So viel Betrieb ist selten am Regionalflughafen Kassel-Calden: Zwei Busladungen mit Journalisten und Kameraleuten sind dort am vergangenen Donnerstag angerückt, um eine gemeinsame Pressekonferenz der hessischen Landesregierung und des Rüstungskonzerns Rheinmetall zu verfolgen. Verkündet wurden Pläne für ein Drohnentestzentrum und ein Logistikzentrum des Unternehmens, das Land fördert das Vorhaben mit 25 Millionen Euro. „Wir werden damit den Innovations- und auch den Verteidigungsstandort Nordhessen wirklich auf ein neues Level hieven können“, sagte Ministerpräsident Boris Rhein (CDU).Rheinmetall und auch der Konkurrent KNDS bauen in Kassel schon seit Jahrzehnten Panzer – und rechnen mit Milliardenaufträgen durch eine bevorstehende Großbestellung der Bundeswehr. Für Kassel bringt die Aufrüstung, mit der Deutschland auf den Krieg in der Ukraine reagiert, also wirtschaftliche Vorteile – in Zeiten, da Beschäftigte beim Bahnhersteller Alstom und bei Volkswagen im benachbarten Baunatal um ihre Arbeitsplätze bangen.Grund zum Jubeln, das machte der hessische Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) bei der Pressekonferenz deutlich, sind die hohen Ausgaben für Rüstungsgüter nicht: „Ich kann gut nachvollziehen, dass die Dauerpräsenz verteidigungs- und rüstungspolitischer Themen in der Öffentlichkeit vielen Menschen Sorgen macht.“ Der Minister fügte aber hinzu, es sei vernünftig, „dass wir die Milliarden, die jetzt ausgegeben werden müssen, in unserem Land halten“.Drohnentechnologie gewinnt für Kassel an BedeutungProfitieren werden davon nicht nur Rheinmetall und KNDS, sondern noch viele weitere Unternehmen, auch in Hessen. Ganz in der Nähe von Kassel, in Niedernstein, sitzt mit der Jowa Fahrzeugteile-Vertriebs GmbH ein Hersteller von Bauteilen für Panzer. Man beliefere seit 1959 „führende Hersteller von Militärfahrzeugen und Streitkräfte auf der ganzen Welt“, heißt es auf der Website des Unternehmens mit rund 60 Mitarbeitern.Der Krieg in der Ukraine hat aber auch einem jungen Unternehmen in der Nachbarschaft viele Aufträge beschert: Dedrone, gegründet 2014 in Lohfelden, entwickelt Drohnendetektionssysteme. Genutzt werden sie laut Unternehmensangaben unter anderem von den ukrainischen Streitkräften, zur Überwachung von US-Militärstützpunkten und von Polizeibehörden in den Vereinigten Staaten. Vor zwei Jahren wurde das Unternehmen mit damals rund 70 Mitarbeitern von Axon übernommen, einem US-Konzern, der unter anderem Elektroschockpistolen herstellt.Hensoldt übernahm in Wetzlar ehemalige Continental-MitarbeiterIn Wetzlar betreibt der Rüstungskonzern Hensoldt einen Standort mit 220 Beschäftigten. Dort werden Zielfernrohre produziert und Wärmebildkameras. Der Standort ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, 2024 wurde ein neues Gebäude mit einer Fläche von rund 7000 Quadratmetern bezogen. Hensoldt ist nach Angaben einer Unternehmenssprecherin beständig auf der Suche nach hoch qualifizierten Mitarbeitern und hat nach der Schließung des Continental-Standorts in Wetzlar im vergangenen Jahr 20 Softwareentwickler von dem Autozulieferer übernommen. Eine ähnlich große Anzahl von Fachkräften könnte in naher Zukunft von Carl Zeiss Sports Optics in Wetzlar übernommen werden.Ebenfalls in Wetzlar angesiedelt ist ein Joint Venture von Hensoldt und dem griechischen Unternehmen Theon, das Nachtsichtbrillen für die Bundeswehr herstellt. Das Gemeinschaftsunternehmen namens Hensoldt Theon Nightvision beschäftigt bislang 14 Mitarbeiter, auch dort sind Neueinstellungen geplant.Ein Veteran der Rüstungsbranche in Hessen ist die Fritz Werner Industrie-Ausrüstungen GmbH in Geisenheim: Das 1896 gegründete Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern baut Maschinen für die Herstellung von Munition.In Darmstadt befindet sich eines von bundesweit drei großen Werken der staatseigenen Heeresinstandsetzungslogistik GmbH. 240 Beschäftigte kümmern sich dort um Wartung und Reparatur von Panzern und anderen Fahrzeugen der Bundeswehr.Für viele Unternehmen ist Verteidigung ein ZusatzgeschäftAußerdem gibt es in Hessen Industriezulieferer und Dienstleister, die einen Teil ihrer Umsätze mit Kunden aus der Rüstungsbranche verdienen. Einen Großauftrag für Rheinmetall MAN Military Vehicles (RMMV), ein Gemeinschaftsunternehmen des Rüstungskonzerns und der MAN Truck & Bus SE, hat zum Beispiel der Tankfahrzeughersteller Esterer aus Helsa in Nordhessen abgewickelt: Das Unternehmen lieferte in den vergangenen Jahren 48 Flugfeldtankwagen an RMMV.Esterer baut solche Fahrzeuge auch für Flughafenbetreiber, außerdem fertigt das Unternehmen Tankeraufbauten und Anhänger für ganz normale Lastwagen. Aber seit den Siebzigerjahren kämen immer wieder auch Militäraufträge, nicht nur von der Bundeswehr, sondern auch aus anderen Ländern, erläutert Geschäftsführerin Julia Esterer auf Anfrage. 180 Mitarbeiter seien derzeit im Unternehmen beschäftigt.Keramikplatten für schusssichere Westen kommen von der Schunk-Gruppe mit Sitz in Heuchelheim bei Gießen. Produziert werden die Körperschutzplatten, wie das Unternehmen sie nennt, allerdings in einem Werk in Nordrhein-Westfalen. Geliefert werde an Kunden in verschiedenen NATO-Staaten, heißt es bei Schunk. Insgesamt seien bislang mehr als zwei Millionen Platten ausgeliefert worden, „das macht uns in Europa zum Marktführer auf dem Sektor hochwertiger Keramik für Körperschutz“.„Ein Wachstumsfeld“Material für Schutzwesten liefert auch die Faser-Sparte des Kohlenstoffspezialisten SGL Carbon mit Hauptsitz in Wiesbaden – bislang allerdings nicht ans Militär. Unternehmenschef Andreas Klein hatte zu Jahresbeginn angekündigt, auch ins Verteidigungsgeschäft einsteigen zu wollen. Seither habe das Unternehmen sich „auf verschiedenen Messen und Veranstaltungen im Bereich Verteidigung und Sicherheit vorgestellt“, teilte eine Sprecherin jetzt auf Nachfrage mit. Man befinde sich „in verschiedenen Stadien der Bemusterung und Prototypenentwicklung“.Zu den Unternehmen, die für militärische Anwendungen interessante Materialien herstellen, gehört auch der Chemiekonzern Evonik. An seinem Standort in Darmstadt wird der Hartschaumstoff Rohacell produziert, der unter anderem in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz kommt. „Zu einzelnen Produktumsätzen und Kundengruppen äußern wir uns nicht. Aber wir sehen den Defense-Bereich als Wachstumsfeld“, heißt es von Evonik auf Nachfrage. Bislang mache der Umsatz mit Gütern, die im Defense-Bereich eingesetzt werden könnten, etwa einen Prozent des Konzernumsatzes aus.Deutlich höher liegt er bei der Röder Präzision GmbH, die am südhessischen Flugplatz Egelsbach mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen, das sich um die Instandsetzung von Bremsen, Rädern und Motoren von Flugzeugen kümmert, wartet auch Maschinen der Bundeswehr. Laut dem jüngsten im Unternehmensregister veröffentlichten Jahresabschluss hängt Röder Präzision „mit einem wesentlichen Anteil seines Umsatzes von der Bundeswehr ab“.Bei einem Rüstungsgipfel in Wiesbaden, zu dem Ministerpräsident Rhein im Oktober 2025 geladen hatte, waren auch zwei Anbieter von Informations- und Kommunikationssystemen dabei: Frequentis Deutschland aus Neu-Isenburg zeigt als Anwendungsbeispiel in einem Video auf seiner Website eine Leitstelle der Bundeswehr für die Überwachung des Luftraums. Ceotronics in Rödermark vertreibt unter anderem Funkgeräte und Headsets, die eine reibungslose Kommunikation zwischen der Besatzung eines Panzers und Personen außerhalb des Fahrzeugs ermöglichen sollen.Militärmesse Landeuro: Die Veranstaltung der Association of the US Army fand erstmals im Sommer 2025 in Wiesbaden statt.Maximilian von LachnerTrotz steigender Verteidigungsausgaben – für kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland sei es nicht einfacher geworden, an Aufträge zu kommen, sagt Julia Esterer vom gleichnamigen Tankwagenhersteller. „Das Beschaffungsbeschleunigungsgesetz für die Bundeswehr begünstigt die Großen und erschwert dem Mittelstand das Geschäft.“Umstrittene SonderregelDer Hintergrund: Öffentliche Großaufträge müssen normalerweise aufgeteilt werden. Leistungen, die beispielsweise von unterschiedlichen Gewerken erbracht werden, müssen getrennt ausgeschrieben werden, damit sich auch kleine und mittelständische Unternehmen bewerben können. Diese Pflicht zur sogenannten Losvergabe wurde für Bundeswehraufträge aber bis Ende 2035 ausgesetzt.Mittelständler hätten damit kaum noch Chancen, an Direktaufträge der Bundeswehr zu kommen, sagt Esterer. „Wir sind nur noch Subunternehmer. Die Unternehmen, die wir beliefern, üben einen erheblichen Preisdruck aus – gleichzeitig tragen wir weiter die volle Verantwortung für die Sicherheit unserer Produkte, bei denen es sich im Verteidigungssektor um Einzelanfertigungen handelt.“ Ein Rückzug des Mittelstands aus dem Verteidigungsgeschäft wäre aber auch für die Bundeswehr von Nachteil, weil aus kleinen und mittleren Unternehmen immer wieder Innovationen kämen, argumentiert Esterer.Die hessische Landesregierung hat zugesagt, sich der Sache anzunehmen: „Wir prüfen Maßnahmen, um kleineren und mittleren Unternehmen die Teilnahme an größeren Ausschreibungen zu ermöglichen“, heißt es in einem nach dem Gipfel im Oktober veröffentlichten Strategiepapier.
Nicht nur Rheinmetall und KNDS: Hessische Unternehmen profitieren vom Rüstungsboom
Der Ukrainekrieg beschert nicht nur den Panzerwerken von Rheinmetall und KNDS in Kassel neue Aufträge. In Hessen gibt es noch mehr Unternehmen, die einen Teil ihres Geschäfts mit der Verteidigungsbranche machen.







