Streng genommen ist Jeff Bezos spät dran. Als sich der Amazon-Gründer Mitte August beim FC Liverpool einkaufte, schlug das angesichts seiner globalen Bekanntheit zwar hohe Wellen. Aber der Milliardär folgt mit seiner Investition bloß dem Vorbild anderer US-Unternehmer, die sich in den zurückliegenden Jahren ihr Stück des Premier-League-Kuchens gesichert haben. Elf der 20 Klubs in Englands erster Fußballliga befinden sich mehrheitlich in amerikanischer Hand, darunter der FC Arsenal, der FC Chelsea und Manchester United. Trotzdem könnte Bezos’ Einstieg in Liverpool aufgrund seiner Marktmacht größere Auswirkungen haben.Dabei geht es zunächst nur um eine Minderheitsbeteiligung. Das Konsortium namens 1892 Holdings, woran Bezos durch seine Venture-Capital-Gesellschaft K5 Sports beteiligt ist, hat 38 Prozent der Anteile erworben. Eigentümer des FC Liverpool bleibt die ebenfalls amerikanische Fenway Sports Group (FSG). Zum Deal gehört die Option, dass das Konsortium innerhalb der nächsten zwölf Monate per Vorkaufsrecht die Mehrheit übernehmen könnte, sollte FSG sie abgeben. Mit ihr ist allerdings keine Verpflichtung verbunden. FSG betont, man verfolge nicht die Absicht, die operative Kontrolle aufzugeben.Seit FSG einstieg, hat sich der Wert des Klubs vervielfachtDie Köpfe hinter 1892 sind neben Bezos der Geschäftsmann Amit Bhatia und der Facebook-Mitgründer Eduardo Saverin. Bhatia hielt lange Zeit Anteile am Londoner Verein Queens Park Rangers und saß dort im Vorstand; in Liverpool soll er nun stellvertretender Vorsitzender werden – das Gesicht des Konsortiums. 1892 verschafft dem FC Liverpool eine Unternehmensbewertung von umgerechnet sechs bis sieben Milliarden Euro. Zur Einordnung: FSG hatte den Klub 2010 für rund 350 Millionen Euro vollständig übernommen – am Rande des Bankrotts, wie es damals hieß.Es ist diese Vervielfachung des Werts, die Investoren neugierig macht. Um sie zu erreichen, hat FSG in den vergangenen 16 Jahren in den Kader investiert: Liverpool hat die Champions League, den FA Cup und zweimal die englische Meisterschaft gewonnen. Der Gewinn der Premier League in der Saison 2019/20, mit Jürgen Klopp als Trainer und Identifikationsfigur, war der erste nach einer Durststrecke von 30 Jahren. Die Kapazität des Anfield-Stadions wurde kräftig ausgebaut, ein neues Trainingszentrum in Kirkby errichtet, das alte Zentrum in Melwood für die Frauen- und Mädchenteams modernisiert. Doch die Verwandlung des Klubs ist nicht abgeschlossen.Bis zu 140 Millionen Euro teuer: Bradley Barcola kommt von PSG zum FC Liverpool.AFPAus Sicht der Amerikaner sind die Vereine der Premier League zwar globale Marken, beim Blick auf ihre kommerzielle Integration jedoch unterentwickelt. Kein Vergleich zu den Franchises der US-Sportarten, die Entertainmentprodukte, Medienunternehmen und Merchandising-Plattformen sind. Die Premier League erreicht durch Streaming-Formate deutlich mehr Fans in Märkten auf der ganzen Welt, aber die Klubs machen aus Investorensicht zu wenig aus diesem Potential. Was wiederum bedeutet, dass der Enterprise Value der Assets längst nicht erschöpft ist.Und Bezos hat mit Amazon die größte E-Commerce-Plattform der Welt aufgebaut, das Streaming von Sportereignissen gehört zum Angebot. Vor einigen Jahren trat er als CEO zurück und übernahm die Position des Executive Chairman. Er gehört zu den reichsten Menschen der Welt, „Forbes“ schätzt sein Vermögen auf rund 230 Milliarden Euro. Dass seine Investition in Liverpool zum Beispiel Einfluss auf zukünftige Verhandlungen über Premier-League-Übertragungsrechte haben könnte, ist Spekulation, aber kein völlig abwegiger Gedanke.Die Verpflichtung Barcolas ist ein CoupAber Bezos’ Reichtum wird nicht unmittelbar dazu führen, dass in Liverpool bald ein All-Star-Team der besten Spieler aufläuft. Wegen der finanziellen Spielregeln der Premier League können Klubbesitzer nur begrenzt Geld von außen zuschießen. Von dieser Saison an gelten die neuen Vorgaben Squad Cost Ratio (SCR) und Sustainability and Systemic Resilience (SSR). Einfach gesagt stehen die regulären Investitionen in den Profikader über einen Berechnungsschlüssel in direktem Zusammenhang mit den durch gewerbliche Tätigkeiten erzielten Einnahmen der Klubs. Bei Verstößen droht der Abzug von mindestens sechs Punkten.So hat sich Liverpool mit seinem neuen Trainer Andoni Iraola im Sommer zwar personell verstärkt, von einem Kaufrausch kann aber keine Rede sein. Der Innenverteidiger Jérémy Jacquet (20, Stade Rennes) und der Linksaußen Víctor Muñoz (22, CA Osasuna) kosteten zusammen über 100 Millionen Euro. Seit Montag ist außerdem die Verpflichtung des linken offensiven Mittelfeldspielers Bradley Barcola von Paris Saint-Germain unter Dach und Fach. Für Liverpool ist der 24 Jahre alte französische Star ein Coup, die Ablöse liegt bei umgerechnet bis zu rund 140 Millionen Euro. Gegangen ist Mohamed Salah, einer der Topverdiener im Kader. Doch der Saisonstart genügte dem eigenen Anspruch nicht: Dem 2:2 gegen Newcastle United am ersten Spieltag folgte am Samstag ein weiteres 2:2 gegen Nottingham Forest.Die im Verband Spirit of Shankly organisierten Fans sehen den Einstieg des Konsortiums um Bezos kritisch. Vor allem bemängeln sie die aus ihrer Sicht fehlende Transparenz. „Es ist wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen, die langfristigen Auswirkungen dieses Deals auf die Eigentümerstruktur unseres Vereins vollständig zu verstehen“, hieß es in einer Stellungnahme. Englands Fußballklubs dürften nicht zum Gegenstand eines „Wettrüstens“ zwischen „superreichen Einzelpersonen oder staatlich unterstützten Akteuren“ verkommen. Die Berichten zufolge oft widrigen Arbeitsbedingungen in Amazons Warenhäusern dürften der nordenglischen Working-Class-Fanbasis ebenso wenig zusagen. Der frühere Trainer Bill Shankly, nach dem die Vereinigung benannt ist, verstand sich seinerzeit als Sozialist.Womöglich betrachtet Jeff Bezos die für seine Verhältnisse günstige Investition als Testballon für größere Vorhaben: Schon länger wird ihm Interesse an einem Einstieg in die American-Football-Liga NFL nachgesagt. Sein Einfluss beim FC Liverpool hält sich im gegenwärtigen Machtgefüge in Grenzen. Aber daran zu rütteln, ist eine Frage des Preises.