Am Anfang versteckte sie ihre langen Haare, um kämpfen zu können: Katie Taylor ist eine Ikone des Frauenboxens – jetzt tritt sie vor 80 000 Zuschauern abDie Irin Katie Taylor hat im Boxen alles gewonnen, inklusive Olympiagold. Doch ihr ist ein anderes Vermächtnis wichtiger: dass sie anderen Kämpferinnen Türen geöffnet hat.Bertram Job04.09.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenSie beendet ihre Karriere an ihrem «Traumort», dem Croke Park von Dublin: die irische Boxerin Katie Taylor.Stephen McCarthy / GettyMan darf sich Katie Taylors Trophäensammlung als eine imposante Landschaft vorstellen. Die erfolgreichste Boxerin des 21. Jahrhunderts ist seit 2005 sechsmal Europameisterin sowie fünfmal Weltmeisterin der Amateure im Leichtgewicht geworden. Obendrein gewann die Irin 2012 in London Olympiagold, und das beim ersten olympischen Boxturnier der Frauen überhaupt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vier Jahre später startete sie eine beispiellose Profikarriere. Über 26 Kämpfe hinweg vereinigte sie die Titel der vier massgeblichen Weltverbände in ihrer Gewichtsklasse und wurde im nächsthöheren Superleichtgewicht ebenfalls unbestrittene Championesse. Dazu kommen Auszeichnungen als irische Sportlerin des Jahres oder der Ehrendoktorhut, den ihr das Trinity College in Dublin diesen Sommer verlieh.Jetzt steht die 40-Jährige vor ihrem letzten Kampf, sie bestreitet ihn am Samstag im Croke Park in Dublin gegen die Französin Flora Pili (12 Kämpfe, 12 Siege). Es geht dort um drei Titel im Superleichtgewicht, aber vor allem um die Inszenierung ihres Abschieds.80 000 kommen zum letzten KampfIm Aufgalopp zum grossen Karrierefinale kommen all ihre Meriten für die mittlerweile 40-Jährige indes erst an zweiter Stelle. Noch wichtiger ist ihr, dass sie auf ihrem Weg zahllose Türen für andere Boxerinnen geöffnet hat. In der Woche vor ihrem definitiv letzten Ringduell wurde sie nicht müde, die tiefe Genugtuung über ihren historischen Beitrag für den Frauenboxsport zu betonen. Wer heute irgendwo in ein Boxgym gehe, sagte Taylor, erblicke dort lauter Kämpferinnen, «und das ist für mich der grossartigste Teil des Vermächtnisses».Ihrem letzten Kampf in Dublin werden 80 000 Zuschauer beiwohnen. So viele Menschen sind noch nie auf dem Planeten zusammengeströmt, um zwei Frauen boxen zu sehen, und diese Kulisse ist der perfekte Schlussakt für Taylors Karriere. Denn wo auch immer die Tochter eines irischen Landesmeisters und von Irlands erster Ringrichterin aufgetaucht ist, hat sie neue Marken gesetzt.Taylor 2012 nach dem Gewinn der Olympia-Goldmedaille in London.Dan Sheridan / GettyDas war etwa im Oktober 2001 in Dublin so, wo die damals 15-jährige Taylor gegen die ein Jahr ältere Nordirin Alanna Audley das erste legale Duell zweier Boxerinnen auf der Insel austrug – und gewann.Oder im April 2022, als sie gegen ihre puerto-ricanische Erzrivalin Amanda Serrano das erste Hauptmatch zweier Frauen im New Yorker Madison Square Garden boxte. Es brachte der legendären Kampfstätte mit 19 000 Zuschauern ein ausverkauftes Haus ein. Dem liess Taylor im Jahr darauf zwei grosse Abende in Dublin folgen. Insgesamt 20 000 Fans erlebten in einer Grossarena am Liffey, wie die in der Nähe aufgewachsene Taylor das erste Duell mit der Engländerin Chantelle Cameron knapp verlor – und das zweite noch knapper gewann.Die Niederlage gegen Cameron war die erste und einzige als Profi bei 25 Siegen. Und sie nahm Taylor mit. Als ihr sechs Monate später die Revanche gelang, gestand sie unmittelbar nach ihrem Sieg, mit dem Mikro in den noch einbandagierten Händen, dass sie die sechs Monate kaum habe abwarten können. Dann wandte sie sich an jene, die sie schon abgeschrieben und die ihr den Erfolg kaum mehr zugetraut hatten: «Ihr scheint mich offenbar nicht sehr gut zu kennen. Stellt mich niemals infrage!»Eigentlich sollten die Brüder boxenEs war die geborene Kämpferin, die da sprach. Eine Frau, die ihr Glück den Verhältnissen abtrotzen musste. Nicht sie, sondern zwei ihrer Brüder wollte der Vater Peter im St. Fergus Boxing Club in Bray zu erfolgreichen Boxern formen. Schnell zeigte sich, dass die wirbelige Katie zäher und ungleich besser veranlagt war.Um an ersten Turnieren teilnehmen zu können, versteckte sie das lange Haar unter dem Kopfschutz und verkürzte ihren Namen auf «K. Taylor». So umging sie das damals noch herrschende Boxverbot für Mädchen und Frauen – und avancierte bald nach dessen Aufhebung zur Vorreiterin. Das grosse Herz, das sie neben ihrer soliden Technik in die Waagschale warf, konnte man in jedem ihrer Kämpfe förmlich sehen.Wenn Taylor boxt, fiebert Irland mit – zum Abschiedskampf werden 80 000 Zuschauer erwartet, ein Rekord für einen Frauen-Boxkampf.Kifah Ajamia / Getty2012, als Taylor mit der Goldmedaille von London nach Hause kam, säumten über 20 000 Fans die Strassen von Bray. Dennoch hätte die Geschichte Taylors ohne eine Entscheidung, die sie einmal als schwierigste in ihrem Leben bezeichnete, wohl keine Fortsetzung erfahren. Diese fällte die ehrgeizige Athletin nach den für sie erfolglosen Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Fortan trat sie für den englischen Promoter Matchroom Boxing bei den Profis an und verlegte ihren Lebensmittelpunkt in den amerikanischen Gliedstaat Connecticut. Dort wurde sie seither von Ross Enamait trainiert – einem früheren Amateurboxer und Investmentbanker, der von ihrem Fokus auf den Sport begeistert ist.«Ihre Hobbys sind Trainieren und bei Amazon Trainingssachen shoppen», erzählte Enamait vor Jahren dem Magazin «Sports Illustrated». So viel Entschlossenheit zahlt sich aus. «The Bray Bomber» eroberte im siebten Profikampf den ersten renommierten WM-Gürtel und fügte ihm bis 2022 auch die anderen drei hinzu. Vor allem aber zeigte sie keine Scheu vor den sogenannten «signature fights» gegen ähnlich hoch eingeschätzte Konkurrenz. So gehören ihre Duellserien mit Amanda Serrano (drei Punktsiege), Delfine Persoon (zwei Punktsiege) und eben Chantelle Cameron zu den Kämpfen, die dem Frauenboxen weltweit Aufmerksamkeit eingebracht haben.Ob der letzte Tanz mit Flora Pili auch nur annähernd das gleiche Niveau erreicht? Insider bezweifeln das. Die 29-Jährige gilt als unbeschriebenes Blatt. Dennoch will Katie Taylor sichergehen, dass ihre Hand nach zehn Runden ein letztes Mal in die Höhe gerissen wird. Dafür hat sie noch einmal konsequent trainiert. «Ich bin kurz davor, meine Traumkarriere an meinem Traumort im Croke Park zu beenden», sagte sie kürzlich. «Das ist jenseits meiner kühnsten Träume», fügte sie noch an.Passend zum Artikel