«Der Weg zu uns ist schmerzloser»: Wie die Linke in Sachsen-Anhalt die Hand in Richtung CDU ausstrecktWährend die Linkspartei andernorts immer schrillere Töne anschlägt, bereitet sie sich in Sachsen-Anhalt auf eine Annäherung an die Konservativen vor. Davon, dass die CDU faschistische Politik mache, will man hier nichts wissen. Ein Augenschein.05.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenLinke mit guter Laune: die Bundestags-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek und die Spitzenkandidatin Eva von Angern.Fabrizio Bensch / ReutersEigentlich regieren derzeit die Minions das Domstadtkino in Merseburg, davon zeugt ein Banner über dem Eingang. Aber anstatt chaotische gelbe Monster sind an einem Abend im sachsen-anhaltinischen Wahlkampfendspurt zwei freundliche ältere Herren zu Gast, die von ihrer Partei nur noch als «Silberlocken» bezeichnet werden: Gregor Gysi und Dietmar Bartsch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Kino sitzen junge, tätowierte Menschen neben älteren Gästen in Hemd und Rock und plaudern entspannt miteinander. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Der 78-jährige Gysi und der 68-jährige Bartsch ziehen immer noch viele Zuschauer an.Sie waren im Bundestagswahlkampf 2025 zusammen mit dem ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow angetreten, als bekannte, über Parteigrenzen hinweg geschätzte Gesichter die damals schwächelnde Linkspartei zu retten. Nun laufen die beiden hinter einem örtlichen Genossen in den Kinosaal ein, der auf der Posaune spielt. Das Publikum klatscht etwas neben dem Takt mit.Die Rettungsmission von Gysi und Bartsch ist schon seit längerem beendet. Auf Bundesebene hat sich die Linke stabilisiert, und auch in Sachsen-Anhalt wird sie wohl mit einem sicheren Wahlergebnis um die 12 Prozent als Drittplatzierte über die Ziellinie gehen. Wahlkämpfer der Linken erzählen am Rande der Veranstaltung davon, dass selbst die AfD selten gezielt ihre Partei angreife – schliesslich war sie nicht Teil der Landesregierung, die zu stürzen sich die Rechtspartei zum Ziel gesetzt hat.«Natürlich zerreisst das die CDU»Doch das könnte sich nach der Wahl ändern. Und diese Möglichkeit wirft vor allem im Verhältnis zur CDU grosse Fragen auf. Die Christlichdemokraten haben nämlich ihre Brandmauer nicht nur zur AfD, sondern auch zur Linken aufgebaut. «Keine Zusammenarbeit mit Linksextremen» lautet die Devise des doppelten Unvereinbarkeitsbeschlusses, die in der Ost-CDU aufgrund der Vergangenheit der Linken als DDR-Staatspartei besonders verteidigt wird.Somit stellt sich für die CDU nach der Wahl voraussichtlich die Frage, wer das kleinere Übel sei: eine AfD mit Neonazi-Verbindungen, die in der eigenen Wählerschaft fischt – oder eine Linkspartei, die zumindest in Sachsen-Anhalt gemässigt auftritt. Mit ihr will die CDU keine Koalition eingehen, das hat ihr Spitzenkandidat Sven Schulze ausgeschlossen. Aber eine von der Linken geduldete Minderheitsregierung könnte das Mittel der Wahl sein, schliesslich funktioniert das bereits in Sachsen.Dort spricht man sich vor Abstimmungen mittels eines «Konsultationsmechanismus» auch mit der Linken ab und umgeht so den Unvereinbarkeitsbeschluss. Aber auch dieses Modell lehnen viele Christlichdemokraten für Sachsen-Anhalt scharf ab. Der «Zeit» berichtete der ostdeutsche CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller davon, dass manche seiner Kollegen beim Gedanken an eine mögliche Zusammenarbeit mit der Linken in Tränen ausgebrochen seien.Aufsteller der «Silberlocken» Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch an einem Parteitag der Linken.ImagoBeide Optionen könnten die CDU zerreissen, so lautet die Befürchtung mancher aus der Partei. Der Linkspartei-Veteran Gysi hält das für Unsinn: «Wenn die CDU den Damm bricht und mit uns zusammenarbeitet, werden die Erzkonservativen die Partei nicht verlassen», sagt er im Gespräch mit der NZZ, «im Grunde ist der Weg zu uns schmerzloser.» Bei einer Zusammenarbeit mit der AfD jedoch sei zu erwarten, dass viele Gemässigte austräten. «Natürlich zerreisst das die CDU», so Gysi. Es klingt nicht so, als würde er sich das wünschen.Ohnehin ist er der Überzeugung, auf die Linkspartei treffe die christlichdemokratische Beschreibung gar nicht zu. «Da wir nicht linksextrem sind, meint uns der Unvereinbarkeitsbeschluss gar nicht. Das ist meine Interpretation.»Es wird wohl keine LiebesheiratJedoch machte Gysis Berliner Linkspartei erst in der vergangenen Woche Schlagzeilen, weil bei einer Wahlkampfkundgebung ein Rapper sich mit einer palästinensischen Terrororganisation solidarisierte und israelischen Soldaten den Tod wünschte.Zwar verurteilte die Linken-Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp den Vorfall schnell, aber er ist längst nicht der einzige. Mehrere Linken-Bezirksverbände in der deutschen Hauptstadt haben wiederholt eine Nähe zu antisemitischen und islamistischen Positionen gezeigt. Konsequenzen mussten sie bislang keine befürchten.Wenn auch die ostdeutschen Linken-Landesverbände dafür bekannt sind, pragmatischer und weniger radikal zu sein, strahlen solche Vorfälle auch nach Sachsen-Anhalt aus. Die «Silberlocke» Gysi winkt ab: «Dagegen muss sich die Partei wehren.» Aber die «paar jungen Aktivisten», wie er sie nennt, übernähmen niemals die Mehrheit einer Fraktion oder gar eine Regierung, so Gysi.Nichtsdestoweniger ist auch vonseiten der Linken keine Liebesheirat mit der CDU zu erwarten. Als der neue Linken-Bundesvorsitzende Luigi Pantisano im Juni lauthals verkündete, die CDU betreibe faschistische Politik, rollten vor allem seine Kollegen aus Ostdeutschland mit den Augen. Da half es wenig, dass er seine Aussage später zurücknahm. «Solche Sätze dürfen einem nicht passieren», kommentiert Gysi noch heute. «Das wäre ja auch eine Bagatellisierung des Faschismus, wenn das nicht schlimmer war als die CDU.»Auf der Bühne lassen es sich Bartsch und Gysi dennoch nicht nehmen, gegen die Christlichdemokraten zu keilen. Merz’ Gleichsetzung von AfD und Linken sei eine «Unverschämtheit», ruft Bartsch. «Die Linke ist Alternative zur Bundesregierung», ruft Gysi. Es fällt auf, dass sie ihre Sticheleien auf der Bühne meist gegen die Bundes-CDU richten und weniger gegen den noch amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Schulze.Als die Spitzenkandidatin Eva von Angern verspätet dazustösst, geht sie auf das Thema gar nicht ein. Dabei hatte sie gerade noch an einer Fernsehdebatte teilgenommen, bei der auch Schulze anwesend war.«Immer noch besser als die AfD»Spricht man mit den Anhängern der Linkspartei am Rande der Veranstaltung, ist wenig vom gerechten Zorn eines Luigi Pantisano zu spüren. Da ist etwa die 19-jährige Emma, die mit ihrer Mutter aus dem benachbarten Leuna gekommen ist. Sie sagt: «Ich bin nicht unbedingt eine Freundin der CDU, die ist mir zu konservativ. Aber sie ist immer noch besser, als mit der AfD zusammenzuarbeiten.»Auch Jan Rötzschke, der Landesgeschäftsführer der Linken, sagt: «Das Wichtigste ist, das Land stabil zu halten. Wir werden nicht auf Biegen und Brechen mit der CDU zusammenarbeiten, aber wir sind für Gespräche bereit. Der Ball liegt im Feld der CDU.»Das klingt ganz nach staatsmännischer Verantwortung, wie sie gerade Gysi verkörpert. Er ist mittlerweile Alterspräsident des Bundestages und feuert auf der Bühne eine Anekdote über sein Parlamentarierleben nach der anderen ab.Aber dann wird er noch einmal richtig lebhaft: Er erzählt von einer Begegnung am Dom von Merseburg, wo ihm eine junge Frau sagte, sie und ihr Mann überlegten, aus taktischen Gründen die CDU zu wählen, obwohl sie eigentlich der Linken zuneigten. «So einen Blödsinn habe ich selten erlebt!», ruft Gysi. Wer taktisch wähle, werde mit Sicherheit enttäuscht. Bartsch pflichtet ihm bei. Beide bringen das taktische Wählen über den Abend mehrfach auf. Es scheint sie zu beschäftigen, dass die linken Kampagnen, die SPD und die Grünen über die 5-Prozent-Hürde zu bringen, ausgerechnet ihre Partei Prozentpunkte kosten könnten.Aber die «Silberlocken» haben getan, was sie konnten, um die Merseburger von sich zu überzeugen. Nach der Veranstaltung bildet sich eine lange Schlange. Viele Gäste wollen mit Bartsch, vor allem aber mit Gysi ein Foto machen. Gysi albert herum, lacht. Er ist ganz in seinem Element.Passend zum Artikel
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Während die Linkspartei andernorts immer schrillere Töne anschlägt, bereitet sie sich in Sachsen-Anhalt auf eine Annäherung an die Konservativen vor. Davon, dass die CDU faschistische Politik mache, will man hier nichts wissen. Ein Augenschein.










