Das Ende der Ära Kaczynski: Die Macht des polnischen Schattenherrschers schwindetMit seiner radikalen Linie und dem absoluten Führungsanspruch kontrolliert Jaroslaw Kaczynski seit einem Vierteljahrhundert Polens rechtes Lager. Mit der selbstverschuldeten Spaltung seiner Partei PiS verliert er jedoch an Einfluss.05.09.2026, 05.40 Uhr6 LeseminutenJaroslaw Kaczynski sitzt der nach wie vor grössten Parlamentspartei Polens vor. Das rechte Lager ist aber zunehmend zersplittert.Artur Widak / ImagoJaroslaw Kaczynski droht sein Lebenswerk zu entgleiten. Über viele Jahre konnte seine nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) stets mindestens einen Drittel der Wählerschaft hinter sich vereinen. Seit Monaten verzeichnen Umfragen aber einen Rückgang der Wählergunst, und mit der Abspaltung des gemässigten Flügels um den ehemaligen Regierungschef Mateusz Morawiecki ist sie regelrecht abgestürzt. Einige Institute messen für die grösste Parlamentspartei mittlerweile Werte unter 20 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das bedeutet nicht, dass sich die Aussichten des rechten Lagers für die Wahl in gut einem Jahr verschlechtert haben. Die Oppositionsparteien steuern nach wie vor auf eine klare Mehrheit gegen Donald Tusks unpopuläre Regierungskoalition zu. Doch die PiS ist nicht mehr der grosse Schirm, unter dem sich die verschiedenen Gruppen rechts der Mitte versammeln, sondern zumindest für den Moment eine Partei unter vielen in einem immer stärker fragmentierten Feld. Kaczynski verliert damit an Macht.Ein verbissener IdeologeDie Krise ist selbstverschuldet und hat viel mit der Persönlichkeit des 77-Jährigen zu tun. Seit einem Vierteljahrhundert lenkt er als Chef der mit seinem verstorbenen Zwillingsbruder Lech gemeinsam gegründeten PiS die Geschicke des rechten Lagers. Die Lieblingsrolle des introvertierten Jaroslaw war dabei diejenige des Strippenziehers im Hintergrund – er war stets von innerer Überzeugung getrieben, nicht vom Streben nach Prestige oder Posten.Obwohl die PiS zweimal die Regierung führte, 2005 bis 2007 in einer brüchigen Koalition und dann ab 2015 acht Jahre lang allein, bekleidete Jaroslaw Kaczynski selbst insgesamt nur in der ersten Periode während 16 Monaten das Amt des Regierungschefs. Anders als sein Zwillingsbruder, der 2005 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, ist Jaroslaw ein verbissener Ideologe. Er wusste um seine polarisierende Wirkung und schickte stattdessen von ihm ausgewählte, wenig charismatische Parteisoldaten ohne eigene Hausmacht in Wahlen.Dabei zeigte Kaczynski erstaunliches Geschick: So eroberte 2015 die unscheinbare Funktionärin Beata Szydlo die Parlamentsmehrheit und der zuvor kaum bekannte Europaabgeordnete Andrzej Duda das Präsidentenamt für die PiS. Beide erwiesen sich als treue Erfüllungsgehilfen, akzeptierten Kaczynskis Macht im Hintergrund und machten ihm diese auch nach dem Ende ihrer Amtszeit nicht streitig.Diese Strategie funktionierte zunächst auch mit dem ehemaligen Banker Mateusz Morawiecki, der von Szydlo übernahm und Polen bis zur Wahlniederlage gegen Tusk 2023 regierte. Doch mit Kaczynskis zunehmendem Alter stellt sich die Nachfolgefrage immer akuter. Im März schien der Parteichef eine Vorentscheidung zu fällen, indem er nicht Morawiecki, sondern den ehemaligen Bildungsminister Przemyslaw Czarnek zum Spitzenkandidaten für die kommende Wahl bestimmte. Der nationalistische Kulturkämpfer soll von den beiden aufstrebenden Parteien rechts der PiS wieder Wähler weglocken.In den Umfragen schlug sich das bisher indes nicht nieder, und zudem wurde Morawiecki, der selbst Ambitionen auf die Führung des rechten Lagers hat, vor den Kopf gestossen. Anders als Czarnek sieht er einen gemässigt-konstruktiven Kurs als aussichtsreicher für die PiS. Der ehemalige Ministerpräsident antwortete mit der Gründung der parteiinternen Gruppierung «Entwicklung Plus», der sich 40 Abgeordnete der PiS anschlossen.Kaczynski bezichtigt Morawiecki des VerratsFrüher hätte Kaczynski einen derartigen Konflikt allein durch seine Autorität beilegen können, glaubt die Politologin Anna Siewierska. Inzwischen schwinde aber in den eigenen Kreisen das Vertrauen in das politische Gespür des alternden PiS-Chefs, sagte sie gegenüber dem Sender TVN 24. Er habe zudem die Ambitionen Morawieckis unterschätzt, der anders als Kaczynski selbst im engen Austausch mit der Basis und den regionalen Funktionären stehe.Einige Wochen schien es zwar, als könnten sich die beiden Lager zusammenraufen. Wie eine Lunge habe die Partei zwei Flügel, hiess es. Doch Ende Juli verlangte die PiS-Führung die Auflösung interner Gruppen und stellte allen Abgeordneten ein Ultimatum für die Unterzeichnung eines Loyalitätsbekenntnisses. Morawiecki und seine Getreuen liessen es verstreichen, worauf Kaczynski die Spaltung bekanntgab. «Verräter», so nannte er seinen früheren Regierungschef.Diese Rhetorik ist typisch für den in polnischen Medien oft nur «Präses» genannten Parteivorsitzenden. Seine Verbalattacken machen immer wieder Schlagzeilen – oder schaffen es sogar auf T-Shirts und Buttons, wie die «Polen übelster Sorte», als die er seine Gegner vor zehn Jahren einmal bezeichnet hatte. Nachdem Tusk Ende 2023 vom Parlament zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, ergriff Kaczynski das Wort und beschimpfte ihn als «deutschen Agenten». Berlin warf er 2021 vor, die EU zu einem «vierten Reich» machen zu wollen.Kompromisslosigkeit war stets ein Wesenszug Kaczynskis. Aufgewachsen im vom Krieg zerstörten Warschau, studierten er und sein Zwillingsbruder Rechtswissenschaften und schlossen sich dem antikommunistischen Widerstand an, ab 1980 in der freien Gewerkschaft Solidarnosc. Nach der Wende folgten sie ihrem einstigen Führer Lech Walesa, der zum Staatsoberhaupt gewählt worden war, und wurden enge Mitarbeiter in der Präsidentschaftskanzlei.Die Solidarnosc-Bewegung spaltete sich jedoch rasch ob der Frage, wie radikal die Transformation zu erfolgen habe. Die Kaczynskis geisselten die Position der ersten nichtkommunistischen Regierung, die einen «dicken Strich» unter die Vergangenheit ziehen wollte. Der Kampf gegen die postkommunistischen Kräfte und für eine «Vierte Republik», welche die 1989 geschaffene «Dritte Republik» zu Grabe tragen soll, wurde zum zentralen Ziel der Zwillinge, ja zur Besessenheit.Es kam zum Bruch mit Walesa und 2005 auch mit Donald Tusk, bis zu diesem Zeitpunkt ein Verbündeter. Bei der damaligen Parlamentswahl erlangten ihre beiden aus der Solidarnosc hervorgegangenen Parteien erstmals eine Mehrheit, eine Koalition war naheliegend. Doch nachdem Lech zum Präsidenten gewählt worden war, sah Jaroslaw die Möglichkeit, alle Schaltstellen des Staats in den Händen der PiS zu konzentrieren. Mit seinem harten Vorgehen machte er ein Zusammengehen mit Tusks Bürgerplattform (PO) unmöglich. Es war ein Wendepunkt in der jüngeren Geschichte Polens. Das definitive Ende des Solidarnosc-Bündnisses begründete eine starke Polarisierung zwischen der PiS und der PO (seit 2025 KO), die Polen bis heute prägt.In der kurzen Zeit an der Macht ging die PiS rabiat gegen alle Gegner vor, und sie wiederholte dies, als sie ab 2015 für zwei Legislaturperioden mit einer absoluten Mehrheit regierte. Nun konnte Kaczynski jenen Umbau vorantreiben, der ihm immer vorgeschwebt hatte. Anders als sein erklärtes Vorbild Viktor Orban in Ungarn verfügte er zwar über keine verfassungsändernde Mehrheit und konnte so formal nicht die «Vierte Republik» ausrufen. Die Reformen hin zu einem starken, katholisch-konservativen Fürsorgestaat gingen gleichwohl weit. Aus Sorge um die Rechtsstaatlichkeit strengte die EU 2017 erstmals überhaupt ein Sanktionsverfahren nach Artikel 7 der Verträge an.Die Tragödie von Smolensk radikalisierte KaczynskiDie Kaczynskis hatte es über Jahrzehnte nur im Doppelpack gegeben. Dass der geliebte Bruder 2010 beim Absturz der Präsidentenmaschine bei Smolensk in Russland ums Leben kam, radikalisierte Jaroslaw noch mehr. Laut allen Untersuchungen war dichter Nebel die Ursache für das Unglück, doch Kaczynski vermutet immer noch einen Anschlag Russlands und insinuiert sogar einen Beitrag Tusks.Mit dem immer etwas gemässigteren Lech und dessen Familie verlor Jaroslaw auch den Bezug zur Aussenwelt. Seit Jahrzehnten lebt er abgeschottet im Warschauer Stadtteil Zoliborz – bis zu deren Tod mit seiner Mutter, nun nur noch mit zwei Katzen. Sie und die Partei sind alles für ihn. Mit zunehmendem Alter habe die Isolierung noch zugenommen, sagt die Politologin Anna Siewierska. Weil er sich bedroht fühle, umgebe sich Kaczynski nur noch mit Loyalisten, die den Status quo nicht infrage stellten und keine eigenen Ambitionen hätten.Nun scheint der «Präses» die Kontrolle verloren zu haben über den Nachfolgeprozess, den er nie einleiten wollte. Dass die Polen genug haben vom ewigen Duell zwischen Kaczynski und Tusk, machen sie immer wieder deutlich – jüngst bei der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr, als 40 Prozent für andere als deren Kandidaten stimmten. Welche Rolle die PiS künftig im rechten Lager spielen wird, ist völlig offen.Passend zum Artikel
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Mit seiner radikalen Linie und dem absoluten Führungsanspruch kontrolliert Jaroslaw Kaczynski seit einem Vierteljahrhundert Polens rechtes Lager. Mit der selbstverschuldeten Spaltung seiner Partei PiS verliert er jedoch an Einfluss.






