PfadnavigationHomeGeschichteOtto der GroßeDer Kaiser, der das Alte Reich der Deutschen schuf, muss fürchterlich gelitten habenStand: 09.09.2026Lesedauer: 5 Minuten„Haupt der ganzen Welt“: die Knochen Ottos des Großen im Hörsaal der Universitätsmedizin MagdeburgQuelle: picture alliance/dpa/Klaus-Dietmar GabbertAls Otto I. 973 starb, hatte er mit seinen Siegen über Ungarn, Slawen und Dänen das fränkische Kaisertum restituiert. Nach der Sanierung seines Grabmals werden seine sterblichen Überreste wieder im Magdeburger Dom bestattet.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenWährend des Vesper-Gottesdienstes fühlte er sich auf einmal „fiebrig und erschöpft“. Man setzte ihn auf einen Stuhl. Da „verlangte er das Sakrament des göttlichen Leibes und Blutes und übergab ohne Seufzer mit großer Ruhe unter den liturgischen Sterbegesängen seinen letzten Atemzug dem barmherzigen Schöpfer aller“. So beschrieb der zeitgenössische Chronist Widukind von Corvey den Tod von Otto I. (912-973), Herzog der Sachsen, König des Ostfränkischen und Kaiser des (West-)Römischen Reiches, am 7. Mai 973 in der Pfalz Memleben. „Das Volk aber sagte viel zu seinem Lob in dankbarer Erinnerung“, schreibt Widukind, „wie er sie von ihren Feinden befreit, Italien unterworfen, die Götzentempel benachbarter Stämme zerstört und Kirchen und geistliche Stände eingerichtet habe“.In einer prachtvollen Prozession wurde Ottos Leichnam über vier Wochen hinweg nach Magdeburg gebracht, wo der Kaiser den Dom als Hauptkirche seines Imperiums errichtet hatte. An der Seite seiner ersten Frau Edgitha, die bereits 946 gestorben war, wurde er zur letzten Ruhe gebettet. Sein Herz aber soll in Memleben bestattet worden sein. Dass Körper und Eingeweide nach dem Tod getrennt wurden, hatte übrigens viel mit hygienischen Erwägungen zu tun. Der Trauergemeinde sollte der Gestank der verwesenden Leiche erspart werden.Am 1. September 2026 wird das Ritual in einem Festakt wiederholt, mit Gottesdienst und anschließendem Defilee am offenen Grab im Hohen Chor, das damit nach einer gut eineinhalb Jahre dauernden Sanierung wieder der Öffentlichkeit übergeben wird. Die Arbeiten wurden nötig, weil zahlreiche Schäden einen Einsturz der Grablege befürchten ließen. Die Eisenteile, die im 19. Jahrhundert zur Stabilisierung des Kalksteinsarkophags angebracht wurden, waren stark verrostet, Feuchtigkeit und Salz zersetzten das Holz des darin befindlichen Sarges.Dieser wurde durch einen Sarg aus Titan, Gold und Silber ersetzt, der von der Künstlerin Silke Trekel gestaltet worden ist. Der Untergrund wurde stabilisiert, Risse im Sarkophag wurden mit Karbonstreifen abgedichtet, die äußere Steinhülle des Grabmals erhielt von außen unsichtbare, höhenverstellbare Stützen aus Edelstahl, auf denen künftig die rund 300 Kilogramm schwere Marmorplatte ruht. Sie wird nach den Feierlichkeiten aufgesetzt. „Wir machen das Grab zu für die nächsten tausend Jahre“, sagte Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller bei einem Pressetermin in Magdeburg. Die Sanierung bot die Chance, Knochen und weitere Objekte im Grab wissenschaftlichen Untersuchungen zu unterziehen. Sie ergaben, dass im Sarg nur eine einzige Person bestattet worden war, ein Mann von 55 bis 65 Jahren (Otto wurde 60 Jahre alt), der, wie markante Spuren an den Knochen zeigen, viel Zeit auf dem Rücken von Pferden verbracht hatte und mit einer Körpergröße von etwa 1,80 Metern die meisten seiner Zeitgenossen deutlich überragte. Lesen Sie auchDNA-Analysen belegen, dass im Sarg wirklich Kaiser Otto bestattet worden war, sagte Meller. Als Vergleichsmaterial konnte man auf Schädel und Gebeine des Ottonen-Kaisers Heinrich II. (978–1024) aus Bamberg zurückgreifen, der ein Enkel des Bruders von Otto dem Großen war. Zudem zeigten die Untersuchungen, dass das Kaisergrab in der Vergangenheit mehrfach geöffnet wurde, etwa als es nach dem Dombrand 1207 in die neue gotische Kathedrale versetzt wurde.Untersuchungen an Schädel und Gebiss ergaben, dass der Kaiser, dessen Heere „Feinde wie Awaren, Sarazenen, Dänen und Slawen mit Waffengewalt besiegt“ (Widukind) hatten, im Alter von Schmerzen gepeinigt worden sein muss. Parodontitis hatte bereits zum Knochenverlust geführt, dicker Zahnstein überzog den Unterkiefer. Der Verlust von drei Schneidezähnen lässt auf eine Verletzung schließen. Auch im rückwärtigen Teil des Schädels zeigten sich Spuren von Gewalteinwirkung. Dass Otto persönlich an Kämpfen teilnahm, berichtet Widukind von Corvey. So habe der König in der entscheidenden Schlacht gegen die Ungarn bei Augsburg 955 „den Schild und die heilige Lanze ergriffen und selbst als Erster sein Pferd gegen die Feinde gerichtet, wobei er seine Pflicht als tapferster Krieger und bester Feldherr erfüllte“. Lesen Sie auchDer Sieg auf dem Lechfeld befreite das Reich nicht nur von den regelmäßigen Beutezügen der Reiterkrieger, sondern wurde zum Fundament der Großmacht, die 962 durch die Krönung in Rom das Kaisertum Karls des Großen restituierte. Von da an priesen seine Untertanen Otto als „Haupt der ganzen Welt“ und nannten ihn bald „den Großen“. Sein Kaisertum eröffnete den Weg zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.Die Wissenschaftler fanden sogar heraus, was an der kaiserlichen Tafel gegessen wurde: viel Fleisch, Süßwasserfisch, dazu Getreide und Hülsenfrüchte. Hirse, eine typische Arme-Leute-Speise, gehörte offenbar nicht dazu. Dass Ottos Lebensstil dem der zeitgenössischen Eliten entsprach, zeigen auch die Kleiderreste, die sich in dem Holzsarg fanden. Ein rotes Einschlagtuch aus byzantinischer oder spanischer Seide und eine blau gefärbte Decke mit Silberfäden stehen für eine kaiserliche Repräsentation. Auch nach der Wiederbeisetzung sollen die Forschungen weitergehen. Es seien große Überraschungen zu erwarten, sagte Harald Meller. Zahlreiche Kooperationspartner seien beteiligt. Sie wollen etwa herausfinden, wie genau der Kaiser aussah: Haut-, Haar- und Augenfarbe sollen bei archäogenetischen Untersuchungen ermittelt werden, auch eine Gesichtsrekonstruktion wird angestrebt. Und auch die genaue Todesursache ist noch nicht geklärt. Rätsel gibt den Forschern zudem der aus einem Kalksteinblock herausgearbeitete Sarkophag auf, dessen Wände teilweise nur zehn Millimeter dick sind – seine Herkunft habe noch nicht bestimmt werden können. Alle Arbeiten am Grab und den sterblichen Überresten des Kaisers seien in enger Abstimmung mit der Kirche unter Wahrung christlicher Glaubensvorstellungen und pietätvoll erfolgt, sagte der Beauftragte der Evangelischen Kirchen in Sachsen-Anhalt, Albrecht Steinhäuser. Er verwies darauf, dass „die menschliche Würde im Tod nicht endet“.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.mit dpa/epd