie der Polizistin bei der Fahndung.Die CIA-Verbindung war aber vielleicht noch wichtiger für das Image. Geheimnisvoll und kompetent klingt das – für mögliche Kunden, aber auch für Mitarbeiter. Die wurden mit Flyern gesucht, auf denen stand: «Bist du teils Bill Gates, teils James Bond? Dann bist du bei Palantir richtig.» Das lockte kluge Köpfe ins Unternehmen, die keine Lust hatten, bei Apple oder Meta an Konsumentenprodukten zu arbeiten.Anfangs schickte Palantir an neue Mitarbeiter noch ein Willkommenspaket mit empfohlenen Büchern. Darunter «The Looming Tower», über islamistischen Terrorismus und die Vorgeschichte des 11. Septembers, sowie ein Buch über Improvisationstheater. Laut Berichten ehemaliger Angestellter gehörten politische Debatten einst zur Unternehmens-DNA.Die Armee wurde erst nach einem Rechtsstreit ein GrosskundeNicht alle Kunden lieben Palantir. Bei vielen Abnehmern gab es grosse Fans und andere, die das Programm für aufgeblasen oder unpraktisch hielten. Das ist wohl bei jeder Software so.In einem geleakten internen Video aus dem Jahr 2015 sieht man Karp, der vor versammelter Mannschaft darüber klagt, wie schwierig es sei, amerikanischen Behörden sein Produkt zu verkaufen. Die CIA und die NSA nennt er «aufmüpfig».Zugleich gibt er sich siegessicher: «Wenn die ganze Welt Palantir nutzt, werden sie keine Wahl haben, auch wenn sie uns nicht mögen.» So sei man auch an das FBI als Kunde gekommen. Das passt ganz zu Peter Thiels Einstellung, der für die Aussage «Wettbewerb ist für Verlierer» bekannt ist. Das Ziel erfolgreicher Unternehmer müsse immer ein Monopol sein.Laut Karps Biografen Michael Steinberger kam Palantirs Geschäft so richtig in Schwung, nachdem die Firma einen Prozess gegen die amerikanische Armee gewonnen hatte. Palantir hatte der Armee 2016 in einer Klage vorgeworfen, bei der Suche nach einer neuen Software nur massgeschneiderte Produkte zu prüfen, anstatt auch Produkte von der Stange wie Palantir. Das Unternehmen bekam nicht nur recht, sondern gewann auch die resultierende Ausschreibung – und in der Folge viele weitere.In der Corona-Zeit hat Palantir mit Erfolg Gesundheitsbehörden umschwärmt. Vom KI-Boom profitiert das Unternehmen sowieso. Aus dem einstigen Underdog, dem die Wall Street misstraute, wurde nach 2024 ein boomender Börsentitel. Dabei sind nicht alle Kunden begeistert. Es gibt immer wieder solche, die die Zusammenarbeit wieder beenden.Der amerikanische Staat bleibt zentral für das Unternehmen: Im vergangenen Jahr stammten 42 Prozent von Palantirs Umsatz vom amerikanischen Staat, vor allem vom Verteidigungs- beziehungsweise Kriegsministerium. Palantirs Software kommt unter anderem beim Krieg gegen Iran zum Einsatz, andere Kunden sind die Ukraine und Israel.Was steckt hinter diesen Aufträgen? Und ist Palantir seinen Grundsätzen treu geblieben?Der Sinneswandel von Alex KarpNoch 2012 verweigerte sich Karp der Zusammenarbeit mit Saudiarabien, damit Palantir nicht zur Verfolgung von Dissidenten genutzt werden könnte. Inzwischen verfasst das Unternehmen stolze Posts zu den Projekten mit Saudiarabien.Darauf angesprochen, sagte Alex Karp letztes Jahr gegenüber dem «Handelsblatt»: «Im Nahen Osten gibt es mehr Menschenrechte als in manchem Berliner Stadtteil. Zitieren Sie mich damit gerne.» In dem Interview kritisiert er die deutsche Migrationspolitik scharf.In dem oben erwähnten Video aus dem Jahr 2015 schimpft Karp dagegen über Menschen, die Migranten ausschaffen wollten, schliesslich verrichteten diese ja alle Arbeit. Auch für Trump, damals Anwärter auf den Präsidentenposten, hat Karp in dem Video nur Verachtung übrig. Peter Thiel spendete bereits 2016 mehr als eine Million Dollar an Trumps Kampagne und trat auf dessen Parteitag auf.In einem Podcast der «New York Times» beschreibt ein ehemaliger Projektleiter bei Palantir und jetziger demokratischer Politiker, er habe während der ersten Amtszeit von Trump einen Auftrag aus ethischen Gründen ablehnen können, weil er sich um irreguläre Immigration gedreht habe.Heute nutzt die Einwanderungsbehörde ICE Palantir für die Massendeportation von Migranten ohne Dokumente. Laut Recherchen des Tech-Portals «404 Media» werden dafür Datensätze der Regierung mit solchen von Datenhändlern kombiniert. Courtney Bowman, globaler Direktor für Datenschutz und Bürgerrechte bei Palantir, sagt gegenüber der NZZ, Projektleiter könnten immer noch aus ethischen Gründen gegen Projekte Einspruch erheben.In Europa wird auch wegen der engen Zusammenarbeit mit der Trump-Regierung heiss diskutiert, wie riskant es ist, hierzulande auf die Software zu setzen. Als das Magazin «Republik» einen Bericht der Schweizer Armee veröffentlichte, der sich gegen den Einkauf eines Palantir-Produkts aussprach, wollte das Unternehmen eine Gegendarstellung einklagen, verlor vor Gericht aber in allen massgeblichen Punkten.Wie passt das alles zu den Prinzipien, für die Alex Karp einst stand? Sein Biograf Michael Steinberger kommt zu dem Schluss, dass Karp nach dem Hamas-Attentat, Israels Krieg in Gaza und den amerikanischen Debatten darüber seine Meinung geändert habe und zu einem militärfreundlichen Verteidiger des Westens geworden sei.Courtney Bowman wehrt sich im Gespräch gegen diese Darstellung: Karp sei immer ein Zentrist gewesen, er wirke nur rechter, weil die Demokraten nach links gerückt seien. Alex Karp mache immer noch vor allem der Aufstieg des Faschismus Sorgen, etwa der AfD in Deutschland. «Karp ist überzeugt, dass rechtsextreme Parteien zumindest in Teilen deshalb erstarken, weil die Institutionen bei der Migration versagt haben.» In dieser Logik passt alles zusammen: Macht Palantir die Behörden kompetenter, stärkt das das Vertrauen der Bürger, und die würden in der Folge weniger radikal wählen.Palantirs CEO Alex Karp soll Privatsphäre sehr am Herzen liegen.Denis Balibouse / ReutersDas alte Versprechen war vielleicht nie einhaltbarDas Gegenstück zu dieser These ist das grundsätzliche Misstrauen gegenüber einem Staat, der sehr einfach sehr viel über seine Bürger erfahren kann. Vor allem in Deutschland ist dieses Misstrauen durch die Erfahrungen gleich zweier Diktaturen verankert. Was, wenn durch Palantir gestärkte Behörden in die Hände von Regierungen fallen, denen die Privatsphäre egal ist?Darauf antwortet Bowman mit dem alten Grundsatz von Palantir: «Je besser die Behörden ihre Daten analysieren können, desto weniger Grund haben sie, weitere Datenquellen anzuzapfen und Bürger zu überwachen.»Doch dieses Argument ist, gelinde gesagt, umstritten. Die Soziologin Sarah Brayne hat am Beispiel der Polizei von Los Angeles die Auswirkungen von Palantir untersucht und ein Buch darüber geschrieben. Darin beschreibt sie einen gegenteiligen Effekt. Man nennt ihn auch «function creep», also eine schleichende Ausweitung der Funktionen. Die Grundidee ist: Wenn Daten einmal da sind, ist die Versuchung gross, sie für alle möglichen Zwecke zu nutzen. Brayne erzählt in dem Buch von Polizeimitarbeitern, die, begeistert von der Software, eigenständig überlegen, welche Daten sie noch einpflegen könnten, um ihre Arbeit zu erleichtern, etwa öffentliche Daten von Immobilienversteigerungen.Courtney Bowman kritisiert, dass amerikanische Polizeibehörden Daten von privaten Datensammlern, etwa von Apps gesammelte Standortdaten, kaufen können und damit die Einschränkungen umgehen, die Bürger sonst vor Überwachung schützen.Trotzdem baut Palantir Software, die die Integration solcher Daten vereinfacht, laut Medienberichten auch für die Migrationspolizei ICE. Das ethische Risiko von Projekten werde jeweils individuell abgewogen, sagt Bowman. Es gibt keine allgemeinen Richtlinien von Palantir, die vorschreiben, nicht mit Daten von privaten Datensammlern zu arbeiten. Man habe allerdings festgelegt, keine Tools zu bauen, die das Auslesen von Social-Media-Daten erleichtern.Die Firma Palantir wehrt sich gegen die Vorstellung, sie sei ein Datenkrake. Zu Recht, denn sie bietet nur eine Plattform, die bereits gesammelte Daten integriert. Das alte Versprechen nach 9/11, eine Technologie könne Überwachung mit Privatsphäre vereinbar machen, war vielleicht nie einhaltbar.3 KommentareErwin Dufner 06.09.20262 EmpfehlungenWir wissen alle, dass Sanchez mit seinem Gesetz die illegale Migration bestärkt. Wer dieses Gesetz ablehnt, kann sich kaum gegen den Einsatz von Palantir zum Aufspüren illegaler Migranten aussprechen, gegen das Aufspüren von Verbrechern ohnehin nicht.Marc Anderson 06.09.2026Quellen zusammenführen ist einfach nur KI. Ich war kürzlich in Bergisch-Glattbach und wo Heidi Klum‘s Elternhaus steht war im Internet nicht zu finden, nur ein Insta-Foto von ihr nebst Gatten davor. In Gemini eingegeben und die spuckt die Adresse aus, Bingo. War allerdings die falsche. Was Alex Karp über Berlin sagt, kann ich allerdings bestätigen. Und, wo wohne ich, Alex ?Passend zum Artikel