Menschen sterben in Abschiebezentren, die Presse wird eingeschüchtert, und Rechtsextreme sind Spitzenbeamte: Justus Benders Horrorvision von Deutschland im Jahr 2033Berlin, hundert Jahre nach der Machtübernahme der Nazis: Die AfD gewinnt die Bundestagswahl, Alice Weidel wird Kanzlerin. Der Publizist Justus Bender fragt sich, was wäre, wenn.Susanne Gaschke, Berlin04.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenLaut Justus Bender zerstört die «postliberale Verdunklung» des Internetzeitalters die demokratische Kultur.APDer Journalist Justus Bender hat ein Buch mit dem dramatischen Titel «Deutschland 2033» geschrieben. Das schwarz-weiss-rote Cover zeigt kein Hakenkreuz, könnte aber durchaus geeignet sein, beim Betrachter diese Assoziation zu wecken. Es geht also schon von der äusseren Anmutung her um die Frage, ob man das dunkle Jahr 1933, das Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, mit den gegenwärtigen politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik vergleichen darf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die kurze, naheliegende Antwort lautet: ja. Man darf auch Äpfel und Birnen vergleichen. Beides ist Obst. Beides wächst an Bäumen. Im Geschmack unterscheiden sich die Früchte allerdings – weshalb man für einen Apfelkuchen keine Birnen verwenden sollte. Es ist wichtig, beim Vergleichen Unterschiede zu erkennen.Die lange Antwort gibt Bender in seiner Einleitung. Sie dient der Immunisierung gegen den in Deutschland häufig erhobenen Vorwurf, Nazivergleiche seien generell unzulässig. Entweder, weil sie als moralische Totschlagargumente wirkten. Oder aber, weil sie, leichtfertig auf heutige politische Entwicklungen angewendet, das einzigartige Leiden der NS-Opfer relativierten.Das Morgen im GesternDer Autor hält aber die Gefahr, die von der rechten Partei Alternative für Deutschland ausgeht, für so gross, dass er es sich gestattet, im Gestern das Morgen zu suchen. Oder vielmehr: ein Morgen. Denn Bender weiss natürlich, dass die Zukunft immer offen ist – und hofft vermutlich auch, sie mit seinem Warnbuch beeinflussen zu können.Genaugenommen besteht «Deutschland 2033» übrigens aus drei Büchern, die miteinander verschränkt sind: einem fiktiven dystopischen «Szenario», einem Sachbuch über das Innenleben der AfD und einer essayistischen Analyse der gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Erfolg der Rechtspartei in der Bundesrepublik.Der ständige Genrewechsel tut dem Buch nicht unbedingt gut. An Benders AfD-Expertise ist nicht zu zweifeln, er kennt die Partei, ihre Funktionäre und Vordenker, ihre Strömungen und Konflikte, ihre Rhetorik und ihr Schrifttum genau. Manchmal scheint es allerdings, als sei er in anderen Parteien nicht ganz so viel unterwegs gewesen, denn manches, was er an der AfD – einmal literarisch, dann wieder journalistisch – kritisiert, ist schlicht normal. Gekungelt und geschummelt und eifrig nach Posten gegriffen wird überall.Die Dystopie hätte, für sich genommen, ein überzeugender Roman werden können, weil der Autor gut erzählt. Er ist übrigens nicht der Erste, der die Idee hatte, in näherer Zukunft die AfD an die Macht kommen zu lassen: Der «Stern»-Journalist Hans-Ulrich Jörges hat schon 2025 den Roman «Kobaltkanzler» veröffentlicht, der, als rein literarischer Text, besser funktioniert als Benders Mischung. Dessen Geschichte bleibt zwar überwiegend im Bereich des gerade noch Vorstellbaren. Aber in ihren dramatischen Zuspitzungen konterkariert sie wichtige Befunde aus seiner Ursachenforschung, die in AfD-Debatten und aufgeregtem «Anti-Rechts»-Aktivismus viel zu kurz kommen.Die AfD als «Politik gewordener Affekt»Erstens: Es ist laut Bender die «postliberale Verdunklung» des Internetzeitalters, die seit Mitte der 1990er Jahre die demokratische Kultur zerstört – Schritt für Schritt und natürlich nicht nur in Deutschland. Was von digital interessierter Seite als politische Verheissung angepriesen wurde – jeder könne sich nun selbst über alles informieren, jeder könne sich direkt an die Weltöffentlichkeit wenden –, vereinzelt die Menschen. Es radikalisiert sie. Verrückte finden heute viel leichter andere Verrückte als früher in der Eckkneipe oder im Sportverein. Wer am lautesten schreit, wird gehört, und weil er im Netz anonym schreien kann, spielen Rücksicht und Wahrhaftigkeit keine Rolle mehr. In einer kriterienlosen Digitalöffentlichkeit herrscht, nach dreissig Jahren entfesselter und enthemmter Netzkommunikation, heillose Verwirrung.Zweitens: Die AfD, schreibt Bender, sei «Politik gewordener Affekt». Sie versteht es besser als die allermeisten anderen politischen Akteure, in diesem Chaos zu kommunizieren. Über Reels und Posts stellt sie Nähe her, ist böse und witzig, natürlich diffamiert sie auch, aber Krawall ist in den sozialen Netzwerken ja ausdrücklich erwünscht.Drittens: Den Wählern, so Bender, gehe es häufig gar nicht um eine konsistente Politik, sondern um genau diesen Affekt. Sie wollten nicht ständig für ihre Gefühle kritisiert, belehrt und mit Studien beworfen, vor Extremismus gewarnt oder arrogant zurechtgewiesen werden; geheucheltes Verständnis für ihre «Sorgen» hätten sie satt. Und sich Ordnung in einer unordentlichen Welt zu wünschen, Angst vor unkontrollierter Zuwanderung zu haben oder sich gegen einen Windpark zu wehren, sei durchaus legitim – so ist der Autor jedenfalls über lange Strecken seines Buches zu verstehen. Weshalb an den Beginn jeder Auseinandersetzung mit der AfD die – authentisch zum Ausdruck gebrachte – Anerkennung solcher Gefühle gehöre.Das kleine Problem mit der WertschätzungDass das Personal der klassischen deutschen Parteien sich damit inzwischen äusserst schwertut, ist offensichtlich. Aber auch der Autor scheint ein kleines Problem mit der Wertschätzung zu haben, die er anderen empfiehlt. Er spricht vom «emotionalen Mangel» der AfD-Wähler, den es zu lindern gelte, von der «emotionalen Not», aus der man diese Pessimisten und Ängstlichen, die sich nirgends verstanden und immer nur missbilligt fühlten, befreien müsse.Mit Verlaub: So redet man über Patienten, nicht über erwachsene Mitbürger. Hier blitzt ebenjene Rechthaberei, ebenjenes unechte «Verständnis» auf, das Bender den Politikern der Alten Welt zu Recht vorwirft. Dieser unwillkürliche Gestus der Überlegenheit hat viel zum Erfolg der AfD beigetragen. Aber die Linksliberalen, Progressiven und grundvernünftigen Fortschrittsfreunde können offenbar gar nicht erkennen, dass sie ständig von oben nach unten sprechen.In Benders Jahr 2033 regiert die AfD-Bundeskanzlerin Alice Weidel zunächst in einer Koalition mit den Christlichdemokraten; Jens Spahn ist Vizekanzler, bis die Union aus der Koalition aussteigt und Weidel eine Minderheitsregierung anführt. «Innerhalb weniger Monate ist Deutschland ein Land geworden, in dem Menschen unter mysteriösen Umständen in Abschiebezentren sterben, die freie Presse durch Ermittlungen eingeschüchtert wird und Rechtsextreme als Spitzenbeamte eingeschleust werden», schreibt Bender.Der Beitrag der LinkenDie Kindersterblichkeit steigt, weil die Ständige Impfkommission aufgelöst wurde. Die geschilderten Zustände in den fiktiven Abschiebelagern sind nicht nur manchmal oder ein bisschen schlimm, sondern erinnern an Bilder aus den Konzentrationslagern der Nazis. Weidel steuert auf eine autokratische Alleinherrschaft – einen Führerinnenstaat? – zu. Die Mehrheit der Bürger nimmt es hin, gleichgültig, politisch erschöpft oder eingeschüchtert.Ob es je so kommen könnte? Das Szenario geht reichlich weit. Wenn man dann nichts dagegen unternommen hätte, müsste man an Selbstverachtung ersticken. Aber um es zu verhindern, müssten der politische und mediale Mainstream, müssten Linke, Grüne, Christliche den eigenen Beitrag zu der «postliberalen Verdunklung» erkennen, die alle westlichen Demokratien bedroht. Und vielleicht wären Vergleiche mit den mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen anderer Länder, das neue Rechte einzudämmen, nicht weniger erhellend als Benders Bezugnahme auf das übergrosse deutsche Trauma «1933».Justus Bender: Deutschland 2033. Ein Szenario. Verlag C. H. Beck, München 2026. 284 S., Fr. 31.90.Passend zum Artikel
Die AfD gewinnt die Bundestagswahl, Alice Weidel wird Kanzlerin: Justus Bender fragt sich in seinem Buch, was wäre, wenn
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