Direktor Rajendra Dawadi befand sich schon im Schulgebäude, als sein Buchhalter auf ihn zukam. „Die Flut kommt! Die Flut kommt! Wir müssen fliehen!“, rief der Mitarbeiter aufgeregt. Gleichzeitig erhielten weitere Lehrer und Angestellte Warnungen aus den höher gelegenen Bergregionen. Der Schulleiter und sein Team mussten innerhalb weniger Minuten eine Entscheidung treffen. „Wir dachten, wenn wir den Unterricht fortsetzen und die Warnung falsch war, dann verpassen die Kinder vielleicht einen Tag Schule“, erklärt er der F.A.Z. telefonisch seine Gedankengänge. „Aber wenn sie richtig ist, dann ist unser aller Leben zu Ende.“Der Schulleiter stoppte den Unterricht und begann mit der Evakuierung des Schulgeländes. Einige Kinder wurden eilig mit Motorrädern von ihren Eltern abgeholt. Andere rannten den Abhang hinauf. „Manche hatten Angst und gerieten in Panik“, berichtet der Direktor. Von insgesamt 1600 Schülern befanden sich viele noch auf dem Schulweg. Er warnte die Busfahrer und hielt sie an, umzukehren. Als ein Bus mit Schülern ankam, schickte er ihn schnell weiter. Gerade nachdem der Bus die Brücke überquert hatte, stürzte sie ein. „Ich zolle dem Busfahrer Respekt, weil er die Schüler gerettet hat“, sagt Dawadi.Die Gebäude standen in der Nähe des Flussufers: Die Schule vor der ZerstörungReutersNur etwa fünfzehn Minuten nach Eintreffen der Warnung zerstörte eine Lawine aus Schlamm und Eis alles, was in ihrem Weg stand. Darunter war auch die Schule im Ort Trishuli Bazar, die unweit des Flussufers gestanden hatte. Dawadi und einige Lehrer waren die Letzten, die die Schule verließen und den Berg hinaufliefen. „Als ich oben angekommen war und zurückblickte, war die ganze Schule weggespült worden“, sagt Dawadi. Die Flut hatte Häuser, Fahrzeuge und Menschen mit sich gerissen und sie unter meterhohem Schlamm begraben. „Erschütternd“ sei das gewesen, sagt Dawadi am Telefon.Dem Erdboden gleichgemacht: Von der „Tribhuvan Trishuli Secondary School“ ist nichts mehr übrig.ReutersDoch alle 900 Schüler, die sich im Gebäude befunden hatten, waren bereits in Sicherheit. Bei mittlerweile fast 1000 Toten und rund 4000 Vermissten an den Flüssen Bhotekoshi und Trishuli allein in Nepal ist das eine von wenigen guten Nachrichten. Die internationale Presse feiert den Direktor der „Tribhuvan Trishuli Secondary School“ nun für sein beherztes Eingreifen. Doch Dawadi sagt, er sei kein Held. Er sei nur seiner Pflicht als Schulleiter nachgekommen. Wenn er allerdings die falsche Entscheidung getroffen hätte, dann würde er „heute nicht mit Ihnen sprechen“, sagt er.Der Direktor erinnert außerdem an die Schicksale der Menschen, die nicht gerettet werden konnten. Dawadi zufolge sind unter den Vermissten auch die Mutter des Buchhalters, ein Lehrer und ein Mitarbeiter der Schule. „Der Buchhalter hat seinen Vater und uns alle gerettet, aber seine Mutter konnte er nicht retten“, sagt Dawadi. Für ihn persönlich sei der Verlust der Schule, die er selbst als Schüler besucht hatte und an der er seit 23 Jahren als Lehrer tätig sei, emotional schwer zu verkraften. Die Kinder seien ebenfalls traumatisiert, sagt Dawadi. Sie litten „seelische Qualen“ und brauchten psychologische Betreuung.Mittlerweile erhalte er aber auch schon wieder Anfragen von Schülern und Eltern, wann die Schule wieder beginnen kann. Er plane bereits, sie an einem sichereren Ort wieder aufzubauen. „Wir bitten die Menschen auf der ganzen Welt, uns beim Wiederaufbau der Schule zu helfen“, sagt er. „Wenn sie gerettet wurden und die Kinder ein zweites Leben bekommen, dann sollen sie auch eine Erziehung erhalten.“ Darüber hinaus wünscht er sich, dass alle nepalesischen Schulen mit Warnanlagen ausgestattet und regelmäßige Katastrophenübungen in den Lehrplan aufgenommen werden.
Sturzflut in Nepal: Der Direktor, der 900 Schülern das Leben rettete
Ein nepalesischer Schulleiter traf binnen Minuten eine Entscheidung – und rettete damit 900 Schülern das Leben. Aber er sei kein Held, sagt er der F.A.Z.










